Dieser Mann ist die Pest.

Apostelgeschichte 24, 1 – 27 

 1 Nach fünf Tagen kam der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten und dem Anwalt Tertullus herab; die erschienen vor dem Statthalter gegen Paulus.

Der Heimvorteil ist weg. Der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten muss sich nach Cäsarea aufmachen, den Weg in das Haus des Römers auf sich nehmen, herabsteigen aus der Höhe Jerusalems. Es ist nicht nur ein geographisches Herabsteigen. Sie müssen sich auf die Niederungen der Römer und ihre Rechtsprechung einlassen. Es ist schwer vorzustellen, was das für gesetzestreue Juden bedeutet. Sie bringen ihren Anwalt Tertullus mit. Der soll ihre Sache Nachdruck verleihen, wohl auch deshalb, weil er sich mit den Römern auskennt. Aber es geht ja gegen Paulus. Er ist der Gegner, um Gottes Willen. Da muss das wohl sein, dass sie herabsteigen aus ihrer Höhe.

2 Als der aber herbeigerufen worden war, fing Tertullus an, ihn anzuklagen, und sprach:

Tertullus ist der Wortführer. Er vertritt die Anklage. Vielleicht nicht nur aus prozess- taktischen Gründen, sondern auch, weil es Paulus nicht wert ist, dass der Hohepriester selbst zum Ankläger wird. Richter ja, Ankläger nein. Das hieße ja, eine Instanz über sich und dem jüdischen Recht des Tempels anzuerkennen

 Dass wir in großem Frieden leben unter dir und dass diesem Volk viele Wohltaten widerfahren sind durch deine Fürsorge, edelster Felix, 3 das erkennen wir allezeit und überall mit aller Dankbarkeit an. 4 Damit ich dich aber nicht zu lange aufhalte, bitte ich dich, du wollest uns kurz anhören in deiner Güte.

 Tertullus beginnt mit einer captatio benevolentiae, einer Schmeichelei. Das ist guter Stil und es soll gute Stimmung machen bei Felix. Welcher Fürst, Statthalter, Führungsbeamter hört das nicht gerne, erst recht in besetztem Land, dass seine Taten positiv gewürdigt werden. Großen Frieden und viele Wohltaten verdanken die Juden seiner Fürsorge. Und Tertullus weiß, wie viel ein Statthalter um die Ohren hat, darum will er ihn nicht über Gebühr beanspruchen. Zumal ja doch die Sachverhalte klar liegen und sich eigentlich wie von selbst verstehen…

 5 Wir haben erkannt, dass dieser Mann schädlich ist und dass er Aufruhr erregt unter allen Juden auf dem ganzen Erdkreis und dass er ein Anführer der Sekte der Nazarener ist. 6-7 Er hat auch versucht, den Tempel zu entweihen. Ihn haben wir ergriffen. 8 Wenn du ihn verhörst, kannst du selbst das alles von ihm erkunden, dessentwegen wir ihn verklagen.

  Es folgt die Anklage: ein Schädling ist Paulus, ein Aufrührer. „Dieser Mann ist eine Pest“ , Anführer der Sekte der Nazarener. Sonderrichtungen, Sekten in unserer Sprache,  sind im Judentum häufig, auch damals, wie die Funde in Qumran zeigen. Das Gefährliche der Anklage des Tertullus ist die Erinnerung: Schon der  Sektengründer aus Nazareth ist als politischer Aufrührer hingerichtet worden. Aber das führt Tertullus nicht deutlich aus.

Nach diesen allgemeinen Anklagen, die mehr auf feindselige Atmosphäre aus sind, wird Tertullus konkret: Den Tempel wollte er entweihen. Und dabei ist er ergriffen worden. Paulus ist einer, der die öffentliche Ordnung stört, der Unruhe macht. Einer, der Aufruhr erregt – unter den Juden und, so muss man wohl mithören, auch gegen die Juden. Tertullus kann sicher sein: Gegen Unruhe ist der römische Statthalter allergisch. Wobei der Leser der Apostelgeschichte weiß: solcher Aufruhr entsteht nie auf Initiative des Paulus, sondern seine Gegner zetteln wilde Aktionen an.

