Einweisung in Alltags-Praxis

  1. Thessalonicher 4- 1 – 12

1 Weiter, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns empfangen habt, wie ihr wandeln sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut –, dass ihr darin immer vollkommener werdet. 2 Denn ihr wisst, welche Ermahnungen wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.

            Ein bisschen umständlich. So als würden sie sich nicht recht trauen. Weil es ja auch immer so eine Sache ist, Menschen zu erinnern an früherer Einsichten. Weil das leicht wie Kritik klingen kann. Abwertend.  „Ich bin doch nicht blöd.“ – „Wir haben schon verstanden.“ – „Was wollt ihr eigentlich, ist doch alles o.k.?“ Es ist dünnes Eis, auf dem sich Paulus&Co bewegen: Wir bitten und ermahnen – das klingt nach Nachhilfe, erst recht, wenn man übersetzt: „Ihr habt von uns gelernt, wie ihr euer Leben führen müsst, um Gott zu gefallen.“ (Basisbibel) Das wissen sie doch – was soll also diese neue Ermahnung? Wäre es besser, wenn man statt ermahnen ermutigen sagen würde – was ja für παρακαλέω und παραγγελα durchaus möglich ist.

Keine Befehle. Behutsames Werben. Erinnern an das, was sie gelernt haben, was sie gesehen haben. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass das, was man an einem anderen als Lebenspraxis sieht, viel mehr überzeugt als Vorträge oder Anweisungen. „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28.19) sagt der auferstandene Christus. „Befohlen“ meint in diesem Zusammenhang: Gezeigt, vorgelebt, aufgetragen. Es ist ja seine Lebenspraxis, die Jesus gelehrt hat. In diese Spur sollen, so der Wunsch des Paulus, die Thessalonicher immer mehr hinein finden.  Eine Lebenspraxis, durch die sie Gott gefallen. Das klingt nach Pluspunkten, die man sammelt.

 3 Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht 4 und ein jeder von euch verstehe, sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehre zu halten, 5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. 6 Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. 7 Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. 8  Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.  

 Das übergeordnete Thema ist eure Heiligung –  an Alltagsverhalten durchgespielt. Weil sie auf das ganz gewöhnliche Leben zielt und nicht auf ein paar außergewöhnliche Frömmigkeits-Übungen. Es ist nicht das Thema Nr. 1, aber es ist ein wichtiges Thema, wenn es um Ehe und Sexualität geht. Ehe ist eine Lebenswirklichkeit, in der es nicht nur den Willen und die Triebe der Menschen gibt, sondern es geht auch und vor allem um den Willen Gottes. Gott ist der Geber des Lebens – wie sollte er da nicht auch in dem, was diese so starke Lebenskraft der Sexualität betrifft, Wegweisung geben?

 Worum geht? Abstand halten von den Umgangsweisen, die in der Umwelt üblich sind, die auch nicht als moralisch anstößig gelten. Ehebruch ist in Rom zwar unter Strafe gestellt, aber nicht jenseits die Wirklichkeit. Selbst Gesetze des Augustus schaffen keine Abhilfe: „Die Unmoral blühte weiter, wurde aber jetzt mit mehr Schliff gehandhabt.“ (W. Durant, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 8, Lausanne o. J. S. 37) Bis in die höchsten Kreise hinein ist es Usus – ein Mann hat Konkubinen, je nach Finanzkraft nur eine oder auch mehrere. Homosexualität ist nicht geächtet, sondern gleichfalls üblich. Kaum ein bedeutender Mann in Kultur, Politik und Philosophie, der nicht über einschlägige Erfahrungen verfügt. Was auffällt: Lesbische Verhältnisse werden nicht in gleicher Weise toleriert und praktiziert.

Man wird aus Paulus und seinen Mit-Autoren keine frühen Frauen-Rechtler machen dürfen, auch keine Vorkämpfer für die Emanzipation der Frau. Wohl aber ist deutlich, dass sie in ihrem Denken eine tiefe Skepsis gegen alles Herren-Gebaren leitet, gegen alles Männer-Vorrecht im Verhalten, weil sie nur einen Herrn im Regiment glauben.

