Der feste Anker

Hebräer 6, 9 – 20   

9 Auch wenn wir so reden, meine Lieben, sind wir davon überzeugt: Auf euch trifft das Bessere zu, und ihr werdet gerettet werden. 10 Gott ist ja nicht ungerecht. Er vergisst nicht, was ihr getan habt. Ihr habt eure Liebe zu ihm bewiesen. Denn ihr habt die Heiligen unterstützt und unterstützt sie auch weiter.

Ist der Schreiber über seine eigenen, so überaus harten Worte zum Thema „zweite Buße“ zuvor erschrocken? Jetzt jedenfalls baut er seinen Lesern eine Brücke: Es steht ja nicht so um Euch, dass Ihr verloren wärt. Ihr müsst das alles nicht direkt auf Euch beziehen „Sie sollen sich bei alledem nicht als Aufgegebene oder Verstoßene wissen.“ (A. Strobel, aaO. S. 139) Was wirklich gilt und was Ihr auf euch beziehen dürft, soll, ja müsst: Ihr werdet gerettet. – was euch zum Heil gereicht, so wörtlich. Weil Gott an ihnen festhält, sollen sie auch an Gott festhalten.

Der Heilswille Gottes ist intakt und in Geltung. Gott vergisst nicht, was ihr aus Liebe getan habt. Weil es vor Gott gilt: nichts, was aus Liebe getan worden ist, ist vergeblich und fällt ins Vergessen. Wie einig ist sich der Hebräer-Brief hier mit Johannes: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“(1. Johannes 4, 7-8) In der Liebe zu den Schwestern und Brüdern zeigt sich die Liebe zu Gott. Auf diese Liebe antwortet Gott. So unbefangen können biblische Texte davon reden, dass es sich „lohnt“, zu tun, was Gott entspricht.

Steckt hinter der Wendung euer Werk und die Liebe, die ihr zu ihm erwiesen habt, irgendeine besondere Anstrengung? Ein besonders vorbildlicher Einsatz über die Gemeindegrenzen hinaus? Ein Engagement, das den normalen Rahmen gebotener Mitmenschlichkeit sprengt? Ich denke anders, alltäglicher: Was sie im ganz normalen Alltag als Liebe, Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft leben, das bleibt nicht ohne Langzeitfolgen – im Miteinander und im Gedächtnis Gottes.

 11 Wir haben aber einen sehnlichen Wunsch: Jeder von euch soll sich mit dem gleichen Eifer für die Stärkung der Hoffnung einsetzen – bis zum Ende. 12 Tut doch nicht so begriffsstutzig. Nehmt euch vielmehr die zum Vorbild, die durch Glauben und Ausdauer das versprochene Erbe erhalten.

Durchhalten, Festhalten, beständig Werden – das ist das Thema, um das es auch hier wieder geht. Es ist der Cantus firmus des ganzen Schreibens: Bis ans Ende, ans Ziel kommen. Nicht vorzeitig aufgeben. Weil es die Gefahr bei den Lesenden gibt, dass manche aufgeben, müde geworden sind, erschöpft in ihrem Glauben, weil das Leben so hart mit ihnen umgeht. Dabei findet der Schreiber kühne Worte: Nehmt euch vielmehr die zum Vorbild, die durch Glauben und Ausdauer das versprochene Erbe erhalten. Die jetzt im Glauben unterwegs sind, sind nicht die Ersten auf diesem Weg. Vor ihnen gab es schon Andere und die haben auch durchgehalten. Später werden sie noch ausführlich aufgezählt und vorgeführt werden (11,1-40). Sie alle haben ihren „Lohn“ empfangen, erfahren, dass es sich lohnt, Glauben und Geduld zu bewahren. Sie sind Erben der Verheißungen geworden.

Bei diesem Erbe geht es nicht um irgendetwas Kümmerliches. Hoffnung in Fülle, Reichtum der Hoffnung. Darauf werden die Christen ausgerichtet. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Johannes 10, 11) Und er verheißt seinen Jüngern „vollkommene Freude“ (Johannes 15,11). Die Bibel kann sich kaum genug tun mit dem Ausmalen dieser Hoffnung: Die himmlische Stadt, in der alles zwölfmal Frucht trägt, das Festmahl ohne Ende, der Platz am Tisch Gottes, der ewige Lobgesang, die Teilhabe an der Freude Gottes.

