Stunden der Menschlichkeit

Apostelgeschichte 27, 13 – 44

Als aber der Südwind wehte, meinten sie, ihr Vorhaben ausführen zu können, lichteten die Anker und fuhren nahe an Kreta entlang. 14 Nicht lange danach aber brach von der Insel her ein Sturmwind los, den man Nordost nennt.

 Der Versuch, den angenehmeren Winterhafen zu erreichen scheitert. Am Wetter, am Sturm. Es gibt in vielen Weltgegenden Winde, die Namen haben – Beispiel Passat. So auch im Mittelmeer-Raum: Schirokko, Mistral, Boras. Auch der Sturmwind, der jetzt losbricht und den freundlichen Südwind ablöst, hat einen Namen – Ερακλων. Der Nordost. Dass dieser Wind einen Namen trägt, deutet darauf hin, dass er in der Region um Kreta, in der das Schiff unterwegs ist, häufiger, wohl regelmäßig auftritt. Man hätte also mit ihm rechnen können, vielleicht sogar rechnen müssen.

 15 Und da das Schiff ergriffen wurde und nicht mehr gegen den Wind gerichtet werden konnte, gaben wir auf und ließen uns treiben. 16 Wir fuhren aber vorbei an einer Insel, die Kauda heißt, da konnten wir mit Mühe das Beiboot in unsre Gewalt bekommen. 17 Sie zogen es herauf und umspannten zum Schutz das Schiff mit Seilen. Da sie aber fürchteten, in die Syrte zu geraten, ließen sie den Treibanker herunter und trieben so dahin. 18 Und da wir großes Ungewitter erlitten, warfen sie am nächsten Tag Ladung ins Meer. 19 Und am dritten Tag warfen sie mit eigenen Händen das Schiffsgerät hinaus. 20 Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin.

Der Sturm ist heftig. Die Folge: Schiff in Not! Das Schiff treibt durch das südliche Mittelmeer und es ist bald klar: Es gilt, nur das nackte Leben zu retten. Fast wie von selbst stellen sich beim Lesen dieser Schilderung die Bilder ein, die wir heute abendlich in der Tagesschau zu Gesicht bekommen – überfüllte Boote, die hilflos auf dem Mittelmeer treiben, vom Kentern und Untergang bedroht.

 21 Und als man lange nichts gegessen hatte, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Liebe Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns Leid und Schaden erspart geblieben.

 Paulus nimmt das Wort. Er scheint, er kann es nicht lassen, an seine Warnungen zu erinnern. So menschlich ist der Mann Paulus. „Wie so manche der apostolischen Reden in der Apostelgeschichte beginnt auch diese Ansprache des Paulus mit einer Anklage, die zur Einkehr führen soll.“(G. Stählin, aaO.  S. 317)  Ich versuche, mir vorzustellen, wie das, was Paulus sagt, auf die Leute wirkt. Es hat ja in der Tat erst einmal den Anschein, als wollte er sagen: „Selbst schuld. Hättet ihr nur auf mich gehört.“ Solche Sätze mögen manchmal verständlich sein, aber sie sind fast immer wenig hilfreich und schon gar nicht willkommen. Als ob alle, die die Entscheidung zur Weiterfahrt getroffen haben, sie nicht längst schon bereuen würden. Aber es geht ja nicht: Zurück auf Anfang, neue Entscheidung. Man muss oft genug mit den Entscheidungen leben, die früher getroffen worden sind, auch von einem selbst.

22 Doch nun ermahne ich euch: Seid unverzagt; denn keiner von euch wird umkommen, nur das Schiff. 23 Denn diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, 24 und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. 25 Darum, liebe Männer, seid unverzagt; denn ich glaube Gott, es wird so geschehen, wie mir gesagt ist. 26 Wir werden aber auf eine Insel auflaufen.

Dann ändert sich der Ton. Paulus blickt nicht mehr zurück, sondern nach vorne. Das kann er, weil er  in der Nacht eine Botschaft empfangen hat. Nicht von irgendwoher, nicht aus Angst oder vager Hoffnung geboren, sondern durch einen Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene. Für den Leser der Apostelgeschichte ist klar: Das ist Christus. Was hören die Leute auf dem Schiff?

