Die Schrift reicht!

 Lukas 16, 19 – 31

 19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.

Wieder erzählt Jesus eine seiner Geschichten, immer noch den gleichen Gesprächspartnern, also sowohl Jünger als auch Pharisäer. Die Erzählung fängt damit an, dass er mit wenigen Sätzen die Gegensätze des Lebens aufzeigt: Da ist ein Reicher, der alles hat und der sich alles leisten kann. Ein Leben wie ein Traum. Er hat es zu etwas gebracht. Er hat sich den Aufgaben seines Lebens gestellt und sich in seiner Zeit seine Position erarbeitet. Seine Kleidung zeigt Lebenserfolg und Lebenskunst. Was ihn sympathisch macht: Er ist ein Mensch, der seinen Erfolg auch genießen will und genießt. „Man gönnt sich ja sonst nichts.“

 Und vor seiner Tür lebt ein Armer, der nichts hat, der sich nichts leisten kann, der von den Abfällen des Reichen lebt und von seinen Hunden abgeleckt wird. So hilflos und wehrlos ist er dem Leben ausgeliefert.

 So wie Jesus erzählt, wird die Kluft reich – arm einfach nur konstatiert. Alle Zuhörer kennen, was Jesus erzählt und finden sich in dieser Erzählung angesprochen. So ist es auf dieser Welt: Es gibt Reiche und es gibt Arme. Jesus erhebt nicht dem modischen Vorwurf: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Er ist auch mit diesen Anfangsätzen der moral-freie Erzähler, der einfach nur Bilder vor den Augen seiner Zuhörer entstehen lässt. Und doch hat wohl jeder Zuhörer sofort das Gefühl: Hier ist Unrecht im Gange.

 Seltsam ist, dass der Reiche namenlos ist und durch die Geschichte hin namenlos bleibt, während der Name des Armen genannt wird. Lazarus. Es ist merkwürdig anders als bei uns heute. Wir kennen die Namen der Reichen und Schönen, sie sind uns geläufig. Die Armen bei uns sind anonym und ihre Namen werden in Statistiken versteckt, jedenfalls bleiben sie ungenannt. In der Tradition der Auslegung der Erzählung ist das nicht gut ausgehalten worden und so ist öfters einmal auch ein Name für den Reichen gefunden worden. Aber vielleicht verzichtet Jesus ja bewusst auf einen Namen, um eine Frage bei seinen Zuhörern auszulösen: Bin etwa ich dieser Reiche?

Es bleibt eine Frage, die öfters in den Auslegungen gestellt und zuungunsten des Reichen beantwortet wird: Hätte der Reiche nicht den Armen vor seiner Tür sehen müssen? Hätte er ihm in seiner Not nicht helfen müssen? Hätte er in seinem Luxusleben nicht dafür sorgen können, dass der arme Lazarus eine menschenwürdige Existenz findet und nicht der ist, der den Hunden ausgesetzt ist? Jesus dagegen erzählt einfach und enthält sich jeder moralischen Wertung.

22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

Die Wege waren schon immer getrennt. Jetzt trennen sie sich auch im Tod. Der Arme, der immer ungeborgen und ausgeliefert an seine Armut gelebt hat, stirbt hinein in Abrahams Schoß. Ob er ordentlich begraben wurde, spielt keine Rolle. In seinem Tod wird er offenbar als der, der er immer schon war, als „Abrahams Sohn“. (vgl. 19,9!) Er wird von den Engeln in den Schoß Abrahams getragen. Warum? Er hat doch nichts vorzuweisen! Oder ist es vor Gott ein Vorzug, arm zu sein?

Lukas hat viele Geschichten erzählt, in denen er die Gefahr des Reichtums aufleuchten lässt und diese hier gehört wohl auch dazu. Aber er sagt nie: Nur weil einer arm ist, kommt er in den Himmel. Es ist etwas zu schlicht gedacht, wenn man die Ewigkeit einfach als Ausgleich für die Zeit betrachtet: Wer hier arm dran war, dem geht es da gut und wer hier reich war, der darf sich von der Ewigkeit nichts mehr erwarten und ist dann arm dran.

