Keiner soll zurück gelassen werden

Hebräer 13, 1 – 8

 1 Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern soll bestehen bleiben. 2 Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen. 3 Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper

  Mit den Beinen auf der Erde. Es zeichnet diese Schrift aus, dass sie zwar viel von der Wirklichkeit des Himmels redet,  aber darüber nicht die Erde vergisst. Die Hoffnung auf die himmlische Ruhe setzt Verhalten frei, prägt es, formt es. Gerade die am Himmel orientierten Christen bleiben der Erde treu. Sie überfordern sie nicht in ihren Erwartungen. Sie müssen auch nicht – womöglich gewaltsam – aus ihr ein Paradies machen. Solche Versuche hat es gegeben und sie sind, nicht nur bei den Wiedertäufern in Münster und im Bauernaufstand in Blutvergießen geendet. Es reicht, die Verhältinsse, vor allem die sozialen Verhältnisse, so zu “verbessern”, dass sie dem Leben dienen.

Es ist eines der großen Anliegen des Briefes, dass die Gemeinschaft unter den Christen tragfähig bleibt. Keiner soll zurück gelassen werden, keine abgehängt, keine allein und sich selbst überlassen. Wenn es stimmt, und es legt sich durch viele Bemerkungen im Text ja nahe – So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch etwa zurückbleibe (4,1); Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken(10,23);Werft euer Vertrauen nicht weg(10,35; Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie (12,12)als kleine Auswahl –, dass die Adressaten des Briefes Christen in der Bedrängnis sind, unter Druck von außen, dann leuchtet sofort ein, dass die gegenseitige Unterstützung so überaus wichtig ist. Die Liebe soll bleiben. Das griechische Wort kann auch „ausharren, standhalten im Kampf“ bedeuten. Ein Hinweis darauf, dass es Kraft und Stehvermögen braucht, auch in der Brüderlichkeit. Wir heute würden sagen: in der Geschwisterlichkeit.

Weil der Glauben in Beziehung stellt, zu Gott und zu den Schwestern und Brüdern, deshalb ist es auch eine Frage der Bewährung des Glaubens, wie Christen liebevoll miteinander umgehen. Zuspruch, Aufmerksamkeit, Trost, Beistand in Nöten, gute Worte – alles das sind Zeichen der Liebe. Sie ist zentrales Thema in der Christenheit, nicht nur für den Hebräer-Brief. “Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.” (1. Johannes 4,11) heißt es in einer Meditation, die das Thema breit entfaltet.

 Es ist konkretisierender Anschluss, wenn sofort der Hinweis auf die Gastfreundschaft folgt. Das ist nicht zuletzt deshalb in den Anfängen der Christenheit ein großes Thema, weil wandernde Zeugen elementar darauf angewiesen sind, dass sie Aufnahme in den Häusern vor Ort finden. Das ist zugleich einer der Punkte, wo deutlich wird: Die erste Gemeinde hat auch ethische Standards, die anschlußfähig an die Werte der Umwelt sind. Gastfreundschaft ist ein großes Thema im ganzen Orient – bis heute.

Wahrscheinlich ist das eines der großen Lernfelder für die mitteleuropäische Christenheit. Wie steht es um unsere Gastfreundschaft als Volk, als Kirche, angesichts von millionenfacher Flucht – aus Hunger, aus Verfolgung, aus Furcht  vor dem Krieg. Ich bin sehr dafür, dass Kirchen und Kirchengemeinden an dieser Stelle aktiv werden – und zwar nicht nur mit Appellen an die politischen Verantwortungsträger, sondern mit eigenen Initiativen. Es könnte sein, dass Gott uns Engel schickt und wir lassen sie draußen vor der Tür.

            Reinhard Mey hat das besungen in seinem Lied „Der Bruder“ und auf seine Weise ein Jesus-Wort aufgegriffen: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25,40)  Er erzählt in seinem Lied davon, dass er in den USA einen schwarzen Anhalter stehen lässt. Sein Schlussvers ist es, der die Brücke zu den Worten des Hebräer-Briefes bildet.

Vielleicht war es der Messias, der nach zweitausend Jahr‘n
Noch mal gekommen ist, und du, du hast ihn nicht gefahr‘n,
Mit deinem chromblitzenden, air-condition-daunenweichen Thron.
Oh, das kriegst du nicht so einfach wieder gutgemacht,
Du hast den Bruder nicht nach Haus gebracht!
Und einem Vater nicht seinen verlorenen Sohn.       R. Mey, CD Flaschenpost

            Manchmal reden uns Christen säkulare Musiker, die mit Kirche nicht so schrecklich viel im Sinn haben, doch eindringlich ins Gewissen.

