Aufsehen, Durchblicken. Durchhalten

Hebräer 3, 1 – 19  

 1 Darum seht auf Jesus, ihr Brüder und Schwestern! Denn ihr habt ja als Heilige teil an der Berufung in die himmlische Welt. Jesus ist der Vermittler und der Hohepriester, zu dem wir uns bekennen. 2 Er ist dem treu, der ihn dazu gemacht hat – so treu wie Mose es im ganzen Haus Gottes war, dem Volk Israel.

             Diese Schrift wird vorgelesen im Gottesdienst, in der christlichen Versammlung. Umso gewichtiger ist, wie Hörer und Hörerinnen angesprochen werden. Sie sind berufen. Berufung gilt hier den ganz normalen Christinnen und Christen und nicht nur denen, die eine besondere Aufgabe haben. Dass Christen also Christen sind, ist die Folge eines Rufes, der sie erreicht hat. Einer Vorladung, die vom Himmel her an sie ergangen ist.                                

So auf das eigene, noch unsichtbare Sein, auf die Zukunft im Himmel hin angesehen zu werden, löst durchaus nicht zwangsläufig Passivität aus, sondern kann einen Menschen höchst aktiv in Bewegung setzen, weil er sich grundsätzlich bejaht sieht.

Damit das wirksam wird im eigenen Leben, sollen wir „Aufsehen auf Jesus“(O. Michel) Was ich anschaue, verwandelt mich. Das ist eine Überzeugung, die sich in der Bibel wiederfindet, die sich aber auch im alltäglichen Leben bewahrheitet. Die Bilder, denen ich meine Seele aussetze, machen etwas mit mir. Dieses Wissen hat zu solch wunderbaren Kunstwerken wie dem Isenheimer Altar in Colmar geführt. Er ist im großen Saal eines „Siechenhauses“(=Krankenhaus) aufgerichtet worden in der Überzeugung, dass das Anschauen des leidenden Christus den Leidenden in der Zeit Heil bringt – und manchmal wohl auch Heilung.

3 Ihm wurde größere Ehre zuteil als Mose – so wie auch dem Erbauer eines Hauses größere Ehre zusteht als dem Haus. 4 Jedes Haus wird ja von jemandem erbaut. Aber es ist Gott, der alles erbaut hat. 5 Mose war ein treuer Diener – im ganzen Haus Gottes. Damit bezeugte er, was erst in Zukunft verkündet werden sollte. 6 Dagegen ist Christus als Sohn über Gottes Haus gestellt.

Man sollte nicht überlesen: Die Treue Jesu wird nicht als Überbietung der Treue des Mose formuliert. An dieser Treue des Mose hat Jesus Maß genommen. Wie nebenbei wird Schöpfungslehre eingeführt: Von Nichts kommt nichts. Aber alles, das All kommt von Gott: der aber alles erbaut hat, das ist Gott.

Schluss mit Vergleichen: Jesus ist höher als die Engel. Jesus ist größer als Mose.  Nur noch eines zählt: Jesus ist der Sohn (1,2). Er ist das letzte Wort Gottes (1,2). Er ist der Erbe (1,2). Er ist das wesensgleiche Ebenbild (1,3) Er ist der, der zur Rechten Gottes (1,3) sitzt. Er ist der Hohepriester in Ewigkeit (2,17) Es sind Antworten, die der Glaube gibt, keine objektiven Überlegenheits-Beweise. Und es sind allesamt Antworten, die auf die himmlische Wirklichkeit verweisen. Da ist das alles schon entschieden.

Dieses Haus sind wir – wenn wir an der Zuversicht und der Hoffnung festhalten, auf die wir stolz sind.

 Danach geht der Brief einen Schritt weiter: Sein Haus sind wir. Wir – Schreiber und Lesenden, Gemeinde Jesu Christi in der Zeit. Im Wir schließt sich der Schreiber mit seinen Lesern über alle räumliche und zeitliche Distanz hinweg zusammen.  Auf den ersten Eindruck hin könnte man hören: Da wird ein zweites Haus neben dem Haus Gottes errichtet – neben das Haus Israel tritt das Haus Jesu Christi. Aber so denkt der Hebräerbrief nicht. Als sein Haus sind wir Haus Gottes. Es gibt keine zwei Häuser Gottes.

