Beten verändert

Nehemia 1, 1 – 11

 1 Dies ist die Geschichte Nehemias, des Sohnes Hachaljas. Es geschah im Monat Kislew des zwanzigsten Jahres, als ich in der Festung Susa war, 2 da kam Hanani, einer meiner Brüder, mit einigen Männern aus Juda. Und ich fragte sie, wie es den Juden ginge, den Entronnenen, die aus der Gefangenschaft zurückgekehrt waren, und wie es Jerusalem ginge. 3 Und sie sprachen zu mir: Die Entronnenen, die zurückgekehrt sind aus der Gefangenschaft, sind dort im Lande in großem Unglück und in Schmach; die Mauern Jerusalems liegen zerbrochen und seine Tore sind mit Feuer verbrannt.

Es fängt schon ungewöhnlich genug an. Erzählt wird im Buch Nehemia die Geschichte eines Mannes. Fast könnte man sagen: Ausschnitte aus einer Biographie. Es folgen Ich-Berichte und Berichte über Nehemia. Eine Mischung also von selbst Erzähltem und Berichten. Dabei wird zunächst durchaus karg informiert: Nehemia ist der Sohn Hachaljas.

 Susa ist einer der Hauptorte des Perser-Reiches, weit im Osten. Dort wird Nehemia aufgesucht von einigen aus Juda. Es sind Männer, die wie er im Perser-Reich leben, aber die Verbindung nach Juda und Jerusalem halten. Sie fragt er nach dem Ergehen der Entronnenen. Allein diese Formulierung zeigt etwas vom Fremdheitsgefühl, das Nehemia in Persien hat. Er gehört zu denen, die in der 3./4. Generation dort leben, aber es ist nicht die Heimat geworden.

  Die Auskünfte sind niederschmetternd. Es geht dürftig zu im Land der Väter. Alles liegt zu Boden.  Jerusalem ist immer noch zerstört. Es ist schutzlos, weil die Mauern Trümmer sind und es auch keine Tore gibt, die die Stadt abschließen. Es ist bloß und preisgegeben. Daran haben auch die Heimkehrer und der Neubau des Tempels nichts geändert.

 4 Als ich aber diese Worte hörte, setzte ich mich nieder und weinte und trug Leid tagelang und fastete und betete vor dem Gott des Himmels 5 und sprach: Ach, HERR, Gott des Himmels, du großer und furchtbarer Gott, der da hält den Bund und die Treue denen, die ihn lieben und seine Gebote halten! 6 Lass doch deine Ohren aufmerken und deine Augen offen sein, dass du das Gebet deines Knechtes hörst, das ich jetzt vor dir bete Tag und Nacht für die Israeliten, deine Knechte, und bekenne die Sünden der Israeliten, die wir an dir getan haben; und ich und meines Vaters Haus haben auch gesündigt. 7 Wir haben übel an dir getan, dass wir nicht gehalten haben die Gebote, Befehle und Rechte, die du geboten hast deinem Knecht Mose.

 Die Nachrichten treffen Nehemia tief, sie zwingen ihn auf die Knie. Es beginnt ein tagelanges Ringen, Fasten, Beten. Er bringt sein Leid vor Gott. Wir haben übel an dir getan, sagt Nehemia. Wir. Er schließt sich zusammen mit den entronnenen. Er schließt sich zusammen mit den Vätern. Er zeigt nicht auf andere und sagt: Die. Die Generationen heute und die Väter sind zusammen in diesem Wir, das Schuld bekennt und um das Geschenk neuer Zuwendung bittet.  Es ist ein Denken, das unserer Zeit, die so sehr vom „Ich“ ausgeht, ziemlich fremd ist. Die Solidarität mit dem eigenen Volk, auch mit der eigenen Kirche ist weitgehend aufgekündigt, erst recht, wenn es eng wird und die Lage schwierig ist. Wir drehen uns nur noch ums Ich. Was für eine Korrektur mutet uns da das Gebet des Nehemia zu.

 Nehemia beginnt mit erlernter Erinnerung: Der da hält den Bund und die Treue denen, die ihn lieben und seine Gebote halten. Daran erinnert er Gott, ohne es sich zu verschweigen: Der Gott des Himmels ist nicht nur der liebe Gott, er ist auch furchtbar.  Es ist ein Ruf aus der Tiefe, ein Ruf um Erbarmen. Nehemia weiß: Nur die Gnade Gottes kann helfen, einen neuen Weg erschließen.

