Es schreit zum Himmel

Nehemia 5, 1 – 19

 1 Und es erhob sich ein großes Geschrei der Leute aus dem Volk und ihrer Frauen gegen ihre jüdischen Brüder. 2 Die einen sprachen: Unsere Söhne und Töchter müssen wir verpfänden, um Getreide zu kaufen, damit wir essen und leben können. 3 Die andern sprachen: Unsere Äcker, Weinberge und Häuser müssen wir versetzen, damit wir Getreide kaufen können in dieser Hungerzeit. 4 Und wieder andere sprachen: Wir haben auf unsere Äcker und Weinberge Geld aufnehmen müssen, um dem König Steuern zahlen zu können. 5 Nun sind wir doch wie unsere Brüder, von gleichem Fleisch und Blut, und unsere Kinder sind wie ihre Kinder; und siehe, wir müssen unsere Söhne und Töchter als Sklaven dienen lassen, und schon sind einige unserer Töchter erniedrigt worden und wir können nichts dagegen tun, und unsere Äcker und Weinberge gehören andern.

             Schlimmer als die Gefahr durch die Feinde von außen sind die Gefahren, die von innen drohen. Wenn der soziale Frieden in der Gemeinschaft in Juda, in Jerusalem, zerstört wird, wird sie wie eine reife Frucht in die Hände der Feinde fallen. Es sind Männer und Frauen, die nicht mehr schweigen, durch die Nehemia auf die drohende Spaltung der Gesellschaft aufmerksam wird. Eltern müssen ihre Söhne und Töchter in Schuld-Knechtschaft geben, andere ihr Hab und Gut versetzen. Um die allernötigsten Lebensmittel kaufen zu können, müssen sie die eigenen Lebensgrundlagen preisgeben. Das ist widersinnig in sich selbst. Das schreit zum Himmel. Nehemia steht vor einem sozialen Unrecht, dass jüdische Menschen jüdischen Menschen antun. Und das in der Stunde der Not.

            Darum ist es verständlich, dass laute Klage, so muss man das laute Geschrei übersetzen, erhoben wird, vor allem durch die Frauen. Sie fordern ihr Recht und sie fordern rechtliche Maßnahmen, Rechtshilfe von Nehemia. Er muss dafür sorgen, dass dieses Unrecht aufhört, das sich scheinbar rechtlicher Mittel bedient – Schuldknechtschaft ist ein Rechtsinstrument nach dem Gesetz! „Wenn ihr euch einen hebräischen Sklaven kauft, soll er euch nur sechs Jahre lang dienen. Im siebten Jahr sollt ihr ihn freilassen; er muss euch für seine Freiheit nichts bezahlen.“ (2. Mose 21, 2)

             Und noch einmal schlimmer: Schon sind einige unserer Töchter erniedrigt worden. Sie sind, wieder unter dem Anschein des Rechts, „zu Sklavinnen oder Nebenfrauen reicher Gläubiger“ geworden. (T. Hiecke, aaO. S. 174) Es ist die gar nicht so seltene ekelerregende Mischung aus Macht und sexuellen Übergriffen, die hier mit dem Wort erniedrigt angedeutet wird.

             Später heißt es, auch im Gesetz: „Wenn einer deiner israelitischen Landsleute verarmt und sich dir verkauft, sollst du ihn nicht wie einen Sklaven behandeln.  Behandle ihn dagegen wie einen Lohn- oder Gastarbeiter; er soll für dich bis zum nächsten Erlassjahr arbeiten.“ (3. Mose 25, 39-40) Was hier als Schutzklausel gegen die Sklaverei formuliert wird, Menschlichkeit einfordert, wird schlicht ignoriert. Die brüderliche Solidarität in Israel wird mit Füßen getreten.

 6 Als ich aber ihr Schreien und diese Worte hörte, wurde ich sehr zornig. 7 Und ich hielt Rat mit mir selbst und schalt die Vornehmen und die Ratsherren und sprach zu ihnen: Wollt ihr einer gegen den andern Wucher treiben? Und ich brachte eine große Versammlung gegen sie zusammen 8 und sprach zu ihnen: Wir haben unsere jüdischen Brüder losgekauft, die den Heiden verkauft waren, soweit es uns möglich war; wollt ihr nun eure Brüder verkaufen, damit wir sie wieder zurückkaufen müssen?

 Nehemia reagiert. Er klärt erst einmal in sich selbst – seine Emotionen? Er braucht Abstand, um nicht aus dem Zorn heraus zu handeln. Zorn ist kein guter Ratgeber. Aber dann stellt er mit klaren Worten die Verantwortlichen zur Rede: Die Vornehmen und die Ratsherren. Was ist das eigentlich, dass immer die Reichen, die oberen Zehntausend sich in schamloser Weise bereichern können, das Recht zu haben glauben, dass es für sie keine soziale Verpflichtung gibt? Es gibt kein Unrechtsbewusstsein, dass sie vor ihrem Tun zurück schrecken lässt.

