Der versprochene Himmel macht frei

  1. Thessalonicher 5, 1 – 11

 1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.

Merkwürdig: es ist nicht nötig – und doch schreiben sie. Ihr wisst es selbst genau – und doch schreiben sie. Das klingt noch so sehr nach: Es ist noch nicht alles gesagt. Sondern mehr danach, dass trotz des Wissens, trotz früher gelehrter Sätze dennoch Verunsicherungen in der Gemeinde vorhanden sind. Weil es einfach so ist, dass sich auf dem Weg, mit der Zeit Fragen ergeben, neu stellen und neue Antwort zu suchen sind. Vielleicht auch nur frühere Antworten noch einmal zu durchdenken und sie dann neu zu geben.

 Es zieht sich als rote Linie durch die Texte des Neuen Testamentes. Sie alle rechnen mit dem kommenden Herrn, mit dem Tag des Herrn, der die Zeiten an ihr Ende bringt und den ewigen Tag heraufführt. Sie alle verweigern allerdings auch die Antwort auf die Frage: Wann? Jesus weist diese Terminfrage zurück. Dafür bin ich nicht zuständig. Das ist allein Sache und Wissen des Vaters. Ungewissheit im Wann, Gewissheit nur im Dass.

Es ist auch anstößig – der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Die Nacht ist die Zeit der Verbrechen, des Bösen, der Tag dagegen ist die Zeit des Lichts und der Möglichkeiten, Gutes zu tun. Der Ton liegt auf unerwartet, obwohl damit zu rechnen ist. So wie Wehen ja auch nicht aus heiterem Himmel losgehen, sondern erst nach einer längeren Zeit der Schwangerschaft. Dennoch ist ihr Zeitpunkt nicht im Voraus bestimmt. Das alles wissen sie in der Gemeinde, weil es wohl mehr als einmal Thema war. Auch bei Paulus und seinen Gefährten.

4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.

Man kann der Nacht nicht ausweichen. Aber man kann verhindern, dass man selbst zu einer Nachtgestalt wird, lichtscheu, von Heimlichkeiten angetrieben. Die Kinder des Lichtes und Kinder des Tages müssen das Tageslicht nicht scheuen und den nahenden Tag des Herrn nicht fürchten. Es klingt nach moralischer Hochnäsigkeit: Die anderen, gemeint sind die draußen, außerhalb der Gemeinde, verschlafen die Zeit, sie sind auf nächtlichen Saufgelagen unterwegs. Wer zum Tag gehört, verhält sich entsprechend: lasst uns wachen und nüchtern sein.

Es ist nicht schwer, zu diesen Mahnungen Parallelen zu finden.   Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun. (Lukas 12, 35-36) oder: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ (Matthäus 24, 42-44) Das Ziel ist jedes Mal identisch: Christen und Christinnen sollen sich nicht in Sicherheit wiegen.  Es gilt in einer Welt, die auch chaotische Züge trägt, wachsam und verantwortungsbereit unterwegs zu bleiben.

8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

 Das ist das Kontrastprogramm: Wir aber, die wir Kinder des Tages sind. Aus diesem Sein erwächst Verhalten. Nüchternheit, Glaube, Liebe, Hoffnung. Es ist schon früh diese Trias, die später in Briefen des Apostels immer wieder kehren wird. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe.“ (1. Korinther 13, 13) Es sind die tragenden Kräfte für das Verhalten, in dem die Herausforderung der Zeit bestanden werden können.

In solchem Verhalten wird auch sichtbar, dass wir unserer Bestimmung folgen. Einmal mehr steht hier im griechischen Text ein Allerweltswort, das keinen religiösen Beiklang hat. ἔθετο von τίθημι – „setzen, stellen legen, anordnen, bestimmen.“ (Gemoll, aaO. S. 739) Vielleicht ist es eine Erinnerung an das Geschehen in der Taufe: Da sind sie in die Gemeinde aufgenommen worden, hinzugetan. Da sind sie dem Herrn Jesus ans Herz gelegt worden. Von einer Bestimmung vor aller Zeit, die so etwas wie Prädestination vermuten lassen könnte, ist der Wortlaut und auch der Gedankengang weit entfernt. Worum es vielmehr geht, ist Vergewisserung, ist der Ruf zu einem beständigen Leben. Damit es zu solcher Lebenspraxis auch wirklich kommt, braucht es das Miteinander, das Achten aufeinander, das wechselseitige Trösten und Ermutigen.

Zum Weiterdenken

Einmal mehr am Schluss eines Gedankenganges das Wort παρακαλετε, das dem Apostel so oft auf den Lippen liegt. Es gibt kein Christsein im Alleingang. Es gibt auch keine christliche Existenz, in der einer sich selbst genügen könnte und wie weiland Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Traurigkeit ziehen könnte und ziehen müsste. Christen leben in einer Trostgemeinschaft, einer Ermutigungsgemeinschaft. Und wenn unter Christen einer wirklich einmal nicht bei Trost ist, dann müsste man auch über ein Versagen der Gemeinde nachdenken.

 

Herr Jesus, nicht den Tag verträumen, sich nicht in den Himmel davon schleichen, die Erde nicht aus den Augen verlieren. Das willst Du von uns.

 Du schenkst uns die Hoffnung auf die Ewigkeit, damit wir frei sind, die Welt zu gestalten, das Notwendige zu tun, Liebe zu üben, Gerechtigkeit zu wirken. Andere mit unserer Hoffnung anzustecken. Das wird nicht ohne Konflikte gehen. Hilf du uns, alle Konfliktangst zu überwinden und uns tapfer dem Kampf zu stellen, der auf dem Weg zum ewigen Frieden notwendig ist.    

 Gerade weil uns der Himmel sicher ist, versprochen von Dir, können wir uns in die Welt hinein engagieren, ohne Angst, dass wir uns darin verlieren. Amen

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