Gottes Vorspiel

Hebräer 7, 1 – 10

1 Dieser Melchisedek war König von Salem und Priester des Höchsten Gottes. Er ging Abraham entgegen, als dieser von seinem Sieg über die Könige zurückkehrte, und segnete ihn. 2 Abraham gab ihm den zehnten Teil von allem als seinen Anteil. Der Name »Melchisedek« bedeutet zum einen »König der Gerechtigkeit«. Zum andern bedeutet er aber auch »König von Salem«, das heißt: »König des Friedens«. 3 Er ist ohne Vater, ohne Mutter und ohne Stammbaum. Sein Leben hat weder einen Anfang noch ein Ende. So gleicht er dem Sohn Gottes und bleibt Priester für immer.

Einmal mehr wird die Schwäche unserer Kapiteleinteilungen schuldig. Der ganz nachfolgende Abschnitt knüpft nahtlos an der vorangegangenen Wendung an. Die Kapiteleinteilung zerreißt diesen Zusammenhang!

Jesus, ein Hoherpriester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks. So hat der Schreiber formuliert. Und jetzt erläutert er diese Formel, in einer schön ausgeführten Meditation über Melchisedek. Er nimmt dazu eine Szene aus 1. Mose 14, 18-20 auf. Melchisedek segnet den aus dem Kampf siegreich heimgekehrten Abraham. Das und dass Abraham ihm den Zehnten gibt, ist Hinweis genug:  Melchisedek ist “größer” als Abraham. , Priester des höchsten Gottes – „ein Ausdruck, der zur Zeit des Hebräerbriefes ausschließlich im Sinne des jüdischen Monotheismus verstanden werden konnte.“ (A. Strobel, aaO. S. 147) Frühere Zeiten hörten das anders als eine Aussage über den Herrn aller Herren, Gott über allen Göttern.

  Wer ist dieser Melchisedek? In der Tradition des Judentums weiß man mehr als der biblische Text hergibt: „Melchisedek wird von der Haggada mit Sem, dem Sohn Noahs identifiziert…. Du kannst es erkennen, das Sem geopfert hat; denn es heißt: Und Malki-Çedeq, der König von Schalem brachte Brot und Wein heraus, derselbe war ein Priester des höchsten Gottes.“ (Strack-Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Bd. III, München 1975, S. 692) Sein Name Melchisedek ist doppelt bedeutsam und doppelt deutbar: König der Gerechtigkeit und  König des Friedens.

 Von Melchisedeks Herkunft weiß man nichts. Es wird nicht gesagt wird, wo er herkommt –  ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum.  Ein „Seiteneinsteiger“ dubioser Herkunft, so wie Jesus als Rabbi das auch ist – Seiteneinsteiger dubioser Herkunft. Einer wie eine Vorabbildung des Sohnes Gottes. Man könnte in dieser unbekannten Herkunft eine Nähe zu Worten Jesu hören: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.“(Johannes 3,8)

Ein wenig stolpert man gleichwohl schon beim Lesen: Von Jesus ist doch bekannt, woher er kommt: Aus Nazareth, Zimmermanns-Sohn mit einer langen Ahnenreihe. Zumindest wird eine solche von den Evangelisten Lukas (Lukas 3,23-38) und Matthäus (Matthäus 1, 1-16) überliefert, wenn auch in je eigentümlicher Ausprägung. Es gibt die Hinweise auf seine geheimnisvolle Herkunft aus Gott – bei Matthäus, Lukas und Johannes. Die biologische Herkunft aber interessiert unseren Schreiber nicht. Er sieht den  Sohn von Ewigkeit her – präexistent – und in alle Ewigkeit bei dem Vater. Etwas davon spiegelt sich in Melchisedek.

Es ist die geheimnisvolle Überzeitlichkeit, die der Schreiber bei Melchisedek wahrnimmt und auf Jesus hin deutet, auf die es ihm ankommt  Dabei empfinden wir heutigen Leser es irritierend, wie aus dem Schweigen des biblische Ursprungstextes über eine Person wie Melchisedek eine Fülle an Aussagen abgeleitet werden kann. Denn was im ersten Mosebuch steht, ist ja höchst spärlich: “Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten.” (1. Mose 14,18) Und auch die Erwähnung in Psalm 110 gibt nicht wirklich viel her: “Der HERR hat geschworen und es wird ihn nicht gereuen: »Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.« (Psalm 110,4)

Diese karge Ausbeute schlägt sich auch im Neuen Testament nieder. “Mag sich hinter diesem Namen alte kanaanäische Tradition verbergen, so ist die Bibel, zumal das NT, daran gerade nicht interessiert…. Melchisedek hat selber keine Heilsbedeutung. Er bildet nur Christus im Voraus ab.”(Osterloh/Engelland, Biblisch-Theologisches Handwörterbuch, Göttingen 1954, S. 389) Aus diesem durchaus doch spärlichen Befund macht der Hebräerbrief erstaunlich viel.