Aber – was bringt Lazarus in Abrahams Schoß und damit in den Himmel? Die Erzählung Jesu enthält nur einen eher unscheinbaren, leicht zu überlesenden Hinweis: Es ist der Name des Lazarus. Dieser Name ist ein Programm: „Gott hilft“. In allem Elend, das Lazarus erlebt, gilt dieser Name ihm. In allem Kummer, den er erlebt, ist dieser Name sein „Lebensstil“. „Gott hilft“ – das erfährt dieser Mann, der nichts tun kann als sich Gott hinhalten, als das Leben aushalten, so wie es ihm entgegen kommt. „Gott hilft“ – das erwartet am Ende diesen Mann, dessen Lebenslinie von Misserfolg und Leid und Schmerz geprägt ist. Ob er immer in dieser Erwartung gelebt hat, ist offensichtlich völlig nebensächlich. Jesus jedenfalls erzählt nichts von seiner gläubigen Erwartung, dass Gott hilft.

Der Reiche stirbt gleichfalls und wird bestattet – aber er kommt nicht in den Himmel, nicht in Abrahams Schoss. Er landet im Totenreich, der Scheol. In der Beziehungslosigkeit. Und was das Schlimmste ist: Er sieht, dass es eine andere Wirklichkeit gibt. Das macht die Scheol zur Hölle – sehen, dass es etwas anderes gibt und nicht hinkommen können.

24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. 26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

  Er ist anrührend, dieser Ruf um Erbarmen, dieser Ruf um Linderung des Leidens. Es ist gerade darum erschreckend, wie schroff der so Rufende zurück gewiesen wird: Du hast dein Gutes empfangen in deinem Leben. Das Maß ist voll. Du hattest ein volles und gerütteltes Maß an Glück. Es klingt nach postmortalem Ausgleich. Hat sich Lazarus im Leben nach mehr als den Resten vom Tisch des Reichen gesehnt, so sehnt dieser sich nun nach einem Tropfen Wasser von den Fingerspitzen des Lazarus. So vertauscht, verdreht ist das Schicksal. Manchmal. Darum ist Vorsicht geboten, wenn man einem sein Glück neidet. Wir wissen nicht, ob das Glück, das wir sehen und nachdem wir uns sehnen, die letzte Wirklichkeit ist.

            Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seyst
Und dass Gott der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glükke speist.
Die Folgezeit verändert viel und setzet Jeglichem sein Ziel.                                                                                   J.
Neumark 1641 EG 369

            So dichtet Neumark in unsicheren Zeiten, in denen keiner weiß, ob er in einem Land, das vom Krieg überzogen und von marodierenden Soldaten-Banden gepeinigt wird, nach einem hellen Morgen einen guten Abend erleben wird. Unsere Einsichten reichen kaum über den Augenblick hinaus, allenfalls bis an die Schwelle des Todes.

Die Antwort Abrahams sagt: Der Tod ist der Schlussstrich. Danach ändert sich nichts mehr. Es ist nur ein kleiner Satz in der Geschichte: „Es ist eine große Kluft zwischen hier und dort –und keiner kann sie überbrücken.“ Das ist die Antwort, die der reiche Mann bekommt, der im Jenseits noch die Lebensentscheidungen verändert, revidiert haben will. Jenseits der Zeit gibt es keine Revision der Lebensentscheidungen mehr. Sie fallen alle im Hier und Jetzt. Sie schaffen die Kluft.  Der Tod markiert ein Ende und er setzt „Unveränderlichkeit“(Ödön von Horvath). Die harte Auskunft der Erzählung Jesu: Es gibt ein „zu spät“. Es gibt ein Feststellen der auch unbedacht und sorglos getroffenen Lebensentscheidungen, das sie unveränderlich macht. Es gibt keine zweite Chance, es gibt kein „Nachbessern“ jenseits des Todes.

Ich würde gerne zustimmen, dass „am Ende die Hölle, das Totenreich, leer stehen muss“, so der von mir sehr geachtete Paul Schütz und mit ihm viele andere. Die Erzählung Jesu redet davon nicht.

 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.