Dieses Bild vom Haus Gottes ist eine Aussage über die Gemeinde, die nicht hoch genug einzuschätzen ist – gilt sie doch Leuten, deren äußere Situation alles andere als ermutigend und freundlich erscheint. Es werden auch nicht allzu viele Hausbesitzer in den Reihen der Erst-Lesenden zu finden sein. Die Gemeinde ist von Resignation und Müdigkeit bedroht. Sie ist in die Defensive geraten und fürchtet sich vor mancherlei Mächten und Anfechtungen. Darauf wird das Schreiben noch ausführlich zu sprechen kommen. Dem setzt der Schreiber entgegen: Den Blick auf Jesus und eben dies: Wir sind Gottes Haus.

Alles, was die Christen im Himmel schon sind, wirkt sich in dieser Lebens-Weise in irdischen Lebensverhältnissen aus. – Freimut und Hoffnung prägen das Leben. Indem wir Freimut, Freiheit, bewahren, leben wir als „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2,18) Nicht Bedingung wird hier formuliert, sondern die Erinnerung an den Lebensraum, den wir jetzt schon ausfüllen dürfen.

7 Darum gilt, was der Heilige Geist sagt: »Wenn ihr heute seine Stimme hört, 8 dann seid nicht so starrsinnig wie beim Aufstand an dem Tag, als ihr in der Wüste auf die Probe gestellt wurdet. 9 Dort haben mich eure Vorfahren geprüft und wollten mich auf die Probe stellen. Dabei hatten sie meine Taten gesehen- 10 40 Jahre lang! Deshalb war ich angewidert von dieser Generation, und ich sagte: >Immer sind sie in ihrem Herzen irregeleitet, und meine Wege haben sie nicht erkannt.< 11 So habe ich in meinem Zorn geschworen: Nie sollen sie zu meinem Ruheplatz kommen!«

             Heute! Der Tag des Hörens, der Tag der Gottesgegenwart ist nicht morgen und er war nicht gestern. Er ist immer Heute. Alles, was war, wird nur darum erzählt, damit Lesende, Hörer und Hörerinnen das Heute nicht versäumen. Nicht das Herz verfetten und unbeweglich werden lassen. Nicht träge sein zu hören. Die Väter in der Wüste kommen nicht zur Sprache, um sie noch nachträglich nieder zu machen oder um Israel zu entwerten. Sie sind Warnung an die christlichen Leser, jetzt, im Heute.  

 Sie sind Warnung vor der realen Gefahr, dass Menschen bitter werden, verbittert über den Wegen ihres Lebens. Die Verbitterung in der Wüste setzt da ein, wo sich die Israeliten dem Tod durch Verdursten ausgeliefert glauben. Wo sich in ihnen der Gedanken festsetzt, dass der Weg Gottes mit ihnen eine Sackgasse ist, an deren Ende der Tod steht. Und heute? Gott lässt es zu, dass Entscheidungen in irgendeiner Konzern-Zentrale mich in die Arbeitslosigkeit stürzen. alle Mühe, eine Existenz aufzubauen – zunichte gemacht durch einen Federstrich. Gott mutet mir eine Krankheit zu, die alle meine Lebenspläne durchkreuzt. Gott nimmt mir den Menschen, mit dem ich ein Leben lang leben wollte. Gott stürzt mich in einen Schmerz, der völlig sinnlos erscheint. Wie nahe liegt es da, bitter zu werden, schwermütig und das Herz verfestigt sich – aus Selbstschutz.

Auch das wird hier gesagt: Es lässt Gott nicht unberührt, ob wir hören oder nicht. Das Bild von Gott, das hier gemalt wird, zeigt einen verletztlichen Gott: Es verletzt ihn, wenn wir seine Stimme nicht hören. Es ist ihm nicht gleichgültig, weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Es macht Gott zornig, wenn er nicht gehört wird, keinen Gehorsam findet. So “emotional” ist Gott an seinem Volk und seiner Welt beteiligt. Die Christen glauben nicht an einen Gott, dem es nichts ausmacht, wenn sie nicht an ihn glauben, ihm nicht vertrauen, sich nicht bei ihm bergen. Gott, an den wir glauben, hat Sehnsucht nach uns.

12 Gebt acht, Brüder und Schwestern, dass niemand von euch: ein böses und ungläubiges Herz hat – und sich so von dem lebendigen Gott abwendet! 13 Ihr sollt euch vielmehr jeden Tag gegenseitig ermahnen, solange das »Heute« noch gilt. Niemand von euch soll sich Gott gegenüber verschließen, weil er von der Sünde irregeleitet ist. 14 Denn wir gehören ganz zu Christus – ^ vorausgesetzt, wir halten bis zuletzt an der Zuversicht fest, die wir am Anfang hatten.

