Wachen, Beten und Arbeiten

Nehemia 4, 1 – 17

 1 Als aber Sanballat und Tobija und die Araber und Ammoniter und Aschdoditer hörten, dass die Mauern Jerusalems ausgebessert wurden, weil die Lücken angefangen hatten sich zu schließen, wurden sie sehr zornig 2 und verschworen sich alle miteinander hinzuziehen, um gegen Jerusalem zu streiten und bei uns Verwirrung anzurichten.

            Die Mauer droht fertig zu werden. So sehen es die Feinde. Mauerlücken schließen sich, weil fleißig und zielgerichtet daran gearbeitet wird. Bald wird sie eine Schutzmauer sein, die nicht mehr zu übersehen und schwer zu überwinden ist. Das führt zum Bündnis, zu einer Koalition gegen Jerusalem. Ein wehrhaftes, durch Mauern gesichertes Jerusalem widerspricht ihrem Interesse. So schließen sich Ammoniter und Aschdotiter den Störenfrieden Sanballat&Co an. Sie wollen Verwirrung anrichten, den Bau zum Erliegen bringen. Sei es mit Gewalt.

 3 Wir aber beteten zu unserm Gott und stellten gegen sie Tag und Nacht Wachen auf zum Schutz vor ihnen.

  In Jerusalem sehen sie die Gefahr nahen. Nehemia wohl vor allem. Die Antwort ist: Beten und Wachen. Wir – das sind die Verantwortlichen und die an dem Mauerschluss arbeiten. Das Beten ersetzt die Wachsamkeit nicht und die Wachsamkeit Tag und Nacht macht das Beten nicht überflüssig. Es ist, wie auch das Folgende, in schwierigen Zeiten eine Vorwegnahme der benediktinischen Formel: Ora et labora.

 4 Und das Volk von Juda sprach: Die Kraft der Träger ist zu schwach und der Schutt ist zu viel; wir können an der Mauer nicht weiterbauen.

Bei dieser großen Anstrengung kommt das Volk an die Grenzen seiner Kraft. Es ist nach der Form ein Lied-Text, der hier dem Volk in den Mund gelegt wird, ein „Work-Song“, zu singen bei der Arbeit! Nur: dieser Text ist gefährlich! Wer so das Ende seiner Kraft besingt, ist in der Gefahr, sich selbst die letzten Kräfte zunehmen. Anfeuerungslieder haben andere Worte!

5 Unsere Widersacher aber dachten: Sie sollen’s nicht erfahren noch sehen, bis wir mitten unter sie kommen und sie töten und dem Werk ein Ende machen. 6 Als nun die Juden, die nahe bei ihnen wohnten, kamen und uns wohl zehnmal sagten: Aus allen Orten, wo sie um uns wohnen, ziehen sie gegen uns heran, – 7 da stellte man sich auf unten hinter der Mauer an den offenen Stellen, und ich ließ das Volk antreten nach seinen Geschlechtern mit Schwertern, Spießen und Bogen. 8 Und als ich ihre Furcht sah, machte ich mich auf und sprach zu den Vornehmen und Ratsherren und dem übrigen Volk: Fürchtet euch nicht vor ihnen; gedenkt an den Herrn, der groß und furchtbar ist, und streitet für eure Brüder, Söhne, Töchter, Frauen und Häuser!

 Die Feinde planen eine heimliche Aktion. Aber : Die heimlichen Pläne gegen Juda und Jerusalem bleiben nicht heimlich. Sie werden verraten, weil in den umliegenden Ortschaften auffällt, dass sich da Scharen versammeln, die nicht sonderlich friedlich aussehen. Es braucht keine Geheimdienste und keinen Verrat, es braucht nur aufmerksame Beobachtung dessen was im Gang ist. Vor allem, die Warnung ist nicht einmalig, sie wird mehrfach wohl zehnmal wiederholt. Jedenfalls: das Volk ist gewarnt und Nehemia als kunidger Führer stellt sie hinter den Mauern auf, kampfbereit.

