Fremdes Denken und doch: Hilfe zum Glauben

Hebräer 7, 11 – 28

11Nehmen wir an, die Vollendung wäre bereits erreicht – durch die Priester, die Nachkommen von Levi sind. Auf dieser Grundlage beruht ja das Gesetz, das das Volk erhalten hat. Wozu wäre es dann noch nötig, einen anderen Priester einzusetzen – einen, wie Melchisedek es war? Man hätte doch einen Priester nach der Art Aarons benennen können.12 Wenn aber das Priestertum verändert wird, ist es nötig, auch das Gesetz zu verändern.

Darum also geht es: Vollendung. Was mit Vollendung übersetzt wird, meint in unserem Sprachgebrauch das Ziel, den gelungenen Abschluss. Wenn die Absichten Gottes mit dem levitische Priestertum völlig erreicht worden wären – dann wäre nichts anderes mehr nötig gewesen, kein anderer Priester nach der Ordnung Melchisedeks. Weil aber dieses levitische Priestertum nicht genügt, braucht es die andere Priesterschaft. Es ist die Analogie des Geschehens, die der Schreiber aufweisen will: Dass Gott neu handelt in Jesus ist gleichfalls Hinweis, dass die alte Ordnung nicht hinreichend war. Und darum kommt es jetzt zu einem Neuanfang, der sich folgerichtig auch auf das Gesetz auswirkt. Es braucht ein neues Gesetz oder eine neue Einstellung zum Gesetz.

Es ist schon in den Schriften Israels angelegt: Das Gesetz ist immer das Zweite, nicht das Erste. Dem Gebot am Sinai geht der Weg Gottes mit dem Volk voraus, die Zuwendung Gottes. Dem Neuanfang nach dem Exil mit dem neuen Suchen nach einem neuen Gehorsam gegen das Gesetz geht die Rückkehr aus dem Exil voraus. Immer ist die Zuwendung Gottes das Erste und das Gehen auf den Weg des Gebotes ist allenfalls Antwort. Die Gabe des Gesetzes resultiert aus der Zuwendung Gottes, sie ist nicht Voraussetzung für diese Zuwendung.

13 Tatsächlich gehört der, von dem hier die Rede ist, zu einem anderen Stamm.  Aus diesem Stamm hat noch nie jemand den Dienst am Altar verrichtet. 14 Es ist ja bekannt, dass unser Herr aus dem Stamm Juda hervorgegangen ist. Und über Priester aus diesem Stamm hat Mose nichts gesagt. 15 Noch viel offensichtlicher ist das Ganze, wenn ein anderer Priester eingesetzt wird, der mit Melchisedek vergleichbar ist. 16 Er ist es nicht aufgrund des Gesetzes geworden, das die leibliche Abstammung der Priester vorschreibt. Er ist es vielmehr deshalb geworden, weil er die Kraft des unzerstörbaren Lebens hat.

 Alles wird anders: Jesus kommt nicht aus einer priesterlichen Linie, einer Priester-Familie. Er kommt aus Juda, zu welchem Stamm Mose nichts gesagt hat vom Priestertum.   Von dieser Verbindung ist Jesus „frei“. Das Gesetz aber ist mit dem alten Priesertum verknüpft. Der Neueinsatz Gottes allerdings geht mit einer anderen Art Priestertum einher. Wieder wird dafür an Melchisedek angeknüpft. So wie er weder einer priesterlichen Regel noch dem Tod unterworfen ist (7,3), so ist auch der andere Priester nicht dem Gesetz und nicht dem Tod unterworfen. Er ist und handelt in der Kraft unzerstörbaren Lebens. Diese Lebenskraft hat kein Verfallsdatum. Sie kommt, so muss man sich das wohl denken, aus der Ewigkeit Gottes und an sie angeschlossen sein eröffnet die Ewigkeit Gottes.

