Über das Sichtbare hinaus

Hebräer 11, 1 – 7

1 Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind.

              Das klingt wie eine zeitlose Definition des Glaubens. So wird es auch gerne gelesen und zitiert. In der ein wenig dümmlichen Kurzform: Glauben ist Nichtwissen. Aber das steht da nicht. Sondern was hier steht, ist die Summe der seitherigen Argumentation: Im Himmel ist schon Wirklichkeit, was wir noch nicht sehen, worauf wir aber hoffen: Jesus sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns. Das ist das Wissen des Glaubens. Darin macht er sich fest. Das schafft feste Zuversicht, lässt feststehen. Wer die Wirklichkeit reduziert auf die diesseitige Welterfahrung, der wird nur den Kopf schütteln können.

  Die Konzentration auf den einen Ausdruck Glauben darf nicht darüber hinweg täuschen: Es geht um ein ganzes Bündel an Verhaltensweisen. Zuversicht, Geduld, Gehorsam, Hoffnung und Vertrauen. Es ist eine Schwäche heutigen Redens vom Glauben, dass es diese Bandbreite des Verhaltens oft vernachlässig und stattdessen so klingt wie die Zustimmung zu irgendwelchen unverständlichen Glaubens-Sätzen. Dogmen.

2 Aufgrund ihres Glaubens hat Gott den Alten das gute Zeugnis ausgestellt. 3 ‘Aufgrund unseres Glaubens erkennen wir, dass die ganze Welt durch Gottes Wort geschaffen wurde. Das Sichtbare ist also aus dem hervorgegangen, was man nicht sieht

Das ist die Wirkung solchen Glaubens. Er macht offen für das Reden Gottes. Er öffnet den Blick, so dass die Wirklichkeit und Wirksamkeit Gottes in der Welt  gesehen wird.  Das ist der Vorgang, der hier zugrunde liegend gedacht wird: Von Schöpfung kann nur reden, wer den Schöpfer glaubt und sich ihm anvertraut. Im Glauben wird uns eine Sicht auf die Wirklichkeit geschenkt, die uns ohne den Glauben verschlossen bleibt. Dieser Glaube bringt Erkennen hervor. Er macht nicht blind, sondern hellsichtig, die Wirklichkeit durchsichtig auf ihren Grund hin: Die Welt ist durch das Wort Gottes geschaffen.

Es gibt Berührungen mit anderen Schriften des Neuen Testamentes. “Gott  macht die Toten lebendig und ruft das, was nicht ist, dass es sei.” (Römer 4,17) heißt es bei Paulus und damit wird ähnlich wie hier Hoffnung begründet. Gottes Wort erschafft sich seinen Gegenstand, so wie die Liebe Gottes. „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand“ (M. Luther, Heidelberger Disputation – 28. These, 1518) Das meint im strengen Sinn des Wortes “creatio ex nihil“, Schöpfung aus dem Nichts.

4 Aufgrund seines Glaubens brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain. Aufgrund seines Glaubens hat Gott ihm das Zeugnis ausgestellt, gerecht zu sein. Er hat es bezeugt, indem er Abels Gaben angenommen hat. Und aufgrund seines Glaubens spricht Abel noch heute, obwohl er längst gestorben ist. 5 Aufgrund seines Glaubens ist Henoch von der Erde weggenommen worden, sodass er nicht sterben musste. Niemand konnte ihn finden, weil Gott ihn weggenommen hatte. Bevor das geschah, hat Gott ihm schon das Zeugnis ausgestellt, dass er Gefallen an ihm gefunden hat.

 Jetzt folgt eine Art „Bibelstunde“ aus den Texten des Alten Testamentes und der Tradition des Judentums. Beispiele für die Wirkungen des Glaubens. Abel und Henoch werden als Erste genannt. Der Eine wird zum Opfer und dennoch ist er gerecht. Der Andere wird entrückt und so dem Zugriff des Begreifens entzogen. Sie fallen aus dem Schema unserer Vorstellungen heraus – und gerade damit sind sie Beispiele dafür, was der Glauben vermag. Er geht nicht in dem auf, was so gängige Vorstellung ist.

