Streng

 Hebräer 12, 1 – 17

 1 Wir sind also von einer großen Mengen von Zeugen wie von einer Wolke umgeben. Darum lasst uns alle Last abwerfen, besonders die der Sünde, in die wir uns so leicht verstricken. Dann können wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt.  2 Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung führen. Er hat das Kreuz auf sich genommen und der Schande keine Beachtung geschenkt. Dies tat er wegen der großen Freude, die vor ihm lag: Er sitzt auf der rechten Seite von Gottes Thron.

Wieder Darum. Aus alledem folgt… Die Argumentation des bisherigen Textes wird weitergeführt. Es kommt nicht etwas Neues, ein anderes Thema, sondern es werden Folgerungen aus dem bisher Gesagten gezogen.

Vorgeführt hat uns das Schreiben zuvor aus der hebräischen Bibel die Wolke von Zeugen. Die vor uns gelebt haben, sind für den Schreiber nicht einfach weg. Sie sind als Wolke um uns. Nicht lauter Einzelne, sondern dichtgedrängt, viele, Myriaden. “Wolke” ist weiter der Hinweis auf die himmlische Wirklichkeit. Jesus wird von einer Wolke vor den Augen der Jünger weggenommen (Apostelgeschichte 1,9). In ihr ist er in die Wirklichkeit Gottes eingegangen. Die ist nicht weit weg, sondern nahe, um uns. Alle, die vor uns geglaubt haben, sind präsent in der Gegenwart Gottes.

Ich mag diesen Ausdruck von der Wolke der Zeugen. Der Eingang in diese Wolke der Zeugen ist auch für uns das Ziel des Lebens. Er hilft mir, in einer leeren Kirche, in der sich ein paar Einzelne verlieren, zu glauben, dass wir nicht unter uns sind, nicht die letzten Übriggebliebenen einer früher einmal  großen Geschichte. Auch deshalb sind manche Kirchen so groß, himmelwärts gerichtet, damit die Wolke der Zeugen in ihnen Platz hat. Das klingt, zugegeben, schräg. Mir macht es Mut.  Diesen Mut braucht es ja auch, um Ballast abzuwerfen. lasst uns alle Last abwerfen. Das Bild vom Start zu einem Marathon-Lauf erscheint vor meinem inneren Auge.

Es ist ein vernünftiger Rat: Trage nicht mehr mit dir, als du wirklich brauchst. Jede*r Rucksack-Wanderer kennt diesen Rat und die Folgen, wenn man dagegen verstößt. Es gibt im Leben überflüssigen Besitz, unnötigen Ballast. Das müssen gar nicht immer nur „Dinge“ sein – es gibt Gewohnheiten, die schleppt man immer weiter mit sich. Es gibt Feindschaften, die schleppt man mit sich und trägt sie Anderen wie eine Altlast nach. Es gibt Kränkungen, von denen wir sagen: „Das vergesse ich dir nie“ und wir schleppen uns damit ab.

Ein Ballast wird direkt angesprochen: Die Sünde – das ist hier kein Moralbegriff. In dem Wort Sünde steckt „abgesondert“, ganz allein, nur auf sich zurückgeworfen. Tief in uns steckt, dass wir immer so tun, als ob es Gott nicht gäbe, als müssten wir alles selbst regeln, als müssten wir alles selbst ans Ziel bringen. Und die Sünde ablegen heißt nun: Diesen Glauben verlassen und stattdessen anzufangen, Gott und den Menschen zu trauen: Ich bin nicht allein – Gott ist bei mir und eine Menge Menschen auch. Es ist ein unglaublicher Entlastungsfaktor, wenn Eine*r das glauben kann: Gott wird es gut machen, auch wenn Manches unvollkommen bleibt. Dieser Ruf zum Ablegen ist ein Ruf in die größere Freiheit, in die Leichtigkeit des Seins.

