Welche Freude!

Nehemia 12, 27 – 43

Und bei der Einweihung der Mauer Jerusalems holte man die Leviten aus allen ihren Orten nach Jerusalem, um Einweihung zu halten mit Freuden, mit Danken und Singen, mit Zimbeln, Psaltern und Harfen. 28 Und es versammelten sich die Sänger aus der Gegend um Jerusalem und von den Gehöften der Netofatiter 29 und von Bet-Gilgal und von den Fluren um Geba und Bet-Asmawet; denn die Sänger hatten sich rings um Jerusalem her Gehöfte gebaut. 30 Und die Priester und Leviten reinigten sich und reinigten das Volk, die Tore und die Mauer.

Die Mauer in Jerusalem wird nicht nur einfach hingestellt. Sie wird regelrecht „eingeweiht“, ist sie doch ein Werk Gottes (6,16). Alle kommen sie nach Jerusalem, aus allen Orten des Landes. Es ist ja, selbst wenn sie nicht dort wohnen, doch „ihre Stadt“. Und das Volk, das jetzt Einweihung feiert, ist durch die Verlesung der Tora (8, 1 -3) und sein Bußgebet (9. 5-37) zuvor selbst „geweiht“ worden. Es ist ein Freudenfest.

Ein Fest auch, das ein reines Volk feiern will, darum reinigen die Priester und Leviten sich und das Volk, die Tore und die Mauer. Warum? Weil die Reinheit Voraussetzung dafür ist, dass man sich Gott näher kann, dass man sich dem Tempel als dem Haus Gottes nähern kann. Wenn man so will: Der Tempel mitten in der Stadt verlangt, dass die Stadt als seine Umgebung und das Volk ihm entspricht. Tauglich ist für die Gegenwart Gottes. 

Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                                und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?                                                             Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,                                                        wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug:                                           der wird den Segen vom HERRN empfangen                                                                 und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.           Psalm 24, 3 – 5

So wenig einer ungewaschen du verschwitzt zum Staatsempfang bei dem Bundespräsidenten gehen würde, so wenig ist es möglich, unrein vor Gott zu erscheinen.

31 Und ich ließ die Oberen von Juda oben auf die Mauer steigen und stellte zwei große Dankchöre auf. Die einen gingen zur Rechten oben auf der Mauer zum Misttor hin, 32 und hinter ihnen her gingen Hoschaja und die Hälfte der Oberen von Juda 33 und Asarja, Esra, Meschullam, 34 Juda, Benjamin, Schemaja und Jirmeja 35 und einige der Priester mit Trompeten, nämlich Secharja, der Sohn Jonatans, des Sohnes Schemajas, des Sohnes Mattanjas, des Sohnes Michajas, des Sohnes Sakkurs, des Sohnes Asafs, 36 und seine Brüder, Schemaja, Asarel, Milalai, Gilalai, Maai, Netanel und Juda, Hanani, mit den Saitenspielen Davids, des Mannes Gottes; Esra aber, der Schriftgelehrte, ging vor ihnen her. 37 Und sie zogen zum Quelltor hin und stiegen geradeaus die Stufen zur Stadt Davids hinauf, wo die Mauer oberhalb des Hauses Davids bis an das Wassertor im Osten verläuft. 38 Der andere Dankchor ging zur Linken hin, und ich ging hinter ihm her und die andere Hälfte der Oberen des Volks oben auf der Mauer oberhalb des Ofenturms bis an die breite Mauer 39 und oberhalb des Tores Ephraim zum alten Tor und zum Fischtor und zum Turm Hananel und zum Turm Mea bis an das Schaftor, und sie blieben am Wachttor stehen.

