Was bleibt

Hebräer 12, 18 – 29

18 Ihr seid nicht zum Berg Sinai gekommen, den man anfassen kann – nicht zu dem brennenden Feuer, zu Dunkelheit, Finsternis und Sturm. 19 Ihr seid auch nicht zu dem Schall der Trompeten gekommen und zum Dröhnen der Worte. Die Menschen, die das hörten, baten darum, kein weiteres Wort mehr hören zu müssen.’ 20 Denn sie konnten die Anordnung nicht ertragen: »Sogar ein Tier, das den Berg berührt, soll gesteinigt werden.« 21 Ja, die Erscheinung war so furchtbar, dass Mose sagte: »Ich habe Angst und zittere!«

Es folgt wieder die schon bekannte Denk-Figur, die dem Kleineren das Größere gegenüber stellt, dem Alten das Neue, dem Unvollkommenen das Vollkommene. Israel wurde an den Gottesberg geführt und erlebte dabei den Schrecken vor Gott. Feuer, Dunkelheit, Finsternis, und Sturm.  Israel erfuhr am Gottesberg, dass der heilige Gott und das unheilige Volk nicht zusammen passen. “Weh mir, ich vergehe!”(Jesaja 6,5) ruft der Prophet, als er im Tempel die Gottesgegenwart erfährt. Wir passen nicht zusammen – der heilige Gott und wir Sünder. Das ist eine Grunderfahrung des Menschen schlechthin. Und doch: Es ist nur eine vorläufige Erfahrung.

22 Ihr seid vielmehr zum Berg Zion gekommen und zur Stadt des lebendigen Gottes: zum himmlischen Jerusalem. Ihr seid zu Zehntausenden von Engeln gekommen, zu einer Festversammlung 23 und zur Gemeinde derer, die als Erste geboren wurden und im Himmel aufgeschrieben sind. Ihr seid zu Gott gekommen, der über alle Gericht hält, und zu den Gerechten. Sie sind schon zur Vollendung gelangt und ihr Geist ist schon bei Gott.  24 «Ihr seid zu Jesus gekommen, dem Vermittler des neuen Bundes – und zu dem Blut, mit dem ihr besprengt seid und das machtvoller redet als das Blut Abels.

Wie stellst du dir den Himmel vor? frage ich mich oft selbst. Und zucke zurück, weil ich ahne, dass alle meine Vorstellung zu kurz greifen.  Ich kenne die Warnung, die in einer mittelalterlichen Erzählung sprichwörtlich geworden ist. „Zwei Mönchen, die sich das Paradies in ihrer Phantasie in den glühendsten Farben ausmalten, versprachen sich gegenseitig, dass der, welcher zuerst sterben würde, dem anderen im Traum erscheinen und ihm nur ein einziges Wort sagen solle. Entweder „taliter“ – es ist so, wie wir uns das vorgestellt haben, oder „aliter“ – es ist anders, als wir es uns vorgestellt haben. Nachdem der erste gestorben war, erschien er dem anderen im Traum, aber er sagt sogar zwei Worte: „Totaliter aliter!“ – Es ist vollkommen anders als in unserer Vorstellung!“ Meine Vorstellungen sind nicht sehr tragfähig. Weil ich ja noch nicht jenseits der Grenze war. Da ist Zurückhaltung geboten.

             Ich teile aber auch nicht die glaubenslose Skepsis eines Stephen Hawkins, der gesagt hat: „Man kann nicht beweisen, dass Gott nicht existiert. Aber die Wissenschaft macht Gott überflüssig.“ (zit. nach Kreisanzeiger 15. 3. 18, S. 3) Ich teile sie deshalb nicht, weil es in mein Leben hinein Gotteserfahrungen gibt. Schmerzliche und schöne, erschreckende und tröstende.

Darauf kommt es dem Verfasser des Hebräerbriefes an: Die Christen haben auch die Gottesgegenwart erfahren – in Christus. Sie aber haben sie, im Unterschied zu Israel, erfahren als Ruf zum Leben, als das Geschenk der Gemeinschaft. die nicht einfach eine Versammlung, sondern eine Fest- und Freuden-Versammlung. Das ist das Ziel, das jetzt schon für die Christen vor Augen ist. Sie haben ihre Versammlung erfahren als die Eröffnung einer Zukunft, die den Himmel aufschließt, die den Weg in die Freude Gottes öffnet. Steht der Gottesberg noch halb verhüllt und drohend da, so wird der Blick der Christinnen und Christen auf das himmlische Jerusalem gerichtet als auf den Ort niemals endender Freude.  Diese Freude fängt schon hier an, weil es schon hier den Zugang zur Nähe Gottes gibt – in der Gegenwart.

Es ist ein kühner Gedanke, der hier aufleuchtet: Im Gottesdienst, wie armseliger er sich auch äußerlich anfühlen mag, realisiert sich die Wirklichkeit des Himmels. Schon jetzt, in irdischen Verhältnissen.

