Aufrichten – freier Blick zum Himmel

Lukas 13, 10 – 17

 10 Und er lehrte in einer Synagoge am Sabbat. 11 Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten.

Lehren, auch am Sabbat lehren ist eine der Aufgaben, die Jesus wahrnimmt. Er ist der Lehrer Israels. Die Passagen vorher haben erzählt, wie das Lehren Jesu aussieht, wie er zum Vertrauen auf Gott ruft und weg ruft vom Vertrauen auf den Besitz und auf die Versuche, das Leben selbst zu sichern. Allerdings, sein Lehren geschieht nicht im luftleeren Raum. Da sind Menschen und unter diesen Menschen eine Frau, gefangen in ihrem Schicksal. Für sie und ihr Geschick verlangt Lukas Aufmerksamkeit – und siehe! κα δο ist das Aufmerksamkeits-Zeichen des Lukas.

Achtzehn Jahre hat die Krankheit “Skoliose” die Frau zu Boden gedrückt. Am Anfang war es wohl noch nicht so schlimm. Aber mit den Jahren ist es immer schlimmer geworden. Der freie Blick ging verloren, der aufrechte Gang ging verloren. Und wenn der Körper verkrümmt wird, dann hat das auch Folgen für die Seele: Von “einem Geist der Krankheit” spricht Lukas. Sie ist nicht nur einfach krank, sie ist mit den Jahren ihre Krankheit geworden. Ihr Leben ist von der Krankheit so besetzt, so eingefangen, dass es sonst nichts mehr zu geben scheint.  Da ist kein Raum mehr zu Hoffnungen, kein Leben mehr jenseits der Krankheit, über sie hinaus. Das setzt sich in ihr fest. Dieser Geist macht sie krank, kränkt sie, hält sie in unauflöslicher, lebenslanger Haft.

Es gibt diese Gefangennahmen des Lebens unter eine Krankheit, weil jemand eben nicht nur krank ist, sondern nur noch seine Krankheit ist. Weil er/sie so besetzt ist, dass da kein Raum mehr bleibt, kein Lichtblick, kein Aufblick. Die Krankheit hat hoffnungslos gemacht.

 Wie viel Leid hat diese Frau in diesen Jahren getragen, in denen sie so zu Boden gebeugt worden ist. Nur Füße sehen, nur den Boden sehen – sich nicht aufrichten können. Wie viel an Ablehnung mag sie in diesen Jahren erfahren haben, wie viel an Kränkung in ihrem Frau-sein? Vielleicht kommt zu ihrer Krankheit noch das dazu, dass sie zu denen gehörte, die, zur Seite, ins Abseits geraten, gedrängt werden. Krankheit isoliert, jahrelange Krankheit erst recht. Es mag sein, auch in der Synagoge ist man zu ihr auf Abstand gegangen.

 12 Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit! 13 Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott.

 Wie schwer mag es dieser Frau gewesen sein, in die Synagoge zu gehen. Wie sehr mag sie sich vor den Blicken der anderen, der Gesunden und Starken und Erfolgreichen gefürchtet haben. Sie wird es gespürt haben, das Mitleid, das an ihrer Situation nichts ändert. Sie wird es gespürt haben, die Abwehr, die in den Blicken der Menschen liegt.

Das alles mag diese Frau gekannt haben: Tief in ihrem Inneren kann es sie gequält haben. Aber sie ist doch dorthin gegangen, in die Synagoge. Und dort hat Jesus sie gesehen, nicht weggesehen, sondern sie angeschaut. Er hat den krummen Rücken gesehen. Er hat das ganze Leid der achtzehn Jahre gesehen und gesagt: Komm her! Diese Aufforderung an sie und dass sie ihr folgt – beides fällt aus dem Rahmen, sprengt den Ablauf der Versammlung. Ist sie nicht doch in dieser Krankheit eine, die Gott straft? So werden die Dinge damals gesehen. Ob wir heute sehr viel weiter sind, erst recht, wenn wir einen von schwerster Krankheit gezeichneten Menschen vor Augen haben?