Die Ehe soll von allen in Ehren gehalten werden. Und das Ehebett soll rein bleiben von Untreue. Denn Gott wird alle verurteilen, die verbotene sexuelle Beziehungen haben oder die Ehebruch begehen.

  Ehe ist nicht alles. Es gibt auch Ehelosigkeit. Aber wo Ehe ist, da steht sie unter dem Schutz des Wortes Gottes. “Das ist ganz die höchste Kunst im ehelichen Leben, zu wissen, dass man den Stand ansehen lerne nach der höchsten Ehre, nämlich dass er Gottes Stiftung ist und Gottes Wort hat…Ach, wollte Gott, dass ein jeder in einem solchen Sinn daherginge, dass er von Herzen sagen könnte: Dass ich mit meinem Ehegemahl hier sitze und lebe, dessen bin ich gewiss, dass es Gott so wohl gefalle, dass es Gott so gestiftet und geordnet hat, dass mich Gottes Wort solches heißt.”(Martin Luther in einer Hochzeitspredigt am 8. Januar 1531, zitiert nach: Luthers Epistelauslegung, Bd. 5, Göttingen 1983, S.429-430) So sieht es Luther, der an anderer Stelle durchaus auch sagen kann, die Ehe sei ein weltlich Ding.

 Mit dem Neuen Testament ist die laxe Sexual-Moral unserer Zeit, die mancherorts hinter der Relativierung der Ehe als guter Lebensordnung steht, nicht zu rechtfertigen. Lax in dem Sinn, dass “erlaubt ist, was gefällt”, was der Triebstruktur entspricht. Lax auch in dem Sinn, dass sie verschweigt, wie viel Schmerz zerbrochene Beziehungen mit sich bringen, wie viel Verelendung innerlich und äußerlich. Lax auch darin, dass es nicht wirklich klar gesagt wird, dass Kinder einen hohen Preis für die “Freiheit” der Eltern bezahlen, sich zu trennen.

Mit diesen harten Worten übersehe ich nicht, dass es auch ein Scheitern in Ehen gibt trotz guten Willens, trotz harten Kämpfens um neue Anfänge. In der medialen Öffentlichkeit wird das nicht genügend dargestellt. Da geht es mir zu glatt ab – von wegen: Wir trennen uns und bleiben Freunde.

Paulus jedenfalls, als anderer Autor des Neuen Testaments, grenzt im Blick auf ethische Verantwortung und Freiheit ein: “Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“(1. Korinther 3,22-23) und wenig später noch einmal, deutlich im Zusammenhang mit unseren Trieben: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“ (1. Korinther 6, 12)

 Es mag sein, dass diese Worte, auch die des Hebräer-Briefes, in unserer Zeit altertümlich und altmodisch klingen, dass es auch wie aus der Zeit gefallen ist, eheliche Treue hoch einzuschätzen. Aber genau dies ist die Position der Worte des Schreibers.

Es steht der Kirche, vor allem meiner lieben evangelischen Kirche, gut zu Gesicht, wenn sie bei aller Vielfalt der Lebensformen, denen sie Freiheit zuspricht und Respekt zollt, nicht vergisst, dass die Ehe zwischen Mann und Frau von einer besonderen Dignität ist. Das Gebot Gottes schafft einen Schutzraum um die Ehe und für die, die in einer Ehe leben. Das soll und darf nicht in der berechtigten Suche nach Gerechtigkeit und Freiraum für andere Lebensformen untergehen und verschwiegen werden.

5 Seid nicht geldgierig. sondern seid zufrieden mit dem, was ihr habt.  Gott selbst hat ja gesagt: »Ich werde dich nicht verlassen und dich keinesfalls im Stich lassen.« 6 So können wir voller Zuversicht sagen: »Der Herr steht mir bei, darum fürchte ich mich nicht. Was kann ein Mensch mir schon antun?«

Auch das ist wieder völlig neben der Zeit. Der Zeit heute. Aber so sind biblische Autoren. Sie fragen nicht nach den Meinungsumfragen unserer Tage. Sie glauben einfach nicht, dass Gier ein positiver Wert ist, das Schmieröl der Wirtschaft im Kapitalismus. Antriebskraft, um hohe Ziele zu erreichen. Die Geldgier, die Machtgier, die Gier nach Einfluß und Anerkennung –   das alles wird in der Schrift eher unter dem Leitbegriff Sünde verhandelt. Es ist ein Ausdruck fehlenden Gottvertrauens, der die Gier nach dem Geld so zügellos ins Kraut schießen lässt: “Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt?” fragt Jesus seine Jünger. “Sie sprachen: Niemals.” (Lukas 22, 35)

