Christen – Störenfriede?

  1. Thessalonicher 2, 13 – 20

13 Darum danken wir auch Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Wort Gottes, der in euch wirkt, die ihr glaubt.

Die drei Missionare haben viel Grund zu danken. Ihre Worte sind angekommen. Sie haben die Herzen erreicht. Die Männer und Frauen in Thessaloniki haben ihre Worte aus ihrem Mund gehört und hinter und in diesen Worten das Wort Gottes. Das meint die Formel „Gotteswort im Menschenwort.“ Nichts Magisches, sondern ein Geschehen, das die Grenzen sprengt. Was da ein Prediger namens Paulus, ein Gefährte namens Silvanus und ein anderer Gefährten namens Timotheus gesagt haben, ist tiefer gegangen als nur in den Gehörgang.

Die Hörenden haben diese Worte aufgenommen, „angenommen“. (Basisbibel) δχομαι – annehmen, freundlich aufnehmen (Gemoll, aaO. S. 190) Damals ist das ein Allerweltswort und keine religiös geprägte Vokabel. Es ist, wenn man so will, erfolgreiche Kommunikation gewesen zwischen den Hörenden und den Sprechenden. Indem sie diese Worte annehmen, entfalten sie in ihr Leben hinein Kraft. Sie bleiben nicht äußerliche Worte, es bleiben nicht fremde Lehren. Sie sinken tief in das Herz, sie schlagen Wurzeln und bringen aus diesen Wurzeln Früchte. Darauf vertrauen die wandernden Boten.

Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt
und dein Geist in meinem Leben gute Früchte trägt,                                                    
deine Kraft durch mich die Welt zu deinem Ziel bewegt,
Herr, du kannst dies Wunder tun.                                                                   
                                          Th. Lehmann 1986, Lebenslieder 137

Der Liederdichter sagt, was der biblische Text nicht sagt: Es ist ein Wunder. Es ist Geschenk aus der Wirklichkeit Gottes, dass es zu so einem folgenreichen Hören kommt. Dass es in der Gemeinde zum Glauben gekommen ist, ist Wirken Gottes.  Er hat seine Energie in diese Worte eingesenkt – νεργεται. So könnte man die griechische Vokabel lautmalerisch aufnehmen. Die Worte erweisen sich lebendig, kräftig, wirksam.

Muss man es noch einmal ausdrücklich sagen? Hier geht es nicht darum, dass sie in Thessaloniki religiöse Überzeugungen akzeptieren, theologische Sätze in sich aufnehmen. Sondern hier geht es um Worte, die ihr Leben umkrempeln, die es auf neuen Grund stellen und die ihnen die Kraft für neues Verhalten erzeugen.

 14 Denn ihr, Brüder und Schwestern, seid Nachfolger geworden der Gemeinden Gottes in Judäa, die in Christus Jesus sind; denn ihr habt dasselbe erlitten von euren Landsleuten, was jene von ihren erlitten haben, den Juden, 15 die den Herrn Jesus getötet haben und die Propheten und die uns verfolgt haben und die Gott nicht gefallen und allen Menschen feind sind, 16 indem sie uns hindern, den Heiden zu predigen zu ihrem Heil, um das Maß ihrer Sünden allenthalben voll zu machen. Aber der Zorn Gottes ist schon bis zum Ende über sie gekommen.

Das ist ja die Wirklichkeit in der Stadt. Die Männer und Frauen, die sich zur Gemeinde haben rufen lassen, haben dafür keinen Applaus geerntet. sie haben Widerstand ausgelöst, Widerspruch. Sie haben sich von ihrer früheren Umgebung entfremdet.Einige von ihnen ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an, auch eine große Menge von gottesfürchtigen Griechen, dazu nicht wenige von den angesehensten Frauen. Aber die Juden ereiferten sich und holten vom Marktplatz einige üble Männer, rotteten sich zusammen und richteten einen Aufruhr in der Stadt an und zogen vor das Haus Jasons und suchten sie, um sie vor das Volk zu führen.“ (Apostelgeschichte 17, 4 – 5) Es hat Tumulte gegeben, manche aus der entstehenden Gemeinsind tätlich angegriffen worden.

Ob sie damit gerechnet haben? Es scheint, dass die Briefschreiber hier helfen wollen zu verstehen: was ihr erlebt, das kennen wir. Was ihr erfahrt, ist ein Feindschaft, die eine Vorgeschichte hat. Ihr rückt mit euer Erfahrung ganz in die Nähe des Herrn Jesus, der Propheten und auch in unsere Nähe. Das klingt fast, als würden sie sagen: Es ist die normale Reaktion der Umwelt, dass sie den Schritt zum Glauben nicht mit Applaus begleitet, sondern ihn fragwürdig findet und die „Neu-Gläubigen“ entsprechend angreift.

Ein bisschen muss man aufpassen – es sind zwar Juden, die hier als erste aktiv werden, aber es ist kein jüdisches Privileg, sich über die zu erregen, die Schritte zu einem engagierten Glauben tun. Wer immer aus der Reihe der gewohnten Religiostät tritt, muss damit rechnen, dass man ihn für fragwürdig hält. Ein bisschen christlich ist o.k. aber allzu viel Frömmigkeit geht gar nicht. Damals nicht. Heute nicht.