Es ist eine der Aufgaben der Gemeinde, aufeinander zu achten. Darauf, dass keiner ein böses, ungläubiges Herz hat. Das hört sich moralisch an, ist aber nicht moralisch gemeint. Es geht um das geöffnete Herz, das dem Einfluß Gottes offen steht und sich anderen Einflüßen und Einflüsterungen verweigert. Herz steht dabei für den ganzen Menschen. Es ist merkwürdig modern: Nicht im Kopf, im Herzen fallen die Entscheidungen. Unser Verstand, so scheint es, liegt an einem unsichtbaren Gängelband.

„Gegängelt“. geleitet werden sollen Herz und Kopf nach der biblischer Sicht des Menschen durch die Einreden, durch den Betrug der Sünde. Es sind die inneren Stimmen und nicht nur die äußeren Parolen, die verführen. Aber die inneren Stimmen sprechen oft genug nur das nach, was von außen so vernünftig erscheint. Es gibt einen trügerischen Glanz der Sünde, den Anschein der Plausibilität, der allein schon durch den “Chor der Massen” erzeugt wird: “Das ist doch völlig o.k. Das ist doch menschlich.” Es braucht eine innere Souveränität und das stete Hören der leisen Stimme Gottes im Heute, um dagegen zu halten.

Das Gegenmittel gegen alle diese verführerischen Stimmen: Festhalten am Bekenntnis. Leben in der Gemeinde. Dazu braucht es Brüder und Schwestern. Das geht nicht im Alleingang.

Es ist schon auffällig: Das Schreiben ist nicht an Amtsträger gerichtet. Er spricht normale Christen und Christinnen an. Das Fußvolk der Gemeinde. Und mutet ihnen zu, aufeinander zu achten, sich selbst und einander zu ermahnen, zu ermutigen. Nicht der erhobene Zeigefinger, sondern das ermutigende in den Arm nehmen ist hier gefragt und gemeint. Durch die Brüder und Schwestern. In der Sicht des Schreibers ist das Seelsorge auf Augenhöhe, nicht als Amtshandlung.

15 Deshalb heißt es ja: »Wenn ihr heute seine Stimme hört, dann seid nicht so starrsinnig –wie damals beim Aufstand.« 16 Wer waren denn diejenigen, die seine Stimme hörten und trotzdem einen Aufstand anzettelten? 17 Und von wem war Gott 40 Jahre lang angewidert? Waren das nicht dieselben, die den Aufstand angezettelt hatten und deren Leichen dann in der Wüste lagen? 18 Wem hat Gott denn geschworen, dass sie niemals zu seinem Ruheplatz kommen werden? Wem denn sonst als denen, die ungehorsam gewesen waren! 19 Wir sehen also: 4 Sie konnten nicht dorthin kommen, weil sie nicht glaubten.

Als könnte er nicht genug mahnen, ermutigen, wiederholt sich der Schreiber noch einmal. Das mag deutlich machen: Hier schlägt sein Herz. Hier kämpft er um seine Leute. Wieder malt er warnende Bilder. Er ist sich ganz einig mit den anderen Aposteln und Lehrern der Gemeinde: „Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ (Römer 15,4) In der Schrift werden nicht nur Bilder des gelingenden Lebens und Glaubens gemalt, sondern oft genug auch Bilder vom Scheitern des Lebens und des Glaubens.

Es gibt in der Gemeinde, die reale Gefahr, dass Leute sich abwenden. Der Gemeinde und dem Glauben den Rücken kehren. Manche werden verbittert, weil sie von einem großen und gnädigen Gott erzählen hören, aber in ihrem Leben nichts davon spüren. Weil die Zugehörigkeit zur Gemeinde belastet und eben nicht nur erfreut.

Es ist eine gefährliche Verkürzung, auch und gerade heutzutage. Gott ist nicht nur der gute Gott, der liebe Gott. Er ist nicht nur der Problemlöser, der alle Stolpersteine des Lebens aus dem Weg räumt. Er ist auch der, der uns die Härte es Weges durch die Welt zumutet, weil er uns zutraut, dass wir diesen Weg bestehen.

Darum ist es „pädagogisch“ weise, solche Belastung nicht zu verschweigen, es zuzugeben, dass der Weg mit Christus auch Kraft kostet, denn nur Siegesgeschichten zu erzählen entmutigt, vor allem die, die ohnehin schon mutlos sind: „Das schaffen wir nie.“ Aber der Blick auf das Scheitern, das nicht das Ende der Wege Gottes ist, kann neuen Mut geben: Hat Gott sein Volk trotz der Wüstenzeit nicht preisgegeben, so wird er auch uns nicht preisgeben. Es wäre tödlicher Ungehorsam, die Hoffnung fahren zu lassen.