Im westlichen Text der Apostelgeschichte gibt es einen zusätzlichen V. 7: „Wir wollten ihn nach unserem Gesetz richten. Aber der Tribun Lysias kam dazwischen und entriss ihn mit Gewalt unseren Händen und verwies seine Ankläger an dich.“ (Lutherbibel 1956/64) Da wird aus der Rettungsaktion des Lysias eine unberechtigte Einmischung, ein unverhältnismäßiger Gewalteinsatz. Das könnte Felix alles durch eine Befragung der Lysias erfahren. So Tertullus nach dem westlichen Text.

Da wird also, wenn auch nur im westlichen Text, der Untergebene, ein Tribun, beim Vorgesetzten angeschwärzt, beschuldigt und Felix geht mit keiner Silbe darauf ein. Er schützt den Militär Lysias nicht. Da gesteht Tertullus ein, dass sie Paulus richten wollen, heißt doch wohl: hinrichten wollten. So etwas wie Lynchjustiz im Entstehen begriffen war. Ein Übergriff in die Rechtsgewalt der Römer  und Felix reagiert mit keinem Wort darauf. Er weist diese Anmaßung nicht zurück. Das wirft ein helles Licht auf die Gleichgültigkeit des Felix in seiner Amtsführung, mindestens in diesem Fall.

9 Auch die Juden bekräftigten das und sagten, es verhielte sich so.

 Wie man sich das vorstellen soll, weiß ich nicht. Vielleicht rufen sie im Chor: So ist es. Er ist ein Aufrührer, ein Störenfried, ein Feind der öffentlichen Ordnung. Vielleicht aber auch spricht noch ein Anderer für die ganze Gruppe, um die Worte des Anwaltes zu bestätigen.   

10 Paulus aber antwortete, als ihm der Statthalter winkte zu reden: Weil ich weiß, dass du in diesem Volk nun viele Jahre Richter bist, will ich meine Sache unerschrocken verteidigen.

Wie Tertullus beginnt auch Paulus, als ihm der Statthalter das Wort erteilt mit einer Schmeichelei. In Jerusalem hatte er sich noch selbst das Wort genommen. Hier wartet er „brav“ ab und appelliert mit seinen ersten Worten an die richterliche Erfahrung und Unabhängigkeit des Felix. Und er weiß: Angst wirkt leicht wie ein Schuldeingeständnis, deshalb betont er, dass er seine Sache unerschrocken verteidigen will. Wörtlich: εθμως. Guten Mutes.

 11 Du kannst feststellen, dass es nicht mehr als zwölf Tage sind, seit ich nach Jerusalem hinaufzog, um anzubeten. 12 Und sie haben mich weder im Tempel noch in den Synagogen noch in der Stadt dabei gefunden, wie ich mit jemandem gestritten oder einen Aufruhr im Volk gemacht hätte. 13 Sie können dir auch nicht beweisen, wessen sie mich jetzt verklagen.

 Er fängt mit sachlichen Richtigstellungen an. Was soll der Vorwurf des Aufruhrs, wenn er doch erst seit zwölf Tagen in der Stadt ist? Und in dieser Zeit hat Paulus keine öffentlichen Auftritte gesucht, weder im Tempel noch in den Synagogen.  Das stimmt mit dem Bericht des Lukas überein. Paulus hat sich nicht hinreißen lassen, in Jerusalem zu predigen und zu dem neuen Glauben einzuladen. Die Beweislast für die Anklage Aufruhr liegt bei den Anklägern. Aber sie stehen doch mit leeren Händen da.  Ohne gerichtsfesten Fakten.

14 Das bekenne ich dir aber, dass ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, dem Gott meiner Väter so diene, dass ich allem glaube, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten. 15 Ich habe die Hoffnung zu Gott, die auch sie selbst haben, nämlich dass es eine Auferstehung der Gerechten wie der Ungerechten geben wird. 16 Darin übe ich mich, allezeit ein unverletztes Gewissen zu haben vor Gott und den Menschen.

