Hebräer 2, 5-18

 5 Die künftige Welt, von der wir reden, hat Gott nicht den Engeln unterstellt. 6 Vielmehr wird es in der Heiligen Schrift so bezeugt: »Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, oder der Menschensohn, dass du dich um ihn kümmerst? 7 Du hast ihn nur wenig geringer gestellt als die Engel. Du krönst ihn mit Herrlichkeit und Ehre.  8 Alles hast du ihm zu Füßen gelegt.«  Als Gott ihm alles zu Füßen gelegt hat, hat er davon nichts ausgenommen. Wir sehen jetzt allerdings noch nicht, dass ihm alles zu Füßen gelegt ist.

            Der Blick auf die himmlische Wirklichkeit wird zur Wegweisung in die irdischen Verhältnisse und Aufgaben. Nicht den Engeln, sondern dem Einen, dem Sohn ist die zukünftige Welt untertan. Sie ist es schon, denn er ist ja schon erhöht, Ihm hat Gott ja schon alles unter die Füße getan.

             Ursprünglich ein Staunen über das Wunder, das jeder Mensch ist, wird der Psalm hier umgemünzt – auf das Staunen über den Weg, den der Menschen Sohn geht. Die Anspielung auf die Selbstbezeichnung Jesu (Markus 2,10 usw.) ist deutlich. Der Weg Jesu in der Menschwerdung führt nach unten. Er ist, für kurze Zeit niedriger als die Engel, Mensch unter Menschen.

            Es ist wie eine Klarstellung: Was vor Augen ist, ist nur der Weg nach unten. Leiden. Kreuz. Schmach. Tod. Dass es dabei nicht geblieben ist, dass ausgerechnet der Hingerichtete, der Fertiggemachte der ist, dem alles untertan ist, das ist den Augen heute noch verborgen. Das sehen auch wir – die Christen – noch nicht. So ist Glauben immer angefochten, bedroht. Auf Spurensuche.

 9 Aber wir sehen den, den Gott wenig geringer gestellt hat als die Engel: Jesus! Er ist gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit, weil er den Tod erlitten hat. Denn Gott wollte in seiner Gnade, dass sein Tod allen Menschen zugutekommt.

            Es ist eine kühne Formulierung. Er wird durch das Kreuz gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit. Wieder muss man genau hinschauen. Weder Leid des Todes noch Kreuz sind Mittel der Erhöhung – sie sind Weg-Etappen. Der Hebräer-Brief sieht im Gekreuzigten nicht den großen Verlierer, sondern den Sieger. Das sehen wir nicht wie von selbst. Um so auf Jesus und seinen Weg sehen zu können, braucht es ein anderes Sehen.

Und: Jesus geht diesen Weg für uns. Gott wollte in seiner Gnade, dass sein Tod allen Menschen zugutekommt. Dieser Tod am Kreuz steht nicht für sich. Er wird gedeutet. Er hat eine lösende, eine erlösende Funktion: Weil Jesus ihn schmeckt, müssen wir ihn nicht schmecken. Weil er die Bitterkeit der Gottesferne auf sich nimmt, bleibt uns die Gottesferne erspart, für immer und ewig.  Einer für alle.

10 Gott will viele Kinder in seine Herrlichkeit bringen. Deshalb hat er den, der sie zur Rettung führen sollte, durch Leiden zur Vollendung gebracht: Christus. Das war der angemessene Weg für Gott, für den und durch den alles geschaffen ist.

So ist Gott. Er führt nicht schnurstracks in den Himmel. Er führt durch die Erfahrungen der Erde. Durch die Tiefen. Durch den Schmerz. So geht der Weg Jesu, hinab, bis in die tiefste Gottesferne des Kreuzes. Diesen Weg sich führen zu lassen, so gehört es sich auch für ihn, Jesus. Die Art, wie Gott ist und handelt, wird in diesem Weg Jesu zum Leuchten gebracht.

 Es ist Wirklichkeit, die in Kraft gesetzt, weil Jesus schon in die Himmel erhöht ist. Den Spagat zwischen der Unsichtbarkeit in der Weltwirklichkeit und der unsichtbaren Wirklichkeit, die im Himmel schon in Kraft gesetzt ist, mutet uns dieser Verfasser zu – weil Jesus gekrönt „zur Rechten Gottes sitzt.“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis, EG 804) Zum Glauben an diese in der Zeit noch verborgene Wirklichkeit ruft der Schreiber. Der Himmel wird ganz recht behalten.

11 Denn er, der heilig macht, und sie, die heilig gemacht werden, stammen alle von dem Einen ab. Aus diesem Grund schämt Jesus sich auch nicht, sie Brüder oder Schwestern zu nennen. 12 Er sagt ja: »Ich will meinen Brüdern und Schwestern von deinem Namen erzählen. Im Kreis der Gemeinde will ich dich loben.« 13 Und an anderer Stelle: »Ich werde mein Vertrauen auf Gott setzen.« . Und er fährt fort: »Seht her, hier bin ich mit den Kindern, die Gott mir gegeben hat.«

 Wir sind nicht Produkte eines Zufalls, „keine Laune der Natur“ (J. Werth), der Evolution, sondern gewollt. Wir sind im Urgrund des Lebens, vor aller Zeit, schon gewollt. „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“ (1. Mose 1,26) In diesem Satz kann ich schon hören: Unverbrüchlich geliebt und gerufen. Bruder, Schwester, seit dem Beginn der Welt.

