Gegen das Verzagen

Haggai 2, 10 -23

10 Am vierundzwanzigsten Tage des neunten Monats, im zweiten Jahr des Darius, geschah des HERRN Wort zu dem Propheten Haggai: 11 So spricht der HERR Zebaoth: Frage die Priester nach dem Gesetz und sprich: 12 Wenn jemand heiliges Fleisch trüge im Zipfel seines Kleides und berührte danach mit seinem Zipfel Brot, Gekochtes, Wein, Öl oder was es für Speise wäre, würde es auch heilig? Und die Priester antworteten und sprachen: Nein. 13 Haggai sprach: Wenn aber jemand durch Berührung eines Toten unrein wäre und eins davon anrührte, würde es auch unrein? Die Priester antworteten und sprachen: Es würde unrein. 14 Da antwortete Haggai und sprach: Ebenso ist es mit diesem Volk und mit diesen Leuten vor mir, spricht der HERR, und auch mit allem Werk ihrer Hände; und was sie dort opfern, ist unrein.

 Zwei Monate Später. Jetzt ein Wort an den Propheten. Er soll Auskunft erbitten von den Priestern. Über eine Auslegungsfrage des Gesetzes. Der Text erinnert an eine rechtliche Auseinandersetzung. Gott lässt sich auf eine Disputation mit seinem Volk ein. Disputationen, Rechtsstreit zwischen Gott und dem Volk finden sich öfters bei den vorexilischen Propheten, so bei Hosea und auch Jesaja. Haggai knüpft wohl daran an.

Es geht um Fragen von Reinheit und Unreinheit. Die Erfahrung lehrt: Unreinheit steckt an. Ein fauler Apfel lässt die ganze Umgebung Fäulnis ansetzen. Die Priester, Wächter über die Reinheit, müssen bei beiden Beispielen sagen: Das Unreine macht alles unrein, womit es in Berührung kommt. „Der provisorische Altar genügt nicht, um Reinheit herzustellen, wenn kein Tempel vorhanden ist.“ (H. Graf Reventlow, aaO. S. 26) Es ist eine harte Schlussfolgerung, die Haggai aus der Auskunft der Priester zieht: Das ganze Volk – unrein, unheilig. „Sie gleichen dem, der sich durch das Berühren einer Leiche unrein gemacht hat.“ (G. Maier, aaO. S. 70) Ihre Opfer, ihre Arbeit am Tempel – alles steht unter diesem Urteil: unrein. Unheilig. Eine Begründung sucht der Lesende erst einmal vergeblich.

 15 Und jetzt achtet doch darauf, wie es euch gehen wird von diesem Tage an und fernerhin! Wie ging es euch denn, bevor ein Stein auf den andern gelegt war am Tempel des HERRN? 16 Wenn einer zum Kornhaufen kam, der zwanzig Maß haben sollte, so waren kaum zehn da; kam er zur Kelter und meinte, fünfzig Eimer zu schöpfen, so waren kaum zwanzig da. 17 Ich plagte euch mit Dürre, Getreidebrand und Hagel in all eurer Arbeit; dennoch bekehrtet ihr euch nicht zu mir, spricht der HERR.

  Es geht nicht um theoretische Spielereien. Rein und unrein ist keine Nebensache, sondern entscheidet über Lebensfülle und Lebensmangel. Darum zieht Haggai – er redet hier! – Schlussfolgerungen aus den Beispielen. Solange der Tempel nicht vollendet ist, gibt es keinen Ort, um Reinheit zurückzugewinnen. Solange der Tempel nicht „arbeitet“, gibt es keine Entsühnung, gibt es keinen wirklichen Neuanfang, gibt es keinen Segen. So wird die Erfahrung des Volkes gedeutet: Der Mangel, den ihr erlebt, die Armut, unter der ihr leidet, kommt aus der falschen Priorität: Erst die eigenen Häuser, dann erst der Tempel.

