Klarheit tut not

Lukas 16, 14 – 18

14 Das alles hörten die Pharisäer. Die waren geldgierig und spotteten über ihn.

   Die Worte Jesu sind nicht nur Jünger-Belehrung. Unter den Zuhörern Jesu sind auch Pharisäer. Offensichtlich hat Jesus viel öfters in der Öffentlichkeit gesprochen, gelehrt, als nur für den kleinen Kreis. So haben sie seine Geschichten vom Suchen gehört. So haben sie seine Mahnungen zur Distanz gegenüber dem Reichtum gehört. Sie haben ihren Spott. Er ist ihnen ein bisschen weltfremd, dieser Jesus. Rabbi Jochanan ( 279) weiß: „Alle Glieder hangen am Herzen, das Herz hängt am Geldbeutel. Lukas sagt, dass ihr Spott daran liegt, dass sie geldgierig sind – „Freunde des Geldes“ – und nur hier wird diese Feststellung getroffen, die wie ein Vorwurf wirkt. Wer am Geld hängt, kann mit all diesen Worten nicht so schrecklich viel anfangen.

 15 Und er sprach zu ihnen: Ihr seid’s, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen; denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott.

 Jesus reagiert auf ihren Spott. Er spricht sie direkt an. Es geht um Ehre, um Anerkennung, um Sicherheit.  Dazu muss ja der Besitz herhalten, dass man jemand ist vor den Leuten. `Der hat es zu etwas gebracht.’ heißt es und die Schlussfolgerung liegt nahe: Der ist gesegnet von Gott. In einem Umfeld, in dem der materielle Lebenserfolg ein Hinweis darauf ist, dass man gesegnet ist, liegt es nahe, sich so durch den eigenen Reichtum gerechtfertigt zu sehen.

            Aber – so das Wort Jesu – das Religiöse bei euch ist nur Fassade. Wie kann man solche Sätze lesen, ohne selbstkritisch zu fragen: Und ich? Wie steht es bei mir? Was hier über die Pharisäer gesagt wird, beschreibt doch eine Gefahr, die alle frommen Menschen kennen – nicht nur als bloß historische Erscheinung bei anderen, sondern bei sich selbst.

Es ist wahr: Die Auseinandersetzung liegt ihm an Herzen, weil es die Gefährdung auch für Christinnen und Christen ist – bis auf den Tag heute. Wir feiern schöne Gottesdienste, wir üben liturgische Kompetenz ein, wir wissen, wie man sich angemessen und ausdrucksstark vor dem Altar bewegt. Wir verstehen es, uns selbst in Szene zu setzen. Das nennt man Professionalität. Die Gefahr ist: es wird zur frommen Show.

 Es reicht nicht, sich selbst gerecht zu finden, sich selbst zu attestieren: Ich bin o.k. Auch die glänzende Fassade führt allzu leicht in die Irre. Die Urteile, die wirklich zählen, fällen nicht wir selbst über uns. Auch andere nicht. Das letzte Urteil über uns hat sich Gott vorbehalten. Und er orientiert sich nicht an den äußeren Erfolgsgeschichten des Lebens, an dem, was wir aus uns gemacht haben, erreicht haben als Karriere, Geld, Ansehen.

 Es ist schlicht anders. Es kommt auf das Herz an. Gott kennt eure Herzen. Nicht nur Gott im Himmel. Lukas hat oft genug erzählt und gezeigt, dass Jesus auch die Herzen kennt, dass er hinter die Fassaden sieht. Und dann kommt der Satz:  was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott. Er mag weisheitlich geprägt sein, ist aber gleichwohl ganz auf der Linie Jesu liegt, wie er im Lukas-Evangelium auch sonst dargestellt wird: „Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.“ (14,11) Gott denkt anders als die Menschen. Seine Vorliebe gilt den Verlorenen und alles, was hoch ist, sich groß macht, die eigene Herrlichkeit sucht, ist nicht nach dem Herzen Gottes. Demut ist Gott ungleich näher als Hochmut und Hoffart.

  16 Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt, und jedermann drängt sich mit Gewalt hinein. 17 Es ist aber leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Tüpfelchen vom Gesetz fällt.

  Es ist ein verblüffender Sprung zu diesem Wort. Warum steht das hier? Was hat es mit dieser Unterscheidung der Zeiten auf sich? Mir scheint es deutlich, dass Jesus die Zeit jetzt, in der er redet, heilt, zur Umkehr ruft, als neue Zeit qualifiziert. In der alten Zeit waren das Gesetz und die Propheten der Maßstab. In diese Zeit gehört auch das Denken der Pharisäer hinein – über den materiellen Reichtum als Zeichen des Segens. Aber jetzt ist eine andere Zeit – die Zeit des Evangeliums. Er, Jesus, predigt das Evangelium, die bedingungslose Liebe Gottes. Und wer es hört, der wird alles auf eine Karte setzen, um das Reich zu gewinnen. Wer von dieser Liebe berührt wird, der wird sie mit aller Gewalt fassen wollen.