 Über viele Jahre hin war dieser Spruch das Deckblatt, das ich auf meine Bibel geklebt habe: „Er schämt sich nicht, uns Brüder zu heißen“ (Luther 1964) Über dem Spruch eine Dornenkrone. Diese Karte bringt für mich auf den Punkt, worum es geht: Der, der das Ziel der Schöpfung ist, der Mittler der Schöpfung ist, der die Gabe und der Geber des Heils ist. Er tritt an unsere Seite. Christus bekennt sich zu uns. Er schließt sich mit uns zusammen, weil wir, alle von “einem” kommend, beide, der heiligt und die geheiligt werden, vom Uranfang in der Schöpfung her zusammengehören.

Daran hält der Hebräerbrief fest, trotz aller „Unfälle“ der Weltgeschichte und trotz des großen Unfalls der Sünde. Das ändert nichts daran: Wir kommen von dem Einen her und er stellt sich – „schamlos“, οκ αισχνη – auf unsere Seite. Das ist die Konsequenz, die er, Christus, aus der gemeinsamen Herkunft zieht: Mensch unter Menschen. Keine Distanzierung. Keine Abwendung. Kein Fremdschämen beim Sohn Gottes.

14 Weil die Kinder Menschen aus Fleisch und Blut sind, wurde auch Jesus ein Mensch wie sie. Denn er sollte durch seinen Tod den vernichten, der Macht über den Tod hat.  Das ist der Teufel.  15 Und er sollte die Menschen aus der Angst vor dem Tod befreien. Diese Angst hielt sie ihr Leben lang in Sklaverei. 

Jesus wird nicht „nur“ solidarisch mit uns. Es geht um sein, Jesu tiefes Eintauchen in die Lebensbedingungen, Fleisch und Blut, unter denen wir leben. Er nimmt das Leben auf sich, unser Leben: Inkarnation – er wird einer wie wir. “Unter das Gesetz getan” sagt Paulus (Galater 4,4). Die Fragen, die Sehnsucht, die Angst, Hunger und Durst, Das Aushalten von Einsamkeiten, die manchmal vergebliche Suche nach Hoffnungszeichen, das Glück der Freundschaft, der stille Schauer des Berührtwerdens – alles seine Erfahrungen. Er ist nicht Gott in der Verkleidung eines Menschen, der ein bisschen Karneval spielt. Er wird Mensch, nach neun Monaten Schwangerschaft geboren von einer Mutter, aufgewachsen in einem Handwerkerhaushalt, unterwiesen in der Schrift.

Schließlich: Dem Tod unterworfen, damit er die Macht des Todes und die Macht dahinter, die Macht des Widersachers Gottes, bricht. Erst wo durch die Wirklichkeit der Auferstehung die Macht des Todes gebrochen ist, da hört die Knechtschaft auf, die sich in der Furcht vor dem Tod manifestiert.

 Da entsteht Angstfreiheit. Das meint nicht die kreatürliche Angst vor dem Sterben. Die teilen Christen in ihrem Leben und Sterben wohl mit allen Anderen und von der sind sie vielleicht auch – was immer Geschenk ist – frei wie manche Anderen. Sondern gemeint ist die Furcht, dass der Tod das Leben vernichtet, es in die große Sinnlosigkeit stürzt, die Gottesferne endgültig macht, unwiderruflich, unaufhebbar, die Scheidung von dem ewigen Leben, das die unverstellte Gegenwart Gottes schenkt.

16 Denn es sind nicht die Engel, um die er sich kümmert, sondern die Nachkommen Abrahams. 17 Darum war es notwendig, dass Jesus in jeder Hinsicht den Brüdern und Schwestern gleich wurde. Denn er sollte ein barmherziger und treuer Hohepriester werden.  Er sollte vor Gott für sie eintreten, um für die Sünden des Volkes Vergebung zu erlangen,18 Denn er selbst wurde ja durch sein Leiden auf die Probe gestellt. Deshalb kann er denen helfen, die auf die Probe gestellt werden.

 In alledem geht es nicht um die Engel. Engel brauchen keine Erlösung. Es geht vielmehr um die Nachkommen Abrahams. Das ist ein bewusst gewählter Ausdruck, zielt er doch auf die Erfüllung des Segens, der über Abraham und seine Nachfahren gesprochen ist: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3) An diesem Segen hält Gott fest. Ihn führt er der Vollendung entgegen durch Jesus.