Das ist eine Wendung, die es in der Bibel nur hier gibt. Es ist aber durchaus ein verwandter Gedanke, wenn es im Johannes-Prolog heißt: “In ihm war das Leben.”(Johannes 1,3). Mit Jesus ist die Wirklichkeit Gottes im Spiel, man könnte auch sagen: das Leben selbst.

Das ist wohl den vermuteten Adressaten, den Hebräern, geschuldet, dass dem so breiter Raum eingeräumt wird, die neue Wirklichkeit des Christusglaubens als die Überbietung der alten Ordnung darzustellen.

17 Die Heilige Schrift bezeugt über ihn: »Du bist Priester für alle Zeit, wie Melchisedek es war.« 18 Das frühere Gebot wird außer Kraft gesetzt, weil es schwach und nutzlos war. 19 Denn das Gesetz hat in keiner Weise die Vollendung gebracht. An seiner Stelle wird eine bessere Hoffnung eingeführt, durch die wir Gott nahekommen können. 20 Diese bessere Hoffnung wird nicht ohne Eid eingeführt. – Die Nachkommen von Levi sind ja Priester geworden, ohne dass Gott einen Eid geschworen hat. – 21Dagegen wurde der neue Priester mit einem Eid in sein Amt eingesetzt. Gott hat ihn abgelegt, als er zu ihm sagte: »Der Herr hat es geschworen. Seine Zusage wird er nicht bereuen: Du bist Priester für alle Zeit.«

Die ganze Zeit schon werden einige Verse aus Psalm 110 eingespielt, direkt oder auch als indirekt gebrauchte Argumentsationshilfen.

Der HERR sprach zu meinem Herrn: “Setze dich zu meiner Rechten,                       bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.«                                             Der HERR wird das Zepter deiner Macht ausstrecken aus Zion.                             Herrsche mitten unter deinen Feinden!                                                                             Wenn du dein Heer aufbietest,                                                                                           wird dir dein Volk willig folgen in heiligem Schmuck.                                              Deine Söhne werden dir geboren wie der Tau aus der Morgenröte.                       Der HERR hat geschworen und es wird ihn nicht gereuen:                                       »Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.«        Psalm 110, 1 – 4

Hier findet der Schreiber seine Anhaltspunkte, die er mit der Abrahams-Erzählung 1. Mose 14, 18-20 verknüpft und aus der er dann das Priestertum in der Ordnung Melchisedeks ableitet. Dieser Psalm spielt auch sonst in der jungen Christenheit eine wichtige Rolle. In allen drei synoptischen Evangelien argumentiert Jesus mit ihm: „Als nun die Pharisäer beieinander waren, fragte sie Jesus: Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie antworteten: Davids. Da fragte er sie: Wie kann ihn dann David durch den Geist Herr nennen, wenn er sagt (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege«? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn?“ (Matthäus 22, 41-45)

Die ganze Argumentation läuft auf den einen Satz hinaus. Du bist ein Priester in Ewigkeit. Wenn man so will: Der Schreiber erweist sich als einer, der die Autorität der Schriften Israels ungebrochen festhält und für seinen eigenen Glauben und sein eigenes Lehren in Anspruch nimmt. Vielleicht können wir das neu von ihm lernen: unser Glauben und unser Lehren aus der Schrift zu begründen und nicht nur aus unseren – mehr oder weniger frommen – Erfahrungen und unserem Gefühl.   

 Es mag uns fremd sein, so zu argumentieren. Worauf es aber ankommt, ist etwas sehr Schlichtes. Das Heil hängt nicht an der Treue, mit der Priester ihren Dienst getan haben, an dem unbedingten Gehorsam gegen das Gesetz. Das Heil wird nicht durch ein vollkommenes, sündloses menschliches Engagement erreicht. Hier gilt das harte Urteil: Das Gesetz konnte nichts zur Vollendung bringen. Sondern das Heil kommt durch einen neuen Schritt, den Gott tut, durch einen neuen Weg, den Gott öffnet, durch einen neuen Bundesschluss aus dem Willen und Herzen Gottes

 22 Insofern ist Jesus Bürge eines besseren Bundes geworden.

Ein weiteres Argument wird eingeführt, mit dem die Überlegenheit Jesu begründet wird: Den vielen Priestern, der lange Kette der Tradition steht er als der Eine gegenüber. Sie alle sind dem Tod unterworfen. Er aber bleibt ewig. Und weil er ewig bleibt, ist auch sein Priestertum ewig.

