Allein vor dem Hohen Rat

Apostelgeschichte 23, 1 – 11

 1 Paulus aber sah den Hohen Rat an und sprach: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe mein Leben mit gutem Gewissen vor Gott geführt bis auf diesen Tag.

 Paulus eröffnet das Gespräch. Das wäre in einer Sitzung des Synhedrion unvorstellbar. Das führt zu zwei Fragen: Was findet hier eigentlich statt – ist es eine fachliche Beratung oder ist es der Anfang eines Gerichtsverfahrens? Und: Wer hat in dieser Gegenüberstellung das Sagen? Der römische Oberst oder der jüdische Hohepriester?

Wieder sucht Paulus in der Anrede liebe Brüder die Nähe, die gemeinsame Ebene. Daran schließt er sofort den anderen Satz an, in dem er sein Leben, sein Gewissen als vor Gott  in Ordnung reklamiert. Mein Leben – das schließt die Zeiten als Pharisäer, als Jäger der Christen ein, aber eben auch die Zeit als Prediger für die Heiden. Da ist kein Unterschied: In allem ist das Gewissen des Paulus rein.

2 Der Hohepriester Hananias aber befahl denen, die um ihn standen, ihn auf den Mund zu schlagen. 3 Da sprach Paulus zu ihm: Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand! Sitzt du da und richtest mich nach dem Gesetz und lässt mich schlagen gegen das Gesetz?

 Schon dieser erste Satz des Paulus wirkt wie eine Provokation. Die Antwort auf ihn aber wirkt überzogen. Was will der Hohepriester mit dieser Aufforderung erreichen: Einschüchterung? Das Schweigen des Paulus? Ist er erbost über dieses Vorpreschen des Paulus? Es bleibt offen, ob es wirklich zum Schlag kommt. Wenn ja, so ist auch hier wieder eine Parallele zu Jesus. „Als er so redete, schlug einer von den Knechten, die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten? Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?“ (Johannes 18,22-23) Wie Jesus weist auch Paulus den Angriff zurück. Es ist ein Rechtsbruch, ein Verstoß gegen das Gesetz. „Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten.“ (3. Mose 19,15)

Paulus hat nichts getan, was Schläge rechtfertigen könnte. Er hat sich vielmehr als Bruder, als Nächster schon in seiner Anrede gezeigt. So reklamiert Paulus auch hier Rechts-Ordnung als Schutz für sich. Ihn in einem Prozess schlagen zu lassen, ist ein Verstoß gegen die Prozess-Ordnung, auch damals. Heute wäre das ein Verfahrensfehler, der fast zwingend Freispruch zur Folge hätte. Und die Ablehnung des Prozess-Führenden wegen Befangenheit. Niemand darf grundlos geschlagen werden, weil die Schläge einem Juden die Ehre nehmen und das Gesetz schützt doch die Ehre.

Aber es sind scharfe Worte, die Paulus wählt: Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand! Eine Verwünschung, eine Fluchformel, ein Wort, das den Hohenpriester als Heuchler bezeichnet. Man sieht durch die Tünche nicht, was sich an Chaos hinter ihr verbirgt. Nur eine Maske. Ein ähnlicher Vorwurf wird aus dem Mund Jesu den Pharisäern gegenüber überliefert – auch hier ist das Thema Heuchelei. „Weh euch! Denn ihr seid wie die verdeckten Gräber, über die die Leute laufen und wissen es nicht.“ (Lukas 12, 44)Paulus, so viel ist hier schon klar, wird sich nichts gefallen lassen. Sein Beispiel ist auch eine Aufforderung an die Christen, sich nichts gefallen zu lassen, wenn sie vor Gericht stehen.

4 Aber die dabeistanden, sprachen: Schmähst du den Hohenpriester Gottes? 5 Und Paulus sprach: Liebe Brüder, ich wusste es nicht, dass er der Hohepriester ist. Denn es steht geschrieben (2.Mose 22,27): »Dem Obersten deines Volkes sollst du nicht fluchen.«

Die scharfen Worte des Paulus sind angekommen. Aber nun kehrt sich der Vorwurf gegen ihn. „Du beschuldigst den Hohenpriester des Rechtsbruchs und brichst es doch selbst durch Deine Schmähreden.“ Der Beleg wird von Lukas (!) sofort durch das Wort der Schrift nachgeliefert. Paulus bleibt nur eine Entschuldigung, auch wenn sie wie eine Ausrede klingen mag. Immerhin: darin erweist er sich als einer, der das Gesetz achtet.