Es sind nur wenige Schritte zu Jesus hin ‑ aber es wird – so leuchtet es mir ein – für die Frau wie Spießrutenlaufen gewesen sein. Sie konnte die Blicke nicht sehen, aber sie wird sie gespürt haben. An allen in der Synagoge muss sie vorbei und sie trägt die ganze sichtbare und unsichtbare Last ihres Lebens zu Jesus.

Und Jesus sagt das Wort, auf das alles hin läuft: “Frau, sei frei von deiner Krankheit!” „Du bist erlöst.“(Luther 2017) – „Frau, du bist von deiner Krankheit befreit“ (Basisbibel) Dieser Satz ist Anfang eines Befreiungsgeschehens. Jesus richtet sie auf und sie kann sich aufrichten. Ihre Fessel wird gelöst. Sein Erbarmen ist nicht folgenlos. Sein Mitleid macht nicht nur schöne Worte. Er nimmt die Frau in den Arm und nimmt die Krankheit weg. Er lässt sie die Nähe Gottes spüren, tief mit ihrem Körper spüren. Er gibt ihr den Blick zum Himmel zurück. Er gibt ihr den aufrechten Gang zurück. Er gibt ihr ihre Würde, die ihr unter ihrer Bürde verloren gegangen war, wieder. Er gibt dieser Frau die Gesichter der Menschen wieder. Er gibt ihr die Freiheit wieder ‑ zu lachen, zu loben, zu träumen.

Es fällt auf. Sonst sagt Jesus manchmal: Dein Glaube hat dir geholfen. So wertet er den stummen Schrei um Hilfe. Dieser Satz fehlt. Es mag wohl so sein, dass er fehlt, weil dies eine Heilung ist, die nicht anknüpft an dem unausgesprochenen Hilfeschrei. Sie ist allein dem Willen Jesu entwachsen, in die Freiheit zu führen, die Bindung zu lösen, dieser Frau den Blick zum Himmel neu zu ermöglichen.

  14 Da antwortete der Vorsteher der Synagoge, denn er war unwillig, dass Jesus am Sabbat heilte, und sprach zu dem Volk: Es sind sechs Tage, an denen man arbeiten soll; an denen kommt und lasst euch heilen, aber nicht am Sabbattag.

Merkwürdige Formulierung: Da antwortete der Vorsteher der Synagoge. Er war doch gar nichts gefragt worden! Aber Lukas versteht schon richtig. Was er sagt, ist Antwort auf das Geschehen, das er miterlebt hat. Aber was für eine Antwort auf dieses Geschenk neuen Lebens: Unwille, Ärger, öffentliche Anklage. Stattdessen Pflichtprogramm: Er achtet auf die Sabbat-Ruhe auf die Ordnung.

 Auffallend: Seine Antwort ist nicht direkt an Jesus gerichtet. Auch die geheilte Frau ignoriert er. Was er will, ist die Ordnung aufrecht halten – deshalb wendet er sich an das Volk, an die Menge. Fast möchte ich sagen: an die anonyme Masse. Der Vorsteher der Synagoge sucht das Kopfnicken des Volkes: Das musste jetzt aber nicht sein. Er sieht in Jesus den professionellen Heiler, der seine Arbeit tut, am Sabbat. Er sieht nicht den Erbarmer. Er sieht nicht den Heiland. Alles hat seine Zeit, auch „heilen hat seine Zeit“ (Prediger 3,3) – jetzt ist Sabbat und nicht die Zeit zu heilen. Woher weißt Du das so genau, bin ich versucht zu fragen.

 Aber ich weiß, dass es eine Falle ist, in die ich auch selbst leicht hinein tappe. Wenn etwas geschieht, mit dem ich nicht gerechnet habe, das mich verwirrt, dann suche ich auch gerne Sicherheit bei der Ordnung, die ich gelernt habe. Es ist der Versuch, sich die Überraschungen vom Leib zu halten. So kann ich den Synagogen-Vorsteher gut verstehen.

15 Da antwortete ihm der Herr und sprach: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder seinen Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? 16 Sollte dann nicht diese, die doch Abrahams Tochter ist, die der Satan schon achtzehn Jahre gebunden hatte, am Sabbat von dieser Fessel gelöst werden?

