Wahnsinn?

Apostelgeschichte 26, 24 – 32

24 Als er aber dies zu seiner Verteidigung sagte, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig.  

Bis dahin haben sie alle zugehört. Still, merkwürdig berührt. Vielleicht auch fasziniert von der inneren Freiheit, der sie sich in diesem Mann Paulus gegenüber sehen. Genau deshalb reagiert Festus. Und wird laut: Du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig. Du vergisst, wo Du bist und wie es um Dich steht. Schmeicheleien hätte er erwartet – und abgewiesen. Betteln um Gnade hätte er erwartet – und abgewiesen. Aber diese Rede! Das ist Wahnsinn. Festus hat Recht.

πολογουμνος steht da im Griechischen. Daraus ist Apologie als das deutsche Lehnwort erwachsen. Eine Rede zur Verteidigung, zur Rechtfertigung, zur Verantwortung. Das Verb wird auch wiedergegeben mit genau „auseinander setzen.“(Gemoll, aaO. S. 105) Es ist im strengen Sinn keine Verteidigungsrede. Paulus plädiert nicht auf Unschuld oder Missverständnis. Er richtet seinen Auftrag aus. Er ist hier der Zeuge, zu dem er vor Jahrzehnten berufen worden ist durch Christus. Er will auch nur Zeuge dafür sein, dass Gott sein „Projekt Auferstehung der Toten“ mitten in der Weltzeit in der Auferstehung Jesu in Gang gesetzt hat, unwiderruflich angefangen.

25 Paulus aber sprach: Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte. 26 Der König, zu dem ich frei und offen rede, versteht sich auf diese Dinge. Denn ich bin gewiss, dass ihm nichts davon verborgen ist; denn dies ist nicht im Winkel geschehen. 27 Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst.

 Paulus aber hält wieder dagegen. Nicht ich bin von Sinnen oder verrückt. Ich weiß doch, was ich tue. παρρησιαζμενος – freimütig spricht Paulus, ungebunden, seinen Fesseln zum Trotz. Vielleicht ist er nie so frei wie in diesem Augenblick. Aber die Situation ist verrückt. Was Paulus sagt und bezeugt, ist ja keine Winkelangelegenheit. Es ist in Jerusalem geschehen, der Stadt Gottes. Und was er als Glauben Israels vertritt, das kann jeder in den Schriften nachlesen.

Und dann spricht Paulus Agrippa direkt auf sein Wissen und seinen Glauben hin an – unerhört, einmalig im ganzen Neuen Testament. Er sucht, dem Agrippa eine Brücke zu bauen, ihn aus der Reserve zu locken. Er spricht ihn an auf den Glauben der Väter, sucht ihn als Juden: Glaubst du den Propheten? Im Evangelium heißt es: „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“(Lukas 16,31) Glaubt Agrippa den Propheten, so wird er auch nicht anders können als an den glauben, der von den Toten auferstanden ist.

 28 Agrippa aber sprach zu Paulus: Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden und einen Christen aus mir machen.

 Man kann förmlich sehen, wie Agrippa zurück zuckt. Was passiert hier mit mir? Nur: Beides kann Paulus ja nicht. Er kann nicht zum Glauben überreden und er kann nicht  Agrippa zum Christen machen. Er kann nur Zeuge sein, den Samen ausstreuen. Dass die Samen ins Herz fallen und wachsen, das ist nicht mehr sein Ding. Säen, begießen – ja. Aber wachsen lassen? „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“ (1. Korinther 3,6) Agrippa kann ohne Sorge sein. Paulus wird ihn nicht über diese Grenze zerren.

29 Paulus aber sprach: Ich wünschte vor Gott, dass über kurz oder lang nicht allein du, sondern alle, die mich heute hören, das würden, was ich bin, ausgenommen diese Fesseln.

 Aber das kann Paulus doch: Sagen, was er sich wünscht. Und sein Wunsch muss die, die da um ihn sitzen, tief irritieren. Sie alle sollen werden, was er ist, Diener, Sklave Jesu Christi. Δουλός Χριστου̃ Ιησου̃. Alle sollen so werden wie er, der den Übergang von der Finsternis zum Licht vollzogen hat, um ihn nun durch sein Zeugnis auch anderen zu ermöglichen.“ (J. Roloff, aaO. S. 355) So frei steht Paulus vor dieser vornehmen Gesellschaft.

