Gnädiger Aufschub

  1. Könige 22, 14 – 23,3

14 Da gingen hin der Priester Hilkija, Ahikam, Achbor, Schafan und Asaja zu der Prophetin Hulda, der Frau Schallums, des Sohnes Tikwas, des Sohnes des Harhas, des Hüters der Kleider, und sie wohnte in Jerusalem in der Neustadt; und sie redeten mit ihr.

  Der König hat die Befragung des HERRN angeordnet. Diese Anordnung führt eine staatliche Delegation zu der Prophetin Hulda. Hilkija, Ahikam, Achbor, Schafan und Asaja, alle, die bei der Verlesung des Buches dabei waren, machen sich auf den Weg. Wie nebenbei erfährt man: es gibt nicht nur Propheten, sondern auch Prophetinnen. Wenigstens diese eine – Hulda, Frau des Schallum.  Sie alle bringen ihr Anliegen vor. Man kann vermuten: es geht um Auskunft über den Weg, der vor Jerusalem liegt.

15 Sie aber sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Sagt dem Mann, der euch zu mir gesandt hat: 16 So spricht der HERR: Siehe, ich will Unheil über diese Stätte und ihre Einwohner bringen, alle Worte des Buches, das der König von Juda hat lesen lassen, 17 weil sie mich verlassen und andern Göttern geräuchert haben, mich zu erzürnen mit allen Werken ihrer Hände; darum wird mein Grimm gegen diese Stätte entbrennen und nicht ausgelöscht werden.

  Es ist keine gute Botschaft, die die Prophetin an sie weitergibt. Unheil über diese Stätte und ihre Einwohner. Es kommt so, wie es in dem Buch steht. Weil das Volk und die Könige den Weg Gottes nicht gesucht haben, weil sie seine Wegweisung missachtet haben. Weil sie sich fremden Göttern angedient haben. Weil ihr Leben so war, wie es war – selbstbezogen, auf Gewinn aus, auf Machtzuwachs aus. Und das Gebot Gottes war auf diesen Wegen nur hinderlich. Die Folge ist der Zorn Gottes, unauslöschlich. Das ist eine Vorweg-Absage an alle möglichen Buß-Leistungen, um das kommende Unheil doch noch abzuwenden. Es wird nicht mehr funktionieren. Der Punkt, an dem es zu spät ist für Umkehr, ist längst überschritten.

 18 Aber dem König von Juda, der euch gesandt hat, den HERRN zu befragen, sollt ihr sagen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Was die Worte angeht, die du gehört hast: 19 Weil dein Herz verzagt ist und du dich gedemütigt hast vor dem HERRN, als du hörtest, was ich geredet habe gegen diese Stätte und ihre Einwohner, dass sie sollen zum Entsetzen und zum Fluch werden, und weil du deine Kleider zerrissen hast und vor mir geweint hast, so habe ich’s auch erhört, spricht der HERR.

  Immerhin: Dass sich Josia so hat erschrecken lassen, dass er sich diesen Worten des Buches gegenüber nicht verschließt, sondern sich unter sie als gerechte Urteile beugt, das wird ihn persönlich schützen. Seine Buße ist nicht ungesehen, nicht folgenlos. Gott hört nicht weg, wenn einer in diesem Volk wahrhaftig erschrickt und Buße tut. Weil du deine Kleider zerrissen hast und vor mir geweint hast – diese Zeichen von Reue und Demut sind im Himmel angekommen. Sie werden das Geschick Jerusalems nicht mehr wenden.  Aber:

  20 Darum will ich dich zu deinen Vätern versammeln, dass du mit Frieden in dein Grab kommst und deine Augen nicht sehen all das Unheil, das ich über diese Stätte bringen will. Und sie sagten es dem König wieder.

  Es ist ein gnädiger Aufschub. Josia wird den Untergang nicht mehr miterleben. Er darf sterben, bevor das Gericht seinen Lauf nimmt.

 Und auch das könnte man mithören, was im Jona-Buch erzählt wird als Wirkung der Ankündigung des Untergangs von Ninive: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack zur Buße an….. Wer weiß? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, das wir nicht verderben.“ (Jona 3,5+9) Vielleicht lässt sich ja die Katastrophe noch abwenden, wenn wir uns Gott neu zuwenden?

23,1 Und der König sandte hin, und es versammelten sich bei ihm alle Ältesten Judas und Jerusalems. 2 Und der König ging hinauf ins Haus des HERRN und alle Männer Judas und alle Einwohner von Jerusalem mit ihm, Priester und Propheten und alles Volk, Klein und Groß. Und man las vor ihren Ohren alle Worte aus dem Buch des Bundes, das im Hause des HERRN gefunden war. 3 Und der König trat an die Säule und schloss einen Bund vor dem HERRN, dass sie dem HERRN nachwandeln sollten und seine Gebote, Zeugnisse und Rechte halten von ganzem Herzen und von ganzer Seele und aufrichten die Worte dieses Bundes, die geschrieben stehen in diesem Buch. Und alles Volk trat in den Bund.

             Josia ist nicht beruhigt und zufrieden: Mich trifft es ja nicht. Er startet neue Aktivität. Das ganze Volk sammelt er im Haus des HERRN, alle Altersgruppen, alle Schichten. Um dort das neu gefundene Buch vorlesen zu lassen. Kein Geheimschrift, sondern ein Wort, das alle angeht. Es läuft auf eine Erneuerung des Bundes – bərit – hinaus. Der alte Bund, den sie nicht gehalten hatten, der soll neu in Kraft gesetzt werden. Sie sollen in diesem Bunde leben – von ganzem Herzen und von ganzer Seele – ganz so, wie es zuvor geschrieben steht: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose, 6 5) Der Weg nach vorne wird nur so möglich werden, durch die Rückkehr zu dem guten Weg des Anfangs.  

 Zum Weiterdenken

 Wir können uns die Zeit nicht aussuchen, in der wir leben. Wir werden in sie hinein geboren. Wir können uns auch die Zeit nicht aussuchen, wann wir wieder gehen. Es ist die Überzeugung der biblische Schriften, dass Anfang und Ende in den Händen Gottes sind. Ob uns unser Ende vor schlimmem Unheil bewahren wird? Wir wissen es nicht. Von mir weiß ich, dass ich manchmal einigermaßen sorgenvoll frage: In welche Welt hinein wird der Weg unserer Enkel führen? Und dass ich nicht froh, aber irgendwie erleichtert bin, dass ich in dreißig, vierzig Jahren nicht mehr beteiligt sein werden, wenn es gilt, die von uns Menschen herauf beschworen Krisen irgendwie abzumildern. Ist das feige? Oder ist es eine Gnade, dass ich in einer langen Friedenszeit hier in der Mitte Europas leben durfte, ohne Angst vor Untergang und Chaos, vor Elend, wie es Kriege und Naturkatstrophen mit sich bringen.

 

Mein Gott, gib mir, dass ich mich nicht beruhige: es wird erst schlimm werden, wenn ich nicht mehr bin. Nach mir die Sintflut. Gib mir, dass ich heute die Schritte einer Umkehr leben, die mir möglich sind. Auch wenn ich weiß, dass mein Verhalten nicht die Welt retten wird. Aber es könnte ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Und du wirst auch aus diesem einen Tropfen etwas machen können. Amen