Dieser Ausblick, diese Zukunft ist Geschenk. Sie ist Gabe des Mittlers des neuen Bundes, Jesus. Alle Mühe des Lebens, alle Anstrengung lohnt sich, weil sie die  große Verheißung hat: Wer so lebt, dass er diesen Weg auf sich nimmt, die Jagd nach dem Frieden, die Solidarität mit den Mitchristen, die Treue im Bekenntnis, der wird den Herrn sehen. Letztlich wird so der Blick auf ihn gerichtet. Jesus ist die Zukunft der Christen. Ihm geht es entgegen.

25 Gebt acht, dass ihr den nicht abweist, der so zu euch spricht!

Heute hat der Schreiber früher gemahnt (3,13). Heute ist die Zeit, in der es zu hören gilt, in der es den Glauben zu bewähren gilt. Das greift er hier wieder auf. Gebt acht, dass ihr den nicht abweist, der so zu euch spricht! Damit ist das Wort gemeint, das zum Glauben ruft, zum Durchhalten, zum Vertrauen. Es ist nicht sein Wort, sondern das Wort dessen, der zur Rechten Gottes ist. Wer den Ruf der Gnade versäumt, der versäumt das Leben.

Die Israeliten haben Gott damals abgewiesen, als er auf der Erde seinen Willen verkündete. Sie sind ihrer Strafe nicht entkommen. Wie viel weniger werden dann wir entkommen, wenn wir den abweisen, der vom Himmel her spricht.26 Einst hat Gottes Stimme die Erde erschüttert. Aber jetzt hat er versprochen: »Noch einmal werde ich die Erde erschüttern – und nicht nur sie, sondern auch den Himmel.«

   Wieder stellt er die früheren Zeit und die Zeit jetzt einander gegenüber. Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses „einst – jetzt“ zu verstehen. Man kann in dem früheren Reden die Offenbarung am Sinai hören, das Gebot, die Weisungen Gottes. Er hat auf Erden geredet. Jetzt aber kommen seine Worte in anderer Weise, aus dem Himmel, von dem, der aus den Himmeln, auf die Erde gekommen ist, Jesus. Das wäre der „klassische“ Gegensatz zwischen altem und neuen Bund, Mose und Christus. Und Christus überbietet Mose.

Aber ich sehe noch eine andere Möglichkeit zu verstehen. Früher hat Jesus geredet als der, der auf Erden ist, einer wie wir, verwechselbar auch seine Worte mit allen anderen Worten von Menschen. Ihn in diesem Reden nicht hören war schon: seinen Ruf nicht hören, alleine unterwegs bleiben, sich nicht sammeln lassen in die Schar derer, die bei ihm „Ruhe für ihre Seelen finden“(Matthäus 11, 29). Jetzt aber redet er aus der Wirklichkeit des Himmels. Erhöht in die Herrlichkeit Gottes, die er denen öffnen will, die ihn hören und ihm folgen. Jetzt ist sein Wort der Ruf ins Heil und Nicht-Hören ist Heillosigkeit.

27 Dieses »Noch einmal« macht deutlich: Was erschüttert werden kann, weil es geschaffen ist, wird weggenommen. So bleibt nur das, was nicht erschüttert werden kann. 28 ‘Wir werden also ein Reich empfangen, das nicht erschüttert werden kann. Darum wollen wir dankbar sein. Wir wollen Gott dienen, wie es ihm gefällt: mit Ehrfurcht und heiliger Scheu.’ Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer!

Wie auch immer – beide Male geht es um das Hören auf das Wort. Im Wort bietet Gott uns Heil an, schenkt er sich selbst. Und der Schreiber kehrt gewissermaßen zurück zu seinen Anfangsworten: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ (1,1-2) Es ist der eine Gott, der spricht, der uns ruft, uns sucht, uns will.

Noch einmal. Sein Ruf ist dringlich. Er eröffnet unerschütterliches Reich in einer vergänglichen und vergehenden Welt. Zukunft. Das ist nicht eine verbesserte Version, sondern es ist Neuanfang, Neuschöpfung. Dem Vergehen, das diese unsere Welt kennzeichnet, wird das Bleiben gegenüber gestellt. Der Zeit die Ewigkeit. Auch wenn wir Ewigkeit gar nicht wirklich denken können. Es reicht: Sie ist die Gabe Gottes, die es zu empfangen gilt.  

            Ich lese: Es gibt in unserer Gesellschaft und vermutlich nicht nur in ihr drei Werte, die von überragender Bedeutung sind. An erster Stelle steht die Suche nach Sicherheit. Die Band „Silbermond“ singt in ihrem Nummer1-Hit „Irgendwas bleibt“: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nicht sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt.“ Postmodere ist extrem unübersichtlich. Nichts ist mehr sicher. Nichts gilt für alle und auf Dauer. Nichts wird in dieser Zeit des weggewischten Horizontes, der vollständigen Orientierungslosigkeit wichtiger, nichts ist seltener als ein kleines bisschen Sicherheit.“(H. Hempelmann, Was ist schon die Wahrheit in der Postmoderne, in: Brennpunkt Gemeinde 1 – 2018, S. 8) Kann es sein, dass sich Lebensgefühle über die Jahrtausende hinweg wiederholen? Sich womöglich gar nicht verändert haben?