Es fehlt an der Umkehr zu Gott. Fast könnte man auf die Idee kommen, dass Gott irgendwie am Erfolg seiner „Zwangsmaßnahmen“ irre wird: Ich plagte euch mit Dürre, Getreidebrand und Hagel in all eurer Arbeit; dennoch bekehrtet ihr euch nicht zu mir, spricht der HERR. Was man nicht unbedingt sieht – diese Worte tauchen ganz ähnlich bei dem Propheten Amis auf: Ich plagte euch mit dürrer Zeit und mit Getreidebrand; auch fraßen die Heuschrecken alles, was in euren Gärten und Weinbergen, auf euren Feigenbäumen und Ölbäumen wuchs; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR. (Amos 4,9) Hat Haggai Amos gelesen? Oder ist die Botschaft andersherum: Gott hält beharrlich, fast verzweifelt an seinen Versuchen fest das Volk zur Umkehr zu bringen und muss sich, gut 200 Jahre nach Amos, irgendwie eingestehen, dass Härte und Strafe keinen Weg zur Umkehr öffnet.

 Das ist die bittere Realität, die Gott sieht, im Jahr 520. Es fehlt an der Hinkehr zu ihm, obwohl sie angefangen haben, am Tempel zu bauen. Aber dieser Anfang ist immer noch seltsam halbherzig und darum nicht gesegnet. Die Dürre, die sie finden, der Mangel, den sie erfahren, ist nur ein Spiegel der eigenen Dürre und der eigenen Ärmlichkeit.Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten.“ (2. Korinther 9,6) Das ist die Diagnose die bitte

 18 Nun aber achtet doch darauf, wie es euch ergehen wird von diesem Tag an und fernerhin – vom vierundzwanzigsten Tage des neunten Monats an -, nämlich von dem Tag an, da der Tempel des HERRN gegründet ist! Achtet darauf, 19 ob noch der Same in der Scheune dahinschwindet und ob Weinstock, Feigenbaum, Granatbaum und Ölbaum noch nicht tragen! Von diesem Tage an will ich Segen geben.

 „Was die Zukunft bringt, erhält sein volles Profil erst durch den Vergleich mit der düsteren Vergangenheit.“ (G. Maier, aaO. S.73) Haggai richtet den Blick nach vorne. Es wird sich alles ändern, wenn der Tempel gegründet ist. Grundsteinlegung als Anfang einer neuen Zeit – am vierundzwanzigsten Tage des neunten Monats. An diesem Tag beginnt eine neue Zeit. Genau andersherum als es das Volk des Landes bei sich selbst gedacht hat, ist der Weg zum Segen. Vom Tempel geht Segen aus. Das werden sie mit eigenen Augen sehen können. „Von nun an ist die Bedrängnis vorbei; der Segen hebt den Fluch auf…. Die Folgen auf allen Gebieten werden sich zeigen.“ (H. Graf Reventlow, aaO. S. 28) Darum gleich mehrfach: Achtet darauf! Seht genau hin. Es gibt wirklich Segen zu sehen.

 Dieses Wort Haggais berührt sich mit dem Bild, das im Hesekiel-Buch „gemalt“ wird:  Und er führte mich wieder zu der Tür des Tempels. Und siehe, da floss ein Wasser heraus unter der Schwelle des Tempels nach Osten….Und an dem Strom werden an seinem Ufer auf beiden Seiten allerlei fruchtbare Bäume wachsen; und ihre Blätter werden nicht verwelken und mit ihren Früchten hat es kein Ende. Sie werden alle Monate neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Arznei. (Hesekiel 47,1 + 12) Es ist ein regelrechter Segensstrom, der sich aus dem Tempel ergießt. Nicht weniger erwartet auch Haggai.

 20 Und des HERRN Wort geschah zum zweiten Mal am vierundzwanzigsten Tage des Monats zu Haggai: 21 Sage Serubbabel, dem Statthalter von Juda: Ich will Himmel und Erde erschüttern 22 und will die Throne der Königreiche umstürzen und die mächtigen Königreiche der Heiden vertilgen und will umwerfen die Wagen und die darauf fahren; Ross und Reiter sollen fallen, ein jeder durch des andern Schwert.

