Selbstverpflichtung als Vertrauensschritt

Nehemia 10, 1. 29 – 40

1 Und wegen all dem treffen wir eine feste Abmachung und schreiben sie nieder, und unsere Fürsten, Leviten und Priester sollen sie versiegeln.

             „Du bist ein Gott, der vergibt, gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte und verließest sie nicht.“(9,17) Das ist die Mitte des Busgebetes. Und die Konsequenz daraus ist der Antwortversuch der Gemeinde, der zur Selbstverpflichtung führt. Die Gemeinde wird sich einig, eine feste Abmachung zu treffen. Schriftlich. Sie soll von den führenden Verantwortlichen des Volkes gegengezeichnet werden. „Wenn die im Gebet geschilderte Notsituation ein Ende haben soll, so muss sich das ganze Volk von seiner Sünde abwenden und den Willen Gottes erfüllen.“ (T. Hiecke, Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament, Die Bücher Esra und Nehemia, Stuttgart 2005, S. 225)

 Das Verfahren mag neu sein, aber der Vorgang erinnert deutlich an die Bundeserneuerung beim Landtag von Sichem, wo es heißt: „Und das Volk sprach zu Josua: Wir wollen dem HERRN, unserm Gott, dienen und seiner Stimme gehorchen. So schloss Josua an diesem Tag einen Bund für das Volk und legte ihnen Gesetze und Rechte vor in Sichem. Und Josua schrieb dies alles ins Buch des Gesetzes Gottes und nahm einen großen Stein und richtete ihn dort auf unter einer Eiche, die bei dem Heiligtum des HERRN war, und sprach zum ganzen Volk: Siehe, dieser Stein soll Zeuge sein unter uns, denn er hat gehört alle Worte des HERRN, die er mit uns geredet hat, und soll ein Zeuge unter euch sein, dass ihr euren Gott nicht verleugnet.“ (Josua 24,24-27) Damals, in „grauer Vorzeit“, wird ein Stein als stummer Zeuge erwählt. Diesmal wird, wie es sich für einen Beamten gehört, alles schriftlich festgehalten. Ein Dokument fürs Archiv. Das kann jederzeit eingesehen werden.

 29 Und das übrige Volk, Priester, Leviten, Torhüter, Sänger, Tempeldiener und alle, die sich von den Völkern der Länder abgesondert haben und sich zum Gesetz Gottes halten, samt ihren Frauen, Söhnen und Töchtern, alle, die es verstehen können: 30 Sie schließen sich ihren Brüdern, den Edlen, an und verpflichten sich unter Eid und Schwur, zu wandeln im Gesetz Gottes, das durch Mose, den Knecht Gottes, gegeben ist, und alle Gebote, Rechte und Satzungen des HERRN, unseres Herrschers, zu halten und zu tun.

Es ist so, dass die führenden Leute des Volkes unterschreiben. Der Vertrag gilt für alle, nicht nur für die Führungsschicht Israels. Und sie sind als Volk darauf angewiesen, dass alle sich diesen Vertrag zu eigen machen. Alle, die sich von den Völkern der Länder abgesondert haben und sich zum Gesetz Gottes halten, samt ihren Frauen, Söhnen und Töchtern, alle, die es verstehen können. Das sind wichtige Klarstellungen, um die zu sichern. Gemeint sind die, die sich zum „wahren Israel“ halten wollen, die das Gesetz für sich als Lebensordnung annehmen und die es auch verstehen. Zum Glauben und zum Leben im Rahmen des Gebotes gehört wesentlich verstehen. „Es wird festgehalten, dass die volle Religions- und Volkszugehörigkeit mit einer intellektuellen Komponente verbunden ist. Lehren und Lernen wird von daher einer der wesentlicher Identitätsaspekte des Judentums bleiben.“ (T. Hiecke, aaO. S.227) Kurz. Die „Präambel“ der Abmachung fordert Abgrenzung, Zuwendung und Einsicht. Es folgt der Inhalt der Abmachung, die materiellen Vereinbarungen.

31 Wir wollen unsere Töchter nicht den Völkern des Landes geben noch ihre Töchter für unsere Söhne nehmen. 32 Wenn die Völker des Landes am Sabbat Waren und allerlei Getreide zum Verkauf bringen, wollen wir ihnen nichts abnehmen, weder am Sabbat noch an einem heiligen Tag. Wir wollen in jedem siebenten Jahr auf den Ertrag des Bodens und auf jede Schuldforderung verzichten.