 Der zweite Schritt ist eine inhaltliche Klarstellung. Was die anderen Sekte nennen, ist nur ein anderer Weg, dem Gott der Väter zu dienen. Diesen anderen Weg der Christen kennzeichnet die Hoffnung auf die Auferstehung, und zwar der Gerechten und der Ungerechten. Auch hier versucht Paulus wieder, den Zusammenhang zum jüdischen Volk und zum Glauben Israels herzustellen. Ihm liegt daran, dass der neue Weg  in der Kontinuität des Weges Israels gesehen wird.

Dazu kommt  sein Ringen um ein unverletztes Gewissen. Vor Gott und den Menschen will er gerne als jemand dastehen, der sich für keinen seiner Wege schämen muss. Dabei weiß Paulus ja: Nicht wie er selbst sich vor Gott und den Menschen sieht, zählt letztlich, sondern wie Gott ihn sieht. „Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.“(1. Korinther 4, 3-4) Sein Urteil zählt. Nur: Das kann er in der Situation, in der er auf das Urteil des römischen Statthalters angewiesen ist, nicht sagen. Die grundlegenden Sätze des Glaubens gelten sicher immer. Aber es ist nicht immer die Zeit, sie auch lauthals zu sagen.

17 Nach mehreren Jahren aber bin ich gekommen, um Almosen für mein Volk zu überbringen und zu opfern.

Es folgt der Hinweis, dass Paulus Überbringer eines Almosen für mein Volk ist. Gemeint ist wohl die Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde, die ja aus Judenchristen besteht, also zum Volk der Juden gehört, auch nach dem eigenen Selbstverständnis. Erstmals und einmalig in der Apostelgeschichte gibt es in diesem Satz einen Hinweis auf die Kollekte, die Paulus mit so großer Sorgfalt in den Gemeinden gesammelt hat. Es ist erstaunlich, dass Lukas von dieser Kollekte so hartnäckig schweigt. Über die Gründe seines Schweigens kann man nur spekulieren.

18 Als ich mich im Tempel reinigte, ohne Auflauf und Getümmel, fanden mich dabei 19 einige Juden aus der Provinz Asien. Die sollten jetzt hier sein vor dir und mich verklagen, wenn sie etwas gegen mich hätten. 20 Oder lass diese hier selbst sagen, was für ein Unrecht sie gefunden haben, als ich vor dem Hohen Rat stand; 21 es sei denn dies “eine” Wort, das ich rief, als ich unter ihnen stand: Um der Auferstehung der Toten willen werde ich von euch heute angeklagt.  

Erst jetzt kommt Paulus zu den genauen Umständen seiner Festnahme. Sie ist im Tempel geschehen und zwar veranlasst durch einige Juden aus der Provinz Asien. Sie sollten jetzt hier sein als Ankläger, wenn sie denn etwas gegen ihn vorzubringen haben. Oder aber die aus dem Hohen Rat sollten wirklich substantielle Anklagen benennen. Aber das wird schwierig sein, ihm ein Unrecht anzulasten. Und wieder sagt Paulus: Es geht um die Auferstehung der Toten. Sie ist das Streit-Thema, das Juden und Christen trennt. Dabei müsste es sie doch nicht trennen, hoffen doch auch Juden auf die Auferstehung.

Das ist nicht nur Taktik. Das ist nicht nur geschickt. Es ist auch in Wahrheit der Kern der Auseinandersetzung. Für die Juden ist der „Fall Jesus“ mit der Kreuzigung abgeschlossen. Für Paulus und die Christen aber ist in diesem Fall durch seine Auferstehung ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Die Auferstehung, auf die Juden am Ende der Zeit hoffen, ist durch die Auferstehung Jesu zur Mitte der Zeiten, ja zur Zeitenwende geworden. Seit diesem Ostertag gilt eine neue Zeitrechnung.

Wenn Paulus so die Frage nach dem Verständnis von Auferstehung in die Mitte rückt, ist das nicht nur theologisch angemessen. Es ist auch prozess-taktisch geschickt. Paulus kann davon ausgehen, dass diese theologischen Streitfragen den Römer Felix herzlich wenig interessieren. Wenn Römer in dieser so unruhigen Provinz etwas nicht wollen, dann ist genau dies: mit innerjüdischen Glaubensfragen esst zu werden. Weil sie genau wissen, dass jede Stellungnahme wütende Proteste hervorbringen wird, auf der einen der der anderen Seite. Der Apostel weiß genau: so etwas braucht Felix nicht.