Ablegen ist die eine Aufforderung, Aufsehen ist die andere Aufforderung. Sie hängen zusammen. Fast könnte man sagen: sie bedingen einander. Sich nicht mehr an dem orientieren, was ich habe, sondern mich umorientieren – an dem, hinter dem ich herlaufe.

Das ist gemeint: Orientierung an Jesus suchen. Er wollte nicht ganz nach oben – er ist ganz zu uns nach unten gekommen – dahin, wo Menschen leiden, sich fürchten, klagen. An ihm sehen wir: Gott hat ihn durchgebracht. Jesus hat seinen Weg durchgehalten, der wahrlich nach unseren menschlichen Maßstäben keine Erfolgsgeschichte ohne Ende war. Er hat seinen Weg durchgehalten, der ihm Feindschaft eingebracht hat, der ihn in Gefahr und schließlich ans Kreuz gebracht hat.

Warum sich an Jesus orientieren? Weil er uns vorgelebt hat, wie frei ein Mensch ist, der sich ganz auf Gott verlässt. Jesus war nicht dem Erfolg verpflichtet, sondern der Wahrheit. Er war nicht auf Macht aus, sondern hat aus der Liebe gelebt. Er hat niemandem alte Geschichten nachgetragen, sondern festgelegte und verfahrene Lebensgeschichten neu für die Zukunft Gottes geöffnet. Jesus hat vorgelebt, welch guter Grund für das Leben die Geborgenheit in Gott ist. Er hat uns – so sieht es der Hebräerbrief – hinein genommen in diese Geborgenheit – so wie einen ein Größerer mit hinein nehmen kann unter seinen weiten Mantel oder ein Gastgeber einem das eigene Haus öffnen kann.

3 Denkt doch nur daran, welche Anfeindungen er durch die Sünder ertragen hat. Dann werdet ihr nicht müde werden und nicht den Mut verlieren.

    An ihm sehen, dass Durchhalten lohnt. An ihm sehen, dass Widerspruch nichts ist, was überraschen sollte. Wer auf Jesus sieht, der sieht ihn im Konflikt, im Widerstreit, angefeindet.   Christen erleben nichts Anderes als Jesus Christus, zu dem sie gehören.  „Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. …. Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen.“ (Johannes 15, 18.20) Auch das meint das Wort Nachfolge – Schicksalsgemeinschaft.

Das zu sehen, hilft nüchtern sein. Nicht überrascht. Den Mut zu bewahren. Nicht matt werden. Hier, so mein Eindruck, greift der Schreiber wieder einmal weit zurück, auf das biblische Wissen seiner Leser: „Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40, 30-31) Auf den Herren sehen führt dazu, auf ihn zu harren und stellt in seinen Kraftstrom.

4 Noch habt ihr im Kampf gegen die Sünde nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet. 5 Ihr habt wohl schon die ermutigenden Worte vergessen, mit denen Gott sich euch als seinen Söhnen und Töchtern zugewandt hat:  »Mein Kind, schätze es nicht gering, wenn der Herr dich mit Strenge erzieht. Und verliere nicht den Mut, wenn er dich bestraft.  6 Denn wen der Herr liebt, den erzieht er mit Strenge. Und er schlägt jedes Kind, das er annimmt.« , 7 Ertragt es also geduldig, es dient zu eurer Erziehung. Gott behandelt euch als seine Söhne und Töchter. Und welches Kind wird nicht von seinem Vater mit Strenge erzogen? 8 Wenn ihr nicht die gleiche strenge Erziehung bekommt wie alle anderen, seid ihr sozusagen uneheliche Kinder und keine rechtmäßigen Söhne und Töchter.

Bis dahin kommt unsereiner gut nach. Aber jetzt wird es schwierig. Gott als Zuchtmeister. Und mit Strenge erziehen – ist das nicht “schwarze Pädagogik”? Prügeln. Misshandeln. Das Leben als Erziehungsweg. Prüfungsweg. Wer es nicht schafft, fällt durch und ist abgeschrieben. Das sind Bilder, die Widerspruch auslösen. So haben wir uns Gott nicht vorgestellt.

