Blindheit und Durchblick

  1. Könige 6, 8 – 23

8 Und der König von Aram führte Krieg mit Israel und beriet sich mit seinen Obersten und sprach: Da und da wollen wir uns lagern. 9 Aber der Mann Gottes sandte zum König von Israel und ließ ihm sagen: Hüte dich, dass du nicht an diesem Ort vorüberziehst, denn die Aramäer lauern dort. 10 So sandte denn der König von Israel hin an den Ort, den ihm der Mann Gottes gesagt und vor dem er ihn gewarnt hatte, und war dort auf der Hut; und tat das nicht nur einmal oder zweimal.

 Irgendwie ist es in dieser Region Alltag-Geschäft: man bekriegt sich. Es sind keine Großmächte und es sind keine Riesenheere, die da gegeneinander geführt werden. Es sind nach späteren Maßstäben eher Scharmützel, Gefechte. Die werden häufig durch kluges Agieren entschieden Vorsicht und Voraussicht.

 Ob es zur Berufsbeschreibung gehört? Elisa, der Mann Gottes erteilt dem König von Israel Strategie-Ratschläge. Er warnt vor Hinterhalten, vor feindlichen Truppen. Nicht nur ab und an, sondern wiederholt. Es wirkt, als wäre Elisa ein weitblickender Militärberater am Hof in Samaria.

11 Da wurde das Herz des Königs von Aram voller Unmut darüber, und er rief seine Obersten und sprach zu ihnen: Wollt ihr mir denn nicht sagen, wer von den Unsern es mit dem König von Israel hält? 12 Da sprach einer seiner Obersten: Nicht doch, mein Herr und König, sondern Elisa, der Prophet in Israel, sagt alles dem König von Israel, auch was du in der Kammer redest, wo dein Lager ist. 13 Er sprach: So geht hin und seht, wo er ist, dass ich hinsende und ihn holen lasse.

Das spricht sich nach Aram herum. Immer wieder entgehen die Scharen Israels dem eigenen Zugriff. Dort rätselt man über Geheimnis-Verrat? Wer gibt Informationen an Israel weiter? Gibt es einem Maulwurf in den eigenen Reihen? Das dementiert die Heeresführung. Es wäre auch eine zu große Kränkung, sich darüber klar werden zu müssen, dass es mit der eigenen Geheimhaltung nicht so weit her ist.

 Offensichtlich allerdings ist die Heeresführung gut informiert über die Vorgänge in Israel. Hinter den eigenen Pleiten steckt der Mann Gottes, Elisa, der Prophet in Israel. Der weiß alles, auch das, was streng vertraulich ist. Für ihn gibt es keine Geheimnisse, auch nicht aus den intimsten Bereichen. Ist also der Prophet ein Spion oder verfügt er über eine Spionage-Netzwerk? Hat er übernatürlich Kräfte? Darauf antwortet niemand. Nur, was zu tun ist, ist allen klar: Es gilt, sich dieses Mannes zu bemächtigen.

Und sie sagten es ihm an und sprachen: Siehe, er ist in Dotan. 14 Da sandte er hin Rosse und Wagen und ein großes Heer. Und als sie bei Nacht hinkamen, umstellten sie die Stadt. 15 Und der Diener des Mannes Gottes stand früh auf und trat heraus, und siehe, da lag ein Heer um die Stadt mit Rossen und Wagen. Da sprach sein Diener zu ihm: O weh, mein Herr! Was sollen wir nun tun? 16 Er sprach: Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind! 17 Und Elisa betete und sprach: HERR, öffne ihm die Augen, dass er sehe! Da öffnete der HERR dem Diener die Augen, und er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.

So gut informiert ist man in Aram. Man weiß, wo Elisa zu finden sein wird. Truppen werden ausgesandt, für einen einzelnen Mann dingfest zu machen ein großes Heer. Vielleicht ist dieses Großaufgebot ja Geschichten geschuldet, wie sie von Elisas Lehrmeister Elia erzählt werden. Der hatte Feuer vom Himmel fallen lassen, gleich zweimal, als ihn relativ kleine Truppen zur Einvernahme abholen sollten: „Elia antwortete dem Hauptmann über Fünfzig: Bin ich ein Mann Gottes, so falle Feuer vom Himmel und fresse dich und deine fünfzig Mann. Da fiel Feuer vom Himmel und fraß ihn und seine fünfzig Mann.“ (1, 10 + 1,12) Gottesmänner, so weiß man damals sind keine einfache Kundschaft. Sie können auch gefährlich sein.

