Durch den Horizont hindurch

  1. Thessalonicher 4, 13 – 18

13 Wir wollen euch aber, Brüder und Schwestern, nicht im Ungewissen lassen über die, die da schlafen, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die da entschlafen sind, durch Jesus mit ihm führen.

            Es ist ein bedrängendes Thema: Wir warten doch auf den wiederkommenden Herrn Jesus. Müsste da nicht das Sterben ausgesetzt sein? Was ist mit denen, die gestorben sind? Verpassen sie die Wiederkunft Christi? Sind sie womöglich nicht beteiligt an der Freude über sein Kommen? Diese Anfragen sind auch deshalb nicht nebensächlich, sondern dringlich, weil die Erwartung groß ist: Die Ankunft des Herrn wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Naherwartung also, die sich folgerichtig damit herumschlagen muss, dass manche in der Zwischenzeit gestorben sind. Vorzeitig. Es ist aber auch in der Jesusbewegung nicht zu einem Sterbe-Moratorium gekommen. Sie sind weiter gestorben – Männer, Frauen, Junge, Alte. Was ist mit denen? Wo sind sie jetzt?

            Das Anliegen der Antwort wird mit wenigen Sätzen markiert: Sie wollen der Hoffnung ein neues, festes Fundament geben. Sie wollen der Traurigkeit wehren. Keine Hoffnung und traurig – das kennzeichnet die Umwelt der Gemeinde, die anderen. Die Draußen. Um die Gemeinde herum gibt es viel Hoffnungslosigkeit. Mit dem Tod ist alles aus – ist keine neuzeitliche Parole. Der Zweifel an einem Weiterleben nach dem Tod ist so alt wie das Leben und der Tod. Und Hoffnung angesichts des Todes hat zu allen Zeiten auch ein resigniertes Abwinken gefunden. „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.“ Heutige Traueranzeigen sind an dieser Stelle aufschlussreich, was die Suche nach Bewältigung des Todes angeht. In vielen Anzeigensteht blanke Ratlosigkeit neben Antwortversuchen, die – mich – nicht überzeugen.

            Dem tritt die Erwartung entgegen: Wer im Leben zu Jesus gehört, der gehört auch jenseits des Todes noch zu ihm. Der auferstandene Jesus hat mit seinem Weg durch den Tod zum Auferstehen keinen Alleingang geführt, sondern er wird nach den Willen Gottes die da entschlafen sind, durch Jesus mit ihm führen. Es geht also weiter.  Es gibt so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft – zwischen den Entschlafenen und Jesus. Gott hat an dem einen Jesus so gehandelt wie er an allen, die entschlafen sind, handeln wird. Vermutlich wird hier auf urchristliches Bekenntnis zurückgegriffen – das glauben wir alle, wir Briefschreiber und ihr als Gemeinde. Die Schicksalsgemeinschaft mit Jesus sichert nicht nur Auferstehung – irgendwie geht es weiter, muss es weitergehen – sondern sie geht darüber hinaus: Sie werden nicht irgendwo, sondern beim Herrn sein.

15 Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zum Kommen des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind16 Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Ruf ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und die Toten werden in Christus auferstehen zuerst. 17 Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft. Und so werden wir beim Herrn sein allezeit.

             Kein Wettlauf. Kein Startnachteil für die, die schon verstorben sind. Auch kein Vorsprung für die, die den Tod schon hinter sich haben. Alle zugleich. μα – „gemeinschaftlich, zur selben Zeit“ (Gemoll, aaO. S. 38) Keine und keiner kommt in der Ewigkeit allein an. Es gibt kein Vorher und kein Nachher – es gibt nur den kommenden Herrn, sein herabkommen vom Himmel – und dann Gemeinschaft auf den Wolken. In der Wirklichkeit Gottes. Später wird Paulus nach Rom schreiben: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.  Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Römer 14, 7 – 9)

            Den Ängsten in der Gemeinde stellt Paulus nun aber nicht einfach seine Überzeugungen entgegen, sondern er begegnet ihnen mit einem Wort des Herrn. Das ist die letzte und höchste Autorität für Christen, damals wie heute. Wir kennen das Wort nicht, das Paulus hier anführt. Er zitiert ja nicht in gleicher Weise, wie wir das gewöhnt sind. Aus dem Zusammenhang heraus wird deutlich, was sein Inhalt sein muss: Wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, werden denen nicht zuvorkommen, die entschlafen sind. 

18 So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.

            Mehr zu sagen, verbietet sich wie von selbst. Weil uns nicht mehr zu wissen gegeben ist. Aber das, was wir sagen können, so die Schreiber, reicht doch auch, um einander zu trösten. Einmal mehr das neutestamentliche Grundwort für den Umgang untereinander: παρακαλετε. Trösten, ermahnen, ermutigen, den Rücken stärken.

Zum Weiterdenken

            Was hilft angesichts der Wirklichkeit des Todes? Wenn einer/eine da sitzt und weint, weil ihm/ihr jemand genommen ist durch den Tod? Erklärungen? Ich glaube nicht. Der Hinweis, dass dem/der Toten viel erspart geblieben sein könnte? Ich glaube nicht. Der Hinweis, dass er/sie doch jetzt im Himmel ist?  Ich bin mir nicht so sicher, auch wenn ich das gerne denken möchte. Due eigentliche Herausforderung ist in meinen Augen: schlicht aushalten, dass Es mit Erklärungen nicht getan ist. Schlicht schon auf Erden das tun, was wir für den Himmel erhoffen: dass keiner und keine allein bleiben muss mit ihren Schmerz. Dass es durch den Glauben eine Gemeinschaft gibt, die auch dem Tod standhält und die über den Tod hinausreicht. Weil wir zusammengehören mit dem, der durch den Tod gegangen ist, uns voraus in das Leben, Jesus.

Heiliger Gott, der Tod schmerzt uns tief. Er macht Angst im Blick auf das eigene Sterben. Er macht ratlos und wir wissen nicht, wo unsere Toten sind. Ich sehne mich danach, durch das Sterben nicht mehr sprachlos zu werden, nicht mehr in meinem Hoffen so aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich sehne mich nach einer Welt, die den Tod hinter sich hat. Danach, dass die, die schon gegangen sind, uns nur voraus sind auf dem Weg ins Vaterhaus.

 Wie wird es sein mit der Auferstehung? Fragen über Fragen. Gib uns die Zuversicht, dass wir alle im Leben und im Tod in Deinen guten Händen sind. Gib uns das Vertrauen, dass Du uns festhältst und keine und keiner Dir verloren geht. Amen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.