 23 Auch sind es viele, die Priester wurden, weil der Tod keinen bleiben ließ; 24 dieser aber hat, weil er ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum. 25 Daher kann er auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt für immer und bittet für sie. 26 Denn einen solchen Hohenpriester mussten wir auch haben, der heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern geschieden und höher ist als der Himmel. 27 Er hat es nicht nötig wie jene Hohenpriester, täglich zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen und dann für die des Volkes; denn das hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst opferte.

Jesu Priestertum ist nicht auf seinen irdischen Weg beschränkt. Das hebt auch Paulus hervor mit seinem zentralen Betonen der Fürbitte Jesu vor dem Thron Gottes: “Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.”(Römer 8,34) Es geht um Fürbitte, um den  priesterlichen Dienst Jesu. Das ist das letzte, vielleicht auch höchste Argument. Der ganze Abschnitt drängt darauf zu als einen Schlusspunkt des Gedankens: Irdische Priester, auch der Hohepriester, sind selbst sündhaft und auf Vergebung angewiesen. Bevor sie Opfer bringen können, müssen sie sich selbst “reinigen”. Jesus aber ist der eine, der ohne Sünde ist (4,15). Sein Opfer ist nicht um seinetwillen, sondern nur für uns. Er ist heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern geschieden und höher als der Himmel. Er gibt sich für uns – darauf darf der Glauben  bauen. Das gibt ihm seine Festigkeit. Daran machen sich die Glaubende fest.

Wie soll, kann man das mit dem Opfer Jesu verstehen? Braucht Gott dieses Opfer? „Nach Johannes Duns Scotus (1266 – 1308) war Jesus nicht gekommen, um Gottes Einstellung zu uns zu verändern, sondern um die Einstellung der Menschen zu Gott zu verändern. Nichts habe sich auf Golgatha geändert, lediglich die verwundbare Liebe Gottes habe sich gänzlich offenbart – damit wir uns ändern können. Jesus war genau jenes ein für alle Mal dargebrachte Opfer, um die Absurdität jeder Art von Opferreligion zu offenbaren. Wir haben auch im Christentum archaische Gottesbilder und Opfermuster verewigt, indem wir Gott zum Oberopferer erklärt haben und Jesus zum notwendigen Opfer…. Die Bedeutung des geschundenen Körpers Jesu besteht darin, dass er den Schmerz der Welt aushält und sich weigert, ihn anderswohin zu projizieren.“ (A. Ebert, Schwarzes Feuer, Weißes Feuer, München 2018, S. 129) Er stirbt, damit wir sehen, wie weit die Liebe Gottes geht – sie nimmt es auf sich, im Misstrauen der Welt ins Leiden, in den Tod zu gehen. Damit wir aufhören können, uns vor Gott zu fürchten. Darum ist die Zeit der Opfer vorbei.

28 Denn das Gesetz macht Menschen zu Hohenpriestern, die Schwachheit an sich haben; dies Wort des Eides aber, das erst nach dem Gesetz gesagt worden ist, setzt den Sohn ein, der ewig und vollkommen ist.

 Noch einmal: Das Gesetz ruft Menschen in Dienst. Sie sind Menschen und als solche schwach, hinfällig, anfällig. Später wird sich zeigen, dass der Hebräer-Brief gleichwohl groß vom Glauben solcher schwachen Leute reden kann. Er ist weit davon entfernt, die Geschichte Gottes mit seinem Volk klein zu machen. Aber sie ist überboten durch den Einen, den Sohn, der ewig und vollkommen ist.

