Einüben in die Freude am Gesetz

Nehemia 8, 1 – 18

Als nun der siebente Monat herangekommen war und die Israeliten in ihren Städten waren, 1 versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz vor dem Wassertor und sie sprachen zu Esra, dem Schriftgelehrten, er solle das Buch des Gesetzes des Mose holen, das der HERR Israel geboten hat. 2 Und Esra, der Priester, brachte das Gesetz vor die Gemeinde, Männer und Frauen und alle, die es verstehen konnten, am ersten Tage des siebenten Monats 3 und las daraus auf dem Platz vor dem Wassertor vom lichten Morgen an bis zum Mittag vor Männern und Frauen und wer’s verstehen konnte. Und die Ohren des ganzen Volks waren dem Gesetzbuch zugekehrt.

Bis hierher war von Esra nicht die Rede. Dass er so unvermittelt eingeführt wird, mag darauf hindeuten, dass es eine große Nähe zwischen den beiden Büchern Esra und Nehemia gibt. Gleich doppelt wird Esra näher bestimmt als der Schriftgelehrte und der Priester. Das wird so betont gesagt, dass sich der Gedanke nahe legt: Er erfüllt beide „Rollen“ in einer Weise, die Vorbild für andere sein soll.

   Die Szenerie: Aus den Städten, wo sie ihre Bleibe gefunden haben, sind die Israeliten nach Jerusalem gekommen. Das wirkt wie eine Wallfahrt, nicht durch ein Fest angeordnet, sondern irgendwie spontan zu Stande gekommen. Es ist überaus bemerkenswert: Das Volk fordert Esra auf, das Buch des Gesetzes zu holen und vor der Gemeinde zu verlesen. Wie anders klingt das am Berg Horeb: „Und alles Volk wurde Zeuge von dem Donner und Blitz und dem Ton der Posaune und dem Rauchen des Berges. Als sie aber solches sahen, flohen sie und blieben in der Ferne stehen19 und sprachen zu Mose: Rede du mit uns, wir wollen hören; aber lass Gott nicht mit uns reden, wir könnten sonst sterben.“ (2.Mose 20, 18-19)

Auch jetzt versammelt sich das ganze Volk wie ein Mann. Es ist wie ein großer Freiluft-Gottesdienst. Der Ort am Wassertor mag auch Hinweis sein, dass das Gesetz nicht in den Tempel eingesperrt werden darf, sondern in das Alltagsleben hinein wirken soll. Das Volk will das Buch des Gesetzes hören. Hat es seine Lektion aus dem Untergang gelernt, dass es ohne das Wort des Gesetzes in die Irre geht? Hat es gelernt, dass der Weg des Gehorsams gegen Gott der Weg des Lebens ist? Jedenfalls: Und die Ohren des ganzen Volks waren dem Gesetzbuch zugekehrt. Genauso stellt sich das Esra-Buch das wahre Israel vor: Die Ohren geöffnet für das Gesetz.

  4 Und Esra, der Schriftgelehrte, stand auf einer hölzernen Kanzel, die sie dafür gemacht hatten, und es standen neben ihm Mattitja, Schema, Anaja, Uria, Hilkija und Maaseja zu seiner Rechten, aber zu seiner Linken Pedaja, Mischaël, Malkija, Haschum, Haschbaddana, Secharja und Meschullam. 5 Und Esra tat das Buch auf vor aller Augen, denn er überragte alles Volk; und als er’s auftat, stand alles Volk auf. 6 Und Esra lobte den HERRN, den großen Gott. Und alles Volk antwortete: »Amen! Amen!«, und sie hoben ihre Hände empor und neigten sich und beteten den HERRN an mit dem Antlitz zur Erde.

Esra steht nicht allein vor dem Volk. Andere, weil sie weder als Schriftgelehrte noch als Priester bezeichnet werden, müssen sie „Laien“ sein, stehen neben ihm. Sie repräsentieren das Volk. Sie alle stehen auf einer hölzernen Kanzel – wenn man aber die Zahl der Leute neben Esra sieht, muss es eher eine Tribüne, ein Podium gewesen sein. Wenn es heißt: Esra tat das Buch auf, so geht es nicht nur um ein Aufschlagen, oder wahrscheinlicher: Um eine Aufrollen der Schriftrollen, sondern es geht um ein inneres Aufschlagen, um die Auslegung des Gesetzes. Indem Esra das Gesetz aufschlägt, liest und auslegt, lobt er den HERRN, den großen Gott. Stimmt dieser Gedanke, dann wäre seine Auslegung eben nicht nur Lehr-Rede an das Volk, sondern zugleich Lobpreis Gottes.

