Bleibt beständig

Hebräer 13, 9 – 14

 9 Lasst euch nicht irreführen durch vielfältige fremde Lehren. Denn es ist gut, dass euer Herz durch Gottes Gnade gefestigt wird – und nicht durch Speisevorschriften. Die haben noch niemandem genützt, der sie befolgt.

 Es ist immer neu gut, sich den Zusammenhang von Sätzen anzuschauen. Es ist gut, dass euer Herz gefestigt wird. Das ist ein “goldener Satz”. Er gewinnt noch an Kontur, wenn man weiter liest. Es ist die Gnade, die Herzen fest, stabil, stark macht. Das ist Votum in einem Konflikt, den der Verfasser anzeigt: Es gibt „fromme“ Forderungen, die tief in das Leben eingreifen, nicht nur in eine rituelle Praxis.   

Es braucht kein Achten auf irgendwelche Speiseregeln. Der Hebräer-Brief glaubt nicht, dass vegan statt fleischlich, oder vegetarisch oder nur bei Vollmondschein gepflanzter oder geernteter Salat oder, oder… christlich geboten sind. Hier sind offensichtlich Asketen im Blick, die durch strenge, umfassende Enthaltsamkeit, essensmäßig und auch sexuell in der Ehe, den Weg zum Himmel bahnen wollen. Das nennt der Hebräer-Brief fremde Lehren. Er könnte für seine eigene Position Paulus zitieren: Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“ (Römer 14,17)

  Noch schärfer ist es an anderer Stelle im Neuen Testament zur Sprache gebracht.Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus.“(Kolosser 2,8)  Und auch da geht es um asketische Übungen, Mondkalender und was noch so an esoterischen Weisheiten im Raum ist. “So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats.” (Kolosser 2, 16)

 Beides zeigt: Die junge Christenheit ist im Suchen ihres Weges nicht nur politischem Druck und gesellschaftlichem Misstrauen ausgesetzt. Sie muss sich auch mit Einflüssen auseinandersetzen, die eigen-sinnige Heilsvorstellungen in diesen jungen Aufbruch hinein tragen wollen. Und scharfsinnig erkennt der Hebräerbrief die Konfliktlinie – ich kleide das in eine Frage: Wird das Vertrauen auf die Gnade durch das Vertrauen auf die eigene, untadelige, asketische Lebensführung ausgehebelt?

10 Ja, wir haben einen Altar: das Kreuz von Jesus Christus. Aber niemand, der an seinem Heiligtum dient, hat das Recht, von diesem Altar zu essen. 11 Denn der Hohepriester brachte nur das Blut der Opfertiere ins Heiligtum, um es zur Versöhnung für die Sünden darzubringen. Die Körper wurden außerhalb des Lagers verbrannt.

Es ist ein weiteres Mal ein assoziativer Anschluss – ausgelöst von den Worten über das Essen. Es fällt aus dem sonstigen Rahmen der Argumentation:  Wir haben einen Altar. Die ganze Zeit hat sich der Schreiber bemüht zu zeigen, dass die Zeit der Opfer vorbei ist. Christus ist das eine Opfer. Rückt er davon jetzt doch noch ab? Ist hier – verborgen, aber doch vorsichtig hinweisend – vom Abendmahl die Rede als dem Opfermahl, das Christen feiern? Es liegt dem Hebräer-Brief fern, so zu denken. Das Abendmahl spielt insgesamt im Brief keine wirkliche Rolle, also auch hier nicht.

 Es ist vielmehr so: Der Altar steht für Christus. Es geht um den Zufluchtsort, nicht um einen Kultort. Wer zum Altar kommt, kommt zu dem Ort, an dem er Zuwendung, Erlösung findet. Dafür braucht es keine Speise und deshalb auch kein Opfer mehr.

Die Brücke, die der Schreiber schlagen will, hat einen anderen Haftpunkt als kultische Praxis, auch Abendmahlspraxis, in eine andere Richtung zeigt. Die Opfer werden außerhalb des Lagers verbrannt. Das greift er sofort auf, mit dem Blick auf Jesus.

12  Darum hat auch Jesus außerhalb der Stadt gelitten. So hat er durch sein eigenes Blut das Volk heilig gemacht. 13 Lasst uns daher hinausgehen zu ihm zu dem Ort außerhalb des Lagers: Wir wollen die Schande auf uns. nehmen, die er zu tragen hatte.

  Jesus ist das Opfer draußen vor dem Tod, vor der Stadt. Er ist der, der Sünden hinausgetragen hat, auf den Schuttabladeplatz Golgatha. Er ist der, der nicht durch irgendein Opfertier, sondern durch sich selbst, sein Blut, das Volk geheiligt hat.

  Es ist mit Händen zu greifen, dass der große Versöhnungstag, Yom Kippur, hier für die Vorstellungen Pate gestanden hat. Und wenn er die Entsühnung des Heiligtums vollbracht hat, der Stiftshütte und des Altars, so soll er den lebendigen Bock herzubringen. Dann soll Aaron seine beiden Hände auf dessen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetat der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage; und man lasse ihn in der Wüste.“(3. Mose 16, 20 – 22) So wird Jesus gesehen. Er wird zum Sündenbock für uns. Er trägt die Sünde der Welt.