Mit der Aufstellung von Wachmannschaften ist es nicht getan. Nehemia spürt, dass alle – Vornehme, Ratsherren und übriges Volk Ermutigung brauchen. Seine Worte beginnen geradezu „engelsgleich“: Fürchtet euch nicht. Und er fordert dazu auf, sich zu erinnern: Gott ist auf unserer Seite und er ist seit jeher für uns – groß und furchtbar ist, und streitet für eure Brüder, Söhne, Töchter, Frauen und Häuser!  Wenn Gott aber auf der Seite der Israeliten ist, gibt es kein Verzagen. Es stärkt den eigenen Mut, Gott auf seiner Seite zu glauben.

 9 Als aber unsere Feinde hörten, dass es uns kundgeworden war und Gott so ihren Rat zunichte gemacht hatte, kehrten wir alle wieder zur Mauer zurück, ein jeder zu seiner Arbeit. 10 Und es geschah hinfort, dass die Hälfte meiner Leute am Bau arbeitete, die andere Hälfte aber hielt Spieße, Schilde, Bogen und Panzer bereit und stand hinter dem ganzen Hause Juda, 11 das an der Mauer baute. Die da Lasten trugen, arbeiteten so: Mit der einen Hand taten sie die Arbeit und mit der andern hielten sie die Waffe. 12 Und ein jeder, der baute, hatte sein Schwert um die Lenden gegürtet und baute so; und der die Posaune zu blasen hatte, stand neben mir.

Die Feinde sehen die von Kämpfern besetzten Mauern. Damit wissen sie, dass kein Überraschungsangriff mehr möglich sein wird und ziehen sich zurück. Eine offene Schlacht scheuen sie. Nehemia deutet: Gott hatte ihren Rat zunichte gemacht. Es genügt, sich wehrhaft zu zeigen. Es ist fast so etwas wie ein Gottesschrecken, der hier von den besetzten Mauern ausgeht. Die eben noch gezittert haben, kehren nun ermutigt zurück, ein jeder zu seiner Arbeit. Es ist keine Zeit, den Abzug der Feinde großartig zu feiern.

 Aber aus dem Erlebten werden Schlussfolgerungen gezogen. Von nun an sind alle, die an der Mauer arbeiten, unter Waffen. Mit der einen Hand taten sie die Arbeit und mit der andern hielten sie die Waffe. Diese Sätze haben eine Langzeit-Wirkung entfaltet. Sie haben in dem jungen Staat Israel nach 1948 ihre Fortsetzung erfahren. Aufbauarbeit und Waffendienst waren immer zwei Seiten der gleichen Medaille. Nicht zuletzt im Kibbuz wurde diese doppelte Handlungsfähigkeit eingeübt. Und bis heute ist es so, dass Israel kampfbereit ist, auch in Friedenszeiten. Nicht, weil man kriegslüstern ist, sondern weil es um das Überleben geht.

 13 Und ich sprach zu den Vornehmen und Ratsherren und zum übrigen Volk: Das Werk ist groß und weit und wir sind auf der Mauer weit verstreut und fern voneinander. 14 Woher ihr nun die Posaune tönen hört, dorthin sammelt euch zu uns. Unser Gott wird für uns streiten.

 Nehemia überliefert seine strategischen Überlegungen. Erneut eine Ansprache an alle, die gebraucht werden. Wir brauchen flexible Truppen. Wir brauchen mobile Kampfbereitschaft. Wir müssen immer auf dem Sprung sein, bereit, uns gegenseitig zu unterstützen. Aber Nehemia bleibt nicht nur bei strategischem Überlegung. Er sagt auch:  Unser Gott wird für uns streiten. So hatte es auch Mose gesagt, in hoffnungsloser Situation, angesichts der tödlichen Bedrohung durch die ägyptische Übermacht: „Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“ (2. Mose 14,14) Das ist Trost in der Angst. Wird es zur Parole, so wird es gefährlich. Auch das hatte Israel schmerzlich lernen müssen, als es sich darauf verließ, ohne danach zu fragen, ob denn das eigene Leben und der eigene Weg dem Willen Gottes entspricht.