Eine „Berührung“ dieser Szene mit dem Neuen Testament sei notiert: „Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2): »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« (Lukas 4, 16 – 19)

 Jesus ist, davon bin ich überzeugt, für die Autoren im Neuen Testament auch der Schriftgelehrte nach dem Herzen Gottes. Er kennt die Schrift, er lebt aus ihr und er legt sie vollmächtig aus: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ (Lukas 4, 21)

7 Und die Leviten Jeschua, Bani, Scherebja, Jamin, Akkub, Schabbetai, Hodija, Maaseja, Kelita, Asarja, Josabad, Hanan, Pelaja unterwiesen das Volk im Gesetz und das Volk stand auf seinem Platz. 8 Und sie legten das Buch des Gesetzes Gottes klar und verständlich aus, so dass man verstand, was gelesen worden war.

 Neben den Schriftgelehrten und Priester treten jetzt 13 Leviten. Sie lehren das Gesetz, klar und verständlich, so dass man verstand, was gelesen worden war. Es scheint nicht selbstverständlich zu sein, dass man das Gesetz versteht. Es versteht sich nicht von selbst. In der christlichen Theologie führt das dazu, dass der Heilige Geist als der Dolmetscher bezeichnet werden kann, der die Worte Gottes so auslegt, dass wir sie verstehen und zu Herzen nehmen.  Dann erst ist das Verstehen ja an sein Ziel gekommen, wenn es zu Herzen genommen wird, Hände und Füße, Zunge und Lippen bestimmt in ihrem Tun.

 9 Und Nehemia, der Statthalter, und Esra, der Priester und Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sprachen zu allem Volk: Dieser Tag ist heilig dem HERRN, eurem Gott; darum seid nicht traurig und weint nicht! Denn alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten.

  Es ist wie eine Erinnerung an frühere Zeiten. Schon einmal ist das Buch des Gesetzes vorgelesen worden, als es zur Zeit Josias im Tempel gefunden wurde. „Als aber der König die Worte des Gesetzbuches hörte, zerriss er seine Kleider.“ (2. Könige 22,11) Es ist das Erschrecken über dem heiligen Willen Gottes, das Josia zu dieser Trauer-Geste bringt und das Volk vor Esra und Nehemia zum Weinen. Wer das Gesetz hört, wird in diesem Hören, wenn es denn ein Hören mit dem Herzen ist, von seiner Schuld, seinem täglich beweinte Zurückbleiben“ (Martin Luther) hinter diesem Wort, überführt.

 Es ist ein Verständnis bei Esra und Nehemia, das wohl tut: Wo die Sünde, die Schuld eines Leben aufgedeckt wird, da wird gleichzeitig der Weg zur Gnade geöffnet. Die Predigt des Gesetzes ist ein Ruf zum Glauben an das Evangelium: Gott will das Leben der Sünder und nicht ihren Tod.

  10 Darum sprach er zu ihnen: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke. 11 Und die Leviten trösteten alles Volk und sprachen: Seid still, denn der Tag ist heilig; seid nicht bekümmert! 12 Und alles Volk ging hin, um zu essen, zu trinken und davon auszuteilen und ein großes Freudenfest zu machen; denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen kundgetan hatte.

 Es ist kein Bußtag mit saurem Gesicht, der hier angesagt und gefeiert wird. Von der „Freude der Buße“ (J. Schniewind) ist die Rede. Sich neu aufmachen in das Vaterhaus. Vielleicht ist es ja weit hergeholt: Aber das gemästete Kalb, das geschlachtet wird bei der Heimkehr des verlorenen Sohnes (Lukas 15,23) und die Freude des Vaters an dieser Heimkehr haben in diesem Tag ihr „Vorspiel“. Es prägt sich ein wie ein Lebensmotto, wie eine Losung für den weiteren Weg: Seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.

13 Und am zweiten Tage versammelten sich die Häupter der Sippen des ganzen Volks und die Priester und Leviten bei Esra, dem Schriftgelehrten, damit er sie in den Worten des Gesetzes unterrichte. 14 Und sie fanden im Gesetz geschrieben, dass der HERR durch Mose geboten hatte, dass die Israeliten am Fest im siebenten Monat in Laubhütten wohnen sollten.

             Es geht weiter mit Unterweisungen im Gesetz. Diesmal an die Häupter der Sippen, Priester und Leviten. Sie sind die geborenen Multiplikatoren. Sie werden von Esra „geschult“. Das erinnert mich daran, dass Luther seinen Kleinen Katechismus geschrieben hat, als einen Leitfaden, wie man den Glauben lehren soll. Er wollte seinen Pfarrern eine Hilfe an die Hand geben: „Wenn sie den Text nun gut können, so lehre sie dann auch hernach das Verstehen, auf dass sie wissen, was es bedeutet. Nimm dir abermals diesen Katechismus vor oder sonst irgendeine kurze Weise, welche du willst, und bleibe dabei und verrücke sie mit keiner Silbe und nimm dir die Zeit dazu.“ Luther Deutsch, Göttingen 1983, Bd. 6; S. 140)

