Überbietung

Hebräer 9, 1 – 15

 1 Nun gibt es auch im ersten Bund Vorschriften für den Gottesdienst und das Heiligtum hier auf der Erde. 2 Es wurde ein Zelt eingerichtet. Im vorderen Teil befinden sich der Leuchter und der Tisch mit den Schaubroten. Diesen Teil nennt man das »Heiligtum«. 3 Hinter einem zweiten Vorhang liegt der Teil des Zeltes, den man das »Allerheiligste« nennt. 4 Dort befinden sich der goldene Räucheraltar und die Bundeslade, die ringsum mit Gold überzogen ist. Sie enthält das goldene Gefäß, in dem das Manna aufbewahrt wird. Außerdem liegen in ihr der Stab Aarons, der wieder Blätter bekommen hat, und die Tafeln mit den Geboten. 5 Über der Bundeslade befinden sich die Kerubim – als Zeichen für die Gegenwart der Herrlichkeit Gottes. Sie breiten ihre Flügel aus über dem Ort der Versöhnung. Aber davon soll jetzt nicht im Einzelnen die Rede sein.

 Der erste Bund hat seine Satzungen. Und: Er hat seine Schönheit. Schon die karge Beschreibung lässt etwas ahnen, wie das Heilige seine äußere Gestalt gewinnt. Die Stiftshütte ist nicht ein Zelt wie alle Zelte. Der Tempel – von ihm ist hier die Rede ist nicht ein Haus wie alle anderen Häuser. Er ist durch seine Schönheit und die Kostbarkeit der Materialien ein Hinweis auf die innere, unsichtbare Kostbarkeit. Es ist ja bis heute so: Eine schöne Kirche trägt in sich das Versprechen, dass der Himmel schön sein wird. Sie vermittelt eine Ahnung von der Schönheit, die alles Schauen übersteigt.

            Hinter den Worten steht eine genaue Kenntnis des Tempels, bis in bauliche Details hinein und in die Ausstattung mit „Kult-Gegenständen.“ Man kann auch Respekt und Achtung hinter diesen Beschreibungen spüren.

6 So ist also das Zelt der Begegnung eingerichtet. Den vorderen Teil des Zeltes betreten die Priester, um dort jeden Tag ihren Dienst zu tun. 7 Den hinteren Teil dagegen betritt allein der Hohepriester und nur ein einziges Mal im Jahr. Er betritt ihn nicht ohne das Blut, das er darbringt – für sich selbst und für die Sünden, die das Volk unwissentlich auf sich geladen hat.

Die Unterscheidung der Räume im Tempel wird als ein Hinweis genommen für die Vorläufigkeit der irdischen Ordnungen. Das hat man ja in Israel immer schon gewusst, dass das Irdische nicht wirklich fähig ist, das Himmlische zu fassen und der Tempel nicht ausreicht als Wohnort Gottes. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“(1. Könige 8,27-30)

 Auch das wusste man wohl: So wenig wie der Tempel Gott fassen kann, so wenig vermögen die Opfer, die im Tempel gebracht werden, ihm wirklich gerecht zu werden. Sie sind „nur“ Bilder, „nur“ Symbolakte, und zeigen darin ein Wissen, dass es nicht hinreicht, um Gottes Wirklichkeit zu fassen. Es würde manche hitzige Debatte über die richtigen Formeln des Glaubens entschärfen, wenn wir uns erinnern ließen: Alles nur vorläufige, unvollständige Annäherungen. Kein Dogma beschreibt die ganze Wirklichkeit Gottes.   

8 Damit macht der Heilige Geist deutlich:  Der Weg zum himmlischen Heiligtum steht noch nicht offen. Das gilt, solange der vordere Teil des Zeltes bestehen bleibt. 9 Das ist ein Sinnbild für die gegenwärtige Zeit: Es werden zwar Gaben und Opfer dargebracht. Aber die können das Gewissen desjenigen, der Gott damit dient, nicht vollständig rein machen. 10 Es geht dabei nur um Speisen und Getränke und verschiedene Waschungen. Das sind lauter weltliche Vorschriften. Sie gelten bis zu der Zeit, wenn die himmlische Ordnung in Kraft tritt.

Es sind vorläufige Ordnungen, schwache Bilder, die vor allem Eines deutlich machen: Wir Menschen sind angewiesen darauf, dass Gott sich unser Tun gefallen lässt. Und, fast modern: Das alles, was da an Riten stattfindet, reicht nicht wirklich hin, um die Gewissen zu beruhigen, um die Fragen des Gewissens zur Ruhe kommen zu lassen.

