Ein schwieriges Umfeld

Nehemia 6, 1 – 7,3

1 Und als Sanballat, Tobija und Geschem, der Araber, und unsere andern Feinde erfuhren, dass ich die Mauer gebaut hätte und keine Lücke mehr darin sei, wiewohl ich die Türen zu der Zeit noch nicht in die Tore gehängt hatte, 2 sandten Sanballat und Geschem zu mir und ließen mir sagen: Komm und lass uns in Kefirim im Tal Ono zusammenkommen! Sie gedachten mir aber Böses anzutun. 3 Ich aber sandte Boten zu ihnen und ließ ihnen sagen: Ich hab ein großes Werk auszurichten, ich kann nicht hinabkommen; es könnte das Werk liegen bleiben, wenn ich die Hand abtäte und zu euch hinabkäme.

 „Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie schenken.“ heißt es bei Homer in der Illias. Nehemia hat allen Grund zur Vorsicht. Wenn jemand zu Freundschaftstreffen einlädt, mit Geschenken winkt, der vorher alles getan hat, um das Werk des Mauerbaus zu verhindern, dann ist das entweder Unterwerfung oder höchste Gefahr. Noch dazu, wenn der Ort des Treffens von Nehemia eine Reise nach außerhalb verlangen würde, in unsicheres Gebiet.

Da kommt es Nehemia zupass, dass noch wichtige Arbeiten unerledigt sind: Die Tore der Mauer sind noch ungesichert, weil die Türen noch nicht eingehängt sind. Das erlaubt eine diplomatisch verbrämte Zurückweisung der Einladung. Aber der Text stellt klar: Nehemia durchschaut die Gegner.

 4 Sie sandten aber viermal zu mir in dieser Weise und ich antwortete ihnen in der gleichen Weise. 5 Da sandte Sanballat zum fünften Mal seinen Diener zu mir mit einem offenen Brief in seiner Hand.

Viermal wird die Einladung erneut. Soll das Dringlichkeit unterstreichen? Oder ist es ein Zeichen dafür, dass die Feinde schon fast verzweifelt versuchen, ihre letzte Chance zu nützen? Wenn sie sich Nehemias bemächtigen könnten, käme die Bautätigkeit in Jerusalem sicher zum Erliegen. Es würde ja der inspirierende Kopf fehlen.

 Als diese Einladungen alle kein Gehör finden, folgt ein letzter Versuch: Ein offener Brief. Das ist so ähnlich wie heutzutage ein Verhandlungsangebot in der Presse oder dem Fernsehen an eine andere Gruppe: Alle wissen Bescheid. Es geht gerade nicht um Geheimhaltung, sondern um öffentlichen Druck.  

 6 Darin war geschrieben: Unter den Leuten geht das Gerücht und Geschem hat’s gesagt, dass du und die Juden abfallen wollen, dass du darum auch die Mauer baust, und du wollest ihr König werden; 7 und du habest dir Propheten bestellt, die in Jerusalem von dir ausrufen und sagen sollen: Er ist der König in Juda! Nun, das wird vor den König kommen. So komm nun und lass uns miteinander Rat halten!

 Es klingt besorgt, ist aber in Wahrheit infam. Sanballat bedient sich aus dem Reservoir der Vorurteile gegen Jerusalem und versucht, das Misstrauen der Perser – die hören ja auch, was in so einem Brief steht – zu schüren. Nehemia bereite den Abfall von Persien vor. Er wolle sich selbst zum König ausrufen lassen. Dazu habe er Propheten bestellt, die ihn als König proklamieren sollen. – So sagen die Gerüchte, laut Brief. Es sind Gerüchte, die Sanballat mit diesem Brief selbst in die Welt setzt.

