Auf dem Weg zur Ruhe

Hebräer 4, 1 – 13

4, 1Lasst uns deshalb um eines besorgt sein: dass keiner von euch zurückbleibt. Denn noch gilt ja das Versprechen, zu dem Ruheplatz Gottes zu kommen. 2 Die Gute Nachricht ist uns genauso verkündet worden wie den Menschen damals. Aber ihnen hat die Botschaft, die sie gehört haben, nichts genutzt. Denn sie verbanden die Botschaft, die sie hörten, nicht mit dem Glauben. 3 Aber wir können zu dem Ruheplatz Gottes kommen, denn wir glauben ja. Doch von ihnen hat Gott gesagt: So habe ich in meinem Zorn geschworen: Nie sollen sie zu meinem Ruheplatz kommen!«  Dabei sind die Werke der Schöpfung doch seit der Erschaffung der Welt abgeschlossen. 4 An einer anderen Stelle heißt es von dem siebten Tag: Am siebten Tag ruhte Gott von allen seinen Werken. 5 Doch an dieser Stelle heißt es: „Nie sollen sie zu meiner Ruhe kommen.“

 Der Glaube ist ein Weg, der ein Ziel sucht. Das Ziel ist die Ruhe Gottes. An ihr Anteil zu gewinnen, ist die Hoffnung der Christen. Und darauf achten sollen sie und werden sie, dass keiner von euch etwa zurückbleibe.“ Einem christlichen Heils-Egoismus ist jede Rechtfertigung entzogen, eben, weil sie aufeinander achten sollen. Wir kommen nicht allein zur Ruhe, sondern nur mit den Anderen, so wie eine Welle nicht allein ans Ufer läuft, sondern nur im Lauf der anderen Wellen.

 Mit Furcht achten – das ist nicht der Versuch, den Lesenden Angst zu machen vor Gott. Es ist vielmehr der Versuch, ihnen vor Augen zu halten, was sie verlieren könnten. Wir würden heute vermutlich sagen: Mit Eifer, mit Hingabe, mit letzter Entschlossenheit.

 Anliegen des Autors ist offensichtlich, der Resignation im Glauben zu wehren.  Es ist die Sorge, dass der eine oder andere aufgeben könnten, sich abwenden vom Glauben, von der Gemeinde, den Weg abbrechen, den er oder sie doch einmal hoffnungsvoll und berührt vom Evangelium angefangen hat.  Der Hebräer-Brief käme nie auf die Idee zu sagen: Der Glauben macht das Leben hier einfacher, voller, tiefer – was später kommt, ist deshalb nicht mehr wichtig. Das wird auch damit zusammen hängen, dass die Lebens-Situation seiner Leser und Leserinnen durch ihren Glauben vielfach verkompliziert wird – sie sind oft genug misstrauisch betrachtete und wohl auch ausgegrenzte Minderheit, die auch Repressalien erleidet.

              Zugleich: Was ist das für ein sympathisches Bild von Gott! Er ist nicht ständig an der Arbeit. Er ist kein Workaholic. Er ist mit seiner Arbeit schon zur Ruhe gekommen. “Ich habe fertig” könnte er sagen und weiß doch zugleich: die Vollendung steht noch aus. Es ist kaum auszuloten, was damit gesagt ist: Gott sieht die Welt schon so, wie sie einmal sein wird, vollkommen und vollendet. Die Werke Gottes sind schon getan, aber noch nicht erfüllt in der Wirklichkeit der Welt. So sieht der Hebräer-Brief die Welt.

 6 Es bleibt also dabei: Einige Menschen werden zu seinem Ruheplatz kommen. Denjenigen, die zuerst die Gute Nachricht gehört haben ist es allerdings nicht gelungen. Denn sie haben Gott nicht gehorcht. 7 Darum setzt Gott noch einmal einen Tag fest, ein neues »Heute«. Durch David sagt er lange Zeit später, was bereits oben angeführt wurde: »Wenn ihr heute seine Stimme hört, dann seid nicht so starrsinnig.« 8 Hätte Josua sie schon zum Ruheplatz gebracht, dann würde Gott nicht von einem anderen, späteren Tag sprechen. 9 Die endgültige Sabbatruhe steht also für das Volk Gottes noch aus. 10 Denn wer zu dem Ruheplatz Gottes gekommen ist, ruht sich aus von seinen Werken – so wie Gott selbst es von seinen eigenen Werken getan hat.