            Bei diesen Schulungen kommt es zu einer „Neuentdeckung“ des Laubhüttenfestes. Es wird regelrecht „wieder gefunden“.  Und es wird dann auch, erstmals seit langer Zeit, wieder gefeiert

 15 Da ließen sie es kundtun und ausrufen in allen ihren Städten und in Jerusalem und sagen: Geht hinaus auf die Berge und holt Ölzweige, Balsamzweige, Myrtenzweige, Palmenzweige und Zweige von Laubbäumen, dass man Laubhütten mache, wie es geschrieben steht. 16 Und das Volk ging hinaus und holte sie und machte sich Laubhütten, ein jeder auf seinem Dach und in seinem Hof und in den Vorhöfen am Hause Gottes und auf dem Platz am Wassertor und auf dem Platz am Tor Ephraim.17 Und die ganze Gemeinde derer, die aus der Gefangenschaft wiedergekommen waren, machte Laubhütten und wohnte darin. Denn dies hatten die Israeliten seit der Zeit Josuas, des Sohnes Nuns, bis auf diesen Tag nicht mehr getan. Und es war eine sehr große Freude.

Diese Feier des Laubhüttenfestes ist ein Einüben in die Freude am Herrn. Und es ist die Einladung an eine Erinnerung, die das eigene Leben mit der Geschichte der Väter verknüpft. Das Fest erinnert ja an den Auszug aus Ägypten. „Sieben Tage sollt ihr in Laubhütten wohnen. Wer einheimisch ist in Israel, soll in Laubhütten wohnen, dass eure Nachkommen wissen, wie ich die Israeliten habe in Hütten wohnen lassen, als ich sie aus Ägyptenland führte. Ich bin der HERR, euer Gott.“ 3. Mose 23, 42-43) Die jetzt feiern, werden ausdrücklich bezeichnet als die ganze Gemeinde derer, die aus der Gefangenschaft wiedergekommen waren. Sie sollen es lernen, die eigene Heimkehr zusammen zu sehen mit dem Auszug aus Ägypten. Das Fest stellt die eigene Gegenwart in das helle Licht der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk.

 18 Und es wurde jeden Tag aus dem Buch des Gesetzes Gottes vorgelesen, vom ersten Tag an bis zum letzten. Und sie hielten das Fest sieben Tage und am achten Tage die Versammlung, wie sich’s gebührt.

            Jetzt weitet sich der Blick wieder: Zu diesem Fest der Freude gehört die Verlesung des Gesetzes. Es ist ja ein Ruf in die Freude an Gott. „In nachtalmudischer Zeit wird für den neunten Tag ein weiteres Fest angehängt: Śimhat tōrā, das Fest der Torafreude (in Israel identisch mit dem achten Tag).“ (T. Hiecke, aaO. S. 203) Gehorsam lebt aus der Freude und nicht aus der Unterwerfung. Das kann gar nicht genug gebührend gefeiert werden.

Zum Weiterdenken

Gleich zweimal sind in diesen Passagen Anstöße für Gottesdienst-Praxis bis heute.  Als Esra das Buch auftat, stand alles Volk auf. Es gibt bis heute Gemeinden, die stehen zur Schriftlesung im Gottesdienst auf. Ob sie wissen, dass sie damit an dieses Beispiel anknüpfen? Ob wir Pfarrer und Pfarrerinnen das immer im Blick haben? Und dann: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben. Es gibt Gemeinden, in denen werden Brot und Wein nach dem Abendmahl zu denen gebracht, die krank sind, einsam, nicht mehr kommen können. Auch so wirkt ein auf den ersten Blick unscheinbarer Satz weiter bis in unsere Zeit. Fast könnte man sagen: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Es hat Langzeit-Wirkungen.

 Dahinter steht ein sehr schöner Gedanke: Gottesdienst hört nicht mit dem Amen am Schluss auf. Er geht weiter im Weg aus dem Gottesdienst – hin in den Alltag. Hin zu denen, die nicht dabei waren. Hin zu denen, deren Hunger noch nicht gestillt ist. Vielleicht, weil sie ihn noch gar nicht gespürt haben.  Es ist wohl so: Wir sollen Gottesdienst nicht satt kriegen, aber wir sollen im Gottesdienst und vom Gottesdienst her für den Weg durch die Zeit gesättigt werden.

 

Heiliger Gott, fülle mich neu mit Deiner Freude, mit der Lust an Deinem Wort, am Gesetz, am Gehorsam gegen Dein Gebot, mit der Freude am Evangelium.  

 Gib Du es nicht nur mir, sondern Deiner Gemeinde, dass wir Dich feiern, dass wir in den Worten, die uns unterweisen, uns hineinrufen lassen in die Freude an Dir, in die Regeln, in denen Du uns das Leben ordnest, in Deine Liebe und Gnade, in Dein Lob. Amen

 

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