Prioritäten-Fragen

Haggai 1, 1 – 15

1 Im zweiten Jahr des Königs Darius, im sechsten Monat, am ersten Tage des Monats, geschah des HERRN Wort durch den Propheten Haggai zu Serubbabel, dem Sohn Schealtiëls, dem Statthalter von Juda, und zu Jeschua, dem Sohn Jozadaks, dem Hohenpriester:

 Haggai ist der erste Prophet in nachexilischer Zeit. Vielleicht gehört in seine Zeit auch der dritte Jesaja hinein. Sacharja jedenfalls ist ein Zeitgenosse des Haggai. Beide werden im Esra-Buch nebeneinander genannt. „Es weissagten aber die Propheten Haggai und Sacharja, der Sohn Iddos, den Juden, die in Juda und Jerusalem wohnten, im Namen des Gottes Israels, der über ihnen war.“ (Esra 5,1)

  Das Buch des Haggai ist zwar, abgesehen von Obadja, die kürzeste Schrift, die einem Propheten zugeschrieben wird. Das hindert allerdings nicht, dass der Prophet sich einer größeren Aufmerksamkeit in der Auslegungsgeschichte erfreut, so auch im Talmud. „In einer Auslegung von Daniel 10,7 deutet man die Männer, die bei Daniel warn, auf Haggai, Sacharja, Malachi.“ (G. Maier, der Prophet Haggai, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 24) Es könnte sein, dass hinter dieser Zuordnung eine Tradition steht, die Haggai mit dem Exil in Verbindung bringt und von seiner späteren Heimkehr nach Jerusalem ausgeht.

 Es sind keine zeitlosen Worte, sondern Worte in die Zeit hinein, in eine geschichtliche Stunde und zu Menschen, die Verantwortung tragen. Am 29. August 520 v. Chr. richtet Haggai des HERRN Wort an Serubbabel, den Statthalter von Juda, und Jeschua, den Hohenpriester aus. Beide sind Juden, aus alten Geschlechtern. Serubbabel ist einer aus der David-Linie, vermutlich sogar ein Enkel Jojachins (2. Könige 24,15), der im Jahr 597 v. Chr. Jerusalem kampflos übergeben und dadurch der Stadt die Vollstreckung des Banns erspart hatte. Jeschua ist der Enkel des 586 v. Chr. hingerichteten letzten Hauptpriesters am Tempel, Seraja (2. Könige 25,18). Beide sind in ihr Amt durch die persische Herrschaft eingesetzt. Die Perser bedienten sich gerne einheimischer Führungskräfte, um die Lage vor Ort zu beruhigen.

 Sie alle sind irgendwie abhängig von der Gunst des Königs Darius. Der hatte in den Jahren zuvor seine Macht erkämpft, Rivalen ausgeschaltet und besiegt. „Jetzt, im Herbst 520 v. Chr., zur Zeit der Ereignisse in unserem Haggaibuch hatte er die Dinge fest in der Hand.“ (G. Maier, aaO. S. 30) Er war – vielleicht – den Juden wohl gesonnen. Jedenfalls erlaubte er den Tempelneubau.

 2 So spricht der HERR Zebaoth: Dies Volk spricht: Die Zeit ist noch nicht da, dass man des HERRN Haus baue. 3 Und des HERRN Wort geschah durch den Propheten Haggai: 4 Aber eure Zeit ist da, dass ihr in getäfelten Häusern wohnt, und dies Haus muss wüst stehen!

 Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Beschwerde, was der HERR Zebaoth vorbringt. Er zitiert Parolen, die im Volk umlaufen, bei denen, die zurückgekehrt sind aus dem Exil. „Erst kommen wir, dann erst kommt der Tempel.“ (G. Maier, aaO. S. 36) Das Haus der Leute kommt zuerst, für den Tempel muss noch Zeit sein. Das liegt doch so auf der Hand, es ist so menschlich. Man muss gar nicht so zynisch übertreiben wie Bert Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ (Dreigroschenoper 1968) Wenn es um Wiederaufbau geht, hat das Dach über dem eigenen Kopf Vorrang vor dem Kultgebäude für einen Gott, der im Himmel wohnt.