 Zum Weiterdenken

In unserer Zeit haben wir es ein wenig verlernt, differenziert über die Ämter Christi zu sprechen. Wir sind zufrieden damit, dass wir sagen: Jesus liebt mich. Das ist für manche schon fast alles, wozu sie sich verstehen können. In der Lehr-Tradition der reformierten Kirche wird reicher geredet. Da ist von drei Ämtern Christi die Rede – er ist König, Priester und Prophet. Der Hebräer-Brief legt einen deutlichen Akzent auf dieses Amt des Priesters, weil die ein für alle Mal geschehene Versöhnung mit Gott für ihn der Haftpunkt der Hoffnung ist.

Betrachte ich die zurückliegenden Passagen, so merke ich, wie fremd mir die Art ist, in der der Hebräer-Brief argumentiert und denkt. Ich möchte nicht die Defizite der früheren Wege als dunkle Folie nützen, auf der dann Christus umso heller leuchtet. Ich versuche herauszukommen aus einer Sicht des Glaubens, die auf Abgrenzung und Überbietung setzt. Weil mein Glaube ja nicht dadurch tiefer wird, dass ich anderem Glauben oder anderer Religion Defizite unterstelle, dass ich ihn für unzureichend erkläre. Dieses Denken im Komparativ: höher als die Engel, besser als die Opfer des Tempels, ewig im Gegensatz zu sterblich, der eine Sündlose unter denen, die alle Sünder sind – das kann ich historisch nachvollziehen, weil sich die christlichen Gemeinde gewollt-ungewollt von ihrem Mutterboden des Judentums emanzipieren musste. Aber ich will nicht in diesen Denkformen stecken bleiben.

Mir sind die Geschichten der Evangelien nähe, die Bilder von Jesus malen, die mich anziehen, berühren, trösten und ermutigen.  Mir ist auch Paulus mit seinem Denkstil näher. Und doch: Das eher assoziative Reden des Hebräer-Briefes hat auch etwas für sich. Darin, dass es den direkten Zugriff verwehrt. Es stellt Gedankensplitter nebeneinander. Es fordert Langsamkeit, lädt zu bedächtigem Nachsinnen ein

Ich ergänze für mich: Auch das Unabgeschlossene meines Glaubens wird für mich spürbar. Wie schrecklich wäre das auch, wenn mein Glauben schon ein abgeschlossenes System hätte. In meinen Augen und in meiner Erfahrung ist das eines der Kennzeichen der Ideologie. Sie weiß alles. Sie erklärt alles. Sie lässt keine Lücken und achtet kein Geheimnis. Glaube aber bleibt im Betrachten, Fragen, Tasten, bleibt im Staunen und hält sich dabei an Worte, die ihm voraus sind. Es ist auch das Signal: ich in mit der Reise meines Glaubens noch nicht am Ende. Noch nicht perfekt. Wobei es zugleich entlastend ist: Ich muss auch gar nicht perfekt werden. Es reicht, dass ich auf dem Weg bleibe. Nicht, weil der Weg schon das Ziel wäre. Sondern weil er, Gott selbst, mit mir, mit uns auf dem Weg ist.

 

Herr Jesus, ich bin nicht fertig. Nicht mit dem Leben, nicht mit mir, nicht mit Dir. Herr Jesus

ein Leben lang versuche ich, Dir auf die Spur zu kommen, Dich zu betrachten, ein Bild von Dir zu gewinnen, Dein Wort zu begreifen. Aber es gelingt mir nicht. Du bist größer als alle meine Bilder. Du übersteigst meine Gedanken. Du zerbrichst sie. Du entziehst Dich meinem Begreifen.  

 

Ich komme mir so oft vor wie ein Anfänger im Lernen des Lebens, im Verstehen des Glaubens, im Vertrauen auf Dich.  Mühsam lerne ich, dass es genug ist, dass ich ergriffen bin von Dir. Amen