Es ist ein schwacher Trost, dass das griechische Wort παιδεία Erziehung meint und nicht Züchtigung, wie es noch in älteren und irritierend auch in neuen Übersetzungen heißt. Es tröstet nicht wirklich, wenn man sich klar macht, dass solche Sätze oft genug zur Rechtfertigung harter und brutaler Strafen herangezogen worden sind. In frommen Familien und in kirchlichen Einrichtungen, gleich, welcher Konfession.

Wahr ist natürlich: Es ist immer misslich, von den Wertmaßstäben der eigenen Zeit her andere Zeiten zu beurteilen. Man wird ihnen so nicht wirklich gerecht. Wir haben keinen Grund, uns früheren, strengeren Zeiten gegenüber aufs hohe Ross zu setzen. Ob unsere vernachlässigten und an kindliche Früherziehungs-Einrichtungen, Kitas etc. abgegebenen Kindern so viel besser dran sind als die früheren, die mit großer Strenge behandelt und manchmal auch gestraft wurden, steht noch dahin. “Schlag mich lieber bevor du mich nicht beachtest.” hat eine Freundin meiner Jugendtage ihrer Mutter gesagt. Ein Satz, der mich bis heute nachdenklich sein lässt.

Wahr ist auch: Hier wird der Versuch unternommen, das Schwere des Lebens, das was belastet, nicht einfach nur wegzudrücken, zu verleugnen, sondern es zu verstehen. Wenn das Belastende des Lebens auch aus den Händen Gottes kommt – dann muss es Anderes sein als bloßer Willkürakt. Darum kommt der Hebräer-Brief auf seine Pädagogik, die er für Gottes Pädagogik hält: So wie ein Vater seinen Kindern, ein Lehrer seinen Zöglingen Schweres zumutet, damit sie daran ihre Kräfte erproben, daran wachsen, so mutet Gott uns Schweres zu, damit wir daran wachsen.

So ist sein Gedankengang. Ist uns das gar so fremd? Wer kennt den Spruch nicht: „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.“Ich kenne Leute, die mir sagen: Was ich bin, wie ich bin, das hat ganz viel mit dem zu tun, was ich an Belastungen zu bewältigen hatte. Nicht die einfachen Wege, die schweren Zeiten haben mich reifen lassen, zu dem gemacht, der ich heute bin. Wenn ich das als Selbstzeugnis hören kann, kann es mir dann nicht auch zu einer allgemeineren Einsicht helfen?

  Es war einmal in einer wunderschönen Oase eine kleine, junge Palme. Eines Tages kam ein finstrer Geschäftsmann dorthin. Er war sehr unglücklich und ergötzte sich am Leid anderer. Er sah die kleine Palme hob einen schweren großen Stein auf und legte ihn in die zarte Baumkrone. Hämisch lachend zog er weiter.   Die kleine, junge Palme schüttelte sich, so gut es nur ging. Bog sich weit zur Seite und versuchte die große Last loszuwerden. Aber es gelang ihr beim besten Willen nicht. Zu fest saß ihr der Stein in der Krone. Da verwurzelte sich der kleine Baum immer tiefer im Boden und drückte gegen die steinerne Last nach oben. Seine Wurzeln erreichten das kühle Wasser, seine Wedel streckten sich zur Sonne und so entwickelte er sich zu einem stattlichen Baum.                                             

Nach vielen Jahren kam der finstre Geschäftsmann wieder an diese Stelle und wollte nachsehen, wie verkümmert diese Palme nun aussehen würde. Doch er konnte nur schöne Bäume wahrnehmen. Plötzlich beugte sich die größte und schönste Palme zu ihm herunter und er konnte sehen, dass ein großer Stein in ihrer Krone lag. Der Baum sprach: “Guter Mann, ich muss dir danken, ohne deine Last wäre ich nicht so königlich und stark geworden.”

Wie nahe ist diese Geschichte bei dem, was der Hebräer-Brief in einer ausgesprochen herben Sprache überlegt und was uns eher erschrecken lässt.