 Das Wort des Herrn entlarvt diese Parolen. Längst schon geht es nicht mehr nur ums Überleben. Ihr wohnt in getäfelten Häusern. Im Jahr 538 v. Chr. waren die ersten Rückkehrer nach Jerusalem gekommen. 18 Jahre war Zeit für den Wiederaufbau. Kyrus hatte jedoch in seinem Edikt den Wiederaufbau des Tempels vordringlich gemacht (Esra 6, 3 – 5) Und jetzt ist der Tempel immer noch ein Trümmerhaufen. Es spielt für Haggai keine Rolle, was im Esra-Buch als Erklärung angeführt wird: Die Völker des Landes, die Nachbarn um Jerusalem herum haben den Bau behindert, ihn durch Eingaben und Einsprüche lange verhindert. (Esra 4, 1-5). 

5 Nun, so spricht der HERR Zebaoth: Achtet doch darauf, wie es euch geht: 6 Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch und könnt euch doch nicht erwärmen; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.

  Durch das Wort des Herrn wird Anderes in den Blick gerückt. Aber es ist kein Wort, das einfach nur befiehlt. „Das Gotteswort geht auf die Situation der Hörer ein und sucht ihre Argumente aufzunehmen.“ (H. Graf Reventlow; Die Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi, ATD 25,2, Göttingen 1993, S. 12) Die Mühe um das eigene Wohlergehen läuft ins Leere. Es ist klar, wie das Argument gemeint ist: Weil es noch keinen Tempel gibt, noch keinen ordentlichen Gottesdienst, noch keine Opfer, gibt es noch keinen Segen auf dem Tun der Menschen. Anders gesagt: „Viel Arbeit und wenig Erfolg. Oder noch besser: Viel Mühe und wenig Segen.“ (G. Maier, aaO. S. 38)

In den Worten klingt an, was schon andernorts als prophetische Botschaft zu hören war: „Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.“ (Jesaja 55,2) Es ist der vergeblich Versuch, das Leben zu sichern ohne Gottvertrauen. Wer zur Lebenssicherung nur auf sich selbst setzt, der gerät rasch in ausweglose Lagen. So hatte es – vor dem Exil – schon Jeremia gesagt: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen vom HERRN.“ (Jeremia 17,5) Und die damit verbunden Gefahr benannt: Wer nur auf sich bauen kann, dem droht die Kraftlosigkeit, die Dürre, das Ausbrennen. Burn out. Das droht auch jetzt, nach der Heimkehr, bei aller Konzentration auf das eigene Wohlergehen und Vorankommen.

            Der Psalmbeter weiß es anders, besser:

            „Wenn der HERR nicht das Haus baut,

            so arbeiten umsonst, die daran bauen.

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,                                                          so wacht der Wächter umsonst.                                                                           Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht                                                               und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen;                              denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.                   Psalm 127, 1 – 2

Zugleich wirken die Worte wie eine Erinnerung an Erfahrungen aus den Zeiten des Anfangs. Israel war doch in der Wüste von Gott versorgt worden. Das täglich gesammelte Manna reichte. Niemand musste sich sorgen (2. Mose 16, 15-20). Gerade in dieser Erinnerung an die Fürsorge Gottes in karger Zeit aber sind die Worte des Haggai eine deutliche Kritik: In dieser Vorordnung des Baus der eigenen Häuser vor dem Bau des Tempels zeigt sich fehlendes Gottvertrauen.

7 So spricht der HERR Zebaoth: Achtet doch darauf, wie es euch geht! 8 Geht hin auf das Gebirge und holt Holz und baut das Haus! Das soll mir angenehm sein, und ich will meine Herrlichkeit erweisen, spricht der HERR.

