Gott erweckt, wie und wen er will

Esra 1, 1 – 11

 1 Im ersten Jahr des Kyrus, des Königs von Persien, erweckte der HERR – damit erfüllt würde das Wort des HERRN, das durch den Mund Jeremias gesprochen war – den Geist des Kyrus, des Königs von Persien, dass er in seinem ganzen Königreich mündlich und auch schriftlich verkünden ließ:

  „Es war eine dramatische Stunde in der Geschichte Israels, als Kyros in Babylon als Welteroberer einzog und den Juden volle Freiheit gab, nach Jerusalem zurückzukehren.“ (W. Durant, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 2, Lausanne 1970, S. 49) Das Buch Esra vermerkt: eine der ersten Regierungstaten des Kyrus. Als hätte er nichts Eiligeres zu tun. Obendrein: Der Antrieb dazu aber ist aus Gottes Plan und Willen. „Wie Gott sich der heidnischen Könige und Mächte als Werkzeug seines Gerichtes , so kann er sich umgekehrt auch ihrer zur Herbeiführung der Heilswende bedienen.“ (K. Galling, Die Bücher der Chronik, Esra, Nehemia, ATD 12, Göttingen 1954, S. 186)

So gibt sich das Buch Esra schon im ersten Satz zu erkennen: Es ist ein Zeugnis dafür, dass Gott will, dass der HERR den Geist und das Herz von Menschen leiten kann. Und es ist ein Zeugnis dafür, dass sich dieser Wille durch den Mund Jeremias kundgetan hat. Mehr noch als nur ein Zeichen für die Hochachtung, die die Prophetie genießt. Es ist die Überzeugung, dass die Prophetenworte über den engen Horizont Israels hinaus Geschichte leiten.  

 Was folgt ist die Folge einer Erweckung. Das meint, biblisch gesprochen, erwecken: Menschen werden inspiriert zu Taten, die dem Willen Gottes konform gehen.

2 So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu Jerusalem in Juda zu bauen. 3 Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem in Juda und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels; das ist der Gott, der zu Jerusalem ist. 4 Und wo auch immer einer übrig geblieben ist, dem sollen die Leute des Orts, an dem er als Fremdling gelebt hat, helfen mit Silber und Gold, Gut und Vieh außer dem, was sie aus freiem Willen für das Haus Gottes zu Jerusalem geben.

 Der Perserkönig lässt dem HERRN, dem Gott des Himmels, ein Haus zu Jerusalem in Juda bauen. Die Gottesbezeichnung Gott des Himmel „übersetzt“ den Namen JAHWE (=der HERR) in eine allgemein orientalisch gebräuchliche Rede vom „Höchsten Gott“. So könnte ein Perserkönig geredet haben.

  Die Wiedererrichtung des unter Nebukadnezar geschleiften Tempels ist keine Angelegenheit des jüdischen Volkes. Sie geht auf die Initiative des Kyrus zurück, der sie anordnet. Auch wenn wir unterstellen, dass Kyros eine liberale und sorgsame Religions-Politik geübt hat, dies ist schwer vorstellbar ist: Der HERR hat mir befohlen. Kyrus zeigt sich mit seinem Befehl als Diener Gottes, als Befehlsempfänger Gottes.

 Diese Unterwerfung eines heidnischen Herrschers unter die Größe Gottes zeigt sich auch an anderer Stelle: „Da ließ der König Darius allen Völkern und Leuten aus so vielen verschiedenen Sprachen auf der ganzen Erde schreiben: Viel Friede zuvor! Das ist mein Befehl, dass man überall in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und scheuen soll. Denn er ist ein lebendiger Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. Er ist ein Retter und Nothelfer, und er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden.“ (Daniel 6, 26- 28) Hinter solchen Worten wird die Erwartung Israels sichtbar, dass sich niemand der Herrschaft Gottes entziehen kann, woher auch immer er kommt.

Kyrus ist einer, der den Willen Gottes vorwärts bringt. Er schickt die Leute Gottes zurück nach Jerusalem, mit dem einen Ziel: Den Tempel neu zu bauen. Und wo immer Juden in Babylon sind, sollen sie sich auf diesen Weg machen und unterstützt werden für diesen Weg. Sie sollen nicht mit leeren Händen zurück nach Jerusalem kommen.

5 Da machten sich auf die Häupter der Sippen aus Juda und Benjamin und die Priester und Leviten, alle, deren Geist Gott erweckt hatte, um hinaufzuziehen und das Haus des HERRN zu Jerusalem zu bauen. 6 Und alle, die um sie her wohnten, halfen ihnen mit allem, mit Silber und Gold, mit Gut und Vieh und Kleinoden außer dem, was sie freiwillig gaben.