9 Bedenkt außerdem: Wir hatten unsere leiblichen Väter als strenge Erzieher und hatten große Achtung vor ihnen. Sollten wir uns dann nicht erst recht dem himmlischen Vater unterordnen und dadurch das ewige Leben erhalten? 10 Die leiblichen Väter haben uns für eine begrenzte Zeit streng erzogen, wie sie es für richtig hielten. Der himmlische Vater dagegen erzieht uns mit Strenge zu unserem eigenen Besten. Denn wir sollen Anteil bekommen an seiner Heiligkeit.

  Es ist nicht einfach Rechtfertigung von Strenge, auch nicht von strenger Erziehung. Väter sind fehlerhaft. Sie lassen sich von spontanen Einfällen leiten, folgen im Erziehen dem, wie sie es für richtig hielten. Noch einmal: Ich lese hier den Versuch, die Härte des Lebens zu verstehen und zu sehen, dass auch das Harte, das Schwere des Lebens zu unserm Besten dienen muss, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil erlangen. Und: Es ist der Vater, der uns das zumutet. Mit Vater für Gott geht der Hebräerbrief sehr sparsam um. Wenn er hier vom Vater redet, dann zum einen im Gegenüber zu den leiblichen Vätern, zum anderen aber auch, um hervorzuheben: Es ist der Vater, der uns lieb hat.

Im Griechischen steht da: πατήρ τω̃ν πνευμάτων. Vater der Geister. Einmalig im ganzen Neuen Testament. Es gibt auch die Lesart, die erlaubt zu übersetzen: „Vater der Geistlichen“ – und dann wäre gemeint: Gott ist in seinem Handeln der, der damit zu „Geistlichen“ erzieht. Bei Paulus findet sich das immer wieder einmal, dass er die Christen darauf anredet, dass sie nicht mehr fleischlich, sondern geistlich sind. So könnte ich mich mit diesem Ausdruck – und auch mit dem Ziel anfreunden. „Alles Geistliche muss natürlich, alles Natürliche muss geistlich werden.“ (Zitat unbekannt)    

 Es ist das Ziel damit wir an seiner Heiligkeit Anteil bekommen, von dem her der Hebräerbrief seine Sätze sagt. So fremd es uns sein mag – er ist damit in „guter Gesellschaft“ – jedenfalls, wenn man die Bergpredigt und den Bergprediger als „gute Gesellschaft“ ansieht: „Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“(Matthäus 5, 29-30) Ganz so streng haben wir uns wohl den Herrn Jesus auch nicht vorgestellt.

  

11 Eine strenge Erziehung bereitet im Augenblick scheinbar keine Freude, sondern Schmerz.Später dagegen schenkt sie denen, die durch diese Schule gegangen sind, Gerechtigkeit als ihre heilsame Frucht.

Zum Schluss wird uns noch eine Brücke gebaut. Wir müssen es nicht gut finden, wenn es hart im Leben zugeht. Wir müssen uns nicht freuen, wenn es uns schwer trifft. Es gibt das Wissen, dass die Lasten des Lebens zum Stöhnen bringen, dass man sich ihnen gerne entziehen möchte. Christen sind da nicht anders als alle anderen. Es wird nicht verlangt, dass wir in die Hände klatschen, wenn uns einer stirbt, dass wir jubeln, wenn uns das Leben zu Boden drückt, dass wir uns freuen, wenn es uns schlecht geht.

12 Macht deshalb die müden Hände und die erlahmten Knie wieder stark! 13 Und schafft für eure Füße gerade Pfade. Denn was lahm ist, soll nicht auch noch fehltreten, sondern geheilt werden.