 Jetzt ist nicht mehr Mitleid mit dem Reichen das Thema, sondern sein Mitleid mit dem möglichen Schicksal der Brüder. Lazarus soll sie warnen, solange Zeit zur Umkehr ist. Offensichtlich sieht er sie in der Gefahr, dass sie, selbstbezogen lebend wie er, die Barmherzigkeit zu versäumen. Abrahams Antwort ist so jüdisch, wie es nur geht – und die erste Gemeinde teilt seine Sicht: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Was die Schrift sagt, reicht. Wo es zum Hören auf die Schrift kommt – und zum Gehorsam gegen das Wort, da  ist das Leben nicht mehr von der Scheol, der Hölle bedroht.     

30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Noch einmal insistiert der geplagte Reiche: Wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Abraham hält dagegen. Boten aus dem Jenseits sind schlechte Helfer, wenn es nicht zuvor das Hören auf die Schrift gibt. Über die Maßen kritisch – auch selbstkritisch im Blick auf die christliche Verkündigung der Auferstehung Jesu? – sagt er: Selbst die großen Gotteswunder bringen die Leute nicht auf den richtigen Weg. Aus dem Munde Jesu klingt das dann im Text des Lukas so: „Selbst wenn ich von den Toten auferstehe, so wird das nichts ändern – denn die Auferstehung von den Toten sagt nichts anderes als was zuvor gesagt ist. Alles, was ihr für den richtigen Lebensweg braucht, das liegt vor euch – es ist zusammengetragen im Gesetz und den Propheten.“

 Das ist die Botschaft der Erzählung an die Leser des Lukas. Alles, was wir wissen müssen, um die Ewigkeit zu gewinnen, haben wir in der Schrift. Gemeint sind die Schriften des Alten Testamentes! In ihnen zeigt Gott uns den Weg. In ihnen zeigt er uns seinen Willen, zeigt er uns seine Liebe, zeigt er uns, was wir tun sollen. Muss man es eigens sagen: andere Schriften hatten die Hörer Jesu nicht. Und auch das gilt es festzuhalten: Lukas sieht seine Evangeliums-Schrift offensichtlich (noch) nicht auf „Augenhöhe“ mit den Schriften Israels, in der Rolle gleicher Autorität.

Es ist also nicht angesagt, auf die großen Erscheinungen aus der Ewigkeit zu warten. Nicht auf die Wunder zu warten, die das Weltbild über den Haufen werfen. Nicht auf unerklärlichen Erfahrungen zu warten, die einem die Grenze des Verstandes zeigen. Nicht auf den Boten aus dem Totenreich zu warten – im Wort der Heiligen Schrift ruft Gott und schließt den Weg in die Ewigkeit auf. Und auch den auferstandenen Jesus Christus erkennt man nicht anders als dass man dieses Wort prüft und, wenn es sich als vertrauenswürdig erweist, ihm Glauben schenkt.

Auch das gehört zur Botschaft dieser Erzählung: Diese Worte sind eine überaus deutliche Mahnung an die Christen, die an den Auferstandenen glauben. Sie haben ihren Glauben zu bewahrheiten und zu bewähren in der Nächstenliebe, die sich der Armen vor ihrer Haustür annimmt

Eine karge Botschaft für eine erlebnishungrige und eventsüchtige Zeit, damals schon und auch heute. Aber auch entlastend: Ich muss nicht Sklave meiner Gefühle werden, ich muss nicht von meinen Erlebnissen abhängig werden. Ich bin auf einen Weg gerufen, der mein Handeln herausfordert, mir konkrete Schritte abverlangt, mich lehrt, den Geschundenen vor der eigenen Haustür wahrzunehmen und ihn in mein „SchönerLebenKonzept“ einzubeziehen.

Jesus, wie viele Arme sitzen an den Wegen unserer Zeit, wie viele Arme kreuzen meinen Weg.

Und ich? Manchmal sehe ich weg, manchmal sehe ich hin. Je nach Tagesform. Ist das fair, dass meine Tagesform entscheidet, ob ich aus meinen Überfluss abgebe, ein Almosen?

 Aber mein Luxus ist überschaubar, so entschuldige ich mich, und habe ein blödes Gefühl. Gemessen im Weltmaßstab bin ich unermesslich reich. Nur in unserem reichen Land bin ich Mittelmaß.

 Ob das Mittelmaß meiner Liebe reichen wird? Es ist die Liebe, die vergisst so zu fragen. Sie schenkt. Erfülle mich mit Deiner Liebe. Amen 

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