 Neben den liberalen sexuellen Wildwuchs wird die Habgier platziert. Auch sie ist in atemberaubender Weise Wirklichkeit in der Zeit. Römische Vermögen wachsen in kürzester Zeit rasant und fast immer unter Zuhilfenahme von Korruption, Ausbeutung und Versklavung. Wer als Römer ein Amt in einer der Provinzen übernimmt, der wird reicher zurückkehren als er gegangen ist. So ist das System. Man kann also durchaus sagen: An dieser Stelle schwimmen die Autoren nicht mit dem Strom, sondern sie halten dagegen. Sie riskieren den Vorwurf der Weltfremdheit. Sie machen nicht mit, um Anerkennung zu gewinnen und sie stellen die Gemeindedarauf ein, dass sie auch eine alternative Lebensweise erlernen muss, wenn sie im Glauben voran kommen wollen.

Es ist für die heutige Lesenden hart, dass sie mit diesen Worten Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott ihren Worten Gewicht und Nachdruck verleihen wollen. Was wir sagen, ist nicht unsere Privatmeinung, es ist Konsequenz, die Gott erwartet. Und wer unsere Worte missachtet, missachtet damit die Wegweisung Gottes. Darf man das, fragt es sofort bei uns – die eigene Position so überhöhen, zur autoritativen Position von Gott her machen? Jesus, wie ihn der Evangelisten Lukas redend schildert, haben sie auf ihrer Seite: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lukas 10,16) Das verleiht den Worten der Briefschreiber Gewicht, stützt ihre Autorität.

 9 Von der brüderlichen Liebe aber ist es nicht nötig, euch zu schreiben. Denn ihr selbst seid von Gott gelehrt, euch untereinander zu lieben. 10 Und das tut ihr ja auch an allen Brüdern und Schwestern in ganz Makedonien. Wir ermahnen euch aber, dass ihr darin noch vollkommener werdet, 11 und eure Ehre darein setzt, dass ihr ein stilles Leben führt und das Eure schafft und mit euren eigenen Händen arbeitet, wie wir euch geboten haben, 12 damit ihr ehrbar wandelt vor denen, die draußen sind, und auf niemanden angewiesen seid.

 Zu den Mahnungen und Ermutigen kommt das Lob. Was das Miteinander in der Gemeinde angeht, das ist alles toll. In Ordnung. Ihr achtet auf die Nächstenliebe, wie sie dem Weg Gottes entspricht. Dabei sind sie nicht eng, nicht auf den Gemeindekern begrenzt. Alle in Makedonien profitieren von ihnen. Sie unterstützen alle. Ob es eine Gefahr ist, dass sie überziehen? Es fällt auf, dass sie zum Arbeiten angehalten werden, dass sie sozusagen in die bürgerliche Existenz gerufen werden. Weil es die Gefahr gibt, dass manche aussteigen wollen aus dem Leben der Welt – unter der Überschrift: Wen der Herr doch sowieso bald wiederkommt, dann lohnt sich doch nicht mehr, Äcker bestellen, Bäume pflanzen, Häuser bauen, Kinder kriegen.

Mein Gott, immer geht es um das Leben, das wir leben. Nicht nur um Gedanken, die wir denken. Wir können nicht überall mitmache. Wir können auch nicht alles gutheißen. Wir müssen unsere eigene Spur finden, auf der wir Deinem Willen folgen. Mit der Suche nach den richtigen Schritten des Lebens sind wir nicht am Ende, so lange wir leben. 

 Herr Jesus, Leben in Deiner Spur fordert heraus, verlangt Entscheidungen, kostet. Und doch ist es Leben, das Erfüllung erfährt, das Geschenk der Freundschaft und der Liebe, das Glück helfen zu können, die Freiheit von den Schablonen, die uns Verhalten diktieren wollen.

 Bestehen in der Freiheit der Kinder Gottes – dazu machst Du uns Mut durch Deinen Apostel. Amen

 

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