17 Wir aber, Brüder und Schwestern, nachdem wir eine Weile von euch getrennt waren – von Angesicht, nicht im Herzen –, haben wir uns desto mehr bemüht, euch von Angesicht zu sehen mit großem Verlangen. 18 Darum wollten wir zu euch kommen, ich, Paulus, einmal und noch einmal, doch der Satan hat uns gehindert. 19 Denn wer ist unsre Hoffnung oder Freude oder unser Ruhmeskranz – seid nicht auch ihr es vor unserm Herrn Jesus, wenn er kommt? 20 Ihr seid ja unsre Ehre und Freude.

 Die Apostelgeschichte erzählt: Damit die Situation nicht völlig eskaliert, werden die drei Männer bei Nacht verlegt. Das hat räumliche Distanz geschaffen, auch ein wenig Sicherheit. Aber damit wollten sie sich nichtabfinden. Paulus hat mehrfach eine Rückkehr ins Auge gefasst. Daraus ist nichts geworden – die Deutung des Paulus: der Satan hat uns gehindert. Es ist der Hintergrund der Welt, der hier in den Blick gerückt wird: So wie Gott aus dem Hintergrund der Welt heraus segnet und rettet, so betreibt der Satan aus dem Hintergrund sein Verwirrspiel und sucht, den Weg des Evangeliums zu hindern.

Aber Paulus will sich damit nicht abfinden. Deshalb der Brief, um Kontakt zu halten. Deshalb auch noch einmal der starke Hinweis: Wir sind stolz auf euch. Was für ein starker Satz über eine Gemeinde, die unter Druck steht:   Ihr seid unsre Hoffnung oder Freude oder unser Ruhmeskranz. Das klingt, in Szene gesetzt so, als wollte Paulus andeuten: wenn unser Herr Jesus wiederkommt (Basisbibel), dann wollen wir uns zu euch stellen und auf euch deuten und ihm sagen: Sieh her, das sind unsere Brüder und Schwestern, unsre Ehre und Freude.

Zum Weiterdenken

Wir heute vergessen das leicht: Die Welt hat nicht auf die Botschaft der ersten Missionare gewartet. Sie hat nicht applaudiert: Endlich etwas Neues, endlich andere Töne. Was Paulus&Co verkündigt haben, hat den religiösen Status quo erheblich gestört und es hat Staub aufgewirbelt.  Wenn es heute kritische Stimmen gegen die Kirchen gibt, dann ist das nicht der Anfang vom Ende – es ist vielmehr fast wie ein Rückkehr zu den Anfängen. Nur darin sehe ich ein Problem: Die kritischen Stimmen heute richten sich an eine Kirche, die irgendwie nicht die Erwartungen erfüllt, die nicht gut genug auf die religiösen Bedürfnisse eingeht und die sich an manchen Stellen auch deshalb angreifbar macht, weil sie den eigenen moralischen Ansprüchen nicht genügt. Sie ist nicht arm, sie ist vielmehr, so der Eindruck „machtbesessen“, darauf bedacht, ihre Privilegien aus früheren Zeiten zu wahren, sie schützt zu häufig Macht-Missbrauch in fast jeder Form.

Darin unterscheidet sich damals von Heute. Die Missionare damals werden attackiert, weil ihre Botschaft spürbar die Machtverhältnisse untergräbt. Wer einseitig nur den einen Herrn, Jesus Christus als letzte Instanz anerkennt, gerät wie von selbst ins politische Zwielicht. „Diese alle handeln gegen des Kaisers Gebote und sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus.“ (Apostelgeschichte 17, 7) Nur ein Missverständnis? So politisch war doch Paulus nicht? Es gilt wohl auch für die Anfangs-Situation in Thessaloniki: „Es geht nicht um eine Wohlstands-Kirche, die sich in Gott hinein zurückziehen will, um sich nicht zu überanstrengen und um in Gott Ruhe und Geborgenheit zu finden, von der man gar nicht genug bekommen kann. Die christlichen Gemeinde sind bedroht, sie leben im Krieg, jeder Friede ist meilenweit entfernt.“ (K. Berger, Die Apokalypse des Johannes, Bd. 1/1, Freiburg 2020, S. 219)

Es sind Sätze, die mich fragen lassen: Werde ich so vor dem wiederkommenden Jesus stehen, dass ich auf Brüder und Schwestern zeige, auf Gemeinden, mit denen ich zu tun hatte, mit denen ich mich verbunden weiß und von ihnen, zusammen mit anderen, die auch in diesen Gemeinden gearbeitet haben, sagen: unsre Ehre und Freude.

 

Mein Gott, wieviel innere Unabhängigkeit kann es gebe, auch für mich? Wie viel davon will ich mir leisten? Kann ich sie lernen? Was die anderen über mich denken, mein Gott, kann mir doch egal sein. Was Du von mir hältst, darauf kommt es zum Schluss an. Daran liegt mir schon heute.

 Ich will es versuchen, diese Weg in die innere Freiheit zu gehen. Und darum ich hülle mich in Deine Worte wie in einen schützenden Mantel ein: „Ich habe dich je und je geliebt darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte“. Ich danke Dir für dieses Wort, an dem ich nie satt werden kann, das die Sehnsucht nach Dir aufrecht erhält. Dir geht es entgegen durch die Zeiten hindurch, Dir, der mich so sieht. Amen

 

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