Vom Schmerz über Jerusalem

Lukas 13, 31 – 35

31 Zu dieser Stunde kamen einige Pharisäer und sprachen zu ihm: Mach dich auf und geh weg von hier; denn Herodes will dich töten.

            Merkwürdig: Pharisäer kommen und warnen Jesus vor Herodes. In dieser Warnung wird etwas deutlich von Sympathie und von den seltsamen Konfliktlinien, die es in Israel damals wohl gegeben hat. Die Pharisäer sind nicht die geborenen Widersacher Jesu. Sie meinen es auch nicht immer böse mit ihm. Sie haben ja in ihm einen Gesprächspartner, bei dem sie spüren, dass er Gott ganz ernst nimmt, so wie sie Gott ganz ernst nehmen. Dass er den Menschen den Weg in den Himmel öffnen will, so wie sie das in ihrem besten Wollen auch wollen. Nur die Wege zum offenen Himmel und wie er zu öffnen ist, sind verschieden. Daran wird das Gespräch scheitern. Aber hier: Hüte dich vor Herodes.

32 Und er sprach zu ihnen: Geht hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe böse Geister aus und mache gesund heute und morgen, und am dritten Tage werde ich vollendet sein. 33 Doch muss ich heute und morgen und am folgenden Tage noch wandern; denn es geht nicht an, dass ein Prophet umkomme außerhalb von Jerusalem.

 Jesus achtet Herodes nicht sonderlich hoch. Fuchs ist keine Schmeichelei, auch keine Äußerung ängstlichen Respekts. Vielleicht sogar eine Anerkennung für die Verschlagenheit des Königs, für das taktische Geschick in politischen Dingen, im Umgang mit den Römern?  Aber was ist das für eine Anerkennung? Stattdessen umreißt Jesus seine Sendung. Zwei Tage – das ist symbolische Rede – ist noch Zeit seines Handelns. Am dritten Tage werde ich vollendet sein. Leuchtet hier, so frage ich, schon der Tag der Auferstehung durch? Auffallend daran ist die passivische Formulierung. Im Passiv steckt wohl, wie so oft, Gott. Sein, Jesu eigenes Handeln ist es nicht, was ihn zur Vollendung bringt. Sie wird ihm widerfahren.

Jetzt aber ist Jesus einigermaßen sorglos unterwegs. Seine Zeit ist noch nicht gekommen und der Ort seiner Bestimmung ist noch nicht erreicht. Hinter den Worten Jesu steht sein Wissen: Es ist der Weg des Vaters, den ich gehe; es ist sein „Plan“, dem ich folge. Es gibt das göttliche Ziel meines Weges. Das alles können Menschen nicht hindern.  

 Auf diesem Weg hat er noch „gut zu tun“: ich treibe böse Geister aus und mache gesund heute und morgen. Das ist sein Handeln als Heiland. Das macht ihn aus – er befreit und heilt und stellt so auf den Weg zu Gott. Freiheit den Gefangenen, Lösung für die Gebundenen – was er in Nazareth als seinen Auftrag gefunden hat, das bestimmt auch jetzt seinen Weg. Bis zum dritten Tag, bis er vollendet sein wird, ans Ziel gekommen.

 34 Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt werden, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt! 35 Seht, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden« (Jeremia 22,5; Psalm 69,26). Aber ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, da ihr sagen werdet: Gelobt ist, der da kommt in dem Namen des Herrn!

Was Jesus hier sagt, sagt er nicht distanziert. Das Wissen, sein Zustimmen zu dem Weg Gottes entrückt ihn nicht in ferne Sphären, macht ihn nicht unberührbar. Der Ausruf über Jerusalem ist ja voller Emotion, voller Gefühl, voller Schmerz. Es ist ein Reden in der Spur des Jesaja, in der die Stadt Jerusalem zur handelnden Person wird. Jerusalem, die Stadt des Friedens, die Stadt des Heils, die Wohnstatt Gottes zeigt so oft das andere Gesicht: Sie weist die Boten Gottes ab. Sie tötet sie. Sie steinigt sie. Und damit bereitet sie sich ihr Geschick. Die verweigerte Umkehr bringt den Untergang.