Noch einmal ergeht ein Wort des HERRN. Diesmal ist es nicht für die Weitergabe an das Volk bestimmt. Es ist ein Wort für Serubbabel. Wenn man so will: Privatbotschaft, persönlich adressiert. Für ihn, den Davids-Spross, der zu den ersten Rückkehrern aus der babylonischen Gefangenschaft gehört. „Kein anderer Davidide außer David selbst hat so viele Segensverheißungen empfangen.“ (G. Maier, aaO. S. 32) Fast wörtlich wird V. 6 wiederholt. Wenn Gott in der Welt erscheint, wird das die Königreiche bis ins Mark erschüttern. Macht erweist sich als hinfällig. Es sind Bilder, die seit alters her in Israel wichtig sind. Der Blick auf die scheinbar Mächtigen verliert an Furcht, wenn man sich erinnern lässt, dass Gott auf dem Plan ist.

Es ist sicherlich von großer Bedeutung, dass diese Bilder durch die Zeit des Untergangs Jerusalems und des Exils nicht untauglich geworden sind. Sie trösten und ermutigen immer noch.  Und sie werden später nachgesprochen.

  „Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,                                           die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.                                                           Er stößt die Gewal      tigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.            Die Hungrigen füllt er mit Gütern                                                                    und lässt die Reichen leer ausgehen.                                                                   Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,             wie er geredet hat zu unsern Vätern,                                                       Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.                  Lukas 1, 51 – 55

 23 Zur selben Zeit, spricht der HERR Zebaoth, will ich dich, Serubbabel, du Sohn Schealtiëls, meinen Knecht, nehmen, spricht der HERR, und dich wie einen Siegelring halten; denn ich habe dich erwählt, spricht der HERR Zebaoth.

Viel größer kann man nicht von einem Menschen reden, wie hier von Serubabbel geredet wird. Der Herr will ihn als Knecht nehmen und wie einen Siegelring halten. Ich habe dich erwählt, spricht der HERR Zebaoth.  Man kann fragen: Schimmert hier etwas von einer messianischen Figur durch? Ist Serubabbel so gesehen worden? In der Geschichte haben sich die hochgespannten Worte nicht erfüllt. Allerdings – so ist eben doch auch zu bedenken: Erwählung ist keine Garantie für geschichtliche Größe. Sie ist oft genug eine Zusage, die gerade denen gilt, die durch Leid gehen müssen.

So gelesen wäre es ein Wort, das dem Statthalter Rückenwind gibt, der in dürftiger Zeit und unter schwierigen Umständen für das Volk einstehen muss, das ihm Gott durch die Entscheidungen des persischen Königs hindurch anvertraut hat. Und es wäre ein Wort, das ihm Mut macht, an seiner Aufgabe festzuhalten im Gegenwind der Geschichte. Der Tempel ist ja auch tatsächlich in dürftiger Zeit wieder errichtet worden.

Zum Weiterdenken

Es scheint eine Eigenart des Handelns Gottes zu sein: Er sucht Umkehr. Er sucht in dürftigen und dürren Zeiten nach Menschen, die sich ihm anvertrauen. Er scheut den geringen Anfang nicht. Er braucht keine perfekten Startchancen, um sein Werk zu beginnen. Aber er braucht Menschen, die sich von ihm gebrauchen lassen. Die findet er, oft genug bei solchen, die sich das gar nicht zutrauen würden die sich auch gar nicht zu den Werken Gotts berufen und befähigt fühlen.

            Auf meinen Schreibtisch liegt seit Jahre der Spruch, ausgeschnitten aus einem Kalenderblatt:

            „Das war ja so dein Wesen von allen Tagen her,
dass du dir hast erlesen, was schwach, gebeugt und leer,
dass mit zerbrochnen Stäben du deine Wunder tatst
und mit geknicktem Reben die Feinde untertratst.                                                                 
W. Krummacher 1796 – 1886 Lebenslieder 184

             Eine Erinnerung, die mir viel geholfen hat in dunklen Zeiten der Selbstzweifel und des Verzagens.

            Herr, Wo Du bist, da ist der Himmel gegenwärtig, nicht nur weit weg, nicht nur geöffnet, sondern da – mag es auch noch so dürftig zugehen. Wo Du bist, gewinnen wir Halt, Zuversicht, neue Hoffnung für das Leben, unser eigenes und für das Leben Anderer.

 

Öffne uns die Augen für Deine Gegenwart. Lass uns die Orte suchen, an denen Du Dich finden lassen willst. Dein Wort. Deine Gemeinde. Dein Haus in der Zeit. Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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