Seid bereit

Lukas 12, 35 – 48

35 Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen 36 und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun.

 Das ist – jedenfalls auf den ersten Blick – ein völliger Themenwechsel. Es geht nicht mehr um den irdischen Besitz. Es geht um Wachsamkeit, um Wachsein für das Kommen Gottes. Das war bisher noch nicht Thema. Wieso wird es das jetzt?

   Das vorige Leitthema war der Besitz und die Aufmerksamkeit, die er Menschen abverlangt. Jetzt aber geht es um die andere Aufmerksamkeit. Die Stichwort-Verbindung nach hinten ist wohl mit dem Satz „Trachtet vielmehr nach seinem Reich, so wird euch das alles zufallen.“(12,31) gegeben. Jesus will, dass sich seine Jünger auf das Reich ausrichten. Und gerade weil es nicht in demonstrativer Größe und mit großem Getöse kommt, ist Wachsamkeit geboten. Nicht die Sorge um das, was sie haben, sondern die Erwartung des kommenden Herrn soll die Aufmerksamkeit der Jünger beanspruchen.

Dabei ist durchaus auffällig, wie Jesus einsetzt:  Lasst eure Lenden umgürtet sein. Eine ganz profane, alltägliche Geste. Sich reisefertig halten. Das ist Bereitschaft zum Aufbruch. Hier und Jetzt, im Alltag.

Das ist für den Bibelleser zugleich Erinnerung – an die Nacht des Aufbruchs aus Ägypten. An die Ordnung des Passamahles:So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa.“ (2. Mose 12,11) 

Lukas, der sein Evangelium schreibt, weiß um die Gefahr, dass die Sehnsucht nach dem Kommen des Herrn erschlaffen kann, dass über alle dem, was zu tun ist und was wir haben, der Blick nach vorne verloren geht.

  Dabei setzen die Worte Jesu voraus, dass seine Jünger sofort verstehen, wovon die Rede ist. Er redet völlig selbstverständlich vom Kommen des Herrn. Diese Welt ist sich nicht selbst genug. Diese Welt hat eine Zukunft vor sich, die sie nicht selbst herbei führt, die den Rahmen der normalen Zeitläufe sprengt. Diese Zukunft ist das Kommen Gottes – und er kommt wie einer von einer Hochzeit kommt.

 Hier wird ein Unterschied zur Erwartung des Täufers Johannes sichtbar. Wenn Johannes vom Kommen Gottes redet, geht es um Gericht. Wenn Jesus hier vom Kommen Gottes redet, so geht es um das Fest. Hochzeit ist Glück, das man nicht versäumen möchte. Darum ist diese Erwartung auch nicht angstvoll, sondern hoffnungsvoll, nicht furchtsam, sondern froh, auch im Blick auf den Kommenden und damit auf das Kommende. Man darf einen erwarten, der von hochzeitlicher Freude erfüllt ist.

  37 Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen. 38 Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet’s so: selig sind sie.

 Diese frohe Erwartung setzt sich fort in der Beschreibung, die jetzt folgt. Der kommende Herr dient seinen Knechten. Er übernimmt den Tischdienst an denen, die so lange auf ihn gewartet haben. An denen, die er wachend findet. Eine schöne Neben-Beobachtung: Im griechischen Wort steckt unser deutscher Name Gregor – der Wachende. Er wird – obwohl er der Herr ist, ihr Diener. Das ist die inhaltliche Bestimmung des Reiches, nach dem zu trachten sich lohnt: Es ist der dienende Herr. Er macht das Reich aus und darin zeigt es sich von völlig anderer Art als alle Reiche der Welt. Diese andere Weise bildet auch Jesus selbst ab.

 Die Parallele zu den Worten Jesu über dieses dienende Kommen Gottes liegt auf der Hand, auch wenn sie sich nicht bei Lukas, sondern im Johannesevangelium findet. „Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging, da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.“ (Johannes 13, 3 – 5) Es ist die vergleichbare Situation: Der Herr übernimmt den Dienst des Knechtes.

„Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein.                                   Wie könnt es doch sein freundlicher das herze Jesulein.“                                                                          J.  Hermann 1560, EG 27

 Auch wenn die Worte des Weihnachtsliedes in unseren Ohren süßlich klingen, beschreiben sie doch präzise den Wechsel, den Jesus hier seinen Jüngern vor Augen stellt. Denn das ist kein Zweifel: Der kommende Herr, der zur Nachtzeit der Welt kommt, ist Christus.

39 Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen. 40 Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.