Einmal mehr: Deshalb. Weiter geht es mit den Folgerungen, dem Aufzeigen von Konsequenzen. Es geht um Achtsamkeit, aber nicht nur für sich selbst. Achtsamkeit als Ermutigung für die, die erschöpft sind, müde geworden, von tiefer Resignation bedroht. Nicht: “Feuert euch selbst an(Sportplatz-Zitat Burgfeld Friedberg, Winter 2001),  sondern: Ermutigt euch gegenseitig. Imperative, die nicht befehlen, sondern befreien, aufmuntern, den Rücken stärken. Helft einander, „einen geraden Gang anzustreben und somit nicht zu schwanken.“ (A. Strobel, aaO. S. 235) 

Es kommt mir wie ein dichtendes Nachsprechen der Worte des Hebräer-Briefes vor:  

Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut, zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern; es ist das Ende gut.

Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn.                                                                           G.
Tersteegen 1738, EG 393

Darum gibt es Gemeinde, dass Einer dem Anderen den Rücken stärkt, dass wir gute Worte füreinander finden, dass wir uns helfen, dass wir gemeinsam weitermachen, dass wir einander den Blick nach vorne öffnen, auf das Ziel gerichtet unterwegs bleiben helfen. “Ich bin nicht nur auf meinen eigenen windschiefen Glauben angewiesen. Wir teilen den Glauben wie man Brot teilt in kargen Zeiten….Es entsteht eine neue Sehnsucht: sich einzufügen in den Gesang aller – der anwesenden Geschwister, der Engel und der Toten.” (F. Steffensky, in: Andere Zeiten, 3/2013, S.5)

14 Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen und auch um Heiligkeit. Ohne sie wird niemand den Herrn sehen. 15 Achtet darauf, dass niemand zurückbleibt und so die Gnade Gottes verliert.

Es versteht sich nicht von selbst, dass bedrängte Leute am Frieden festhalten. Sie können innerlich auf Kriegs-Modus schalten, sich mit der ganzen Welt in schier ohnmächtigem Kampf sehen und umso heftiger kämpfen und bekämpfen, was ihnen fremd ist. Es ist stark, dass der Brief hier gegensteuert: Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen. Das sind auch die, die einem das Leben schwer machen können.  Das sind Menschen, die sich feindselig gebärden können, von oben herab schauen auf diese merkwürdigen Christen, aus ihrer Ablehnung keinen Hehl machen. Ihnen gegenüber auf Frieden aus sein? Nicht klein beigeben, sondern im Gegenteil – ein großes Herz bewahren, großmütig sein, nicht Böses mit Bösem vergelten (Römer 12,17), nicht zurückschlagen, nicht verfluchen. Das ist ein Verhalten, das eine große innere Stärke zur Voraussetzung hat. Nichts für schwache Leute.

Es ist die Fußspur Jesu, in die hier gerufen wird: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 44-45) Es ist ein Verhalten, dass in vielen Texten des Neuen Testaments als grundlegendes Verhaltensmuster allen Christen ans Herz gelegt wird. So auch hier.

Wir dagegen haben uns mit dem großen Wort „Feindesliebe“ ein bisschen davon dispensiert. Das kann doch nicht ernsthaft von uns erwartet werden. Jesus mag ja so gelebt haben und auch so gestorben sein. Aber wir können so nicht leben und wollen so auch nicht sterben. Die Aufgabe aber, die der Hebräer-Brief sieht, ist die Umsetzung der Feindesliebe in beharrliches Alltagsverhalten. Der unbequeme und wunderliche Nachbar, die sonderbare Chefin, unfreundliche Kollegen, unbegreifliche Ehepartner*innen sind gemeint. Mit ihnen gilt es auszukommen.

Eine historische Reminiszenz: Im Buß-Streik von Montgomery/Alabama haben die Gemeindeglieder Martin Luther Kings dieses Verhalten praktiziert: „Rosa Parks wurde am 1. Dezember 1955 in Montgomery festgenommen, nachdem sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast freizumachen. Diese Festnahme hatte landesweit für Aufsehen gesorgt und führte unter den 42.000 Schwarzen in der Stadt zu dem Entschluss zivilen Ungehorsam zu leisten.“(Wikipedia) Sie haben sich beschimpfen lassen, sich angreifen lassen, ohne zurückzuschlagen. Den Frieden zu suchen, auch wenn er ihnen verweigert worden ist. Darin waren sie sehr stark und gerade nicht ohnmächtig schwach.