Es ist eine gefährliche Unterstellung: Nehemia will sich zum König ausrufen lassen. Das sollen Propheten tun – ihn salben, ihm so eine göttliche Weihe geben. Das alles klingt deshalb plausibel, weil es in früheren Zeiten Propheten gab, die Könige installiert haben: Samuel hat Saul zum König gesalbt. „Da nahm Samuel den Krug mit Öl und goss es auf sein Haupt und küsste ihn und sprach: Siehe, der HERR hat dich zum Fürsten über sein Erbteil gesalbt. (1. Samuel 10, 1) Ebenso David: „Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern.“ 1. Samuel 16, 13) Und Elischa lässt den Jehu durch einen seiner Schüler gleichfalls als König salben: „Da stand er auf und ging hinein. Er aber goss das Öl auf sein Haupt und sagte zu ihm: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel, das Volk des HERRN. (2. Könige 9,6) Weil es das alles in der Geschichte Israels vorgekommen ist, klingt es nicht unmöglich. So sind die Worte Sanballats geeignet, entsprechende Phantasien zu befeuern.

Es ist eine ziemlich unverhohlen Drohung: Nun, das wird vor den König kommen. Der Weg nach Persien ist zwar weit, aber es werden sich schon Boten finden lassen, die solche Gerüchte transportieren. Und auch damals weiß man schon: Gerüchte verbreiten sich manchmal wie Lauffeuer. Damit es nicht so schlimm wird, bietet sich Sanballat erneut als Ratgeber an: So komm nun und lass uns miteinander Rat halten!

 8 Ich aber sandte zu ihm und ließ ihm sagen: Es ist nichts von dem geschehen, was du da sagst; du hast es dir in deinem Herzen ausgedacht. 9 Denn sie alle wollten uns furchtsam machen und dachten: Sie sollen die Hand abtun vom Werk, damit es nicht fertig werde. Da stärkte ich umso mehr meine Hände.

Nehemia dementiert – kühl. Das sind nur Ideen Sanballats. Hirngespinste. Sie haben nur einen Zweck: Sie sollen Zwietracht säen und so den Mauerbau stoppen. „Es wäre nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass eine wichtige Persönlichkeit durch gezielte Desinformation und gefälschte Dokumente zu Fall kommt.“ (T. Hiecke, aaO. S. 179) Fake News sind eine mächtige Waffe, nicht erst im 21. Jahrhundert.

 10 Und ich kam ins Haus Schemajas, des Sohnes Delajas, des Sohnes Mehetabels, der gerade behindert war, und er sprach: Lass uns zusammenkommen im Hause Gottes, im Innern des Tempels, und die Türen des Tempels zuschließen; denn sie werden kommen, dich zu töten, in der Nacht werden sie kommen, damit sie dich töten. 11 Ich aber sprach: Sollte ein Mann wie ich fliehen? Sollte ein Mann wie ich in den Tempel gehen, um am Leben zu bleiben? Ich will nicht hineingehen. 12 Denn ich merkte, dass nicht Gott ihn gesandt hatte. Denn er sagte die Weissagung über mich, weil Tobija und Sanballat ihm Geld gegeben hatten, 13 damit ich mich fürchten und so handeln und mich verfehlen sollte, dass ein böses Gerücht aufkäme, damit sie mich verhöhnen könnten.

Ein weiterer Versuch wird gestartet, auch diesmal wieder geschickt getarnt. Schemaja ist ein behinderter Prophet. Seine Behinderung kann aber kein Dauerzustand zu sein, sonst dürfte er ja nicht den Tempel betreten. Aber aktuell kann er nur zuhause sein. Dort sucht ihn Nehemia auf, ohne das klar würde, warum. Schemaja will durch einen Orakelspruch Nehemia dazu bringen, sich in den Tempel zurückzuziehen, sich dort in Sicherheit zu bringen. Weiß Schemaja etwas von Anschlagsplanungen? Wenn ja, woher? Oder ist es nur eine allgemeine Bedrohungslage, die ihn warnen lässt?

Rückzug in den Tempel verspricht Sicherheit. Der Tempel ist ja seit alter Zeit ein Asylort. Dann aber wird der Text überdeutlich: Hinter diesem Rat steht Falschheit. Nehemia wittert die Falle. Schemaja ist gekauft. Darum auch hört Nehemia nicht auf ihn.: Es wäre ein Zeichen der Schwäche und würde als Signal des Misstrauens gegen seine Leute ausgelegt werden können. Und natürlich könnten die Feinde sagen: Seht, er fürchtet sich. Man muss Menschen nicht unbedingt umbringen, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Es reicht, ihre Glaubwürdigkeit nachhaltig zu beschädigen. Nehemia, der sich versteckt, würde zum Gespött werden .