Nehemia konfrontiert sie hart, nicht nur unter vier Augen, nicht hinter verschlossenen Türen, sondern er bringt sie vor eine große Versammlung. Dort kommt der Bruch der Solidarität zur Sprache. Israel kennt die Pflicht, verarmte Juden aus der Schuldknechtschaft bei Heiden frei zu kaufen (3. Mose 25, 47-54) und hat sie nach den Worten des Nehemia auch praktiziert. Wie widersinnig ist es da, eure Brüder zu verkaufen. Dahinter steht die Frage: Wollt ihr wirklich so ein unsittliches Geschäftsmodell aufmachen und rechtfertigen?

 Da schwiegen sie und fanden nichts zu antworten. 9 Und ich sprach: Es ist nicht gut, was ihr tut. Solltet ihr nicht in der Furcht Gottes wandeln um des Hohnes der Heiden willen, die ja unsere Feinde sind?

Die so Angesprochen können sich nicht rechtfertigen. Sie müssen schweigen. Es gibt nichts, was sie zur Entlastung vorbringen könnten. Denn ihr Tun gefährdet ja nicht nur den sozialen Frieden. Es macht Israel auch zum Gespött der Heiden: So gehen sie miteinander um. Der ewige Jude verschachert die eigenen Leute. Es geht noch tiefer: Was sie tun, widerspricht dem Willen Gottes: „Denn die Israeliten gehören mir; sie sind mein Eigentum, weil ich sie aus Ägypten geführt habe. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (3. Mose 25,55) Es ist ein Rückfall in die Sünden, die Propheten wie Amos gegeißelt hatten und die den Untergang Israels und Judas und Jerusalems nach sich gezogen hatten. Es ist die alte Sünde des Ungehorsams gegen den Willen Gottes.

 10 Ich und meine Brüder und meine Leute haben unsern Brüdern auch Geld geliehen und Getreide; wir wollen ihnen doch diese Schuld erlassen! 11 Gebt ihnen noch heute ihre Äcker, Weinberge, Ölgärten und Häuser zurück und erlasst ihnen die Schuld an Geld, Getreide, Wein und Öl, die ihr von ihnen zu fordern habt.

Nehemia bringt das eigene Verhalten ins Spiel. Er, doch auch wohl begütert, hat auch Geld verliehen, dass er fordern könnte. Aber er will auf Rückzahlung verzichten. Er will, dass seine Brüder frei leben können. Es ist, als stünde Nehemia mit seinem Verhalten Pate für die Geschichte, die Jesus erzählen wird von dem zahlungsunfähigen Schuldner, der zehntausend Talente nicht zurück zahlen kann: „Er, seine Frau, seine Kinder, und alles, was er besaß, sollte verkauft werden, um damit seine Schuld zu begleichen. Doch der Mann fiel vor ihm nieder und bat ihn: `Herr, hab doch Geduld mit mir, ich werde auch alles bezahlen. Da hatte der König Mitleid mit ihm, ließ ihn frei und erließ ihm seine Schulden. (Matthäus 18, 26-27) So handelt Nehemia. Er erlässt seinen Schuldnern ihre Schulden.

12 Da sprachen sie: Wir wollen es zurückgeben und wollen nichts von ihnen fordern und wollen tun, wie du gesagt hast. Und ich rief die Priester und nahm einen Eid von ihnen, dass sie so tun sollten. 13 Auch schüttelte ich mein Gewand aus und sprach: So schüttle Gott einen jeden aus seinem Hause und aus seinem Besitz, der dies Wort nicht hält: so sei er ausgeschüttelt und leer! Und die ganze Gemeinde sprach »Amen« und lobte den HERRN. Und das Volk tat so.

Das ist das zündende Beispiel. Es kommt zur tätigen Reue. Wir wollen es zurückgeben und wollen nichts von ihnen fordern und wollen tun, wie du gesagt hast. Wieder stellt sich unwillkürlich eine neutestamentliche Parallele ein: „Zachäus stellte sich vor den Herrn hin und sagte: »Herr, ich werde die Hälfte meines Reichtums den Armen geben, und wenn ich die Leute bei der Steuer betrogen habe, werde ich es ihnen vierfach erstatten!«“(Lukas 19,8) Der Unterschied: Nehemia geht im Gegensatz zu Jesus auf Nummer sicher: Er lässt sie vor herbeizitierten Priestern mit einem Eid beschwören, dass sie tun werden, was sie jetzt gesagt haben. Er sorgt dafür, dass es nicht nur eine emotionale Aufwallung bleibt, nicht nur eine Schaufenster-Erklärung.

Einen Schritt weiter geht Nehemia noch: Er spricht eine Fluch-Formel aus für den Fall, dass einer seinen Eid bricht. Der gehört nicht mehr zum wahren Israel. Gott selbst wird ihn ausschütteln, wie man die Spreu vom Weizen trennt. Die Gemeinde, die diesem „Verfahren“ beiwohnt, sagt das „Amen“, stimmt dem Geschehen zu. Es ist eine Zustimmung, die zugleich zur Verpflichtung wird – denn zu denen, die da Ja und Amen sagen, gehören doch auch die, die sich bis dahin anders, schäbig gegen die Armen verhalten hatten, sie ausgenützt und weiter in die Armut getrieben hatten.