 Dass auch hier der Hebräerbrief nicht wie ein Fremdling in seiner Zeit und ethischen Grundsätzen seiner Umgebung steht, sei nebenbei angemerkt. Es gab immer ethische Entwürfe, die “Gier” eher für eine Entgleisung und die Genügsamkeit für eine Tugend gehalten haben. Wahr ist doch sehr schlicht: Mit einem genügsamen Menschen ist besser auszukommen als mit einem, der von seiner Gier beherrscht wird – was immer auch der Gegenstand seiner Gier sein mag. Das alles aber wird nicht als eine wünschenswerte menschliche Tugend eingefordert. Es ist begründet in der Fürsorge Gottes. Wer an den fürsorglichen Gott glaubt, der kann frei werden von Furcht. Von der Furcht, am Ende mit leeren Händen dazustehen und von der Furcht vor Menschen. Solche Ermutigung auch vor Gegenwind ist nicht nur damals nötig, sondern auch heute, auch wenn Bedrückungen nicht mehr in offener Feindschaft und Verfolgung bestehen, sondern einfach aus dem Leiden an der Kirche, am gesellschaftlichen Relevanzverlust der Kirche, an der Verunsicherung des Glaubens erwachsen.

7 Haltet die im Gedächtnis, die eure Gemeinde geleitet und euch das Wort Gottes verkündet haben. Haltet euch vor Augen, wie ihr Leben zu Ende gegangen ist. Und nehmt euch ihren Glauben zum Vorbild.

   Gedenkt an eure Lehrer. So lese ich und habe Menschen vor Augen. Menschen, die mir den Glauben nahe gebracht haben. Das Evangelium lieb gemacht. Es sind große Namen darunter und solche, die kaum einer kennt. Theologische Lehrer und Lehrer des Lebens. Es geht um Menschen, die zur Orientierung im Glauben geholfen haben – mit und ohne Amt, um Leute, die den Weg der Gemeinde mitbestimmen.

 Vor Augen habe ich Vorbilder, an denen ich sehen konnte: So geht Christ-Sein. Menschen, an denen für mich sichtbar geworden ist: So handelt Christus in der Welt. Er bringt seine Leute an das Ziel. Und ein Gut-Teil meiner Frömmigkeit ist bis heute: Nachmachen, was sie mir vorgemacht haben – in Worten und Werken, im Verhalten und im Erleiden. Darum kann man ihren Glauben zum Vorbild nehmen, nachahmen.

 8 Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und für immer.

            Was sehe ich an solchen Lehrern des Glaubens? Heute auch: an Lehrerinnen des Glaubens? Der Verfasser zählt weder Verhalten noch Eigenschaften auf. Jesus Christus gestern und heute und für immer  Das ist Bekenntnis in Worten. Aber es ist auch Bekenntnis im Tun. Mir will es scheinen, als sagte der Hebräer-Brief: Das ist an ihnen ablesbar, dass Christus da ist, nah ist, die Vergangenheit trägt und die Ewigkeit öffnet. Das haben sie oft mit anderen zusammen gesagt und aus dieser Gewissheit haben sie gelebt. Glauben durchgehalten. Ich höre hier weniger einen Lehrsatz als mehr einen Jubelruf. Auf ihn, Jesus Christus, haben sich die Lehrer unseres Lebens verlassen, die Apostel, von denen wir das Evangelium empfangen haben. Auf ihn können auch wir uns verlassen.

Zum Weiterdenken

 Es gehört zu den Erschütterungen meines Lebens, dass ich im hohen Alter entdecken muss, wie das Leben der Lehrer oftmals nicht übereinstimmte mit dem Lehren. wie ihr Glaube manchmal den Mund voll, zu voll genommen hat und die eigene Lebenspraxis dahinter zurück geblieben ist. Bei dem einen oder anderen haben ich im Abstand von Jahrzehnten tiefe Schatten ahrnehmen müssen, die mich verletzt haben. Ihr Leben hat ihre Worte nicht getragen. Es ist weit dahinter zurück geblieben.

 Ich möchte mich hüten vor Verurteilungen. Nicht zuletzt, weil ich doch selbstkritisch von mir weiß: Mein Leben hat zu oft nicht meine Worte gedeckt. Es war auch bei mir so, dass meine Lebensschritte zurück geblieben sind hinter dem, was ich gesagt habe. Ich gehöre zu denen, die den Mund zu voll genommen haben.

Herr Jesus, ich danke Dir für die Menschen, die mich auf den Weg des Glauben geleitet haben – manche ohne große Worte, nur durch ihr Beispiel. Ich danke Dir für die, die mich Dein Wort lieben gelehrt haben, die mir in ihrem Denken und Reden Wege gebahnt haben, Lust gemacht haben, für das Evangelium einzustehen.

 Ich danke Dir, dass Du mich so zum Glauben verlockt hast und nicht mehr loslässt. Dir lebe ich entgegen. Amen