  15 So arbeiteten wir am Bau, während die Hälfte die Spieße bereithielt, vom Aufgang der Morgenröte, bis die Sterne hervorkamen. 16 Auch sprach ich damals zum Volk: Ein jeder bleibe mit seinen Leuten über Nacht in Jerusalem, damit wir in der Nacht für die Wache Leute haben und am Tage für die Arbeit. 17 Aber ich und meine Brüder und meine Leute und die Wache, die mir folgte, wir zogen unsere Kleider nicht aus; ein jeder hatte seinen Spieß zur Rechten.

Es sind lange Tage, die  in der Doppelfunktion Arbeiten und Wachen zugebracht werden. Wenigstens die Wege zum Schlafen kann man sparen. Alle, auch die aus benachbarten Orten, schlafen in der Stadt, in der Nähe der Mauer. Ständig in Rufbereitschaft. Ständig auf dem Sprung. Nehemia geht mit dem eigenen Beispiel voran. „Vor dem Hintergrund, dass schon das reine Arbeiten am Mauerbau an die Grenzen der Leistungsfähigkeit ging – die Kraft der Träger ist zu schwach und der Schutt ist zu viel -, wirkt die jetzige Belastung aller Beteiligten geradezu übermenschlich.“ (T. Hiecke, aaO. S. 173) Auch deshalb ist es mehr als ein frommes Wort zum Sabbat:  Unser Gott wird für uns streiten. Nur mit dieser Erinnerung lassen sich diese Strapazen tragen.

Zum Weiterdenken

In diesem Erzählen wird eine Haltung erkennbar, die jenseits eines prinzipiellen Pazifismus angesiedelt ist. Das ist aber auch nicht die Sache der alten Welt zu Zeiten Nehemias. Darauf zu vertrauen, dass „Gott für uns streitet“ führt nicht dazu, sich selbst zu entwaffnen. Sondern es lässt besonnen tun, was nötig ist, um sich notfalls zu wehren. Angriffskriege sind damit nicht zu rechtfertigen. Präventivschläge wohl auch nicht. Das Nehemia-Buch sieht die Bewaffnung und Wehrfähigkeit rein defensiv ausgerichtet.

 Das zumindest möchte ich zur Kenntnis nehmen in meinem Nachdenken darüber, in welcher Weise Waffen und Militärmacht zu rechtfertigen sind, auch heutzutage. Nur: Abrüstung in einer Welt, die nach wie vor von Waffen überflutet ist, ist schwierig. Aufrüstung, auch wenn sie mit Partnern vereinbart wird, ist teuer und in „Friedenszeiten“ irgendwie schwierig zu vermitteln. Aber das gilt ja auch für Vorsorgemaßnahmen anderer Art: Wer versteht schon in Dürreperioden die Aufwendungen für Hochwasser-Schutzmaßnahmen und versteht in Zeiten ohne Pandemie, dass es Bevorratung braucht – an Medikamenten, Schutzkleidung, Masken. Das kostet viel Geld, das doch anderweitig auch nötig ist.

 

Herr, manchmal geht es über die Kräfte, die Arbeit tun, sich für Gefahr wappnen, wachsam sein und auf das Notwendige konzentriert. Manchmal wird alles zu viel. Nicht einmal mehr in Ruhe schlafen und die Aufgaben des Tages nehmen kein Ende. Eine Zeitlang kann man über die eigenen Grenzen gehen. Aber dann droht der Zusammenbruch.

 

Lehre uns, in den guten Zeiten Vorsorge zu treffen für die möglichen Notfälle. Lehre uns, sorgsam mit unseren Kräften und Möglichketen umzugehen, sie nicht zu verpulvern. Du wirst und willst für uns da sein, uns begrenzen, unseren Grenzen Frieden schaffen, uns aufatmen lassen. Darauf vertraue ich. Amen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.