Es beginnt mit schroffen, auch schmerzhaften Abgrenzungs-Maßnahmen. In Zukunft keine Mischehen und kein Handel mit den Fremdvölkern am Sabbat. Hatte Esra noch „nur“ bestehende Mischehen aufgelöst, so sollen sie hier für die Zukunft von vornherein unterbunden werden. Damit wird das Wort des Deuteronomiums in Kraft gesetzt. Du „sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne.“ (5. Mose 7, 3) Hier steht die Identität des Volkes, die auch ethnisch definiert ist, auf dem Spiel.

 Als Nächstes geht es um den Sabbat, neben der Beschneidung das große Identitätsmerkmal jüdischen Lebens. Zum „Markenkern“ geworden in der Verbannung. Er soll auch den Völker des Landes gegenüber sichtbar gemacht und festgehalten werden – darum das Handelsverbot. Vergleichbar wäre ein Verzicht auf Einkaufsfahrten von Katholiken in evangelische Gebiete an Tagen wie Fronleichnam. Um der eigenen Identität willen werden die Angebote der anderen nicht genützt.

 Es folgt eine sozial folgenreiche Selbstverpflichtung. Alle sieben Jahre keinen Ertrag des Bodens erheben, keine Schuldforderungen eintreiben – das verlangt den starken Schultern Verzicht ab und stärkt und schützt die Schwachen im Land. Solidarität praktisch. Nicht als fremdes Gesetz von außen, sondern aus einer Selbstverpflichtung heraus. Eigentum verpflichtet, großes Eigentum erst recht. Die Erwartung dahinter: Gott versorgt reichlich, auch wenn wir nicht eintreiben, was uns zusteht.

 33 Wir legen uns das Gebot auf, dass wir jährlich den dritten Teil eines Schekels geben zum Dienst im Hause unseres Gottes, 34 nämlich für die Schaubrote, für das tägliche Speisopfer, für das tägliche Brandopfer, für die Opfer am Sabbat und Neumond, für die Festtage, für das Geheiligte und für das Sündopfer, womit für Israel Sühne geschafft wird, und für alle Arbeit im Hause unseres Gottes. 35 Auch haben wir das Los geworfen unter den Priestern, den Leviten und dem Volk, in welcher Reihenfolge unsere Sippen jährlich das Brennholz für das Haus unseres Gottes zur bestimmten Zeit bringen sollen, damit man es auf dem Altar des HERRN, unseres Gottes, verbrenne, wie es im Gesetz geschrieben steht.

Breiten Raum nehmen die Verpflichtungen ein, die dazu dienen, dass der Betrieb am Tempel aufrecht erhalten werden kann. Es muss ja finanziert werden, was da im Dienst am Haus unseres Gottes verbraucht wird. Speisopfer, Brandopfer, Opfer am Sabbat – alles kostet. Selbst das Brennholz für den Altar muss irgendwoher geliefert werden. Die Regelung hier entlastet die Priester von der Aufgabe, die nötigen Betriebsmittel durch Bittgänge zu organisieren. Wo es so etwas wie „Kirchensteuer“ nicht gibt, braucht es Verabredungen und Regelungen als Selbstverpflichtung, um den Freiraum zu sichern, den Priester und Leviten für ihren stellvertretenden Dienst am Heiligtum nötig haben.

 36 Und wir wollen alljährlich die Erstlinge unseres Landes und die Erstlinge aller Früchte von allen Bäumen zum Hause des HERRN bringen 37 und die Erstgeburt unserer Söhne und unseres Viehs, wie es im Gesetz geschrieben steht. Und die Erstgeburt unserer Rinder und unserer Schafe wollen wir zum Hause unseres Gottes bringen zu den Priestern, die im Hause unseres Gottes dienen. 38 Auch wollen wir als unsere Abgaben den ersten Teil von unserm Brotteig und von den Früchten aller Bäume, von Wein und Öl den Priestern bringen in die Kammern am Hause unseres Gottes und den Zehnten unseres Landes für die Leviten; die Leviten selbst sollen den Zehnten erheben in allen Städten, wo wir den Acker bebauen.

Es sind Verpflichtungen, die in einer Agrar-Gesellschaft verwirklicht werden können. Alle diese Erstlingsgaben erinnern an den einen Gedanken, dass der Erstgeborene, das Erstgeborene, das erste Erntegut als das Beste Gott zusteht. Alle Erstlinge sind ja nur Hinweis auf das Ganze. Das Land und alle Menschen im Land sind Gottes.

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist,                                                                der Erdkreis und die darauf wohnen.                      Psalm 24,1 

Nebenbei wird so auch die Versorgung des Personenkreises gesichert, der rund um den Tempel aktiv sein wird – Priester und Leviten. Dass es Erstlingsgaben sind, mit denen sie versorgt werden, ist ein Signal, dass sie nicht unwillig abgespeist werden sollen mit dem, was übrig ist. Ihre Versorgung hat Vorrang!