 Es folgt eine wichtige Klarstellung: Das Evangelium ist nicht wider das Gesetz. So stabil der Kosmos ist, so zuverlässig ist auch das Gebot Gottes. Es bleibt eine Wegweisung für das Leben, auch wenn es nicht der Weg des Lebens ist. Es bleibt eine gute Gabe Gottes an sein Volk, auch wenn es nicht mit Christus, der großen Gabe Gottes, konkurrieren kann.

18 Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht die Ehe; und wer die von ihrem Mann Geschiedene heiratet, der bricht auch die Ehe.

Noch ein Gedankensprung. Einer, der sich den Lesenden nicht wie von selbst sofort erschließt. Vielleicht auch nicht erschließen muss. Man könnte auf die Idee kommen: Lukas hat noch ein paar Jesus-Worte, von denen er nicht richtig weiß, wo er sie einigermaßen logisch unterbringen soll. Die setzt er hier hintereinander. Unbekümmert darum, ob sie einen inneren Zusammenhang erkennen lassen. Mir jedenfalls fällt es schwer, den Gedankenweg nachzuvollziehen – von der Treue im Kleinen über die Abwehr der Geldgier, die Geltung des Gesetzes, den Vorrang des Evangeliums bis hin zu den Worten über den Ehebruch trotz ordentlicher Ehescheidung.

 Vielleicht ist das ja der gemeinsame Nenner: Wo er schon einmal dabei ist, setzt Jesus zur Attacke an – gegen pharisäisches Denken. Er schließt Schlupflöcher, die eine männerfreundliche Auslegung der Schriften geöffnet hatte. Er ist auch hier radikal – so wie bei der Frage nach dem Geld. Es geht ihm nicht um lebensfreundliche Anpassung der eigenen Lehre an die Verhältnisse, an die Menschen, die sind, wie sie sind, vor allem die Männer. Das ist der Vorwurf, der indirekt die Pharisäer trifft. Wenn ihr die Wiederheirat rechtfertigt, verlasst ihr den Boden des mosaischen Gesetzes. Ihr ermäßigt die Preise.

 Jesus dagegen geht es um das Evangelium und um Eindeutigkeit und Klarheit. Wo einer dem Evangelium folgt, da kann er auch lebensmäßig Klarheit schaffen. Da kann er  lernen, seinen Stand zu akzeptieren. Es ist eine harte, herbe Klarheit, aber der sie fordert, dringt auf sie aus der Liebe, die das ungeteilte Herz sucht.

„Zwei Herzen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Diesen Satz zitieren ist das Eine und fällt leicht. Dieses doppelte Herz an sich selbst wahrnehmen das Andere. Ich kenne die Wirklichkeit des geteilten Herzens. Ich will mich lösen und halte doch fest. Ich will Weite leben und erfahre meine Enge. Ich suche nach neuen Wegen und lande doch wieder in den alten Spuren Ich will meine Kinder freigeben und spüre doch, wie es mir misslingt und ich mich sorge, selbst wenn ich ihnen nichts davon sage.

Das alles ist schon so im Denken. Wie viel mehr noch im Handeln. Manchmal zerreißt mich diese innere Zerrissenheit regelrecht. Und das ist daran schrecklich: diese geteilte Herz ist nicht durch einen Willensakt ganz und ungeteilt zu machen. Was bleibt, ist die Bitte: Gib mir ein neues, ungeteiltes Herz.

Jesus, das ist mir nicht fremd: gut da stehen wollen. Zustimmung finden, den Gesprächspartnern entgegen kommen, Schärfe aus den Forderungen nehmen, den Anspruch ans Leben nicht so hoch zu hängen. Es gibt doch nicht nur schwarz und weiß, sondern auch noch Zwischentöne.

 Du aber willst Klarheit, Eindeutigkeit, kein sowohl-als auch. Du willst das ungeteilte Herz. Du willst das Vertrauen, das sich ganz gibt. Du willst das Ja, das auch das Nein auf sich nimmt, die Nachfolge, die nur eine Spur kennt – hinter Dir her.

 Jesus, hilf Du mir zur Klarheit, Eindeutigkeit in Deiner Liebe. Amen 

 

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