Darum also ist eine richtig große Truppe auf dem Weg nach Dotan. Die Stadt wird umstellt. Als es Morgen wird, sieht der Diener des Mannes Gottes dieses Großaufgebot und erschrickt. Da ist kein Ausweg. Da ist nichts mehr zu machen. Er sieht womöglich sich und Elisa schon in Ketten gelegt. Elisa dagegen reagiert kühl. Er weiß es besser. Und bittet um geöffnete Augen seines Dieners für die wahren Kräfteverhältnisse. Als ob allein das wichtig wäre, dass der richtig sehen kann. Das Gebet wird prompt erhört – manchmal geht es schnell.

Der Seher Elisa – das ist ja sein Merkmal als Prophet – verhilft seinem Knecht zum Sehen.  Und weil er jetzt sehen kann, wofür er vorher blind war, gibt es für ihn nun buchstäblich eine neue Perspektive.

18 Und als die Aramäer zu ihm herabkamen, betete Elisa und sprach: HERR, schlage dies Volk mit Blindheit! Und er schlug sie mit Blindheit nach dem Wort Elisas. 19 Und Elisa sprach zu ihnen: Dies ist nicht der Weg und nicht die Stadt. Folgt mir nach! Ich will euch führen zu dem Mann, den ihr sucht. Und er führte sie nach Samaria. 20 Und als sie nach Samaria kamen, sprach Elisa: HERR, öffne diesen die Augen, dass sie sehen! Und der HERR öffnete ihnen die Augen, und sie sahen, und siehe, da waren sie mitten in Samaria.

  Die ganze Szene lebt von den Gegensätzen. Den einen gehen die Augen auf. Die anderen sind verblendet und mit Blindheit geschlagen. Es wirkt, als habe Elisa eine Tarnkappe auf. Er kann dieses Verhaftungs-Kommando dazu bringen, ihm zu folgen. Die ganze Truppe wird regelrecht „verführt“. Als ihnen die Augen aufgehen, siehe, da waren sie mitten in Samaria. Dort, wo sie nie und nimmer hinwollten. Jedenfalls nicht bei einem Stoßtrupp-Unternehmen ohne hinreichende Unterstützung. Ausgezogen, um den feindlichen Prophet zu fangen, geraten sie unter seiner Führung in eine ausweglose Lage.

21 Und als der König von Israel sie sah, sprach er zu Elisa: Mein Vater, soll ich sie erschlagen? 22 Er sprach: Du sollst sie nicht erschlagen. Erschlägst du denn die, die du mit Schwert und Bogen gefangen hast? Setze ihnen Brot und Wasser vor, dass sie essen und trinken, und lass sie zu ihrem Herrn ziehen! 23 Da wurde ein großes Mahl bereitet. Und als sie gegessen und getrunken hatten, ließ er sie gehen, dass sie zu ihrem Herrn zogen. Seitdem kamen streifende Rotten der Aramäer nicht mehr ins Land Israel.

Der König räumt dem Mann, der ihm diese Truppe in die Hände hat laufen lassen, Mitsprachrecht bei den weiteren Maßnahmen ein. Was erwartet er von Elisa? Es wird nicht gesagt. Aber es könnte sein, dass er überrascht ist. Kein Bann. Kein Blutbad zur Abschreckung und Schwächung der Aramäer. Stattdessen die Bewahrung vor einem Gemetzel. Eine friedenstiftende und vertrauensbildende Maßnahme -ein großes Mahl. Es geht auch ohne Haudrauf.

Zum Weiterdenken

Wie nebenbei korrigiert diese Erzählung die Fama vom bluttriefenden Alten Testament. Es ist nicht zwangsläufig die einzige Möglichkeit, die Feinde umzubringen, wenn man die Gelegenheit dazu hat. Es ist auch in dieser Region möglich, Friedensschritte zu tun, auf Gewaltausübung, die kurzfristig Vorteile verspricht, zu verzichten. Es ist auch in dieser Region möglich, sich miteinander an einen Tisch zu setzen. Es wird nicht mit dem einen Mal getan sein. Der Weg zum Frieden ist lang, mühselig und steinig und von Rückschlägen bedroht. Das allerdings gilt nicht nur im Vorderen Orient und damals. Das gilt auch heute und weltweit.

 

Mein Gott, was ist wichtiger – Ratschläge, die zu Siegen führen oder Ratschläge, die den Weg zum Frieden öffnen? Ich wünsche mir, dass wir mehr auf die hören, die zum Frieden mahnen, die Schritte zum Frieden, zur Versöhnung suchen. Dass wir unser Vertrauen nicht an die Macht und die Drohung binden. Dass wir die Wege zum Frieden auch dann durchhalten, wenn auf dem Weg Enttäuschungen warten. Ich wünsche mir, dass wir als Deine Leute Friedenstifter sind. Amen