Der Verfasser des Hebräer-Schreibens stellt der Welt voll Erschütterungen das ewig bleibende Reich gegenüber, das unerschütterliche Reich. „Ein unbewegliches Reich“ – so hieß es in der älteren Luther-Übersetzung. In einer Welt, in der so vieles in Wanken, ins Rutschen gerät, wächst die Sehnsucht nach dem festen Halt. Nach dem Ort, der nicht von der allgemeinen Verunsicherung erfasst werden kann.

Ich glaube nicht, dass diese Sehnsucht neu ist, eine Erfindung unserer Zeit. Sondern sie wird nur in einer Zeit bewusster wahrgenommen, die den ständigen Wandel der Dinge fordert und diesen Wandel oft genug als Fortschritt erklärt. Hauptsache anders als bisher. Ich halte innerlich dagegen. Neulich habe ich meine Lebens-Situation positiv(!) als „Ereignislosigkeit“ beschrieben. Es muss nicht dauernd etwas los sein, etwas abgehen, geboten werden. Es darf einfach einmal Zeit sein, in der nichts auffällig ist. In der Bibel steht dafür das Wort „Ruhe“. Wo keine Ruhe Raum hat, gibt es auch keinen wirklichen Aufbruch. Sondern nur hektische Unruhe. Der Hebräer-Brief weiß, dass wir diesen Ruhepunkt bitter nötig haben, damit wir uns nicht selbst verloren gehen. Und nicht nur uns, sondern auch Gott. Der Ruhepunkt Gottes: das unerschütterliche Reich.

„Ich bin durch die Welt gegangen, und die Welt ist schön und groß,
und doch ziehet mein Verlangen mich weit von der Erde los.

Ich habe die Menschen gesehen, und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen, und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

Sie suchen, was sie nicht finden, in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden und unbefriedigt zurück.

Es ist eine Ruh vorhanden für das arme müde Herz;
sagt es laut in allen Landen: Hier ist gestillet der Schmerz.“.                                                       E. Fürstin von Reuß 1867 EG Bayern/Thüringen 621

            Dieses bleibende Reich wird empfangen. Und für den Hebräer ist klar: es kann nur dankbar empfangen werden. Dankbar, weil die Gabe so überwältigend groß ist. Dankbar auch weil der Geber heilig ist. Eine Dankbarkeit, die sich paart mit Scheu und Furcht. „Auch in der Dankbarkeit darf der Mensch nicht vergessen, dass er es mit Gott zu tun hat.“(O. Michel, aaO. S. 327) Dieses Gefühl dankbarer Ehrfurcht, ehrfürchtiger Dankbarkeit wird im Hebräer-Brief so nebenbei wieder und wieder nahe gebracht. 

Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer. Ist das am Ende dann doch Drohung, mit dem schrecklichen Gott, mit dem Zorn? Manchmal klingt es ja so im Hebräerbrief. „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“(4, 12-13)  Und später wie eine Schlussfolgerung aus diesen Worten: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“(10, 31) Ist das so, dass es die Kirche im Gefolge des Hebräer-Briefes unternimmt, mit der Angst vor Gott zu disziplinieren, die Schäfchen in die eigenen Hürden zu treiben?

Zum Weiterdenken

Statt einer eigenen Antwort leihe ich mir Worte:

„Glaubst du an ein letztes Gericht? – Ich hoffe darauf. Wir haben ein Recht darauf, einmal unverhüllt vor dem Antlitz Gottes zu stehen, wo und wie auch immer – das weiß nur Gott. Es ist eine Gnade zu erkennen, wer wir sind und was wir waren. Es ist nicht nur Pein, wenn wir uns selbst schutzlos sehen und wenn wir gesehen werden, wie wir sind. ….Vielleicht ist es das Schönste, was man sich denken kann, dass einer, der uns liebt, uns in unseren Schwächen erkennt, ohne dass uns diese Erkenntnis vernichtet. Dass er „unseres Herzen Grund“ kennt, besser als wir ihn kennen, ist keine Drohung. Es ist der ganze Lebenstrost. Wer hungert nicht danach, endlich erkannt zu werden. Das Gericht Gottes als Akt der Liebe!“ (F. Steffensky, in: Andere Zeiten, 3/2013, S. 5)

 

Herr Jesus, ich habe Deinen Ruf gehört. Worte von Menschen, die mein Herz berührt haben. Ich habe Deinen Ruf gehört, in dem Du mein Vertrauen suchst, meinen Gehorsam, meine Hingabe an Dich und an die Menschen, mit denen ich lebe. Ich danke Dir, dass Du mich gerufen hast.  

Gib mir, dass Dein Wort in meinem Herzen Wurzeln schlägt, dass mein Leben Antwort wird auf Deine Liebe, Dein Vergeben, Dein Erbarmen, Deine Fülle. Antwort, die Anderen gut tut und den Weg zu Dir offen hält. Amen