Jetzt wechselt das Bild. Nicht aus Misstrauen gegen das schöne Bild vom dienenden Herren, auch nicht um zu sagen: So freundlich wie mit der Hochzeit ist das nicht gemeint. Es geht um erhöhte, gespannte, bereite Aufmerksamkeit. Keiner weiß, wann die Stunde sein wird. Hinter diesen Worten steht wohl auch die Sicht des Evangelisten Lukas, der sein Evangelium ja nach Auferstehung und Himmelfahrt schreibt: Einmal mehr der singende Ausleger biblischer Zusammenhänge:

Keiner weiß wann; keiner weiß wie, doch alle werden Ihn sehn!                         Einer sagt jetzt, ein andrer sagt nie, doch alle werden Ihn sehen!                              Du hast gesagt, Du kommst zurück und alle werden Dich sehn!                                Du allein weißt den Augenblick, doch alle werden Dich sehn!

Wird es Tag oder Nacht um uns sein?                                                                            Kommst Du in unser Spiel, unsre Arbeit hinein?                                                            Keiner weiß wann, keiner weiß wie, doch alle werden Dich sehn!….                                                    M. Siebald, LP Überall hat Gott seine Leute 1983

Weil der Menschensohn unerwartet kommen wird, jenseits von Sehnsucht und Kalkulation, darum gilt es, zu allen Zeiten wachsam zu sein. So wie ein sorgfältiger Hausherr sich gegen den angekündigten Einbruch sichern würde, so sollen auch die Jünger sich für das angekündigte Kommen bereiten, auch wenn sie die Stunde nicht wissen.

 41 Petrus aber sprach: Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns oder auch zu allen? 42 Der Herr aber sprach: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? 43 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. 44 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.

Petrus versteht und versteht doch nicht. Wer ist gemeint? Wir Jünger oder doch alle? Wer ist zu besonderer Wachsamkeit gefordert? Jesu Antwort ist schwebend, offen, eine Gegenfrage: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter…? Er nennt keinen Namen, keine Gruppe und fordert so auf: Überlegt doch selbst, wer hier gemeint sein könnte. Wo die Antwort Jesu aber weiterführt ist in der Frage, was denn das gebotene Tun des Wartenden, des treuen und klugen Verwalters ist.  Er gibt seinen Leuten zur rechten Zeit, was ihnen zusteht. Er sorgt für die, die ihm anvertraut sind. Er kümmert sich. Er so könnte man sagen, weidet sich nicht an einer Position, weidet sich nicht selbst, sondern ist für die anderen da.

Jesus nützt diese Offenheit, um die Mahnung zur Wachsamkeit zuspitzen auf die Jünger, auf die Verantwortlichen in der Gemeinde – so hört es Lukas. Es gibt eine besondere Verantwortung der Ältesten, der Menschen mit einer Leitungsaufgabe.

45 Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich voll zu saufen, 46 dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er’s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.

 Was Jesus hier beschreibt, fällt nicht aus der Welt. Das gibt es wieder und wieder, auch in der Erfahrungswirklichkeit seiner Zeit, dass Knechte sich wie Despoten aufspielen, dass sie ihr bisschen Macht benützen, um sich selbst mächtig in Szene zu setzen. Vielleicht ist es geradezu die Versuchung des Knechtes, Herr zu spielen und dabei alles Maß zu verlieren.

 Der Machtmissbrauch ist so alt wie die Kirche. Es gibt die Versuchung, Ämter in der Kirche wie einen Eigenbesitz anzusehen, sie als Machtinstrumente zu gebrauchen. Es gibt die Versuchung, es sich gütlich sein zu lassen in den übernommenen Aufgaben. Ein frühes, erschreckendes Beispiel ist Diotrephes: „Ich habe der Gemeinde kurz geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht auf. Darum will ich ihn, wenn ich komme, erinnern an seine Werke, die er tut; denn er macht uns schlecht mit bösen Worten und begnügt sich noch nicht damit: Er selbst nimmt die Brüder nicht auf und hindert auch die, die es tun wollen, und stößt sie aus der Gemeinde.“ (3. Johannes, 9-10) Spätere Beispiele liefert die Kirche reichlich, über die Papstgeschichte bis hin zu kirchlichen Machtkämpfen und üppigen Prachtbauten, auch heutzutage und völlig konfessionsunabhängig.

 47 Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen. 48 Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden.

