Der Schmerz des Loslassens

  1. Könige 2, 1 – 18

 1 Als aber der HERR Elia im Wettersturm gen Himmel holen wollte, gingen Elia und Elisa von Gilgal weg. 2 Und Elia sprach zu Elisa: Bleibe du hier, denn der HERR hat mich nach Bethel gesandt. Elisa aber sprach: So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht. Und als sie hinab nach Bethel kamen, 3 gingen die Prophetenjünger, die in Bethel waren, heraus zu Elisa und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass der HERR heute deinen Herrn hinwegnehmen wird, hoch über dein Haupt hinweg? Er aber sprach: Auch ich weiß es wohl; schweigt nur still. 4 Und Elia sprach zu ihm: Elisa, bleib du hier, denn der HERR hat mich nach Jericho gesandt. Er aber sprach: So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht. Und als sie nach Jericho kamen, 5 traten die Prophetenjünger, die in Jericho waren, zu Elisa und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass der HERR heute deinen Herrn hoch über dein Haupt hinwegnehmen wird? Er aber sprach: Auch ich weiß es wohl; schweigt nur still. 6 Und Elia sprach zu ihm: Bleib du hier, denn der HERR hat mich an den Jordan gesandt. Er aber sprach: So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht. Und so gingen die beiden miteinander.

             Es geht um den Schmerz des Loslassens. Elia will Elisa diesen Schmerz ersparen. Elisa allerdings sieht das nicht so. Ihm geht es um Treue. Vater und Mutter hat er verlassen, Elia aber ist ihm auf dem gemeinsamen Weg mehr geworden als Vater und Mutter. Darum will er ihn nicht loslassen. Es ist seltsam – Elia verheimlicht Elisa, was wirklich ansteht:  Der HERR will Elia im Wettersturm gen Himmel holen. Weiß Elia von dieser Absicht des HERRN? Es gibt im Text leinen Hinweis darauf.

            Elia weiß und spricht nur von Wegen nach Bethel und Jericho, auf die er gesandt ist. Umso verwunderlicher:  Prophetenjünger in Bethel und auch die in Jericho scheinen zu wissen, was ansteht. Woher ihr Wissen stammt, erfahren wir nicht. Es wirkt ein bisschen schroff, wie Elisa auf ihr Wissen antwortet: Was ihr wisst, weiß ich schon längst. Die Testamente übergreifend erinnert es an das Wissen der Dämonen, die in Jesus den Christus erkennen, während alle anderen nur einen Mann aus Nazareth sehen.

            Elia ist hartnäckig in seinem Versuch, Elisa zurückzulassen. Der allerdings ist genauso hartnäckig in seiner Treue. Dreimal der gleiche Satz: So wahr der HERR lebt und du lebst: Ich verlasse dich nicht. Es ist ein kostbares Zeichen menschlicher Nähe.

 7 Und fünfzig von den Prophetenjüngern gingen hin und standen von ferne; aber die beiden standen am Jordan. 8 Da nahm Elia seinen Mantel und wickelte ihn zusammen und schlug ins Wasser; das teilte sich nach beiden Seiten, sodass die beiden auf trockenem Boden hinübergingen. 9 Und als sie hinüberkamen, sprach Elia zu Elisa: Bitte, was ich dir tun soll, ehe ich von dir genommen werde. Elisa sprach: Dass mir zwei Anteile von deinem Geiste zufallen. 10 Er sprach: Du hast Schweres erbeten. Doch wenn du mich sehen wirst, wie ich von dir genommen werde, so wird’s geschehen; wenn nicht, so wird’s nicht sein.

             Der Weg neigt sich dem Ende zu. Damit sie den Jordan überqueren können, teil Elia das Wasser. Es ist wie eine Wiederholung des Wunders vom Schilfmeer, sodass beide auf trockenem Boden hinübergingen. Elia – ein zweiter Mose? Ein Prophet wie der große Mann der Vorzeit?

            Jetzt wird auch klar: Es geht dem Abschied entgegen. Elia weiß es und Elisa muss es ertragen lernen. Immerhin: Ein Abschiedsgeschenk darf er erbitten. Zwei Anteile von deinem Geiste. Was erbittet Elisa da? Anteil an der Macht, die Elia zu einem gefährlichen Mann gemacht hat? Oder ist es das andere – Widerstandskraft und Weitblick? Elias Leben war Widerspruch gegen den König, er war ein unsteter, umher getriebener Mensch war, ein Kämpfer bis zur Todeserschöpfung. Das alles will Elisa auch für sich, auch noch doppelt? Es ist nicht so sehr die Bitte um die Macht, um die Kraft, es ist Bitte um einen Lebensweg in der Spur des Elia.

11 Und als sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander. Und Elia fuhr im Wettersturm gen Himmel. 12 Elisa aber sah es und schrie: Mein Vater, mein Vater, du Wagen Israels und seine Reiter!, und sah ihn nicht mehr. Da fasste er seine Kleider, zerriss sie in zwei Stücke 13 und hob den Mantel auf, der Elia entfallen war, und kehrte um und trat wieder an das Ufer des Jordans. 14 Und er nahm den Mantel, der Elia entfallen war, und schlug ins Wasser und sprach: Wo ist nun der HERR, der Gott Elias?, und schlug ins Wasser. Da teilte es sich nach beiden Seiten, und Elisa ging hindurch. 15 Und als das die Prophetenjünger sahen, die gegenüber bei Jericho waren, sprachen sie: Der Geist Elias ruht auf Elisa.