Der erste Satz ist dem Bibelleser wohl vertraut: Fürchte dich nicht! Es ist der Satz, den Engel fast immer sagen, weil ihre himmlische Erscheinung allzu überwältigend und furchteinflößend ist. Es ist der Satz, der nötig ist, damit ein Mensch, der die Gegenwart Gottes spürt, nicht vor Furcht und Schrecken vergeht, weil Gottes Gegenwart ja nie harmlos ist. Hier aber ist es auch ein Satz, der der Angst vor dem Sturm Einhalt gebietet. Es gibt eben nicht nur die Furcht vor der himmlischen Übermacht, sondern auch die Furcht vor den irdischen Schrecken. Diese Furcht soll Paulus genommen werden.

Wir hören ja in solch einem Satz leicht einen Befehl. Als ob man es jemand befehlen könnte, keine Furcht zu haben. Das geht so wenig wie man befehlen kann, Liebe zu empfinden. Aber der Satz ist kein Befehl, sondern er eröffnet einen Freiraum: Du musst dich nicht von Deiner Furcht bestimmen lassen, so reale Gründe sie auch haben mag.

Die weitere Botschaft aber betrifft nicht nur Paulus, sondern alle auf dem Schiff. Weil Paulus nach Rom soll, vor den Kaiser, darum wird er nicht ertrinken: Aber auch alle anderen mit ihm sollen gerettet werden. Es ist eine uns fremde Sprache: Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. Was gemeint ist, ist schlicht: Alle, die mit an Bord sind, werden deinetwegen gerettet.

Rettung ist nie nur Einzelschicksal. Sie betrifft immer viele mit. Dass Abraham zum Auszug gerufen wird, setzt Sarah und Lot mit in Bewegung. Dass Zachäus Heil widerfährt, bekommen viele an ihrem Geldbeutel zu spüren. Dass Bartimäus sehend wird und Jesus nachfolgt, macht einen Platz frei für einen anderen Bettler in Jericho. Um des Paulus willen kommen viele mit dem Leben davon. Um des einen Gerechten willen ist die Welt noch nicht verloren.

Wer ein Kind rettet, rettet eine ganze Welt.“ Wenn Gott Paulus rettet, lässt er die Anderen nicht absaufen wie Ratten. Es ist nicht Gottes Wille, dass ihm auch nur einer verloren gehe. „Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Timotheus 2, 3-4) Man darf sicherlich von diesem Satz her auch einmal versonnen über die Rettung am Ende der Zeiten, im Gericht Gottes, nachdenken.

Als wäre es jetzt genug mit den Mut-mach-Worten, kehrt Paulus in die Realität zurück. „Die Rede schließt mit einer konkreten Prophetie: Das Schiff „muss“ an einer Insel stranden.“(R. Pesch, aaO. S. 291) Wir werden aber auf eine Insel auflaufen. Im Griechischen steht hier wieder einmal δει̃, das Wort, das auf den Willen Gottes hinweist, der am Werk ist. Es ist Gottes Weg mit diesem Schiff, dass es strandet, aufläuft. Rettung durch das Scheitern hindurch.

27 Als aber die vierzehnte Nacht kam, seit wir in der Adria trieben, wähnten die Schiffsleute um Mitternacht, sie kämen an ein Land. 28 Und sie warfen das Senkblei aus und fanden es zwanzig Faden tief; und ein wenig weiter loteten sie abermals und fanden es fünfzehn Faden tief. 29 Da fürchteten sie, wir würden auf Klippen geraten, und warfen hinten vom Schiff vier Anker aus und wünschten, dass es Tag würde.

 Nun geht es wieder sachlich-fachlich weiter. Es klingt nüchtern: Als aber die vierzehnte Nacht kam. Dahinter aber steckt ein Sturm, der nicht aufhört, Tag und Nacht. Vierzehn lange Tage und Nächten an die Gewalt des Mittelmeeres, der Adria ausgeliefert. „Das Mittelmeer zwischen Kreta und Kilikien wurde im Altertum zur Adria gerechnet“(Anmerkung Luther 2017) Die Seeleute übernehmen die Regie. Sie suchen Land und fürchten es zugleich. Klippen könnten dem Schiff gefährlich werden. Es gilt vorsichtig zu navigieren. Den Tag erwarten.