 Es gibt neben dem Machtmissbrauch auch das andere, dass Knechte aus Trägheit versäumen, was zu tun ist. Gemeint ist wohl, dass Christen hinter dem zurück bleiben, was der Wille Gottes ist. Es ist ja nicht gesagt, dass der Glaube eines Christen wie von selbst das richtige Tun hervor bringt. Trägheit, Feigheit, Faulheit – das alles ist nicht aus der Welt, bloß weil Christen Christen sind. Das ist nicht einfach hinzunehmen, auch nicht zu entschuldigen. Aber es ist zu unterscheiden. Es macht einen Unterschied, ob jemand seine eigene Macht missbraucht, ob jemand aus Unwissenheit handelt oder ob jemand einfach nur überfordert ist.

Es kann sein, hier spielt mit, wie Paulus urteilt: Der Jude, der das Gesetz kennt, ist anders verantwortlich als der Heide aus den Völkern, dem das Gesetz unbekannt ist. Wenn sie auch in gleicher Weise schuldig werden, so wird doch unterschieden – der Jude, der das Gesetz kennt, ist in den Augen des Paulus der Schuldigere. (Römer 1- 3)

Es ist damit zugleich klar: für die, die das Wort Jesu kennen und gehört haben, gibt es keine Ausrede: wir haben nicht gewusst, geht nicht. Das Evangelium hören macht verantwortlich dafür, es auch zu leben.  Daran erinnert uns die liturgische Wendung nach der Schriftlesung im Gottesdienst: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“

Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

 Das Schlusswort steht für sich. Es wirkt wie ein weisheitlicher Satz.  Es ist Mahnung an alle, die in der Gemeinde Verantwortung tragen, die Macht wollen, die von Gott mit besonderen Gaben beschenkt sind. Gemeint sind wohl nicht einfach nur natürliche Begabungen des Lebens, sondern es geht um die Gabe des Glaubens, um die Gaben, die Paulus Geistesgaben nennt. Nichts davon wird gegeben, damit man es selbst genießt und sich gut fühlt alles ist zum Dienst an anderen bestimmt – Nahen und Fernen  

 Zum Weiterdenken

 Wir warten seit zweitauend Jahren. Wäre es ehrlicher, zu sagen: Uns ist im Lauf dieser zweitausend Jahre das Warten vergangen. Wir haben uns arrangiert. Wir feiern zwar Advent, aber da ist kein Warten mehr über den 24. Dezember hinaus. Unsere Kirchen sind wie für die Ewigkeit gebaut und nicht mehr als Warteraum für die Zukunft. Wenn ich ehrlich mit mir selbst bin – mit dem Warten in meinem Leben ist das auch so eine Sache. Ich lebe von Tag zu Tag. Ich erwarte nicht, dass der Herr Jesus heute Abend wiederkommt. Ich warte auch nicht auf den Tod, auch wenn ich weiß, dass er täglich einen Tag näher rückt. Ich hoffe auf den Herrn, der mich jenseits des Todes in Empfang nehmen wird. Bis dahin gehe ich Tag um Tag durch die Zeit. Hoffentlich freundlich zu anderen. Meistens einfach so. Ob man das Warten nennen kann?

Alle Gaben und alle Begabungen sind auch als Geschenk  zugleich Aufgaben. Sie haben die Kehrseite: Sie machen verantwortlich. Wer Vergebung erfahren hat, soll selbst vergeben lernen. Wer Gnade empfangen hat, soll selbst gnädig werden. Wer das Heil geschmeckt hat, soll andere zum Heil rufen. Wer lehrt, übernimmt die Verantwortung für seine Lehre. Wer einer Gemeinde predigend den Weg weisen will, übernimmt die Verantwortung für seine Worte. Wer einer Gemeinde in diakonischen Dingen den Weg weisen will, der hat dafür zu sorgen, dass keiner übersehen wird. Leiten ist nicht nur Machtzuwachs, sondern vor allem Verantwortungs-Zuwachs. Gott sucht die Rechenschaft für die anvertrauten Gaben.

Jesus, Du vertraust auf uns, auf unsere Aufmerksamkeit, unsere Hilfsbereitschaft, unsere Klugheit, unsere Liebe.

 Du vertraust uns Menschen an, für sie da zu sein, ihnen unser Ohr zu leihen für sie zu sprechen, ihnen zu helfen, so wie es gut für sie ist.

 Jesus, in Deinem Anvertrauen zeigt sich Dein Zutrauen. Gib, dass wir es nicht träge versäumen und nicht für uns mutwillig missbrauchen. Gib, dass Dein Zutrauen zu uns unser Handeln für Dich prägt. Amen