Es ist bis heute zu spüren: Hier ist einer ohne Angst um sich selbst unterwegs. Hier spricht einer, der sein Leben längst aus den eigenen Händen gegeben hat, der es in die Waagschale wirft, um eine Bresche in die Mauer des zögernden Fragens, des ungläubigen Staunens zu  reißen. Paulus ist mit seinem Leben und mit seinem Denken eine bleibende Herausforderung für uns alle, die wir „kirchlich Dienst versehen.“ Paulus hat nicht Dienst versehen. Er hat gebrannt ohne Angst zu verbrennen.

30 Da stand der König auf und der Statthalter und Berenike und die bei ihnen saßen. 31 Und als sie sich zurückzogen, redeten sie miteinander und sprachen: Dieser Mensch hat nichts getan, was Tod oder Gefängnis verdient hätte. 32 Agrippa aber sagte zu Festus: Dieser Mensch könnte freigelassen werden, wenn er sich nicht auf den Kaiser berufen hätte.

Vor so viel Freiheit bleibt ihnen nur der Rückzug. Sie stehen beieinander und schütteln den Kopf. Was für ein Mensch. Und sie stellen noch einmal, zum wiederholten Mal, seine Unschuld fest. Dieser Mensch hat nichts getan, was Tod oder Gefängnis verdient hätte. An dieser Feststellung liegt Lukas viel. Es gibt nichts, was der römische Staat von den Christen zu befürchten hätte oder was er ihnen ernsthaft als Verbrechen vorwerfen könnte.

Und Agrippa, der Jude, muss beipflichten. Sein Urteil rehabilitiert in gewisser Weise von jüdischer Seite her Paulus. Es ist kein Verrat am Judentum in dem, was Paulus verkündigt.

Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Warum lassen sie, Festus&Co, Paulus nicht frei? Ist die Berufung auf den Kaiser so zu verstehen, dass sie nicht fallen gelassen werden darf, auch wenn es keine Anklage gibt? Oder ist hier dann auf einmal doch im Hintergrund Christus am Werk? Macht er den Entscheidungsträgern das Herz schwer, fett, verstockt, damit sie seinem Willen dienen in ihrer Hartherzigkeit und Verbohrtheit? Er will ja, dass sein Zeuge nach Rom kommt. Das gefällt mir als Erklärung am besten.

Zum Weiterdenken

Wenn ich die ganze Schilderung der Apostelgeschichte in den Blick nehme von der Verhaftung des Paulus bis zu diesem Auftritt vor Festus, Agrippa und Berenike hin, so sehe ich, wie Lukas das als eine Erfüllung des Wortes Jesu darstellt. „Sie werden Hand an euch legen und euch verfolgen und werden euch überantworten den Synagogen und Gefängnissen und euch vor Könige und Statthalter führen um meines Namens willen. Das wird euch widerfahren zu einem Zeugnis. So nehmt nun zu Herzen, dass ihr euch nicht vorher sorgt, wie ihr euch verantworten sollt. Denn ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können.“ (Lukas 21, 12-15)

Es geht Lukas mit seiner Darstellung des Paulus darum, den Christen zu zeigen, dass sie sich auf den Beistand Gottes verlassen können und dass sie unter diesem Beistand öffentlich für ihren Glauben einstehen können. Nicht Heldengeschichte und Heldenverehrung ist das erzählerische Ziel, sondern Mutmachen für die eigenen Bekenntnis-Situationen vor den Königen und Statthaltern in der eigenen Wirklichkeit.

 

Herr Jesus, es ist nicht so leicht zu verstehen, wie Du manchmal verborgen am Werk bist. Es ist nicht so leicht zu ertragen, dass auch merkwürdige Entscheidungen Deinem Weg dienen müssen.

Ich hätte fast immer gerne alles klar und eindeutig, nachvollziehbar, verstehbar. Aber ich sehe ja schon bei mir selbst, dass ich mir nicht auf die Spur komme, mein Verhalten nicht verstehe, meine Schritte oft nicht wirklich begründen kann.

Dann tröstet es mich, dass alles in Deinen Händen liegt, das Gute und das Schwere, das Harte und das Schöne. Amen