Urteilsfähig werden

Lukas 12, 54 – 59

          Bis hierhin waren die Jünger die Adressaten der Worte Jesu. Sie bekommen von ihm die Kosten ihrer Jüngerschaft vor Augen gestellt. Sie werden auch vor Illusionen gewarnt. Aber im Folgenden wechseln die Adressaten – jetzt wendet sich Jesus an die Menge.

 54 Er sprach aber zu der Menge: Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. 55 Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so.

  Ihr seid urteilsfähige Leute und kennt euch aus mit Wetterzeichen und Natur-ereignissen. Darin seid ihr fix.  Ihr macht euch – selbst wenn ihr das kaum bemerkt – wieder und wieder Bilder von der Wirklichkeit und von der Zukunft. Ihr könnt sehen, wie das Wetter wird. Ihr seid Realisten in vielen Dingen des Lebens.

56 Ihr Heuchler! Über das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr urteilen; warum aber könnt ihr über diese Zeit nicht urteilen? 57 Warum aber urteilt ihr nicht auch von euch aus darüber, was recht ist?

Und doch – und jetzt schlägt das Lob in kritische Anfrage um: Wenn es darum geht zu sehen, was im Gange ist, was von euch gefordert ist, was der nächste Schritt wäre – warum verweigert ihr euch da? Heuchler nennt er die Leute, die so ihr Urteilsvermögen reduzieren. Nur auf das Wetter und nicht auf das Leben. Hypokritiker sind sie, die sich weigern, im Blick auf das soziale und geschichtliche Geschehen genauso wachsam und urteilsfähig zu sein und zu werden wie im Blick auf das Wetter. Es gehört zur Ironie der Geschichte: Gerade überkritische Leute stellen oft penibel Fehlverhalten weltweit fest, fühlen sich aber in keiner Weise zum Handeln genötigt. Rechtes Urteilen aber wäre: sich einmischen. Recht tun.

Vielleicht schwingt auch das mit, dass Jesus Leute vor Augen hat, die es sich selbst und ihm schuldig bleiben, sich klar zu positionieren. Nicht mehr nur Staunen und Sich wundern, sondern sich Bekennen – dazu ist es jetzt Zeit. „Selig, wer sich nicht ärgert an mir.“(7,23) Es ist, wie es auch heute oft ist: Die großen Weltereignisse beurteilen wir. Aber wenn es um uns selbst und um Konsequenzen unseres Lebens geht, tun wir so, als wüssten wir nichts. Dann erklären wir uns gerne für nicht zuständig. Den Zustand der Welt diskutieren, aber Recht und Unrecht im eigenen Lebensbereich nicht anschauen – das nennt Jesus Heuchelei. Und was sind all die großen Worte, wenn sie nicht in die Lebenspraxis vor Ort umgesetzt werden?

Schließlich: hinter der Anrede Heuchler kann auch stehen: ihr messt mit zweierlei Maß. Ihr urteilt über die großen Dinge der Welt, aber nicht über das eigene Leben. Ihr urteilt über andere, aber im Blick auf euch selbst legt ihr nicht den gleichen Maßstab an. Das ist ja im Evangelium schon früher angesprochen worden: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?“(6,41)

 Es gibt eine Selbstbezogenheit, die mit sich selbst großzügig und mit allen anderen kleinlich umgehen lässt. Die sich selbst für den Nabel der Welt hält und nur die eigenen Interessen gelten lässt. Ich höre „America first“ und habe die Befürchtung, dass dieser oberflächliche politische Slogan dabei ist, das individuelle Lebensprogramm vieler Menschen zu werden: erst komme ich… Ich kann es mir nicht ersparen, mich täglich selbst kritisch zu befragen: Lebe ich auch nach dieser Devise? Bin ich ein Heuchler, der andere Maßstäbe an sich selbst anlegt als die, mit denen er andere misst – und oft genug verurteilt? Ich bin mir meiner selbst so sicher nicht. Das ist einer der Gründe, weshalb mir die Gnade so fundamental wichtig ist. Sie wird den Zwiespalt meiner Seele tragen müssen.

58 Denn wenn du mit deinem Gegner zum Gericht gehst, so bemühe dich auf dem Wege, von ihm loszukommen, damit er nicht etwa dich vor den Richter ziehe, und der Richter überantworte dich dem Gerichtsdiener, und der Gerichtsdiener werfe dich ins Gefängnis. 59 Ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du den allerletzten Heller bezahlt hast.

Und noch näher rückt Jesus den Leuten, seinen Zuhörern, auf  den Leib. Wie ist das mit den Rechtshändeln? Wie ist das mit den Streitfragen, über denen ihr euch entzweit? Hatte nicht gerade erst einer versucht, Jesus als Schlichter im Erbstreit zu beanspruchen? (12, 13) Sucht doch an dieser Stelle einfach den Weg der Vernunft! Sucht den Weg des Ausgleichs! Sucht den Weg des Friedens.

Auf dem Weg zum Richter ist noch Zeit, sich zu verständigen. Darauf liegt der Ton, nicht auf der endgültigen Rechtsfeststellung vor Gericht. „Ich hätte zu wenig das Gericht gepredigt“ benennt mir ein verunsicherter Freund, der lange in der JVA gearbeitet hat, als Vorwurf an ihn. Aber Jesus „predigt“ hier auch nicht das Gericht. Er öffnet den Blick für die Zeit, die noch offen ist, für die Umkehr, die noch möglich ist. Sein Wissen um das Gericht drückt sich aus in der Dringlichkeit des Rufes zur Umkehr, nicht im Ausschmücken des Gerichtes. Es braucht kein Angst-machen mit dem Gericht. Es braucht die hartnäckige Einladung zu dem größeren Leben. Zum Ergreifen des Augenblicks, in dem alles offen ist. Diesen Augenblick öffnet das Wort Jesu.

Zum Weiterdenken

  Es ist auffallend. Ausgerechnet dieser Jesus, der gerade gefragt hat: Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? der mahnt jetzt zur Suche nach dem Ausgleich, zur Schlichtung auf dem Weg. Offensichtlich ist das Wort vom Feuer und die Frage nach dem Friedensboten nicht als Ermutigung zum Streiten gemeint. Es gibt eine Zeit, den Frieden zu suchen und es gibt eine Zeit, den Streit auszuhalten. Es gehört zur Urteilsfähigkeit der Christen, diese Zeiten voneinander unterscheiden zu lernen.

 

Herr Jesus, Du willst, dass wir urteilsfähige Leute werden. Du willst uns nicht einfach ausgeliefert an die Zeitläufe. Du willst uns auch nicht ausgeliefert an Harmoniesucht und faulen Frieden.

 Du willst, dass wir standfest werden, dass wir urteilsfähig sind, was die großen Zusammenhänge angeht und die kleinen Schritte, das Ganze der Welt und den Alltag unseres Lebens. Du willst, dass wir unseren Verstand gebrauchen und unseren Willen an Dir festmachen, und es aushalten, wenn uns das auch in Auseinandersetzungen führt.    

 

Lass uns dann den Frieden suchen, und zugleich die Wahrheit lieben und festhalten an Dir. Amen