4 Beachtet doch, wie bedeutend Melchisedek ist: Abraham, der Stammvater Israels, gab ihm den zehnten Teil der Beute. 5 Zwar haben auch die Nachkommen von Levi, denen das Priesteramt übertragen wurde, dieses Gebot: Nach dem Gesetz nehmen sie den zehnten Teil vom Volk das heißt von ihren Brüdern und Schwestern, obwohl diese wie sie selbst von Abraham abstammen. 6 Melchisedek dagegen stammte nicht von ihnen ab, dennoch nahm er von Abraham den zehnten Teil. Außerdem segnete er ihn. Dabei war es doch Abraham, der Gottes Versprechen bekommen hatte.

Manchmal wird der Schreiber ein Opfer seines großen Wissens. Über den großen Melchisedek will er sprechen und schweift ab. Durch das Stichwort Zehnten kommt er darauf. Auch die Leviten haben ja das Recht, den Zehnten zu nehmen. Aber sie sind nicht „größer“ höher, als die, von denen sie diese Abgabe empfangen. Das aber will er von Melchisedek schon sagen, um der Parallelität willen zu Jesus, dem Sohn Gottes. Melchisedek erhält den Zehnten von Abraham, nicht um des Rechtsanspruches eines Stammes willen, sondern einfach, weil er ist, der er ist. Seine Antwort auf die Gabe des Zehnten: er  segnete den, der die Verheißungen hatte. So bestätigt der Priester die Verheißungen Gottes.

7 Es ist aber unbestritten, dass der Niedrigere vom Höhergestellten gesegnet wird. 8 Im ersten Fall sind es sterbliche Menschen, die den zehnten Teil nehmen. Im zweiten Fall ist es dagegen einer, von dem bezeugt wird, dass er für immer lebt. 9 Als von Abraham der zehnte Teil gefordert wurde, wurde er damit schon von Levi gefordert – also von dem, der sonst den zehnten Teil bekommt.  10 Denn weil er von Abraham abstammt, war Levi sozusagen bereits mit anwesend, als Melchisedek diesem entgegenging.

Dieses letzte Argument wird jetzt noch einmal unterstrichen: Segen geht immer von oben nach unten.  Der Größere segnet, der/das Geringere wird vom Höheren gesegnet. Darauf läuft es hinaus: Es gibt Größeres als Abraham, einen Größeren als ihn, der doch der Stammvater Israels ist und aus dem – über die Generationen hin – die Leviten stammen. In Melchisedek ist dieser Größere auf dem Plan.  Von der Art der Argumentation ist es die Form, die der Hebräer-Brief gerne nützt: Das Größere als Überbietung des Kleineren, das Jüngere als Überbietung des Älteren.

Warum argumentiert der Schreiber in dieser Weise?  Es geht, auch in der Überbietung, um den Zusammenhang der Geschichte Gottes. Das ist sein Ansatzpunkt: „Gott hat vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet zu den Vätern.“ (1,1) In die Reihe dieses Redens gehört auch, was von ihm über Melchisedek erzählt wird. Was jetzt, heute, verbindlich, tragfähig sein soll, muss in einem Zusammenhang zu diesen alten Worten Gottes stehen. Gott redet nicht heute so und morgen ganz anders.

Zum Weiterdenken

Es geht dem Hebräer-Brief – und in seiner Spur auch aller Auslegung dieses Briefes, also auch hier –  um Kontinuität, Verlässlichkeit, Beständigkeit – auf der Seite der Menschen und auf Gottes Seite. Dass Gott sich treu bleibt in seinem Tun und seinem Wort, das zu zeigen ist das Anliegen des Schreibers auch in dieser Meditation über Melchisedek.

Das Neue Testament ist insofern an das Alte Testament gebunden, als es niemand freisteht, das Weitergehen Gottes in seiner Offenbarung losgelöst von dem bis dahin kundgegebenen Gotteswillen zu verstehen.“ (W. Löw, aaO. S. 52) Diese Vorgabe hilft zur Unabhängigkeit gegenüber zeitgeist-dominierten theologischen Phantasien wie denen der Deutschen Christen 1933. Sie bindet zuallererst und bedingungslos zurück an das Wort und fordert die oft mühsame Auseinandersetzung und das Fragen nach dem richtigen Verstehen. Das ist die bleibende Aufgabe der auslegung und der Verkündigung, auch heute: Sich an das Wort binden, auch und nicht zuletzt, um dem Zeitgeist frei gegenüber und entgegen treten zu könne.

 

Mein Gott, manchmal lese ich Dein Wort und frage mich: Hat das noch Bedeutung für mich heute in dieser Zeit? Aber dann sehe ich: Durch die Zeiten hindurch erfüllst Du Dein Wort. Manches ist wie ein Vorspiel, wie ein Versprechen. Und Du verlierst es nie aus dem Blick. Du gehst Schritt um Schritt

 Öffne mir die Augen, Deine Beständigkeit in der Vielfalt der Wege zu sehen, die Du mit Deinem Volk gegangen bist. Die Du heute mit uns gehst. Amen