Hinter der Schilderung der Stiftshütte taucht eine grundlegende Erfahrung auf: Religiöse Ordnungen kommen an ihr Ende. Sie sind nicht für die Ewigkeit, sondern für die Zeit. Sie sind darum auch nicht unveränderlich Jeremia kündigt das Ende des Standes der theologischen Lehrer an. (Jeremia 31,34) Jesus kündigt das Ende der Anbetung in Jerusalem und auf dem Garizim an. (Johannes 4, 20.21) Paulus sieht den Tempel abgelöst durch die Christen. Sie sind Tempel des Geistes, Wohnorte Gottes in der Welt. (1. Korinther 6,19) Sie sind der Ort der zukommenden Gegenwart Gottes. Bonhoeffer schreibt von „Christus als Gemeinde existierend“ und fährt fort: „Die Gemeinde kann niemals auf sich selbst verweisen, auf keinen eigenen Besitz.“(D. Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche, München 1971, S. 45)

Es ist Wirkung des Geistes, dass wir verstehen lernen. Auch verstehen lernen, was noch nicht offenbart ist. Und damit verstehen lernen, dass die alten Riten und Ordnungen nicht ausreichen. Der Geist ist in seiner Wirkung durchaus nicht nur darauf beschränkt, Rückenwind zu geben, vorwärtszutreiben, Wege zu zeigen, die wir vorher nicht gesehen haben.  Der Geist lehrt. Der Geist eröffnet Einsichten, die wir nicht von selbst haben. Der Geist lehrt, das Wort zu ergreifen und ab und an auch zu begreifen. Der Hebräer-Brief redet sparsam vom Heiligen Geist. Er hat es nicht so sehr mit Enthusiasmus, mehr mit Zähigkeit und Nachdenklichkeit und Festhalten am Bekenntnis. Er wirkt darin ein wenig “konservativ”.

Das alles macht verständlich, warum der Hebräer-Brief spürbar ohne Bedauern vom Ende der alten Satzungen, Ordnungen, des Tempels schreiben kann. Es sind nur vorläufige Ordnungen, gewissermaßen Vorspiegelungen des Kommenden. Darum kennt der Schreiber keine Furcht vor einer drohenden Leere. vielleicht könnte uns diese Sicht helfen, wenn wir auf den gegenwärtigen Rückbau und Umbau von Kirche sehen. Das verlangt ja den Abschied von liebgewordenen, weil gewohnten Ordnungen. Es scheint, sie können mutig beendet werden, damit Neues Raum gewinnen kann. Es ist der Abschied, der den Weg in neue Zeiten und neue Erfahrungen öffnet. Das wird nur gelingen, wenn wir auch die Angst vor dem Wandel verabschieden. Weil wir glauben, dass in der Zukunft Christus auf uns zukommt, „der  die Himmel durchschritten hat.“(4,14)     

11 Christus aber ist als Hohepriester gekommen und hat uns gebracht, was uns wirklich rettet. Sein Weg führte ihn durch ein anderes Zelt der Begegnung hindurch, das größer und vollkommener ist. Denn es ist nicht von Menschenhand gemacht, gehört also nicht zu dieser Schöpfung.

 Immer wieder der Hinweis auf den Gegensatz von Schatten und Wirklichkeit, Irdischem und himmlischem, Geschaffenem und Ungeschaffenem, Vergangenem und Zukünftigem, Vergänglichem und Bleibendem. Immer mit dem gleichen Ziel in der Gegenüberstellung: Christus ist der Hohepriester am Heiligtum des Himmels, am “Original”. Es geht um das “Haus, nicht mit Händen gemacht” (2. Korinther 4,1). So wird ja von Paulus beschrieben, was unsere Zukunft ist. Das Bild des Hauses wird zum Bild für das eigene Leben. Und alle Argumentation mit der himmlischen Stiftshütte zielt auch darauf, das Vertrauen auf die eigene Zukunft, auf dieses himmlische Haus zu stärken.

12 Christus brachte nicht das Blut von Ziegenböcken und Kälbern als Opfer dar, sondern sein eigenes Blut. So ist er ein für alle Mal in das Heiligtum eingetreten und hat die ewige Erlösung erwirkt.13 Wenn Menschen unrein geworden sind, genügt es, sie mit Blut von Böcken oder Stieren zu besprengen – oder mit der in Wasser aufgelösten Asche einer Kuh. So wird ihr Leib wieder rein, und sie sind heilig.14 Wie viel mehr bewirkt dann das Blut von Christus! Geführt vom ewigen Geist Gottes, hat er sich selbst als makelloses Opfer für Gott dargebracht. So reinigt sein Blut unser Gewissen von den Werken, die zum Tod führen. Dann sind wir dafür bereit, dem lebendigen Gott zu dienen.

Diesem himmlischen Haus als dem großen Ziel entspricht, dass es nicht durch Blut von Böcken und Stieren gewonnen wird. Der Yom Kippur, der große Versöhnungstag, an dem der Hohepriester die Schuld des Volkes auf einen Widder legt, wird durch den Karfreitag überholt Der Zugang zu diesem himmlischen Haus wird gewonnen durch die Hingabe des Einen, durch das Blut Christi. Nach diesem Opfer, dieser Hingabe gibt es keine Opfer mehr. “Wo die Sünde weggeschafft ist, hat sich jeder irdische Kult erledigt.” (E. Grässer, aaO. S.162)

 Christus ist das Ende aller Opfer. „Das Neue Testament verzichtet im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Mensch und Gott vollständig auf Gewalt und alle Formen des Opfers.“(A. Ebert, aaO. S. 126) In Jesus, durch ihn haben wir reine Gewissen. Durch ihn werden wir fähig, befähigt, gewürdigt, dem lebendigen Gott zu dienen. Wieder steht hier: ε̉φάπαξein für alle Mal. Unumstößlich. Unabänderlich.