Wie geht das: aus dem Lager hinausgehen? Aus dem Lager gehen heißt: Die eigenen Sicherheiten verlassen. Die eigene Geborgenheit preisgeben. In die Wüsten der Welt eintreten. Vielleicht ist es ja ein kleiner Hinweis auf diese Schwierigkeiten: Der Weg aus dem Lager ist der Weg hin zu dem Gekreuzigten. Ein Kreuzweg und kein Spaziergang. Er ist eine – auch – seelische Herausforderung, die durch Ängste hindurch führt. Ein Weg, auf dem Beifall spärlich ausfällt, weil er irgendwie irre ist. Und auf diesem Weg: Seine Schmach tragen. Mittragen daran, dass er aus der Welt gedrängt wird. Sich für weltfremd halten lassen und es auch “gerne” sein, weil es ja um das Andere geht, das viel wichtiger ist, Grund unseres Glaubens und Hoffnung unseres Lebens: Ihm, Jesus, nahekommen.

14 Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt. Wir suchen vielmehr nach der zukünftigen Stadt.

 Aus diesem Weg, hin draußen vor die Stadt, wird Deutung des Lebens der Christen. So wenig Jesus in Jerusalem seinen Platz für immer haben konnte, so wenig ist unser Platz für immer hier auf Erden.

            Ich bin ein Gast auf Erden. Ich weiß, es muss so viel
bis morgen anders werden und ferne liegt das Ziel.
Wills mit in Ordnung bringen, will stillen manches Weh,
mein schönstes Danklied singen, bevor ich von ihr geh.                                                                                     
G. Schöne   CD Ich bin ein Gast auf Erden 1991
              Wir können hier nicht bleiben. Wir sind unterwegs. Das sagt der Hebräerbrief nicht wehmütig, bedauernd. Da ist kein Raum für Todesangst und Furcht vor dem Tod.

Es ist ein Satz, der seine Wahrheit weit über den ersten Sinn hinaus hat. Wer Leben nur so denken kann, dass alles bleiben muss, wie es ist, der denkt zu kurz. Leben ist nie anders zu haben als im Aufbruch. Der Hebräer-Brief redet hier ausschließlich hoffnungsvoll. Erfüllt mit Freude. Denn in der zukünftigen Stadt werden wir ja bei Jesus sein, der uns vorausgegangen ist als der Vorläufer. Nur ein paar Schritte voraus.

Zum Weiterdenken

  Mit diesen biblischen Überlegungen kann man zwar Bevormundungen in Sachen vegetarisch Essen wunderbar aufspießen – Bibeltexte können unglaublich aktuell sein -, aber die ernsthafte Frage, ob unser Fleischkonsum anderswo auf der Welt Hungerfolgen hat, ist damit noch nicht vom Tisch. Das ist grundlegend eine Anfrage, der sich jede und jeder mit seinem Essverhalten stellen muss, nicht von oben, von Parteien, aus Regierungskreisen oder von Kirchenführern entschieden, aber im Gewissen berührt, und die Anfrage darf nicht billig parteipolitisch instrumentalisiert werden.

Für die ersten Lesenden klingen in den Passagen  Verfolgungsszenarien an. Für uns? Wie geht das – aus dem Lager gehen – mit einem Eigenheim, das voll steht mit Büchern, CDs, Kunst, mit Möbeln, mit Kleinigkeiten, mit Erinnerungen und so vielem, an dem das Herz hängt? Es ist schon schwer genug, die Lager des eigenen Denkens nicht zu Wagenburgen werden zu lassen, aus denen man sich nicht heraustraut. Wie viel schwerer ist es, in der Wirklichkeit unterwegs zu bleiben.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.           H. Hesse, Stufen

            Diese Worte gewinnt noch einmal einen herausfordernden Klang, wenn ich sie lese angesichts der großen Veränderungen, die für die Kirchen stehen, vor allem für die „Volkskirchen“. Es ist am Tage: wer sich den Veränderungen verweigert, treibt eine museale Erstarrung der Kirchen voran. Da wird aus einer weltoffenen, einladenden Gemeinschaft das Ghetto einiger weniger Gleichgesinnter werden. Das wird nicht die missionarische Gemeinschaft sein können, die Jesus gewollt hat, die die Liebe Gottes ausstrahlt. Da regiert die Angst vor Veränderung und nicht das Vertrauen auf den mitgehenden Herrn. Wir werden es neu lernen müssen: wir sind unterwegs zu der zukünftigen Stadt und eben noch nicht am Ziel.

Und Du läufst mir entgegen mit weit ausgebreiteten Armen und sagst: Komm. Und mein Weg durch die Zeit  ist der Heimweg zu Dir, mein Gott. Und mein Zuhause in der Zeit ist ein Zuhause auf Zeit. Du schenkst es mir und willst, dass ich mein Zuhause erlebe  als das Versprechen des großen Zuhauses bei Dir. Amen