Gleichwertig steht neben der Jagd nach dem Frieden: Bemüht euch um die Heiligung. Es ist eine merkwürdige Formulierung. Wie kann ich etwas anstreben wollen, ihm nachjagen, das kein Ziel, sondern eine Gabe ist? Eine Gabe kann ich nur empfangen. Dafür braucht es leere Hände. Wenn unsere Heiligung ist, dass wir Christus gehören – dann braucht es dazu die Bereitschaft, mir das gefallen zu lassen. Und es braucht die Bereitschaft, aus dieser Zugehörigkeit heraus zu handeln, zu leben.

Ich glaube:  Heiligung zielt auf Alltagsverhalten. Das schließt Frömmigkeit nicht aus. Heiligung ist sicherlich auch Beten lernen, Gottvertrauen einüben, sich im Gottesdienst der Gnade Jesu versichern, achten auf das eigene sittliche Verhalten. Aber es wird zur Engführung, wenn wir nur das mit diesem Wort hören. Heiligung ist vor allem ein Sozialverhalten, das anderen eine Brücke zum Glauben baut, das sie einlädt und nicht abschreckt, das sie trägt und nicht abstößt, das sie ermutigt und nicht klein macht.

Heiligung gibt sich nicht mit Frieden als Abwesenheit von Krieg zufrieden. Sie will mehr. Die Zugehörigkeit zu Jesus wird im Zusammengehören mit den Brüdern und Schwestern gelebt. Das meint Heiligung.   Wenn ich es ganz einfach sage: Wir kommen nicht allein in den Himmel, sondern nur zusammen mit denen, die Gott uns als – manchmal auch wunderliche und anstrengende – Weggefährten mit auf den Weg unseres Lebens gestellt hat. Und wir tragen Verantwortung dafür, dass sie Gottes Gnade nicht versäumen. In meiner Sprache: Dass sie durch mein Tun und meine Worte entdecken können, dass Gott ihnen gut sein will.

Lasst keinen Spross aus einer giftigen Wurzel aufgehen. Sonst richtet sie Unheil an, und viele werden durch sie vergiftet. 16 Niemand soll unmoralisch oder ohne Gott leben wie Esau. Der hat für eine einzige Mahlzeit sein Recht als Erstgeborener verkauft. 17 Ihr wisst ja: Als er später den Segen und damit sein Erbe haben wollte, wurde er verworfen. Er fand keine Möglichkeit, sein Leben zu ändern, obwohl er unter Tränen danach suchte.

Es geht nicht um gegenseitige Kontrolle. Es geht nicht darum, aus der Gemeinde eine Überwachungsanstalt gegen moralische Verfehlungen zu machen. Aber es liegt dem Brief viel daran, dass die Christen einander helfen, nicht ausgeliefert zu werden an die Begierden, an  Triebe, an die Angst, das Leben zu verpassen. Es geht um mehr als um augenblickliche Verstimmung, die es fast überall einmal gibt. Es geht um das Negative, das sich festsetzen kann, als eine giftige Wurzel, aus der dann alle möglichen Schädigungen des Gemeindelebens   aufwachsen und Unfrieden anrichten. Schon das Hohelied weiß um die negativen Folgen unbeachteter Kleinigkeiten: Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben.“(Hohelied 2, 15)

Esau ist für die Lesenden damals ein abschreckendes Beispiel, weil er um der Augenblicks-Befriedigung willen seine Erstgeburt verkaufte. Sein leichtfertiger Verzicht ist nicht mehr gutzumachen, nicht mehr zu widerrufen. Darauf zielt das Argument; Seid Leute, die sich nicht an den Augenblick verlieren und darüber ihre ewige Zukunft bei Gott preisgeben. Seid auch Leute, an denen andere es sehen können, dass es mehr gibt als Essen und Trinken, als Erfolg und Karriere.