14 Gedenke, mein Gott, des Tobija und Sanballat nach diesem ihrem Tun, auch der Prophetin Noadja und der andern Propheten, die mich abschrecken wollten.

Der Gang der Erzählung wird durch einen Gebetsruf unterbrochen. Diesmal ist es aber anders. Nehemia ruft das Gott auf, diese bösartigen Anschläge nicht zu vergessen. Es soll keine Nachsicht geben, weder mit den Feinden von außen noch mit den Propheten, die ihm so Furcht einjagen wollen und sich darin als falsche Propheten erweisen.  Was das aber heißen könnte, dass Gott sie und ihr Tun nicht vergessen soll, bleibt ungesagt. Weil der Beter Nehemia Gott keine Ausführungsbestimmungen erteilen will?

 15 Und die Mauer wurde am fünfundzwanzigsten Tage des Monats Elul in zweiundfünfzig Tagen fertig. 16 Und als alle unsere Feinde das hörten, fürchteten sich alle Völker, die um uns her wohnten, und der Mut entfiel ihnen; denn sie merkten, dass dies Werk von Gott war.

Nach 52 Tagen ist Anfang Oktober 445 v. Chr. der Mauerbau fertig. „Man erkennt daraus, dass es sich beim Mauerbau im Wesentlichen um Beseitigung von Schäden im Mauerverband und die Erneuerung der Tore gehandelt hat.“ (K. Galling, aaO. S.229) Das schmälert die Leistung nicht. Die Feinde aber geraten in Furcht, weil sie nicht nur das wehrhafte Mauerwerk sehen, sondern dahinter erkennen müssen: Dies Werk war von Gott. Die sich über Jerusalem erheben konnten, weil sie es gottverlassen glaubten, müssen nun sehen: Jerusalem hat wieder seinen mächtigen Gott auf seiner Seite.

 17 Auch sandten viele Vornehme aus Juda in jenen Tagen Briefe an Tobija und von Tobija kamen Briefe zu ihnen. 18 Es gab nämlich viele in Juda, die sich ihm verschworen hatten; denn er war ein Schwiegersohn Schechanjas, des Sohnes Arachs, und sein Sohn Johanan hatte zur Frau die Tochter Meschullams, des Sohnes Berechjas. 19 Und sie sagten vor mir Gutes von ihm und trugen ihm meine Worte zu. Da sandte Tobija Briefe, um mich abzuschrecken.

 Angesichts dieser Vollendung des Vorhabens wirken die Notizen über die Aktivitäten vieler Vornehmer aus Juda fast beiläufig. Aber sie sind Hinweis darauf, dass die Gefahren nicht ausgestanden sind. Es gibt vielfältige Verbindungen zwischen Vornehmen aus Juda und den Feinden, hier Tobija. Er ist verwandtschaftlich eingebunden in die Führungsschicht und sie lassen keine Gelegenheit aus; Gutes über ihn zu reden. Soll Nehemia eingelullt werden?

Ein Gedanke drängt sich durch diesen Hinweis auf die Verwandtschaft auf: Sind die Schwierigkeiten, die Nehemia beim Mauerbau hat, vielleicht auch darin begründet, dass er als der Beauftragte des persischen Königs den einheimischen „kleinen Königen“ aus den führenden Familien in die Quere kommt? Steht ihm in Wahrheit so ein Netz familiärer, mafiöser Interessen gegenüber, das den Mauerbau auch deshalb behindert, weil es selbst aus dieser „bürgerschaftlichen Aktion“ keinen Gewinn zuwehen kann?

Mir kommt es nicht abwegig vor, auch wenn Kommentare das nie erwägen, dass hier mächtige Familieninteressen tangiert sind. Nehemia, dieser korrekte Beamte aus Susa, der zwar Jude ist, aber nicht verbandelt mit den Vornehmen in Juda, stört Geschäfts- und Macht-Interessen.  Das scheint mir ein guter Erklärungs-Schlüssel zu sein.

 Zum insgesamt fünften Mal in diesem Abschnitt stehen hier Formulierungen für „Einschüchterung“, abschrecken, furchtsam machen. Durch diese Wiederholung wird der massive Versuch, Nehemia von seiner Aufgabe abzubringen, gezeichnet. Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber Nehemia hat sich nicht abbringen lassen.  Alle diese Versuche sind erfolglos geblieben. Warum? Im Sinne des Nehemia-Buches muss die Antwort wohl heißen: weil dies Werk von Gott war.