Weicht Paulus hier ein wenig von der Wahrheit ab? Die Amts-Tracht  zeigt doch, wer das ist. Das ist schlüssig unter der Voraussetzung, dass es sich um eine Sitzung des Synhedrions handelt. Ist es aber eine Zusammenkunft bei den Römern, so ist es nicht so eindeutig zu klären, ob Paulus tatsächlich den Hohenpriester unbedingt erkennen musste. Es bleibt auch die Erinnerung, dass es der Hohepriester war, der seinerzeit Paulus zum Vorgehen gegen die Christen bevollmächtigt hatte. Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, dass er Anhänger dieses Weges, Männer und Frauen, wenn er sie fände, gefesselt nach Jerusalem führe. (9,1-2) Das mag mit erklären, warum dieser Dialog so scharf geführt wird.

Vielleicht trägt der Fortgang der Erzählung, in der Paulus sich als geschickter Taktiker erweist dazu bei, dass man ihm seine Entschuldigung nicht ganz abnimmt.

 6 Als aber Paulus erkannte, dass ein Teil Sadduzäer war und der andere Teil Pharisäer, rief er im Rat: Ihr Männer, liebe Brüder, ich bin ein Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern. Ich werde angeklagt um der Hoffnung und um der Auferstehung der Toten willen. 7 Als er aber das sagte, entstand Zwietracht zwischen Pharisäern und Sadduzäern und die Versammlung spaltete sich. 8 Denn die Sadduzäer sagen, es gebe keine Auferstehung noch Engel und Geister; die Pharisäer aber lehren beides.

Γνος, Erkennen, wahrnehmen. (Gemoll, aaO. S. 173) Es muss keine völlig neue Erkenntnis und Einsicht sein, es reicht, dass es nur das Entdecken einer Chance ist. Der ehemalige Pharisäer Paulus sieht, wen er vor sich hat. Und er weiß um die tiefen Trennungen zwischen Gruppen des Judentums, hier vor allem zwischen Pharisäern und Sadduzäern. Da gibt es im Grunde keine Brücke zueinander. Und so nützt Pauls sein Wissen. Ich werde angeklagt um der Hoffnung und um der Auferstehung der Toten willen. Wahr ist ja: Der Glaube der Christen gründet in der Auferstehung Jesu von den Toten. Wahr ist auch: Die Auferstehung Jesu von den Toten ist nicht ablösbar von der Hoffnung auf die Auferstehung aller. So schreibt es Paulus ja auch nach Korinth. „Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden.“ (1. Korinther 15, 12-13)

Damit hat Paulus noch nicht seine Unschuld erklärt. Aber er hat das Synhedrion handlungsunfähig gemacht. Es ist wohl so: „Die inneren Religionsstreitigkeiten des Judentums sind, wie der Leser hier erfährt, viel größer als die Frage des Unterschiedes zwischen Judentum und Christentum!“(G. Schille, aaO. S 426) Der Gegensatz zwischen Pharisäern und Sadduzäern ist so groß, dass sie nicht in der Lage sind, eine gemeinsame Linie gegen diesen verhassten Paulus zu finden.

9 Es entstand aber ein großes Geschrei; und einige Schriftgelehrte von der Partei der Pharisäer standen auf, stritten und sprachen: Wir finden nichts Böses an diesem Menschen; vielleicht hat ein Geist oder ein Engel mit ihm geredet.

Es kommt zu der ziemlich verrückten und einmaligen Situation, einer möglichen jüdischen Anerkennung der Visionen des Paulus. Getrieben von dem scharfen Gegensatz zu den Auferstehungsleugnern, Engelsleugnern, Geistleugnern, finden einige Pharisäer sich bereit darüber nachzudenken,  ob vielleicht ein Geist oder ein Engel mit ihm geredet hat. Es geht dabei um die Christus-Vision des Paulus im Tempel!  

Es wiederholt sich, diesmal aus jüdischen Mund, was im Prozess Jesu dreimal von Pilatus festgestellt wird: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.“(Lukas 23, 4; 23, 14; 23,22) Das ist eine im Erzählen mittransportierte Botschaft des Lukas: Wo es rechtmäßig zugeht, ist die Unschuld der Christen keine Frage.  Sie sind keine Übeltäter, moralisch nicht, politisch nicht und sie zerstören auch nicht den Zusammenhalt der Gesellschaft.

 10 Als aber die Zwietracht groß wurde, befürchtete der Oberst, sie könnten Paulus zerreißen, und ließ Soldaten hinabgehen und Paulus ihnen entreißen und in die Burg führen.