 Noch einmal – aber diesmal genau anders gemeint: Achtet doch darauf, wie es euch geht! So erfolgt die Einladung: Testet mich doch! Gott lässt sich darauf ein: Macht Erfahrungen mit mir. Seht, ob es sich „lohnt“, den Tempel jetzt zu bauen. Ich will meine Herrlichkeit erweisen, spricht der HERR. So verspricht der HERR Antwort auf das Tun seines Volkes, das ihm traut.

 9 Denn ihr erwartet wohl viel, aber siehe, es wird wenig; und wenn ihr’s schon heimbringt, so blase ich’s weg. Warum das?, spricht der HERR Zebaoth. Weil “mein” Haus so wüst dasteht und ein jeder nur eilt, für “sein” Haus zu sorgen. 10 Darum hat der Himmel über euch den Tau zurückgehalten und das Erdreich sein Gewächs. 11 Und ich habe die Dürre gerufen über Land und Berge, über Korn, Wein, Öl und über alles, was aus der Erde kommt, auch über Mensch und Vieh und über alle Arbeit der Hände.

Die Kehrseite wird auch deutlich benannt. Es wird ein Arbeiten ins Leere sein, eine Mühe, die zur Sisyphusarbeit gerät. „Was erworben wird, zerrinnt unter den Fingern.“ (G. Maier, aaO. S. 43) Immer neue vergebliche Anläufe. „Vergeblichkeits-Fluch“ wird das in der Exegese genannt. Ist das eine Anspielung auch auf einen Gottesmann wie Elia? Seine Antwort auf den Götzendienst des Ahab war sein Drohwort: „So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.“(1. Könige 17,1) Es ist der gleiche Gott, der damals auf das Wort des Elia den Himmel verschloss und der auch jetzt, zur Zeit des Haggai, den Tau zurückhält und die Dürre ruft.

Israel war immer weit davon entfernt, aus Gott einen Naturgott zu machen, die Vegetation göttlich zu verehren. Aber es hat gleichwohl auch immer gewusst, dass es Gott ist, der Wachsen und Gedeihen schenkt, der regnen lässt und die Sonne scheinen. Es gehört zu den zentralen Aussagen des Glaubens in Israel:

 Du feuchtest die Berge von oben her,                                                               du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.                                      Du lässest Gras wachsen für das Vieh                                                              und Saat zu Nutz den Menschen,                                                                    dass du Brot aus der Erde hervorbringst,                                                     dass der Wein erfreue des Menschen Herz                                                      und sein Antlitz schön werde vom Öl                                                              und das Brot des Menschen Herz stärke.                                                         Die Bäume des HERRN stehen voll Saft,                                                          die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat.           Psalm 104, 13 – 16

 Wenn es aber so ist, dass von Gott her Segen und Gedeihen kommen, dann ist es geradezu widersinnig, dem eigenen wohlergehen Vorrang einzuräumen. Sich die Füße wund zu laufen, dass jeder nur eilt, für “sein” Haus zu sorgen. Dann braucht es doch den Ort, an dem Gottes Segen erbeten werden kann, dringlicher als alles andere.

 12 Da gehorchten Serubbabel, der Sohn Schealtiëls, und Jeschua, der Sohn Jozadaks, der Hohepriester, und alle Übrigen vom Volk der Stimme des HERRN, ihres Gottes, und den Worten des Propheten Haggai, wie ihn der HERR, ihr Gott, gesandt hatte; und das Volk fürchtete sich vor dem HERRN.

„Haggais Ansprache hat einen ungeheuren Eindruck gemacht.“ (H. Graf Reventlow aaO. S. 16) Es ist, wie es sein soll. Das Wort Gottes im Mund seines Propheten wirkt. Es berührt Herzen und bewegt Menschen zum Handeln. Serubbabel und Jeschua und alle Übrigen vom Volk gehorchen. Alle, die nach Jahren im Exil zurückgekehrt waren. Sie haben nicht nur gehört, sie lassen sich von dem Gehörten auch bewegen. Darum: gehorchten. Sie fangen an, den Tempel zu bauen. Das ist Gottesfurcht.