  Weil Israel nicht “zur Ruhe” gekommen ist, steht sie allen Späteren noch offen. Es sind noch Plätze frei – so könnte man salopp formulieren. Die Tür ist noch nicht verschlossen, der Saal ist noch nicht voll. Es ist sicherlich nicht ganz falsch, die Gleichnisse Jesu vom großen Festmahl hier mit zu hören, in denen der Herr des Festes unermüdlich seine Knechte aussendet mit dem Auftrag: “Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.” (Lukas 14, 23)  

Die Ruhe, das ist der große Sabbat am Ende der Zeiten, ist die Vollendung der Schöpfung, ist, in anderen Bildern, das himmlische Jerusalem und Gott inmitten seiner Völker, das ist das Fest ohne Ende. In einer Zeit, in der Ruhe für viele wie Langeweile, nichts los, klingt, mag das nicht attraktiv erscheinen. Aber für Menschen, die unter der Last ihrer Arbeit zusammen zu brechen drohen, ist Ruhe die Verheißung von Aufatmen und Erfüllung. Dieses Ziel lohnt auch den letzten Einsatz.  

Fast kann man es überlesen: Wir werden Gott in der Ruhe gleichförmig, um nicht zu sagen: gleichgestaltig. Was für ein Versprechen. Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. Eins werden mit Gott  – diese Sehnsucht aller Mystik wird hier angedeutet, nicht als Seinseinheit, wohl aber als eine Einheit im Sein in der Ruhe.

  Auch das wird mitzulesen sein: Hier wird nicht von einer Israel verweigerten Ruhe geredet, so als ob der Weg jetzt nur noch für Heidenchristen offen sei. Gott hält sein Wort an Israel vielmehr fest und erweitert es – hin zu den Heiden.

 11Wir wollen uns also anstrengen, zu jenem Ruheplatz zu kommen. Denn niemand soll wie in dem Beispiel von damals zu Fall kommen, weil er ungehorsam war. 12 Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch und durch. Es durchdringt Seele und Geist, Mark und Bein. Es urteilt über die Gedanken und die Einstellung des Herzens: 13 Kein Geschöpf bleibt vor Gott verborgen. Nackt und bloß liegt alles offen vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schuldig sind.

 Wechselt das Thema? Geht es jetzt auf einmal ums Gericht? Ich glaube, dass es anders gemeint ist. Es geht um den Ruf, um das Wort jetzt. Im Hören dieses Rufes oder eben im Nicht-Hören geschieht Gericht. Wer sich dem heute an ihn ergehenden Wort verschließt, der schließt sich selbst aus. Und wird einmal erleben, erfahren, wie dieser sein eigener Beschluss ihm vor Augen steht und unveränderlich geworden ist. Diese Erfahrung und Einsicht ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Das macht ja wohl in der Tat Angst: Dass ich irgendwann einmal etwas entschieden, beschlossen und in Kraft gesetzt habe, das nicht mehr zurückzuholen ist. Und es ist das innere Bild des Hebräer-Briefes, dass wir manche Entscheidungen unseres Lebens später nicht mehr korrigieren können. Vor allem die, auf Gottes Anruf zu hören oder nicht. Wir müssen mit ihnen leben und – im härtesten Fall: An ihnen zerbrechen. Wir müssen uns für sie verantworten. Gott Rede und Antwort stehen

 Zum Weiterdenken

  Es ist der nachdenkliche Erfahrungssatz von Matthias Beltz: „Daher gibt er nach sieben Jahren die politpropagandistische Basisarbeit als angelernter Handarbeiter und IG-Metall-Vertrauensmann bei Opel in Rüsselsheim mit der legendär gewordenen Erkenntnis auf: »Der Arbeiter wartet nicht auf die Weltrevolution, sondern auf den Feierabend.« Sieben Jahre! Sein ehemaliger Kumpel und Mit-Sponti Joschka Fischer schmückt sich zwar auch mit der Opel-Biografie, hält aber nicht mal ein halbes Jahr durch.“(gw -anstoß 1. 2. 2015)

Wir sehen in der Welt eher resignierend kaum noch als “die Beste aller Welten” (Leibniz). Wir sehen immer noch Verbesserungsbedarf. Oft genug ist das eine zweischneidige Sache, denn wir verbessern offensichtlich mancherlei so, dass wir uns damit neue Probleme einhandeln. Das ist die viel beschworene Ambivalenz des Fortschritts. Aus ihr gibt es, so scheint es kein Entkommen. Das Chaos in der Welt wächst – menschengemacht und schicksalhaft zugleich. Die Worte des Hebräer-Briefes wehren aller Katastrophenangst und Welt-Untergangs-Phantasie. Es steht nur in unseren Augen die Vollendung noch aus, die in Gottes Ruhe schon ist. Ob uns das nicht Handlungsfreiheit nach unseren Möglichkeiten eröffnet?

Mein Herr Jesus, Du bist uns vorausgegangen in das Vaterhaus, in die Ruhe Gottes. Du hast den Streit überwunden. Du hast den Weg vollendet. Du bist zur Rechten des Vaters

 

Das ist meine Sehnsucht, dass ich nach dem Vielen des Lebens einmal zur Ruhe komme in Dir, dem Einen, dass alle Sehnsucht gestillt ist und alles Fragen überholt. Ich möchte satt werden, gestillt werden an Deinem Bild, an Dir selbst. Amen