 30 Als aber die Schiffsleute vom Schiff zu fliehen suchten und das Beiboot ins Meer herabließen und vorgaben, sie wollten auch vorne die Anker herunterlassen, 31 sprach Paulus zu dem Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn diese nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. 32 Da hieben die Soldaten die Taue ab und ließen das Beiboot ins Meer fallen.

Die Schiffsleute sind erfahren und auch feige. Weil sie Realisten sind und die Gefahr entsprechend einschätzen können? Als sie die Gefahr sehen, dass das Schiff auf Klippen aufläuft, denken sie an sich selbst zuerst und wollen sich retten. Eine Flucht wäre gewiss ein Verstoß gegen jede „Seemanns-Ehre“ und würde die Passagiere dem sicheren Tod ausliefern. Ihre beabsichtigte feige Flucht wird nur durch die Aufmerksamkeit des Paulus verhindert. Es ist eine große Anfrage an die menschliche Solidarität, nicht dem Ruf zu folgen: Rette sich, wer kann. Weil sich solche Solidarität nicht von selbst einstellt, erzwingen die Soldaten sie – auf Anraten des Paulus. Sie kappen alle Fluchtwege, auch für sich selbst.

33 Und als es anfing, hell zu werden, ermahnte Paulus sie alle, Nahrung zu sich zu nehmen, und sprach: Es ist heute der vierzehnte Tag, dass ihr wartet und ohne Nahrung geblieben seid und nichts zu euch genommen habt. 34 Darum ermahne ich euch, etwas zu essen; denn das dient zu eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen. 35 Und als er das gesagt hatte, nahm er Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach’s und fing an zu essen. 36 Da wurden sie alle guten Mutes und nahmen auch Nahrung zu sich. 37 Wir waren aber alle zusammen im Schiff zweihundertsechsundsiebzig.

 Im Folgenden rückt der gefangene Passagier Paulus in den Mittelpunkt der Erzählung. Vierzehn Tage und Nächte im Sturm sind eine lange Zeit, in der die Kräfte sich erschöpfen. Irgendwann droht dann der Zeitpunkt zu kommen, an dem das Ende seinen Schrecken verliert, weil der Schrecken kein Ende findet. Was dann Not tut, ist, dass die sich schleichend ausbreitende Gleichgültigkeit durchbrochen wird. Die Lebensgeister müssen wieder geweckt werden.

Es sind in dieser Situation so nahe liegende Dinge, die Paulus tut. Er will dafür sorgen, dass alle essen. Denn ohne Nahrung fehlt die Kraft zum Handeln. Wer aber isst, will noch nicht sterben. Er spricht Mut zu. Keinem von euch wird ein Haar vom Haupt fallen. Man kann schon fragen: Klingt das in dieser Lage, nach vierzehn Tagen Sturm nicht wie Pfeifen im Wald? Die Worte sind Erinnerung an Gott, der auch für die Kleinen und in Kleinigkeiten sorgtAuch sind die Haare auf eurem Haupt alle gezählt.“ (Lukas 12,7). Und weil Worte oft nicht reichen, isst Paulus vor. Es ist, wenn man so will, ein Mutmach-Essen.

Wie Lukas hier formuliert, er nahm Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach’s und fing an zu essen, erinnert an die Speisungswunder Jesu, auch an das Abendmahl. Aber es ist gewiss kein Abendmahl, das angedeutet werden soll. Nur: Auch in der Not isst Paulus im Angesicht Gottes. Das zu sehen, ermutigt zum Nachmachen. Und so sitzen dann 276 Menschen auf dem Schiff und essen!