 22 Felix aber zog die Sache hin, denn er wusste recht gut um diesen Weg und sprach: Wenn der Oberst Lysias herabkommt, so will ich eure Sache entscheiden. 23 Er befahl aber dem Hauptmann, Paulus gefangen zu halten, doch in leichtem Gewahrsam, und niemandem von den Seinen zu wehren, ihm zu dienen.

 Felix verhält sich so, wie sich Politiker gerne verhalten. Er spielt auf Zeit. Er will sich nicht festlegen, schon gar nicht inhaltlich festlegen. Dass er von der Bedeutung der Auferstehung für den Glauben Israels gehört hat, muss nicht weit hergeholt sein. Es ist auch für einen hohen römischen Beamten immer gut, sich mit den kulturellen Gegebenheiten des Landes vertraut zu machen. Dazu gehören auch religiöse Überzeugungen, zumal sie damals nicht Privatsachen sind wie heutzutage, sondern den Alltag der Menschen durch und durch bestimmen und prägen.

Gleichwohl: er verschiebt seinen Urteilsspruch. Wenn Lysias da ist, der Oberst, der Paulus festgesetzt und überstellt hatte, dann wird er entscheiden. Bis dahin bleibt Paulus gefangen, aber es gibt doch Hafterleichterungen, die ihm signalisieren mögen: Es steht nicht schlecht um meine Sache.

 24 Nach einigen Tagen aber kam Felix mit seiner Frau Drusilla, die eine Jüdin war, und ließ Paulus kommen und hörte ihn über den Glauben an Christus Jesus. 25 Als aber Paulus von Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und von dem zukünftigen Gericht redete, erschrak Felix und antwortete: Für diesmal geh! Zu gelegener Zeit will ich dich wieder rufen lassen. 26 Er hoffte aber nebenbei, dass ihm von Paulus Geld gegeben werde; darum ließ er ihn auch oft kommen und besprach sich mit ihm.

 Hat Paulus auf Felix Eindruck gemacht? Hat seine Frau Drusilla als Jüdin sich für den Gefangenen und seine Botschaft interessiert? Jedenfalls lässt er Paulus kommen und lässt ihn reden, hört ihm zu in dem, was er über den Glauben an Christus Jesus zu sagen weiß. Die karge Formulierung des Lukas weist darauf hin, dass Paulus wohl von den Konsequenzen des Glaubens geredet hat, von  Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und von dem zukünftigen Gericht.

 Felix ist ein Hörer, wie es viele sind: So genau hatte er es gar nicht wissen wollen. Ein paar steile, ruhig auch ungewohnte theologische Sätze über Gott – dagegen hat niemand etwas. Aber das eigene Leben im Licht des Evangeliums beleuchtet sehen? Da rückt der Glaube unangenehm nahe an einen Menschen heran. Und darum spielt Felix wieder auf Zeit: Für diesmal geh! Zu gelegener Zeit will ich dich wieder rufen lassen. Es gibt für einen Statthalter noch mehr zu tun als einen Prediger Paulus anzuhören.

 Es passt zum Bild, das andere Texte der Antike von Felix zeichnen, dass er auch auf Geldzuwendungen hoffte. Bestechlichkeit von Beamten und Würdenträgern ist durchaus kein ausschließlich neuzeitliches Phänomen. Mit Geld kann der Gerechtigkeit auch früher schon einmal nachgeholfen werden. Die Hoffnung auf solche Zuwendungen macht Paulus zu einem recht gern gesehenen Gesprächspartner bei Felix. Hat er diese Hoffnung des Felix geschickt am Leben erhalten?

27 Als aber zwei Jahre um waren, kam Porzius Festus als Nachfolger des Felix. Felix aber wollte den Juden eine Gunst erweisen und ließ Paulus gefangen zurück.