 Das alles aber reicht nicht, um den Aufruhr in der ehrwürdigen Versammlung zu stillen. Wenn es der Versuch des Tribuns war, durch die Fachleute mehr Klarheit zu gewinnen, so ist dieser Versuch an der Gegensätzlichkeit der Fachleute gründlich gescheitert. Fast könnte ich versucht sein, ein wenig ironisch anzumerken: das war ja auch kaum anders zu erwarten. Es gibt für jede Position  eines Fachmannes oder einer Fachfrau schließlich auch die Gegen-Position und sie wird oft sehr nachdrücklich und auch – in früheren Zeit jedenfalls – schlagfertig vertreten.

Darum also muss der Tribun Paulus aus den Händen der Fachleute retten und in der Burg Antonia in Sicherheit bringen.

  11 In der folgenden Nacht aber stand der Herr bei ihm und sprach: Sei getrost! Denn wie du für mich in Jerusalem Zeuge warst, so musst du auch in Rom Zeuge sein.

Was bleibt? Die Juden bleiben in ihrem Tumult zurück. Paulus aber erfährt in der Nacht eine neue Begegnung mit seinem Herrn und empfängt ein neues Wort Gottes. Der Weg ist nicht in Jerusalem zu Ende. Sein Zeugendienst wird ihn nach Rom führen. Auch dort, in Rom soll er, muss er Zeuge sein. Hier steht im Griechischen δει̃, muss: „Der Weg des Paulus steht unter dem „Muss“ des göttlichen Willens, dem sein völlig gutes Gewissen (23,1) verpflichtet ist und der sich deshalb in seiner Geschichte und seinem Geschick durchsetzten kann.“(R. Pesch, aaO. S. 245 ) 

 Es ist wie eine Erneuerung und Konkretion seines Auftrages, seiner Berufung, die er vor den Juden bezeugt hatte: „Der Gott unserer Väter hat dich erwählt, dass du seinen Willen erkennen sollst und den Gerechten sehen und die Stimme aus seinem Munde hören; denn du wirst für ihn vor allen Menschen Zeuge sein von dem, was du gesehen und gehört hast. (23, 14-15) Lukas weiß etwas davon, dass auch Aufträge erneuert werden müssen, dass es manchmal die Stunde gibt, in der  um der eigenen Ungewissheit willen die Zeugen Gottes darauf angewiesen sind, dass ihre Berufung ihnen erneut zugesagt wird.

Hier, in dieser dramatischen Situation und schwierigen Lage ist es der Herr selbst, der Paulus den Rücken stärkt. Θρσει· Nur Mut! Paulus hat Grund, zuversichtlich zu sein, ist er doch berufen, Zeuge  des Auferstandenen zu sein, der den Tod überwunden hat. Darum kann sein Weg nicht hier in Jerusalem enden. Er erinnert ihn auch an den Kern seines Auftrages: Paulus soll keine theologischen Debatten Auferstehung – ja/nein führen. Er soll Zeuge sein für Jesus.

Zum Weiterdenken

Manchmal kommt man nicht auf naheliegende Gedanken. Auch deshalb ist es gut, dass es Kommentare gibt. „Was hier zunächst auffällt, ist das, dass die Gemeinde der Christen keinen Finger für ihn rührt…. Wir können diesen Christen in Jerusalem nicht ins Herz sehen. Wir müssen mit dem Urteil, das uns auf der Zunge liegt, zurückhaltend sein. Aber feststellen müssen wir es: Sie lassen den Paulus allein! Nichts ist zu spüren von Zeugenmut und brennender Bruderliebe. Wäre es ebenso gewesen, wenn man etwa den Jakobus unter ähnlicher falscher Anschuldigung in Schutzhaft genommen hätte? Den Mann aus Tarsus – den lassen sie allein. Jetzt und später.“(O. Dibelius, aaO. S. 300f) Wenige Jahre nach diesen starken Sätzen lässt die Bekennende Kirche Dietrich Bonhoeffer auf seinen Wunsch hin von den Fürbitt-Listen, auf denen die Namen derer stehen, für die die Gemeinde im Gottesdienst betet, streichen.  Er will nicht, dass die Bekennende Kirche für sein politisches Engagement behaftet werden kann.

 

Heiliger Gott, wie gut, dass wir nicht mit dem einen guten Wort für das ganze Leben auskommen müssen. Wie gut dass Du Dein Ja zu uns wiederholst, erneuerst, es uns immer neu in Erinnerung bringst.

Gib Du mir, dass ich Dein Ja zu mir nicht versäume, nicht überhöre, an den vielen Tagen, an denen Du es mir neu sagst durch Menschen, durch Begegnungen, in Deinem Wort. Lass mich auch zu denen, mit denen ich unterwegs bin, immer wieder Ja sagen, wenn es mir leicht fällt und auch,  wenn es mir schwer fällt. Amen