Wieviel Schmerz schwingt hier mit: Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt! Das sind Worte Jesu – aber es sind zugleich Worte des suchenden Gottes. Denn in der Erzählung des Lukas hat Jesus Jerusalem ja bislang nicht aufgesucht, nicht heimgesucht. Er ist nur als zwölfjährige Junge im Tempel und wird – so das Evangelium des Lukas – erst am Ende seines Weges nach Jerusalem kommen. Wie aber ist dann dieser Ausruf zu verstehen?

Gott hat sich Jerusalem wieder und wieder zugewandt, väterlich, mütterlich, suchend, bittend, ja in einer unfassbar geduldigen Fürsorge. Jesus spricht hier Gottes Klage aus und macht sie sich zu eigen. Zugleich aber deutet er damit sein eigenes Handeln als eine Fortsetzung des Handels Gottes. Er versteht sein Suchen des Volkes in der Kontinuität des Suchens Gottes. Er setzt fort, was der Vater schon immer tut.

Es liegt so viel Schmerz in diesen Worten, weil Jesus den kommenden Untergang Jerusalems nahen sieht. Es ist der Schmerz, den sich die suchende Liebe nicht erspart. Mehr noch, diesen Schmerz nimmt sie auf sich. Weil sie die Liebe gegen den Widerstand festhält, bis zum Äußersten, bis ans Kreuz. Woher kommt dieser Widerstand gegen die Liebe? Ich denke, weil sie in Jesus ein so menschliches Gesicht hat, dass man sie verwechseln kann: auch deshalb, weil diese Liebe eine Antwort provozieren will, die sich um Vertrauen und im Gehorsam zeigt, die sich selbst ganz Gott lässt. Dieser Preis scheint immer wieder zu hoch. Auch heute.

            Anders wird es erst werden, wenn Jerusalem bereit ist, den Gesandten Gottes zu empfangen. Dann wird über Jerusalem das Heil aufleuchten. Dann werden sie ihn sehen: „Gelobt ist, der da kommt in dem Namen des Herrn!“ Und es ist zugleich die Frage, ob Jerusalem diesen Gruß mitsprechen und sich zu eigen machen wird. Oder bleibt Jerusalem dabei, dass es die Boten steinigt und die Propheten tötet?

 

Jesus, so frei von der Furcht um Dich selbst gehst Du Deinen Weg. Du hörst die Warnungen, aber Du lässt Dich nicht ängstigen und nicht Deinen Weg davon bestimmen. Du schaust auf die Stadt Jerusalem, auf die Menschen, und siehst sie an mit Augen der Liebe. Du willst sie sammeln, schützen, unter Deine Obhut nehmen.

 So schaust Du auch auf uns. Gib doch, dass wir Dich nicht abweisen, Deine Liebe nicht gering achten, Dein Rufen nicht überhören. Gib uns Ohren, Deine Liebe zu hören. Gib uns ein Herz, Deine Liebe zu spüren. Gib uns Hände und Füße, Deine Liebe zu teilen und weiter zu geben. Amen

Ein Gedanke zu „Vom Schmerz über Jerusalem“

  1. Ja, Liebe kann wirklich immer wieder verwechselt werden.. die Liebe zu Jesus Christus muss immer wieder” BUCHSTABIERT” werden, denn die Welt ist laut,bunt und immer wieder gefährlich…..es ist wirklich manchmal auch ein Provokation, wenn uns Leid widerfährt..Ob im eigenen Leben oder im Angesicht des Leides in dieser Welt…. ….”lasst uns festhalten an der Hoffnung und nicht wanken…”

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