 1 Als wir nun die Mauer gebaut hatten, hängte ich die Türen ein, und es wurden die Torhüter, Sänger und Leviten eingesetzt. 2 Und ich setzte über Jerusalem meinen Bruder Hanani und den Burgvogt Hananja, der ein treuer Mann war und gottesfürchtig vor vielen andern. 3 Und ich sprach zu ihnen: Man soll die Tore Jerusalems nicht auftun, ehe die Sonne heiß scheint; und während sie noch am Himmel steht, soll man die Tore schließen und verriegeln. Und man soll Wachen aufstellen aus den Bürgern Jerusalems, die einen bei ihrer Wachmannschaft, die andern ihrem Hause gegenüber.

Ein Letztes bleibt noch zur ordnen. Der Wachbetrieb muss geregelt werden. Nehemia setzt Leute ein, denen er vertrauen kann – seinen Bruder Hanani und einen Burgvogt namens Hananja, gottesfürchtig vor vielen andern. Das ist eine Qualität, die das Nehemia-Buch hoch einschätzt. Ist es doch die Lektion, die Israel nach der Katastrophe zu lernen hatte, später sprichwörtlich auf den Punkt gebracht: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.“(Sprüche 1,7)

Beiden gibt Nehemia seine sehr klaren Anweisungen. Die Öffnungszeiten und die Verschlusszeiten der Stadttore werden geregelt. Und die Art, wie die Bürger Jerusalems den Wachdienst wahrzunehmen haben. Das ist ein schönes Zeichen dafür, wie sich Gottvertrauen und gesunder Menschenverstand bei Nehemia ergänzen. Das Wissen um den Schutz Gottes entlässt nicht aus der Verantwortung für das eigene Tun. Wohl wahr: „Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“ (Psalm 127,1) Aber das Behüten des Herrn macht die Wächter an der Stadtmauer und eine vernünftige Torordnung nicht überflüssig. Beides ist die Konsequenz daraus, dass der Herr die Stadt behütet.

            An diese Tor-Ordnung haben sich die Tor-Ordnungen durch alle Zeit hin angelehnt. Und noch heute werden sie auf dem Athos im Zeitablauf genau so gehandhabt.

Zum Weiterdenken

            Die Gebetsrufe im ganzen Buch sind ein deutlicher Hinweis. Dieser persische Beamte Nehemia ist ein Mann der Tat und ein Mann des Gebetes. Tatkraft und Beten sind keine Gegensätze, jedenfalls nicht bei Nehemia. Sie ergänzen einander so, dass das Beten die Hände frei macht zur Tat und die Tat aus dem Beten eine eigentümliche Kraft gewinnt.

 Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat.                                   Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat.                                                                          J. Klepper 1938   EG 457

Man kann Nehemia nicht wirklich verstehen ohne diese große Bedeutung des Gebetes in seinem Leben und seinen Handeln zu sehen. Der Pragmatiker und Politiker und Stratege ist ein Beter.

 Ob wir heute von diesem Buch das zu lernen haben, dass unser Beten zu eng ist, zu klein gedacht, wenn es nur um die private Existent kreist, nur das eigene Lebensumfeld Gott anbefehlen will? Nehemia jedenfalls ist ein Beter, der in der „großen Politik“ handelnd unterwegs ist und der – gerade darum? – immer wieder im Gebet Klarheit für sich und seine Weg sucht.

 

Herr, es ist gut, gutgläubig zu sein, nicht misstrauisch immer nur Böses zu erwarten. Aber es ist nicht immer gut. Es braucht auch das wache Fragen nach Motiven hinter scheinbaren Freundlichkeiten. Wachsamkeit und Aufmerksamkeit sind nicht überflüssig. Du hast uns den Verstand gegeben, auch undurchsichtige Situationen zu durchschauen und uns in Acht zu nehmen vor falschen Freunden. Lehre uns beten um Bewahrung, um Klarheit. Lehre uns auch, unseren Verstand wach zu gebrauchen. Amen 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.