Es wartet eine große Zukunft, nicht ein kümmerliches „trotzdem“. Der Glaube nimmt den Mund voll. Er hat Grund dazu durch die Verheißungen Gottes. „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“ heißt es bei Bonhoeffer ganz im Sinn des Hebräerbriefes. Große Worte gegen Trägheit, gegen Resignation. Große Worte, die Resiliienz stärken, die Widerstandskräfte mobilisieren, danach sucht der Schreiber. Und nach Bildern, Geschichten, die diesen Worten Farbe leihen.

 13 Als Gott dem Abraham sein Versprechen gab, schwor er bei sich selbst. Denn er konnte ja bei niemand Größerem schwören. 14 Er sagte: »Ich will dich mit meinem Segen segnen und dir zahlreiche Nachkommen geben.« 15 So wartete Abraham geduldig und erhielt die versprochene Gabe.

  Abraham ist so ein Bild. Ihm hat Gott sein Wort gegeben. Auf ihn hat er seinen Segen gelegt: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12,2) Und dann war für Abraham Warten angesagt, Durststrecke. So lange, dass es ihm schier die Geduld rauben wollte. Und weil Gott das „spürte“, hat er die Verheißung erneuert: „Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“ (1. Mose 15,5) Und dann später wieder und wieder die Erneuerung der Versprechen Gottes. Das zu erzählen ist nicht nötig. Dem Hebräer-Brief reicht das „Resultat“: So wartete Abraham in Geduld.

Gott selbst stärkt die Geduld des Abraham. Nicht von Natur aus ist Abraham geduldig, gewissermaßen mit Geduld als Naturell gesegnet. Gott hilft ihm zur Geduld. Vielleicht darf man sagen: So stärkt Gott auch die Geduld der Lesenden des Hebräer-Briefes. Durch diese so menschlichen Worte eines anonymen Autors, die er zu seinen macht.

 16 Menschen schwören ja bei einem Größeren. Der Eid dient ihnen zur Bekräftigung und lässt jeden Einwand verstummen. 17 Deshalb hat Gott sich mit einem Eid verbürgt. Er wollte denen, die das versprochene Erbe erhalten, ganz klar zeigen, dass sein Wille unumstößlich ist..

Auf den ersten Blick ist es ein Wechsel zu einem Nebenthema, durch das Stichwort „Schwur“, „Eid“ ausgelöst. Aber in Wahrheit bleibt der Brief seiner Linie treu. Gott steht für sein Wort ein. Er hat sich daran gebunden mit der stärksten Bindung, die es gibt, mit einem Eid. Dieser Eid nimmt in Jesus Gestalt an, gewinnt ein Gesicht. Auf diese Selbstbindung Gottes dürfen wir unbedingt trauen.

 18 Diese beiden unumstößlichen Tatsachen, bei denen Gott unmöglich lügen kann, sollen uns ermutigen und stärken. Wir haben unsere Zuflucht darin gesucht, an der Hoffnung festzuhalten, die uns in Aussicht gestellt ist.  19 Sie ist für unser Leben wie ein sicherer und fester Anker. Dieser reicht hinein bis ins Innerste des himmlischen Heiligtums, den Raum hinter dem Vorhang.

Weil das so ist, darum haben wir einen sicheren und festen Anker für unser Leben. Ein Anker für das Leben, nicht nur für die Seele. Wir brauchen diesen Außenhalt. weil keiner sich am eigenen Schopf über Wasser halten kann. Es mag sein, dass dies der Vorzug ist, den der Glauben mit sich bringt: Wir wissen, dass wir diesen Anker brauchen, weil es nicht im Alleingang geht, und wir haben diesen Anker in Christus. Extra nos – das Heil kommt uns von außen zu. so hat es die alte Dogmatik gelehrt.

„Es gibt bedingungslose Liebe, die alles trägt und nie vergeht
und unerschütterliche Hoffnung, die jeden Test der Zeit besteht.
Es gibt ein Licht, das uns den Weg weist, auch wenn wir jetzt nicht alles sehn.
Es gibt Gewissheit unsres Glaubens, auch wenn wir manches nicht verstehn.