 6 Wer nicht glaubt, für den ist es unmöglich, dass Gott an ihm Gefallen findet. Denn wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass es ihn gibt- und dass er die Menschen belohnt, die ihn suchen.

Die Sprachebene wechselt. Auf die beiden Beispielen folgt eine Art Lehrsatz. Es ist der Glauben, der den Weg zu Gott offen erfährt. Es ist der Glauben, der den Weg zu Gott offen finden lässt. Es ist der Glauben, der den Weg dann auch wirklich gehen lässt. Und es ist gewissermassen die Mindest-Bedingung an Inhalt des Glaubens, dass einer weiß: Gott ist. Was manche Zeitgenossen heute schon für das Vollmaß des Glaubens halten, das ist für den Hebräerbrief und auch für andere Schriften des NT noch längst nicht alles. Erst wo aus dem Rechnen mit der Existenz Gottes ein Weg zu ihm wird, Vertrauen auf Gott, erst da ist im Sinn des Hebräer-Briefes wirklich Glauben.

7 Aufgrund seines Glaubens baute Noah eine Arche, um seine Familie zu retten. Gott hatte ihm ja eine Warnung zukommen lassen vor dem, was noch gar nicht zu sehen war. Und Noah gehorchte voller Ehrfurcht vor Gott. Durch seinen Glauben sprach Noah das Urteil über die Welt.  Und er wurde ein Erbe der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt.

  Der Autor kehrt zu seiner Bibelstunde zurück. Zu Noah. Was war das anders als Glauben, als er die Arche baute? Auf ein göttliches Wort hin. Von Regen, von Sintflut noch keine Spur. „Noah ist ein Vorbild, weil er aus Glauben die Arche baute, obwohl es menschlich unsinnig erschien und obschon die Furcht vor dem kommenden Unheil lähmend wirken musste“ (A. Strobel, aaO. S. 213) Noah machte sich zum Gespött. Aber in Wahrheit war es anders: Sein Tun wurde bestätigt und so zum Urteil über die, die ihn verlachten. Er ererbt Gerechtigkeit. Das ist in diesem Zusammenhang schlicht: Leben. Noah darf weiter leben.

Zum Weiterdenken

Dass der Glauben – so wichtig ist, zentral, wirklich alles entscheidend im Angesicht Gottes kann unsere Zeit nicht wirklich denken. “Am Anfang war die Tat” sinniert Goethes Faust und trifft damit das Denken unserer Tage schon vor fast 200 Jahren auf den Kopf. Auf das Handeln kommt es an. Ob einer, der gut handelt, glaubt oder nicht, scheint nebensächlich. Und das Urteil über unsere Taten sprechen die Menschen. Vor ihnen gilt es gut dazustehen.

 Mir will es scheinen, dass der Hebräer-Brief tiefer gräbt. Was einer glaubt, vor allem, an wen einer glaubt, wem er sich anvertraut, ob er sich geborgen weiß in Gott, wird sich unmittelbar auf sein Handeln auswirken. Wer nicht glauben kann, dass er in Gott geborgen ist, muss sich selbst bergen und notfalls dafür Bunker bauen. Wer nicht glauben kann, dass das Erbarmen Gottes in die tiefsten Tiefen reicht, der wird statt auf gnädiges Erbarmen auf fleckenreine Fehlerlosigkeit setzen müssen und fast zwangsläufig in der Perfektionsimus-Falle landen. Wer nicht glauben kann, dass Gott das letzte Wort hat, sondern es den Menschen zuschreibt, der wird abhängig von den Urteilen, die Menschen über ihn fällen, in seinem Umfeld, in den Medien, in den Geschichtsbüchern. Ich bündele diese Gedanken in einen sehr knappen Satz: Was wir von Gott halten, wird sich auswirken darauf, wie wir uns verhalten.

Himmlischer Vater, wir heutzutage haben keine so hohe Meinung vom Glauben. Wir setzten mehr auf Wissen. Wissen ist Macht. Wir setzen auf Macht und Machen. Wir setzen auf Stärke. 

Glauben klingt vielen nach Unsicherheit, Vermutungen, Spekulation

 

Stärke Du uns den Glauben, dass er unserem Leben Festigkeit gibt, dass er uns handeln lässt, dass wir Dich im Glauben fassen und uns festmachen in Dir. Amen