 8 Gedenke aber doch des Wortes, das du deinem Knecht Mose gebotest und sprachst: Wenn ihr mir die Treue brecht, so will ich euch unter die Völker zerstreuen. 9 Wenn ihr euch aber zu mir bekehrt und meine Gebote haltet und sie tut, so will ich, auch wenn ihr versprengt wäret bis an des Himmels Ende, euch doch von da sammeln und will euch bringen an den Ort, den ich erwählt habe, damit mein Name dort wohne. 10 Sie sind ja doch deine Knechte und dein Volk, das du erlöst hast durch deine große Kraft und deine mächtige Hand.

  Beten ist Gott daran erinnern, wer er selbst ist. Es geht nicht um Information für Gott. Es geht darum, ihm zu Herzen zu reden. So redet Nehemia mit Gott. Er hält ihm vor, wie Gott selbst seine Treue versprochen hat, wie Gott selbst es zugesagt hat, das Volk neu zu sammeln und es zurückzubringen, an den Ort, den ich erwählt habe, damit mein Name dort wohne, also nach Jerusalem. Er appelliert, um des treulosen Volkes willen an die Treue Gottes.

            Wir sprechen das heute nach, wenn wir singen:

Mein treuer Gott, auf Deiner Seite bleibt dieser Bund wohl feste stehn.      Wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht verloren gehn.           Nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an, wenn ich hab einen Fall getan.                                              J. J. Rambach 1735 EG 200

Das sagt Nehemia nicht mehr: Es kann doch nicht Gottes Wille sein, dass sie nun dort im Elend sind, als wären sie nie aus dem Elend der Gefangenschaft heim gekehrt.

 11 Ach, Herr, lass deine Ohren aufmerken auf das Gebet deines Knechtes und auf das Gebet deiner Knechte, die von Herzen deinen Namen fürchten. Und lass es deinem Knecht heute gelingen und gib ihm Gnade vor diesem Mann! 

Mit den Worten des Schlusses wird schon deutlich. In den Tagen seines Betens ist ein Entschluss in Nehemia gereift. Dazu braucht er mehr als den eigenen, persönlichen Mut. Dazu braucht er, dass Gott sein Gebet erhört. Und er ist ja nicht allein, der so betet.  Jetzt führt der Weg Nehemias zum König. Vor ihm muss er Gnade finden – dazu muss ihm der gnädige Gott helfen.

 – Denn ich war des Königs Mundschenk.

             Wie ein Nachtrag klingt das: Mundschenk. Das ist mehr als nur Tischdienst und eine Art Speisemeister oder Küchenchef. Das ist eine Vertrauensposition.

Zum Weiterdenken

Das Anfangs-Datum der Erzählung: Winter 446/445. Diese Datierung stellt uns vor Probleme. Mit Esra verbunden ist der Wiederaufbau des Tempels im Jahr 520, der im Esra-Buch berichtet wird. Nach der Erzählung in Nehemia 8 sind aber Esra und Nehemia Zeitgenossen. Das stellt unsere Datierungsvorstellungen vor schier unlösbare Fragen, wenn man an den historischen Abläufen streng festhalten will. Vielleicht schieben solche alten Bücher in einer größeren Freiheit erzählerisch zusammen, was doch im geschichtlichen Ablauf nicht so eng verbunden war.

Nehemia betet für sein Volk, weil er das Elend seines Volkes erfährt. Durch Erzählen. Und wir heute haben Bilder von Zerstörung vor Augen – durch Hochwasser, durch Dürre-Katastrophen, durch Feuer. Wir sehen Menschen, die um ihre Existenz fürchten müssen und manche um ihre Existenz gebracht sind. Wir haben Bilder von Flüchtlingen vor Augen, gefährdet und Opfer. Nur noch das nackte Leben ist ihnen geblieben. Was heißt es, für sie alle zu beten?

 

Herr, lehre mich so zu beten, dass ich einstehe für die, mit denen ich verbunden bin, dass ich mir ihr Leid zu Herzen nehme und es vor Dich bringe. Lehre mich so zu beten, dass ich für das Wohl meines Volkes bitte und bereit werde zu tun, was in meinen Kräften steht, um dem Wohl des Volkes zu dienen. Lehre mich so zu beten, dass es nicht nur Worte bleiben, nicht nur Gefühle, sondern dass aus Worten Taten werden können. Lehre mich, dass mein Beten für die Opfer unserer Zeit von mir selbst Opfer fordern kann – an Zeit, an Kraft, an Aufmerksamkeit, an Bequemlichkeit, an Geld. 

 Es ist ja wahr: Ich kann nicht die Welt retten, auch nicht wirklich im Großen verändern.  Aber an meinem Ort kann ich tun, was Deinem Willen entspricht und die Liebe mehrt. Amen