Es gibt Versöhnung selbst für Feinde und echten Frieden nach dem Streit,
Vergebung für die schlimmsten Sünden, ein neuer Anfang jederzeit.
Es gibt ein ewges Reich des Friedens. In unsrer Mitte lebt es schon:
ein Stück vom Himmel hier auf Erden in Jesus Christus, Gottes Sohn.

Er ist das Zentrum der Geschichte, er ist der Anker in der Zeit.
Er ist der Ursprung allen Lebens und unser Ziel in Ewigkeit.“                                                                 A.
Frey, CD Anker in der Zeit 2004

 Es ist ein Bild, das nicht aus dem Alten Testament stammt – die Juden sind kein Seefahrer-Volk -, das aber im hellenistisch-griechischen Raum geläufig ist. Einen Anker zu haben, verleiht Sicherheit, auch und gerade auf dem schwankenden Deck eines Schiffes. Die Seelenstärke kommt den Christen aus ihrer Hoffnung zu. Sie ist Gabe, sie ist das Ergebnis der festgehaltenen Hoffnung.

 Gott bietet Hoffnung an – wir ergreifen sie und in diesem Ergreifen gewinnt unsere Seele Stabilität. Das ist, wenn man so will, ein psychologisches Programm. Die Sätze des Glaubens hinterlassen Spuren in unserer Psyche. In unserem Leben. Und wer sich an diese Sätze hält, wird im Glauben befestigt. Das macht das Hören auf das „äußerliche Wort“ (Martin Luther).

Dieses äußerliche Wort und daraus folgend das Hören auf dieses Wort eröffnet einen Zugang zum Allerheiligsten. Hier spielt das Wissen um die  Ordnungen Israels eine Rolle. Im Tempel gibt es den Raum des Allerheiligsten, der durch einen Vorhang verschlossen ist. Niemand darf dort hinein, nur der Hohepriester nach aufwendigen Entsühnungshandlungen am Yom Kippur. An dieses Allerheiligste sind die Christen angeschlossen in ihrer Hoffnung. Denn ihre Hoffnung geht ja auf den, der diesen Vorhang durchschritten hat.

20 Dorthin ist uns Jesus als Wegbereiter vorausgegangen – er, der zum Hohepriester für alle Zeit geworden ist, wie Melchisedek es war.

Das wird hier sofort „nachgetragen“. Hoherpriester nennt der Hebräer-Brief Jesus, weil er diesen Zugang hat, weil er diesen Zugang eröffnet, weil er dieser Zugang in Person selbst ist. Der Vorläufer ist Jesus. Unser Quartiermacher bei Gott nach dem Johannes-Evangelium: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?“ (Johannes 14,2) Aber nicht nur in einem Vorhof oder einer außenliegenden Siedlung. Jesus ist der Zugang zu Gott selbst. „Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt.“ (Johannes 17,24)

Es geht in diesen Worten nicht mehr um den Tempel in Jerusalem, darum auch nicht mehr um den Durchgang in das Allerheiligste, wie es im Jerusalemer Tempel war. Der Tempel auf dem Jerusalemer Tempelberg ist womöglich schon zur Zeit der Niederschrift des Briefes wieder einmal zerstört. Das also ist die Verheißung, das Versprechen, das der Schreiber seinen Lesenden macht: In Jesu gehört ihr zur oberen Welt. Zu Gott selbst. Da gibt es kein Hindernis mehr, das euch fern hält, keinen eisernen Vorhang, keine Grenzmauer.

Zum Weiterdenken

 Ich hang’ und bleib’ auch hangen an Christo als ein Glied;
Wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd’ und Not,
Er reißet durch die Höll’, ich bin stets sein Gesell.              P. Gerhardt 1647, EG 112

 Das gilt über die Zeit der Gegenwart hinaus. Ein Hoffnungszeichen auch in dunklen Tagen. Ob wir das nur singen oder doch auch glauben?

 

Heiliger barmherziger Gott, mache mich beständig im Glauben. Mache mich fest in der Hoffnung. Verankere mein Leben so in Dir, dass mich wirklich nichts von Dir trennen kann. Du hast es ja versprochen: Nichts kann Dich aus meiner Hand reißen. Lass mich diesem Wort trauen lernen, auch dann, wenn in mir andere Stimmen laut werden, wenn ich verzage, wenn ich mich für zu schlecht halte, und Deiner Gnade nicht wert.  

 

Hilf mir, immer wieder neu in Dein Wort hineinzukriechen und mich darin zu bergen. Amen