Die Gemeinde lobt den HERRN. Nur an herausgehobenen Stellen wird Gott im Nehemia-Buch so mit dem Gottes-Namen benannt. Hier ist so eine Stelle. Der Rechtsfriede ist hergestellt. Jetzt ist die Zeit der Klage vorbei und es ist wieder Raum für das Lob Gottes.

14 Und von der Zeit an, als mir befohlen wurde, ihr Statthalter zu sein im Lande Juda, nämlich vom zwanzigsten Jahr an bis in das zweiunddreißigste Jahr des Königs Artahsasta, das sind zwölf Jahre, verzichtete ich für mich und meine Brüder auf meine Einkünfte als Statthalter. 15 Denn die früheren Statthalter, die vor mir gewesen waren, hatten das Volk belastet und hatten für Brot und Wein täglich vierzig Silberstücke von ihnen genommen; auch ihre Leute waren gewalttätig mit dem Volk umgegangen. Ich aber tat nicht so um der Furcht Gottes willen.

 Zwölf Jahre hat Nehemia auf seine Einkünfte als Statthalter verzichtet. Er hat genug an Vermögen. Er muss das belastete Volk nicht auch noch damit belasten, für seine Einkünfte zu sorgen. Er will sich unterscheiden von denen, die sich am Volk bereichert haben, notfalls unter Einsatz von Leuten, die gewalttätig mit dem Volk umgegangen sind. Und sein Motiv: Gottesfurcht.

 16 Auch arbeitete ich an der Mauer und kaufte keinen Acker und alle meine Leute mussten sich dort zur Arbeit versammeln. 17 Dazu waren von den Juden, nämlich den Ratsherren, hundertfünfzig an meinem Tisch und auch die, die zu uns kamen aus den Völkern, die um uns her wohnten. 18 Und dafür brauchte man täglich einen Stier und sechs auserlesene Schafe und Geflügel und jeweils für zehn Tage eine bestimmte Menge Wein. Dennoch forderte ich nicht die Einkünfte eines Statthalters; denn der Dienst lag schon schwer genug auf dem Volk.

 Wo er schon einmal dabei ist, stellt Nehemia gleich völlige Transparenz her. Er ist kein armer Mann. Er kann es sich leisten, gastfrei zu sein, viele an seiner Tafel zu sammeln.  So sorgt „der ideale Politiker und Staatsmann“ ( T. Hiecke) für die Entlastung des Volkes, das schwer genug unter den Lasten des Mauerbaus und der armseligen Gesamt-Situation zu leiden hat.

 19 Gedenke, mein Gott, zu meinem Besten an alles, was ich für dies Volk getan habe!

All das Gute, das Nehemia getan hat, soll unvergessen bleiben. Ob es im Gedächtnis des Volkes aufbewahrt bleibt, mag dahin stehen. Nehemia bittet, dass es im Gedächtnis Gottes bleibt. Diese Bitte wird Nehemia später noch mehrfach wiederholen.

Auch hier gibt es ein neutestamentliches Bezugswort: „Und wer dem geringsten meiner Nachfolger auch nur ein Glas kaltes Wasser reicht, darf sicher sein, dafür belohnt zu werden.“ (Matthäus 10,42) Alle Taten der Liebe, seien sie noch so klein und in unseren Augen unbedeutend, bleiben aufgehoben im Gedächtnis Gottes.

Zum Weiterdenken

Es geht um Vorgänge, die sich bis heute, auch in unserem Land, wiederholen. Gut gemeinte Instrumente (Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkverträge) können schamlos ausgenützt werden, und sie werden schamlos, unverschämt – mit dem Argument: Wir folgen ja nur wirtschaftlichen Sachzwängen – ausgenützt, um die eigenen finanziellen und wirtschaftlichen Interessen auf dem Rücken Abhängiger vorwärtszutreiben. Notlagen werden ausgenützt. Die Sucht nach Gewinnen wird auch durch die Not vieler nicht außer Kraft gesetzt. In Zeiten der Pandemie lässt sich Geld verdienen mit Maskenhandel, mit Impf- und Testzentren, mit erschwindelten Textbescheinigungen, mit erschlichenen Unterstützungsmaßnahmen. Gauner haben immer Konjunktur. Diesem Missstand gilt die laute Klage, die Rechtshilfe fordert.

Heiliger Gott, mache mich aufmerksam für das Unrecht, das im Land geschieht. Öffne mir das Ohr für die lauten Klagen, die Andere anstimmen, auch wenn ich selbst nicht betroffen bin. Lass mich darauf achten, dass ich nicht an solchen Ungerechtigkeiten beteiligt bin. Lass mich auch nicht feige einfach dazu schweigen, weil es mich ja nicht persönlich betrifft. Wehre aber auch aller moralischen Entrüstung, die nur scheinheilig ist und nichts wirklich ändern will.

 

Lehre mich den Mund aufzumachen, wenn es darum geht, zur Umkehr zu mahnen um der Menschen willen, die unter die Räder kommen- Zur Umkehr zu rufen, damit wir Dich nicht verlieren. Amen

 

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