Es geht, noch einmal wird es eindringlich wiederholt, um die Übernahme unserer Existenz. Für den Hebräerbrief steht an dieser Stelle nicht weniger als die Erlösung auf dem Spiel. Er musste in allem seinen Brüdern gleich werden. Seine Gleichheit ist eine – göttlich geordnete – Notwendigkeit, denn nur so, in dieser Gleichheit, wird sein Weg zu einem Weg der Sühne der Sünden des Volkes. Nur so, in dieser Gleichheit ist es auch unwiderrufbar: Gott hat am eigenen Leib, leibhaftig gespürt, was Menschsein ist. ο̉μοιωθη̃ναι steht da im Griechischen. Wesensgleich, gleich der Natur nach. Nicht nur äußerlich ähnlich. Und erinnert so an die späteren berühmten dogmatischen Formeln, die sagen, dass Jesus wesensgleich mit Gott ist und nicht nur ähnlich. „Wahrer Mensch und wahrer Gott.“(Konzil von Chalcedon 451) Er nimmt leibhaftig und wahrhaftig auf sich, was auf uns lastet.

 Zum ersten Mal taucht hier das Wort auf, das dem Hebräerbrief auch in so mancher Argumentationsreihen sein Gepräge gibt. Hoherpriester. ρχιερες. Christus ist der barmherzige und treue Hohepriester. Es folgt, was ihn kennzeichnet. Fast wie von selbst tauchen, Bilder aus dem Leben Jesu vor dem inneren Auge auf. Er verliert nicht die Geduld mit seinen begriffsstutzigen und oft genug kleingläubigen Jüngern. Er ermüdet nicht über der Schwerhörigkeit für seine Verkündigung des Reiches. Er begnügt sich nicht mit einem elitären Schülerkreis, der ihn versteht. Er geht nicht den Weg zu den Griechen, um dort zum gefeierten Lehrer zu werden. Er springt nicht von der Spitze des Tempels. Er lässt sich nicht zum Brotkönig machen. Er bringt sein Leben in Gethsemane nicht durch Flucht in Sicherheit. Er steigt nicht vom Kreuz herab, damit alle an ihn glauben.

Seine Antwort auf alle Versuchungen ist der Gehorsam des Sohnes. In diesem Gehorsam ist er der Sohn. Nicht anders. Er selbst wurde ja durch sein Leiden auf die Probe gestellt. Er bewährt sich in seinem Gehorsam besteht die Probe. Was hier gesagt wird, findet auch Ausdruck in einer Indianer-Weisheit: „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Man kann auf die Idee kommen zu sagen: Weil Jesus ein Leben lang in unseren Schuhen und unter unseren Bedingungen über die Welt gelaufen ist, ist er urteilsfähig und urteilsberechtigt in Sachen Menschensein. Der Text aber sagt: Darum ist er hilfsbereit und zur Hilfe fähig.

Zum Weiterdenken

Ob ich das jemals verstehe? So verstehe, dass ich mir diese Art Führung gefallen lasse, auch für mein eigenes Leben? Die Neigung in unserem Menschenwesen ist ja eine andere. Nach oben streben wir, ins Glück, zur Freude. Dorthin, wo uns die Schmerzen erspart werden. Auf den Weg Jesu zu sehen ist das eine. Den eigenen Lebensweg darin gedeutet zu sehen, ist das andere. Richtig hart wird es dann noch einmal, wenn es darum geht, einverstanden zu werden mit diesem Weg. Damit, dass einem Wege und die Bestimmung über sie entgleiten. Dass es zu lernen gilt, sich Gott zu lassen. Ganz. Dass es gilt, das Schweigen auszuhalten – das Schweigen Gottes und auch das Schweigen von Menschen.

Es ist gerade nicht so, dass die Bibel nur vom Gottvertrauen der Menschen zu reden wüsste. Es einfordern würde ohne Ende. Da wäre sie wohl auch gefährlich schnell am Ende, weil es ja oft nicht so weit her ist bei uns allen mit dem Gottvertrauen. Ihr großes Thema ist vielmehr das Menschenvertrauen Gottes. Das hält er durch, zäh, treu, liebevoll, von Anfang an bis in die letzten Tage, bis zu uns. Das Zeichen dieses Vertrauens ist der Herr Jesus in seiner Menschwerdung.

 Es geht darin um Existenz-Übernahme, die mehr ist als nur Solidarität. Solidarität kann auch aufgekündigt werden. Das sehen wir Tag für Tag – in Parteien, unter Geschäftspartnern, zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen. Selbst die Solidarität der Menschenrechte ist offenkundig nicht unkündbar, anschaulich im „Massengrab Mittelmeer“. Es ist eine schmerzende Frage: Wie solidarisch ist die Bundesrepublik mit den Ortskräften aus Afghanistan?

Jesus, so tief kommst Du herunter in unsere Welt. Einer wie wir. Allem ausgesetzt, was uns zusetzt – Hunger und Durst, Schmerz und Einsamkeit, Hoffnung und Angst, den Träumen von Größe und der Suche nach der Liebe. Du mischst Dich ein, mischst Dich unter uns Menschen, verlässt Deinen Himmel, gehst bis in die tiefste Tiefe,. Du hältst in allem fest am Vertrauen auf den Vater und bleibst gehorsam bis zum Tod am Kreuz. damit wir nach Hause kommen können, uns der Weg wieder geöffnet wird. Amen  

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