Der Aufenthalt im Palast des Herodes zieht sich in die Länge. Zwei Jahre später wird Felix abgelöst. „Sein Bruder Pallas war bei Nero in Ungnade gefallen… Er verlor in der zweiten Hälfte des Jahrs 55 sein Amt als Leiter der kaiserlichen Finanzverwaltung. (R. Pesch, aaO. S. 262) Mit dem Fall seines Bruders hatte Felix seine Rückendeckung in Rom verloren. So wird er zwei Jahre später durch Porzius Festus ersetzt.  Der erbt mit allen anderen Akten auch den Gefangenen Paulus. Felix fehlte offensichtlich der Wille, diese Geschichte vorher zum Abschluss zu bringen. Was interessiert einen Statthalter schon, dass er seit zwei Jahren einen Gefangenen hat, der auf einen Urteilsspruch wartet.

Während Felix nur seinen Posten verliert, aber ansonsten in eine nicht unkomfortable Lebenssituation zurückgeht, verliert Paulus zwei Jahre seines Lebens im Gefängnis. Zwei Jahre, weit über 700 Tage. Der Evangelist, der weiß, dass seine Gemeinden ihn brauchen, sitzt fest. Der Prediger, der eine Botschaft hat, die ihn bis an die Enden der Erde führen soll, sitzt in einer Gefängniszelle fest. „Da draußen liegt die Welt und wartet auf das Evangelium. Und der Apostel, der es ihr bringen soll, der sitzt gefangen…Zwei Jahre Gefangenschaft, ohne zu wissen, was werden soll, sind eine furchtbar lange Zeit.’“(O. Dibelius, aaO. S. 318) Paulus weiß sich berufen. Aber der ihn berufen hat, holt ihn nicht aus diesem „Wartestand“ heraus. Ab und zu wird er einmal zum Gespräch gebeten. Aber nichts geht vorwärts.

Zum Weiterdenken

Mir scheint, dass es Lukas durchaus gelungen ist, ein Herzstück der Theologie des Paulus in seine Erzählung so einzuflechten, dass es in seinem Gewicht erkennbar wird. An der Verkündigung der Auferstehung des Gekreuzigten scheiden sich die Geister.

Ich erinnere mich an das Jahr 1995. Über lange Wochen hin war ich lahmgelegt, nachdem ich gerade eine neue Aufgabe voll innerer Spannung und Freude übernommen hatte. Schmerzgeplagt an Leib und Seele musste ich Veranstaltung nach Veranstaltung absagen. Was denkt sich Gott, der mich in diese Arbeit ruft und sie mir dann durch Krankheit versperrt? Fragen, die wehgetan haben. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich mit diesen drei Monaten Stillstand versuchsweise versöhnen konnte und sie als Wachstumszeit für meine Seele ansehen konnte.

Ich bin nicht Paulus und Paulus ist nicht ich. Aber die Frage stellt sich mir schon: Ob Paulus diese zwei Jahre im Kerker, wenn auch bei leichter Haft, jemals als Wachstumszeit für sich sehen konnte? Ich weiß es nicht. Aber immerhin schreibt er in seinem Brief nah Philippi über seine Gefangenschaft:  Ich lasse euch aber wissen, Brüder und Schwestern: Wie es um mich steht, das ist zur größeren Förderung des Evangeliums geschehen. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.“(Philipper 1, 12-14) Ob das auf diese zwei endlos langen Jahre in Cäsarea gemünzt ist, wissen wir nicht.

 

Herr, wie viel Geduld wird einem abverlangt, der ohne Anklage, ohne klare Beschuldigung in Haft sitzt. Wie viel Geduld wird einem abverlangt, der gesandt von Dir das Evangelium unter die Leute bringen will und lahm gelegt wird.

Herr, es ist hart, abhängig zu sein vom Wohlwollen anderer, die die Macht haben. Es ist hart, nicht den eigenen Weg gehen zu können, weil er kleinlich versperrt wird, die Umstände nicht stimmen, der Weg nicht frei ist.

Es tut weh, das Evangelium sagen zu wollen, von Dir reden zu wollen und es nicht zu können, weil man festgelegt, festgesetzt ist, die Möglichkeiten einem genommen werden. Es ist gut,dass Du auch dann bei Deinen Leuten bist. Amen