Noch eine Erweckung. Die Häupter der Sippen aus Juda und Benjamin und die Priester und Leviten führen den Zug derer an, die sich auf den langen Weg zurück machen.  Was wir als „fromme Sprache“ hören, hat doch einen sehr handfesten Hintergrund: Es wäre nach siebzig Jahren doch fast normal zu bleiben. Man hat sich eingerichtet, arrangiert, den eigenen Lebenskreis gefunden. Es dürfte zutreffen: „Die jüngere Generation der Juden war über diese Befreiung nur wenig entzückt; viele hatten in Babylonien feste Wurzen gefasst und zögerten nun, ihre fruchtbaren Felder und ihren blühenden Handel zu verlassen, um die einsamen Ruinen der Heiligen Stadt aufzusuchen.“ (W. Durant, ebda.) Zurückzukehren in ein Land, das am Boden liegt, Aufbauarbeit auf sich zu nehmen – dazu braucht es einen starken Antrieb. Es kehren ja längst nicht alle zurück, sondern nur alle, deren Geist Gott erweckt hatte, um hinaufzuziehen.

             Es ist Gott, der die Sehnsucht wach gehalten hat in der Fremde, der Gefangenschaft.

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,                                                 wenn wir an Zion gedachten. (Psalm 137,1)

Und es ist Gott, der aus dieser Sehnsucht Schritte werden lässt.

 7 Und der König Kyrus gab heraus die Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar aus Jerusalem genommen und in das Haus seines Gottes gebracht hatte. 8 Und Kyrus, der König von Persien, übergab sie dem Schatzmeister Mitredat; der zählte sie Scheschbazar, dem Fürsten Judas, vor. 9 Und dies war ihre Zahl: 30 goldene Becken und 1029 silberne Becken, 10 30 goldene Becher und 410 silberne Becher und 1000 andere Geräte. 11 Alle Geräte, goldene und silberne, waren 54001. Alles brachte Scheschbazar hinauf, als man aus der Gefangenschaft von Babel nach Jerusalem hinaufzog.

 Der Tempelschatz oder doch wenigstens große Teile davon wird den Rückkehrern mitgegeben auf den beschwerlichen Weg. Diese Beigabe ist wie ein Versprechen für die Zukunft des Tempels. Und die Rückgabe der Beutekunst mutet wie eine späte Wiedergutmachung für alle Grausamkeit beim Untergang Jerusalems an. Wiewohl es ja nicht die Perser waren, die Jerusalem gebrandschatzt hatten.

Es ist sicherlich auch nicht falsch, bei dieser Rückkehr zu hören, was bei dem früheren Auszug schon einmal erzählt worden war. Es ist ein Zeichen des guten Willens, dass Kyrus sie ohne Not und ohne Verpflichtung so ausgestattet ziehen lässt.

Zum Weiterdenken

 Die ersten drei Verse des Esra-Buches sind wortgleich mit 2. Chronik 35, 22 – 23. In der Anordnung der hebräischen Bibel bilden diese Verse den Abschluss der ganzen biblischen Sammlung. Es sind also die Schluss-Worte der hebräischen Bibel: Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf. Eine Wegweisung für <geistliches> Leben, die über den engen Rahmen des Gesetzesgehorsames hinaus führt und das ganze Leben in seiner Alltäglichkeit in Anspruch nimmt. wie sie auch die christliche Gemeinde kennt: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“ (Kolosser 3,1)

             „Es wird regiert.“ Das sind Worte, die von Karl Barth aus einem Telefonat mit seinem Freund Eduard Thurneysen überliefert sind, in einer der Krisen der 60er Jahre. Und er meinte nicht Moskau, Washington, London oder Bonn. Es ist eine der großen Herausforderungen an unseren Glauben, ob wir es Gott zutrauen, so wie es in einem alten Schweizer Wahlspruch heißt:  Hominum confusione et Dei providentia Helvetia regitur.» – Menschliche Konfusionen und göttliche Weitsicht – so wird ds Land geleitet. Wenn wir demnächst auch wählen – es sind nur Menschen, irrtumsfähig und nicht perfekt. Aber Gott kann mit ihnen etwas anfangen!

 

Mein Gott, manchmal öffnest Du Freiräume für Deine Leute, mit denen nie zu rechnen war. Manchmal tust Du neue Wege auf und wartest darauf, dass wir sie auch gehen. Manchmal braucht es das Wort von außen, aus einem fremden Mund, damit wir in Bewegung gesetzt werden.

 Du kannst, wen Du willst, dazu bringen, für Dein Volk Wege zu öffnen, auch die Mächtigen der Erde, die nur ihren eigenen Willen und ihre eigenen Pläne verfolgen. Sie müssen doch Deinem Willen den Weg bereiten. Amen