Es ist eine Eigenart, die erst durch die dauerhaft durchgehaltene Lektüre der Schrift auffällt: In Israel werden nicht nur die Heldengeschichten des Glaubens erzählt. Es ist ein großes Thema, immer wieder, dass Israel den Glauben verweigert, Gott den Gehorsam schuldig bleibt, dass es seine eigenen Wege sucht und sich darin verrennt. Psalmen reden davon, Esra und Nehemia, die Propheten, bis hin zu Stephanus. Dass ist nie krankhafte „Nestbeschmutzung“, sondern es ist immer neu der Weg zu einem Bußgebet, oder zum Ruf zur Umkehr: Verlasst diese verhängnisvolle Spur der Väter und sucht die Spur des Glaubens, der sich Gott anvertraut.

Die Hoffnung, die Paulus beseelt, auch den Hebräer-Brief: Der Unglaube wird nicht das letzte Wort behalten. Bei Israel nicht und bei den Hörern und Leserinnen des Wortes nicht. Das letzte Wort Gottes ist der Ruf seiner Liebe in Jesus Christus und das letzte Wort der Menschen ist die Antwort des Vertrauens. Wer es fassen kann, der fasse es!

 Zum Weiterdenken

Eine Fragen an uns: Worauf spreche ich Menschen an? Auf ihr Leistungsvermögen, sagt unsere Zeit. Auf ihre Hoffnungen sagt die Werbung. Auf ihre Werte suggeriert die Politik. Auf ihre Defizite – so erleben wir es oft genug. Der Hebräerbrief spricht seine Leser auf ihr Sein an: Mag sein, die Berufung ist noch verborgen, noch nicht offenkundig vor aller Augen, aber sie ist schon wirklich. Man kann sie schon auf dieses noch verborgene Sein hin ansprechen. Es ist schon wirksam in ihnen, an ihnen. Das gilt auch heute. Uns.

Das ist ein eigenes Bekenntnis. Jesus ist mir „konkurrenzlos wichtig.“(F. Schwarz, So einfach kann man das formulieren. Oder, noch einmal, zum Mit- und Nachsingen:

Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Enden, Gottes und Marien Sohn:
Dich will ich lieben, Dich will ich ehren, Du meiner Seele Freud und Kron.

 Schön sind die Felder, schön sind die Wälder in der schönen Frühlingszeit;
Jesus ist schöner, Jesus ist reiner, der unser traurig Herz erfreut.

Schön leucht die Sonne, schön leucht der Monde und die Sternlein allzumal.
Jesus leucht schöner, Jesus leucht reiner als alle Engel im Himmelssaal.  
                                                           Münster 1677, EG 403

Es ist nicht die Sprache vergleichender Religionswissenschaften, die so redet. Es ist die Sprache der Liebe, des Hingerissen-Seins, die sich so nicht genug tun kann. Das ist die Antwort, die der Hebräer-Brief sucht und erwecken will. Dies, dass der Brief so zum Bekenntnis wird, zeigt die Aufgabe, vor der wir heutigen Lesenden stehen: Wir müssen Worte für unser Christus-Bekenntnis finden. Uns klar werden, was wir von ihm zu sagen haben.

 „Was Jesus für mich ist?                                                                                                             Einer der für mich ist.                                                                                                            Was ich von Jesus halte?                                                                                                        Dass er mich hält.                  L. Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz  2000, S. 126

Die Worte anderer, auch schöne Worte anderer, nehmen uns diese Aufgabe nicht ab. wir müssen unser Bekenntnis finden. Die Welt wartet darauf.

 

Herr Jesus. Aufsehen zu Dir, mir Dein Bild einprägen, meine Seele an Deinem Bild sättigen dazu hilf Du mir. Gib mir die innere Ruhe, gib mir die Sehnsucht ins Herz, gib mir die Treue zu Deinem Wort, gib mir den Abstand zu allem, was mir den Blick auf Dich verstellen will. Herr Jesus, ich brauche die Vorbilder, die mir Mut machen, mich zum Durchhalten motivieren

mir zeigen, dass das Leben, das in Dir gegründet ist, gehalten ist. Mir helfen die Geschichten gelebten Glaubens. Mir hilft vor allem auf Dich zu sehen, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Amen

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