 

 Es ist ein feierlicher Event. Auffällig: keine Reden der Verantwortlichen – unter der Überschrift: wir haben es geschafft. Kein Nehemia, der das Wort nimmt, kein Esra, keiner sonst. Stattdessen Chöre, die einander zusingen. Trompeten. Prozessionen, die die Stadtorte abschreiten und die Mauer im Begehen „einweihen“ – Mist-Tor, Quell-Tor, Wasser-Tor, Schaf-Tor, Wach-Tor, Eine Prozession, die Esra, der Schriftgelehrte, anführt. Hin zur Stadt David und am früheren Palast Davids vorbei. Die andere, der Nehemia mit dem Volk folgt. Auch sie kommen zu Stadt-Toren – Efraim-Tor, Jeschana-Tor, Fisch-Tor. Und die ganze große Schar der Ratsherren und Priester am Hause Gottes. Es ist ein Tag der Freude, voller Jubel und Gesang

 40 So standen die beiden Dankchöre am Hause Gottes und ich und die Hälfte der Ratsherren mit mir 41 und die Priester, nämlich Eljakim, Maaseja, Mijamin, Michaja, Eljoënai, Secharja, Hananja mit Trompeten, 42 und Maaseja, Schemaja, Eleasar, Usi, Johanan, Malkija, Elam und Eser. Und die Sänger sangen laut und Jisrachja stand ihnen vor. 43 Und es wurden an diesem Tage große Opfer dargebracht und sie waren fröhlich, denn Gott hatte ihnen eine große Freude gemacht, sodass sich auch Frauen und Kinder freuten, und man hörte die Freude Jerusalems schon von ferne.

   Die sorgfältige Liste aller Mitwirkenden bei den Prozessionen und in den Massenchören ist ein Hinweis: Es kommt auf jeden einzelnen an und sie sollen als einzelne nicht namenlos in der großen Zahl verschwinden. Der Zielpunkt beider Prozessionen: Das Haus Gottes. Dort ist der Höhepunkt erreicht – die Mauer ist begangen und so eingeweiht. Jetzt gilt es, den Bauherren zu ehren. Das geschieht im Nennen des Grundes für das Fest: Gott hatte ihnen eine große Freude gemacht. Gott ruft sein Volk in die Freude, in seine Freude

 Vielleicht hat an diesem Tag und an diesen Ort Psalm 147 seinen „Sitz im Leben“:

 Halleluja! Lobet den HERRN                                                                                                 Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding,                                                              ihn loben ist lieblich und schön.                                                                                              Der HERR baut Jerusalem auf                                                                                                  und bringt zusammen die Verstreuten Israels.                                                                    Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind,                                                                          und verbindet ihre Wunden.                          Psalm 147, 1 – 3

            Es hat ja vorher auch andere Zeiten gegeben. Man darf vermuten – es ist kein leises Fest. Nicht die andächtige Stille, mit der wir in unseren Kirchen unsere Feste feiern.  Man muss nur einmal in Jerusalem am Platz vor der Klagemauer gesehen und miterlebt haben, wie jüdische Menschen die Ankunft der Tora feiern, um eine entfernte Ahnung von dieser Festfreude zu erhalten.

Zum Weiterdenken

 Dieser Wechsel, aus der Traurigkeit in die Freude, wird von Jesus als eine grundsätzliche Bewegung seines Weges mit seinen Leuten beschrieben. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ (Johannes 16, 20-22)

Danach folgt im Johannes-Evangelium eines meiner Sehnsuchtsworte: „An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.“ (Johannes 16, 23a) Petrus nicht, Judas nicht, Esra nicht und Nehemia nicht. Und ich auch nicht. Dann ist die Zeit der Fragen und der Zweifel, der Ängste und der Sorgen vorbei. Endgültig.

 Eine biographische Erinnerung, ausgelöst durch den Prozessionsbericht und die vielen Stadt-Tore. Zu weit zurückliegenden Familienurlaub in Franken gehört über Jahre hin der Rundgang auf der Stadtmauer von Nördlingen, Unsere Kinder haben diesen Rundgang geliebt. Von Tor zu Tor, von Mauerfenster zu Mauerfenster. Die Häuser unterhalb der Stadtmauer wie kleine Puppenhäuser. Da gab es selten ein Maulen, auf dem Weg von Stadt-Tor zu Stadt-Tor. Stattdessen große Freude – so wie in Jerusalem.

 

 

Herr, ziehe uns hinein in Deine Freude. Stecke uns an mit Glück. Fülle unsere Zunge mit Jubel. Lass alle Zweifel und alle Ängste überwunden sein, abgetan für immer.  

Du willst ja nichts lieber als dass sich Deine Kinder freuen, mit Dir freuen, an Dir freuen. Du lädst uns ein – immer wieder: Freut euch mit mir. Du bist unser Freudenmeister. Lass uns Dir folgen. Amen