Zum Weiterdenken

Insgesamt: Es ist nicht so einfach mit solchen Sätzen. Schon damals für die Lesenden des Hebräer-Schreibens nicht.  Annehmen kann man sie wohl nur, wenn hinter ihnen eine Existenz steht, die am eigenen Leib und der eigenen Seele erfahren hat, wie hart es ist, solcher παιδεα, Erziehung, ausgesetzt zu sein. Dem Schmerz des Lebens. Damals der Verfolgung, Ausgrenzung, Diskriminierung um des Glaubens willen. Heute in unserem sicheren Land der Hinfälligkeit unserer Gesundheit, der Zerbrechlichkeit von Ehen, der Kälte von Entscheidungen von irgendwoher. Wir sind nicht sicher in unseren sicheren Verhältnissen.

Aber der Schreiber geht ja weiter: Es ist das Programm Gottes zu unserer Ertüchtigung, nicht nur zur Züchtigung. Zeichen dafür, dass wir Gottes geliebte Kinder sind. Wir sind es ihm wert, dass er so mit uns umgeht. Es ist wohl wirklich so: „Gott bekommt eine dunkle, von ihm selbst nicht aufgehellte Seite. Es besteht eine tiefe Differenz zwischen dem dunklen, rätselhaften Welthandeln Gottes und seinem sich der Welt erbarmenden Heilshandeln, mit dem er uns segnend, bewahrend und erlösend in der schwierigen Welt begleitet und dem Evangelium von seiner Barmherzigkeit glauben lässt.“ (P. Steinacker, zit. nach Hessisches Pfarrerblatt, 5/2018, S. 12) 

Es ist eine ziemlich verrückte Sicht des Glaubens, die Einem das aufdrücken will: Sei froh, dass du leiden darfst – es zeigt Dir, dass Gott Dich liebt. Dagegen darf man sich mit guten Gründen und auch mit dem Hebräerbrief als Bundesgenossen wehren: Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein. Oder, wie es auch aus dem Mund Jesu heißt „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.“ (Johannes 16, 20-23)

Bis dahin aber ist Zeit der Fragen. Bis dahin darf man sich an der „Erziehung Gottes“ reiben. Gott hält das aus.

 

Christus, Du bist nach unten gegangen in die Tiefe, in den Schmerz, in die Angst, in das Leiden – bis in den einsamen Tod am Kreuz, dem Zeichen des verworfenen Lebens.  Du bist diesen Weg gegangen in der Liebe zum Vater und in der Liebe zu uns.  Herr Jesus, hinter Dir hergehen kostet Mühe.  Den Weg des Friedens gehen kostet Mut. Sich nicht anpassen, nicht mitlaufen, nicht treiben lassen, kostet Anstrengung. Unsere eigene Kraft.

 

Gott, Du, unser Vater im Himmel, lass uns hinschauen auf das Leben, das sich schenkt; auf den Schmerz, der um andere leidet; auf den Zorn, der Gerechtigkeit sucht; auf die Ohnmacht, die die Liebe durchhält; auf das Leiden, das den Leidenden nahe kommt; auf den Tod, der den Tod zerbricht. Lass uns hinschauen auf Jesus, Deinen Christus, unser Heil.  

Weil Du weißt, wie rasch es mit unseren Kräften vorbei ist, willst Du uns stärken, ermutigen, zum Durchhalten helfen. Gib es uns, dass wir uns mit unserer kleinen Kraft an Dich anschließen. Amen    

 

2 Gedanken zu „Streng“

    1. Nein, muss nicht. Ich korrigiere sie im Augenblick auch wieder. Aber ich hänge dasThema auch nicht so hoch. Ich bin überzeugt: Die Welt geht nicht unter – nicht mit Sternchenm wie manche zu glauben scheinen und nicht ohne Sternchen, wie andere zu glauben scheinen.

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