 39 Und ein Priester, ein Sohn Aarons, soll bei den Leviten sein, wenn sie den Zehnten einnehmen, und die Leviten sollen den Zehnten ihrer Zehnten heraufbringen zum Hause unseres Gottes in die Kammern im Vorratshaus. 40 Denn die Israeliten und die Leviten sollen die Abgaben von Getreide, Wein und Öl herauf in die Kammern bringen. Dort sind die heiligen Geräte und die Priester, die da dienen, und die Torhüter und Sänger. So wollen wir es im Haus unseres Gottes an nichts fehlen lassen.

   Schließlich wird, fast summarisch, noch einmal die Sorge für den Tempel in den Blick genommen. Es ist die Aufgabe des Volkes, hier aktiv zu werden. Hat das Esra-Buch davon berichtet, dass ein Dekret des persischen Königs den Wiederaufbau des Tempels initiiert, so wird hier bei Nehemia betont: Israel ist in der Pflicht. Der Perser-König hat den Bau erlaubt, das Volk muss dafür sorgen, dass es keine Bau-Ruine wird, sondern der Tempel mit Leben erfüllt ist.

            Auch das ist ein Schritt über das Buch Esra hinaus. Beauftragt nach Esra der persische König Arthahasta den jüdischen Schriftgelehrten Esra: „Du aber, Esra, setze nach der Weisheit deines Gottes, die in deiner Hand ist, Richter und Rechtspfleger ein, die allem Volk Recht sprechen, das jenseits des Euphrat wohnt, nämlich allen, die das Gesetz deines Gottes kennen; und wer es nicht kennt, den sollt ihr es lehren. 26 Aber jeder, der nicht sorgfältig das Gesetz deines Gottes und das Gesetz des Königs hält, der soll sein Urteil empfangen, es sei Tod oder Acht oder Buße an Hab und Gut oder Gefängnis.“ (Esra 7,25-26) so tritt hier an die Stelle des persischen Befehls die Selbstverpflichtung der Gemeinde Israel. Das ist ein unglaublich wichtiger Schritt zu einer „inneren Autonomie“ in Zeiten auch der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit. Nicht mehr: Wir werden festgelegt. Wir legen uns selbst fest.

Zum Weiterdenken

Wir wollen – fünfmal heißt es so. Es ist kein fremder Wille, dem man sich, mehr oder weniger freiwillig oder widerspenstig beugt. Selbstverpflichtung – für alle, die sie verstehen können. Freiwillig, weil auch die Reichweite der Abmachung bedacht werden kann. An vorderster Stelle: Keine Ehen mit denen, die als „Völker des Landes“ mit im Land leben. Fremdvölker, Gastvölker. Ich stelle mir vor, wie so ein Vorschlag zu einer vergleichbaren Vereinbarung heute aufgenommen würde: Keine Ehe von Christen mit Muslimen, mit Buddhisten, mit … Ein Aufschrei der Entrüstung allein schon beim bloßen Gedanken. Innerlich auch bei mir selbst. Ob der Inhalt dieser ersten Abmachung noch im modernen Israel mit im Bewusstsein ist?

 Hinter den Einzelbestimmungen steht als ein Grundgedanke der Abmachung: Der Versuch dem ganzen Volk eine Lebensordnung vorzulegen, die das Gebot an die erste Stelle setzt. Eine Rückkehr zur alten Bundesordnung aus dem Landtag von Sichem. Es ist ein Schritt, um das Gebot als heilig, recht und gut (Römer 7, 12) und als Weg zum Leben  zu entdecken, weil der eigene Willen dem Gesetz Gottes zustimmt. Wenn man ganz hoch greift: So könnte es sich anfühlen, wenn Wirklichkeit wird, was Jeremia ansagt als Handeln Gottes. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Jeremia 31, 33)

Heiliger Gott, lehre uns, dass wir uns Dir verpflichten und Deinen Willen suchen. Lehre uns, dass wir uns auch in den Entscheidungen unseres Lebens an Deinem Willen orientieren und darauf vertrauen, dass Du uns den Weg des Lebens führst. Mache uns bereit, uns die Zugehörigkeit zu Deinem Volk Zeit und Kraft und Unterstützung kosten zu lassen. Lehre uns das Vertrauen, dass Du uns zeigst, was dem Leben dient und was dem Leben widerspricht. Erfülle unser Herz mit Freude an Deinem Gebot. Amen