Paulus feiert hier gewiss nicht Abendmahl. Aber es liegt doch wohl in der erzählerischen Absicht des Autors Lukas, dass die Leserinnen und Leser das Abendmahl  mithören und sehen. Jedes Abendmahl ist eine Zuflucht für Leute, die im Chaos treiben. Die Einladung, in den Stürmen, die sie erfahren, geborgen zu bleiben und Bergung zu suchen in Gott. Das ist zugleich eine seelische und geistliche Herausforderung, weil solche Geborgenheit gegen die Macht der inneren und der von den Umständen außen genährten Ängste erkämpft und gesucht werden muss. Paulus sitzt ja hier nicht „in gar sichrer Ruh.“(J. Franck 1653, EG 396)

 38 Und nachdem sie satt geworden waren, erleichterten sie das Schiff und warfen das Getreide in das Meer. 39 Als es aber Tag wurde, kannten sie das Land nicht; eine Bucht aber wurden sie gewahr, die hatte ein flaches Ufer. Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre. 40 Und sie hieben die Anker ab und ließen sie im Meer, banden die Steuerruder los und richteten das Segel nach dem Wind und hielten auf das Ufer zu. 41 Und als sie auf eine Sandbank gerieten, ließen sie das Schiff auflaufen und das Vorderschiff bohrte sich ein und saß fest, aber das Hinterschiff zerbrach unter der Gewalt der Wellen.

Erst jetzt wieder, nach dem gemeinsamen Essen, sind die Seeleute an der Reihe. Erleichtert erleichtern sie das Schiff. Es wird von allem Ballast befreit. Die Ladung, das ganze Getreide, wird über Bord gegeben.  Der Verlust für den Schiffseigner wird beträchtlich sein. Was zählt ist nur die Rettung der Leben. Die Anker werden gekappt, die Steuerruder sich selbst überlassen. Nur noch das Segel gibt im Wind Richtung vor. Das Schiff  ist so nur noch „Treibgut“ und treibt jetzt in unbekannten Gefilden auf ein Ufer zu. Auf einer Sandbank kommt es zum Stillstand. Das Schiff zerbricht.

42 Die Soldaten aber hatten vor, die Gefangenen zu töten, damit niemand fortschwimmen und entfliehen könne. 43 Aber der Hauptmann wollte Paulus am Leben erhalten und wehrte ihrem Vorhaben und ließ die, die schwimmen konnten, als Erste ins Meer springen und sich ans Land retten, 44 die andern aber einige auf Brettern, einige auf dem, was noch vom Schiff da war. Und so geschah es, dass sie alle gerettet ans Land kamen.

 Es schlägt die Stunde der Menschlichkeit. Der Hauptmann, Julius, fällt seinen Leuten in den Arm, die die Gefangenen töten wollen. Das ist ja üblicher Befehl: Bevor ein Gefangener fliehen kann, wird er getötet. Ein toter Gefangener ist besser als eine geflohener. Weil der Hauptmann Paulus retten will, unterbindet er ein Hinschlachten aller anderen Gefangenen. Wieder ist es so: Um des Einen willen dürfen viele leben. Auch, wenn der Eine selbst in Not, ja, in den Tod gerät.

Irgendwie kommen alle an Land, die Schwimmer aus eigener Kraft, andere auf Brettern und Balken. Es kommt zu einer „insgesamt geordneten Evakuierung des Schiffes.“ (R. Pesch, aaO. S. 293)

Die Worte des Paulus haben sich erfüllt. Es ist keiner verloren gegangen im Sturm. Es waren nicht nur schöne Worte gegen die Angst. Wir Leser sollen wohl verstehen: Gott hat sein Wort gehalten.

 

Gottes sind Wogen und Wind, Segel aber und Steuer                                     dass ihr den Hafen gewinnt, sind euer

Manchmal aber reicht nicht, mit Segel und Steuer umgehen zu können. Manchmal braucht es doch, dass der, dem Wogen und Wind gehorchen, auch über die wacht, die glauben, dass sie Segen und Steuer schon selbst im Griff haben.

Ich will mich bergen in Dir, mein Gott, mit aller vermeintlichen Selbstsicherheit und aller Furcht. Du wirst uns in den Hafen bringen, damit wir bei Dir das Leben haben. Amen