  Es ist rasch erzählt. Elia wird abgeholt. Er ist ihm weggenommen durch den feurigen Wagen mit feurigen Rossen.  Das ist kein lieblicher, behutsamer Abschied. Elisa bleibt zurück. Getrennt von dem, den er verehrt hat, der ihm Muster des eigenen Lebens geworden ist. Schmerzerfüllt. Zum Zeichen der Trauer zerreißt er seine Kleider. Es ist ein Trauer-Ritus, den Elisa vollzieht, wenn er seine Kleidung zerreißt. Aber er bleibt nicht bei der Trauer stehen. Er ergreift den Prophetenmantel, den Elia ja schon vor Zeiten auf ihn geworfen hatte. Damit er nicht nackt bleibt, nimmt er den Prophetenmantel Elias und tut mit ihm, was der tat: Er teil den Jordan, Zeichen seiner Vollmacht, Zeichen auch der Gegenwart des HERRN, des Gottes Elias. So ergreift er jetzt sein „Amt“, besser: seinen Auftrag. Und diesmal ist er es, der mit dem Mantel den Jordan teilt. Er ist, so zeigt diese Szene, als der Nachfolger Elias anerkannt. Er hat ja gesehen! Die Prophetenschüler haben verstanden: Der Geist Elias ruht auf Elisa. Die Geschichte geht weiter.

Und sie gingen ihm entgegen und fielen vor ihm nieder zur Erde 16 und sprachen zu ihm: Siehe, es sind unter deinen Knechten fünfzig starke Männer, die lass gehen und deinen Herrn suchen. Vielleicht hat ihn der Geist des HERRN genommen und auf irgendeinen Berg oder in irgendein Tal geworfen. Er aber sprach: Lasst sie nicht gehen! 17 Aber sie nötigten ihn, bis er nachgab und sprach: Lasst sie hingehen! Und sie sandten hin fünfzig Männer, und diese suchten Elia drei Tage; aber sie fanden ihn nicht. 18 Und sie kamen zu Elisa zurück, als er noch in Jericho war, und er sprach zu ihnen: Sagte ich euch nicht, ihr solltet nicht hingehen?

             Das ist Anerkennung der Führungsrolle des Elisa. Es ist auch der Versuch, irgendwie doch dem Geschehen auf die Spur zu kommen. Vielleicht ist Elia ja nicht in den Himmel entrückt, sondern nur irgendwohin „versetzt“ worden. Die Suche bleibt ergebnislos.

Zum Weiterdenken

            Ich halte mir vor Augen, wie der Weg zum Sterben manchmal aussehen kann. „Wir sehen uns zum letzten Mal“ sagt einer/eine, der/die um den kommenden Tod weiß. Und fordert die, die bei ihm sind, auf: „Lasst mich gehen.“ Aber weil Sterben nicht immer so schnell geht, wiederholt sich die Szene am nächsten Tag und am nächsten Tag und am übernächsten Tag. Das Leben ist nicht wie ein Pfeil, der geradlinig fliegt, ist er erst einmal auf ein Ziel hin abgeschossen. Es ist manchmal auch wie ein träge mäandernder Fluss, der nicht recht vorwärts kommen will.

            Man soll die Lebenden nicht bei den Toten suchen und die, die auf dem Weg in den Himmel sind, nicht auf der Erde festhalten wollen. Diese vergebliche Suche liest sich wie die mühselige Trauerarbeit, die es auf vielen Umwegen akzeptieren lernen muss: Er ist nicht mehr da. Er ist uns voraus, entnommen. Wir sehen ihn hier nicht mehr.

Swing low, sweet chariot
Coming for to carry me home
Swing low, sweet chariot
Coming for to carry he home x 2

I looked over Jordan and what did I see
Coming for to carry he home
A band of angels coming after me
Coming for to carry me home

Hinter dem Lied steht der Ruf nach Befreiung. Nach dem Ausweg aus der Gefangenschaft, aus der Sklaverei. Es ist der Ruf, der Schrei nach Hilfe vom Himmel her, weil von den Menschen keine Hilfe zu erwarten ist. Man wird diesem Lied und dieser Sehnsucht nicht gerecht, wenn man sie nur schön findet. Gerecht wird man ihr, anfangsweise, wenn man die eigenen Gefangenschaften der Seele hier mit im Spiel sieht. Und gerecht wird man ihm, wenn man sich wirklich als Friedenstifter und Befreier im eigenen Umfeld engagiert. Durchaus auch unspektakulär.

Mein Gott, wie lange habe ich gedacht, dass Ziele zu haben das Wichtigste im Leben sei. Eine Perspektive zu sehen. Jetzt lerne ich, mühsam genug – es geht um Loslassen Lernen. Ich musste die Kindertage zurücklassen, die Jugendtage, Schulzeit und Studienzeit. Ich musste unter Deiner Wegweisung die Kinder freigeben, den Lebensort wechseln, die Berufsarbeit aus der Hand legen. Was jetzt noch bleibt – sich zu lösen von diesem so schönen Leben. Freunde, die früher gehen, gehen zu lassen. Trauern zu lernen und doch auch neuen Aufbruch. Lehre Du mich diese Kunst getrosten Loslassens. Amen