 13 Da sprach Haggai, der Bote des HERRN, der beauftragt war mit der Botschaft des HERRN an das Volk: Ich bin mit euch, spricht der HERR. 14 Und der HERR erweckte den Geist Serubbabels, des Sohnes Schealtiëls, des Statthalters von Juda, und den Geist Jeschuas, des Sohnes Jozadaks, des Hohenpriesters, und den Geist aller Übrigen vom Volk, dass sie kamen und arbeiteten am Hause des HERRN Zebaoth, ihres Gottes, 15  am vierundzwanzigsten Tage des sechsten Monats im zweiten Jahr des Königs Darius.

  Jetzt kann Haggai auch anderes sagen. Jetzt folgen Heilsworte. Ich bin mit euch, spricht der HERR. Auch das sagt Haggai, so wird ausdrücklich festgehalten, im Auftrag des HERRN. Was geschehen ist durch die Rede des Propheten, ist eine Erweckung des Geistes und der Herzen, die die die Hände und Füße in Bewegung setzt. Nach dem Hören kommt das Handeln.  Der Tempelbau folgt nicht irgendwelchen äußeren Träumen von neuer, alter Größe. Er folgt dem Wort und Willen Gottes. Drei Wochen nach der Rede Haggais, am 21. September 520, beginnen die Bauarbeiten am Tempel. Manchmal sind die Folgen des Redens Gottes datierbar, auch im Kalender der Weltgeschichte.

Zum Weiterdenken

Haggai ist schon eine große Ausnahme unter den Propheten. Sonst lesen wir bei den Propheten Kritik am Tempel, Kritik an einem „Tempelbetrieb“ der nur Leerlauf ist, nur Kult, ohne innere Hingabe an Gott und seinen Willen. Diese Sicht findet sich in den Worten des Haggai nicht. Er treibt zum Tempelbau – nicht zuletzt, damit das Volk wieder eine sichtbare geistliche Mitte gewinnt. Es ist eine nüchterne Sicht: Glaube braucht auch sichtbare Orte, damit er sich nicht verflüchtigt.

Es ist eine so einleuchtende Reihenfolge: Privat geht vor öffentlich. Das Dach über dem eigenen Kopf hat Vorrang. „In manchem erinnert diese Situation an den deutschen Wiederaufbau nach 1945.“ (G. Maier, aaO. S. 44) Auch da hat man nicht bei Kirchen angefangen. Es ist auch heutzutage zu besichtigen, in Norcia und anderswo in Italien: Der Wiederaufbau der Dome reiht sich hinter den Wiederaufbau der Privathäuser ein. Auch im Ahrtal werden vermutlich die Friedhöge länger auf eine Wiederherstellung warten müssen als die Privathäuser. Wenn man das sieht, wird man auch vorsichtig mit dem Kopfschütteln über die Juden damals, die Italiener heute. Und ahnt, was für eine Provokation das Wort Jesu ist: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ (Matthäus 6, 26) Wer wollte aus solchen Sätzen schon heute eine Regel für Sorglosigkeit oder gar für eine Prioritäten-Umkehr machen: Erst Gott und sein Haus, dann und danach wir.

 

Heiliger Gott, sprich uns zu Herzen. Erwecke unseren Geist, dass wir Deinen Willen tun, dass wir Hände und Füße regen, anpacken, wo es nötig ist. Wege gehen, die Du willst. Lass es uns lernen: Wenn wir dich ehren, wird es nicht an Menschen fehlen, denen das zugutekommt – weil dich ehren ja auch das miteinschließt: Menschen zu dienen.

 

Zeige uns, was wir tun sollen. Zeige uns die Menschen, die uns brauchen. Hole uns heraus aus der Sorge um uns selbst und lass uns dann auch handeln, so wie Du es willst. Amen