            Wenn ich das schreibe: Christus ist das Ende aller Opfer, habe ich Opferzahlen vor Augen: Kriegsopfer, Missbrauchsopfer, Opfer häuslicher Gewalt, Opfer der Bankenkrise, Opfer von Betrügern und Kriminellen, Tieropfer für den Fortschritt der medizinischen Forschung. “Opfer müssen gebracht werden” sollen die letzten Worte des abgestürzten Otto Lilienthal gewesen sein. Es steht uns als Kirchen gut an, darauf hinzuweisen, dass es zu viele Opfer in der Welt gibt, bis heute und dass Gott keines davon für sich will und braucht.

15 Deshalb ist Jesus auch der Vermittler eines neuen Bundes. Sein Tod hat die Erlösung von den Übertretungen aus der Zeit des ersten Bundes bewirkt. Dadurch können alle, die berufen sind, das versprochene ewige Erbe erhalten.

 Deshalb. Das ist das Ziel: Alles geschieht, damit er den neuen Bund in Kraft setzt. Damit er die Erlösung bewirkt, damit er das Leben befreit aus den tausend Bindungen, aus der Angst, die die Übertretungen bewirken, als könnten sie den Zugang zu Gott für immer versperren. Er ist der Mittler des neuen Bundes. Das ist im Neuen Testament ein ziemlich seltener Ausdruck. ΜεσίτηςMittler, Bürge, einer, der vermittelt. „Denn es ist “ein” Gott und “ein” Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“(1. Timotheus 2,5) Nur hier, im Hebräerbrief, wird das so gesagt. Sonst taucht der Begriff nicht auf. Das könnte daran liegen: „Es gibt vom Menschen her nichts zu vermitteln – außer durch Jesus.“(E. Grässer, aaO. S. 169) Vielleicht liegt es daran, dass unser Wort Mittler, wie es ja auch im Begriff Mediator mitschwingt, eine Gleichwertigkeit voraus setzt, die das Neue Testament an keiner Stelle gegeben sieht. Die Versöhnung ist Geschenk. Sie ist nicht Ergebnis einer Mediation zwischen Gleichwertigen, auf Augenhöhe.

            Im Hintergrund ist im Text des Hebräerbriefes immer dieses andere Bild mit wirksam: Er, Jesus, hat durch sein Opfer den Weg in den Himmeln frei gemacht. Er hat uns erlöst aus einer Gefangenschaft, der gottesferne, aus der wir uns nie selbst erlösen konnten. So ist er „der Mittler“. Nicht als Mediator, sondern als Wegeröffner. Niemand kann mehr zuschließen, wo er die Türen geöffnet hat. Auf dem Weg in das himmlische Heiligtum hat er, der sich den Weg durch die Leiden der Welt nicht erspart hat, die Himmel durchschritten. Und nun ist durch sein Opfer der Weg frei, das verheißene ewige Erbe zu empfangen.

Zum Weiterdenken

 Einmal mehr: Argumentation im Komparativ. In der Überbietung der früheren Wege kommt der Weg Christi zum Leuchten. Man kann es dahingestellt sein lassen, ob das dem Weg Gottes mit seinem Volk gerecht wird, ihn auf die Rolle eines „Vorspiels“ zu reduzieren. Das alles lässt mich die Frage stellen: Muss man diese Passage nicht so lesen, dass sie ein Debatten-Beitrag sind? Eine Antwort auf Anfragen, die dem Glauben an den Erlöser Jesus Christus die Praxis der Opfer entgegen gehalten haben mit dem Hinweis: Das genügt doch. So ließe sich der immer mitschwingende polemische Unterton, der sich ja durch den ganzen Brief hin wiederholt, vielleicht verständlich machen.

 

Du, mein Herr Jesus, bist der Mittler. Du verbindest Gott mit uns und uns mit Gott. Du lässt uns nicht wegbringen von Gott. Nichts darf uns fernhalten. Nichts darf uns den Weg versperren. Du hast alles weggeräumt. Dafür hast Du Dich eingesetzt. Dein Leben. Begreifen werde ich das nie. Aber danken kann ich Dir dafür mein Leben lang.

 

Mein Gott, wie leicht gehen wir über Deine Treue hinweg, dass du mit Israel Deinen Bund geschlossen hast, dass Du Dein Gebot gegeben hast, dass Du in Israel Vertrauen auf dich geweckt hast. Wie leicht vergessen wir, dass Dein Volk in Dir Bergung gefunden hat, dass es eine Schönheit des Gesetzes gibt, eine Schönheit des Tempels, in dem Deine Name gewohnt hat.

 Verwehre es uns, dass wir daraus nur eine Vorgeschichte machen und nicht den Anfang des Bundes darin sehen, in den wir hinein genommen sind. Amen