Jesus aber weist die Attacke schroff zurück. Wieder, wie kurz zuvor: Ihr Heuchler! ist ein Frontalangriff. Dabei hatte die Menge doch gar nichts gesagt. Aber so wie der Vorsteher antwortet auf Geschehen, so antwortet auch Jesus auf Ungesagtes, auf Gedanken, die sich festsetzen wollen. Er sieht wohl auch in dem einen Synagogenvorsteher die vielen mit, die denken wie er.  

Wieder zeigt Jesus sich als Lehrer Israels, auch in der Art seiner Argumentation: Wenn ihr schon Ochse und Esel am Sabbat versorgt – sollte ich da nicht die versorgen, die mehr ist als Ochse und Esel? Wenn ihr den Tieren am Sabbat Freiheit gebt, um zu trinken, sollte ich ihr da nicht Freiheit geben, um das Leben neu leben zu können? Es ist doch ihre Berufung als Abrahams Tochter, frei zu sein, los, ungebunden. Es ist eine krasse Zuspitzung, eine Frage nach den Wertigkeiten: Hier Ochs und Esel – da der ungewöhnliche Ausdruck Tochter Abrahams, der auf ihre Zugehörigkeit zum Gottesvolk abhebt.

 17 Und als er das sagte, mussten sich schämen alle, die gegen ihn gewesen waren. Und alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten, die durch ihn geschahen.

Beschämung und Freude sind so dicht beieinander. Es ist ein großer Menschenhaufen in der Synagoge. Die einen beschämt, weil sie spüren, wie eng ihre Gedanken waren, wie wenig sie der Güte Gottes entsprechen. Die anderen erfreut, weil sie in dem Tun Jesu die Taten Gottes sehen, den Anbruch der Herrlichkeit, die Hoffnung auf das Leben in der Freiheit der Kinder Gottes.

Zum Weiterdenken

 Immerhin: Hier sind sie noch alle zusammen, die sich schämen müssen und die sich freuen können. Wie gut wäre das, wenn sie auch in unseren Kirchen alle zusammen wären und sich nicht voneinander absonderten.

            Was ist wichtiger – dass eine Frau aufgerichtet wird, wieder aufrecht stehen du gehen kann, wieder den Blick zum Himmel richten kann oder dass die Sabbat-Ordnung eingehalten wird? Eine Ordnung, die in ihrer Zwanghaftigkeit aus dem Tag der Befreiung vom Zwang zur immerwährenden Arbeit einen Tag unter dem Zwang zur Ruhe hat werden lassen. Es gibt in der Geschichte der Menschheit immer wieder diese Verschiebung von Ordnungen aus der Lebenshilfe zum Lebenshindernis.

            Es gibt auch immer wieder diese schrägen Prioritäten. Fast 2000 Jahre später: Als die Bewegung „Fridays for Future“ startet, gibt es eine wilde öffentliche Debatte, bis in die Reihen der hohen Politik, ob Schüler nicht verpflichtet und gezwungen werden müssten, freitags bis zur letzten Stunde in der Schule zu sein. Ob Schulpflicht nicht das höhere Gut sei gegenüber dem Demonstrationsrecht, auch dem Demonstrationsrecht für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt. Welche letzte Stunde zählt mehr – die in der Schule oder die, auf dem der Weg in die Klima-Katastrophe vielleicht doch abgefangen werden kann? Im Nachhinein – eine Gespensterdebatte vergleichbar mit dem Protest des Synagogenvorstandes

 

Jesus, der freie Blick zum Himmel ist Dein Geschenk. Der aufrechte Gang ist Deine Gabe. Die Freude an Deinen Taten kommt aus Deiner Gegenwart. Du weißt, wie viel verkrümmtes, gebeugtes, gebücktes Leben es bei uns gibt. Du weißt, wie oft wir uns ergeben – kann man nichts machen, ändert sich ja doch nichts. Schick dich drein.

Und der Himmel entzieht sich unserem Blick 

 Jesus, richte uns auf. Stärke uns den Rücken. Mache aufrechte Menschen aus uns und gib, dass wir andere aufrichten, stärken, und ihnen ihre Freiheit gönnen. Amen