Umkehr geht nicht (für) lau

Apostelgeschichte 19, 8 – 22

8 Er ging aber in die Synagoge und predigte frei und offen drei Monate lang, lehrte und überzeugte sie von dem Reich Gottes. 9 Als aber einige verstockt waren und nicht glaubten und vor der Menge übel redeten von der Lehre, trennte er sich von ihnen und sonderte auch die Jünger ab und redete täglich in der Schule des Tyrannus.

 Paulus folgt auch in Ephesus seiner Gewohnheit. Er predigt über drei Monate hin in der Synagoge. Das ist eine lange Zeit, erst recht, wenn man sich vor Augen hält, dass Paulus frei und offen predigte und dabei deutlich wird: Wenn er vom Reich Gottes spricht, so sieht er die Herrschaft Gottes in Jesus Christus angebrochen. Das ist sein Thema und er bringt es werbend und um Zustimmung suchend an die Leute.

 Die Fortsetzung, der Gegenwind, lässt darauf schließen, dass Paulus doch Gehör gefunden hat. Es sind nur einige, die sich verschließen, verweigern und dagegen halten. Sie bringen die Lehre, den Weg in Misskredit. Mit der Lehre werden auch die Leute, die auf diesem Weg sind, verlästert. Das führt zur Trennung. Paulus zieht mit seinen Leuten, den Jüngern, aus der Synagoge aus und findet eine neue Wirkungsstätte in der Schule des Tyrannus. Das ist wohl ein Hörsaal, den man „anmieten“ kann. So führt diese Trennung aus der Welt der Juden in die Öffentlichkeit der Stadt. Die Missions-Arbeit wird intensiviert. Nicht mehr nur am Sabbat, sondern täglich nimmt Paulus das Wort.

 10 Und das geschah zwei Jahre lang, sodass alle, die in der Provinz Asien wohnten, das Wort des Herrn hörten, Juden und Griechen.

 Zwei Jahre bleibt Paulus in Ephesus, lehrt, predigt, wirbt. An keinen anderen Ort wird er mehr so lange bleiben. Alle in der Provinz Asien ist eine Formulierung, die Ephesus für die ganze Provinz nimmt. Was in der Stadt geschieht, erreicht die ganze Region. Ein Leuchtfeuer, das im Hauptort entzündet wird und in die ganze Region ausstrahlt.

 11 Und Gott wirkte nicht geringe Taten durch die Hände des Paulus. 12 So hielten sie auch die Schweißtücher und andere Tücher, die er auf seiner Haut getragen hatte, über die Kranken, und die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister fuhren aus.

Zeigt die Lehrtätigkeit in der Schule des Tyrannus Paulus als Lehrer, fast in der Art eines Philosophen, so tritt nun ein anderes Bild daneben. Gott wirkt auch durch die Hände des Paulus. Er ist einer, von dem heilende Kräfte ausgehen. Es reicht, dass man seine Kleidungsstücke auf die Kranken legt und Krankheiten weichen, und böse Geister räumen das Feld. Damit wird eine gefährliche Tendenz ermöglicht: Hier wird der Grundstein für einen Glauben an Reliquien gelegt. Die Vollmacht eines geistlichen Menschen „materialisiert“ sich regelrecht in dem, was er berührt hat. Da landet man dann leicht beim „Heiligen Rock“ oder dem „Schweißtuch der Veronika.“ Aber kein Grund zum Hochmut für Evangelische, die so etwas nicht kennen.

Paulus macht – wenn man so will – Philosophen und Wundertätern Konkurrenz. Aber es ist doch noch einmal anders.  Reden und Handeln sind eine Einheit – das wird hier am Apostel sichtbar. Dabei ist der Apostel ganz abhängig von Gott. Ohne ihn kann er nichts tun.

13 Es unterstanden sich aber einige von den Juden, die als Beschwörer umherzogen, den Namen des Herrn Jesus zu nennen über denen, die böse Geister hatten, und sprachen: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt. 14 Es waren aber sieben Söhne eines jüdischen Hohenpriesters mit Namen Skevas, die dies taten. 15 Aber der böse Geist antwortete und sprach zu ihnen: Jesus kenne ich wohl und von Paulus weiß ich wohl; aber wer seid ihr? 16 Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, dass sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen.

 Eine richtig schräge Geschichte. Da glauben einige von den Juden, dass dem Namen Jesus – Gott hilft – magische Kräfte inne wohnen. Er wirkt sozusagen aus sich selbst. So sehen die sieben Söhne des Skevas dann auch das Handeln des Paulus als Ausüben magischer Praktiken. Das wollen sie sich zunutze machen in der eigenen Praxis. So verwenden sie ihre seltsame Beschwörungsformel: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt. Sie wollen tun, was Paulus kann. Sie glauben, dass es seine Formeln sind, die wirken, und übersehen, dass es nicht Paulus ist, der durch seine Formeln Wunder tut, sondern Gott, der sich Paulus als Werkzeug erwählt hat.

Darum geht es auch gründlich schief mit dem Exorzismus. Die Dämonen erweisen sich als schlagfertig. Es ist nie gut, wenn man sich Dinge traut, die man nicht überblickt und sich mit Mächten einlässt, die man nicht kennt, schon gar nicht beherrscht. Der Zauberlehrling lässt grüßen:

Die ich rief, die Geister,                                                                                                       Werd’ ich nun nicht los.                                 J. W. v. Goethe

17 Das aber wurde allen bekannt, die in Ephesus wohnten, Juden und Griechen; und Furcht befiel sie alle und der Name des Herrn Jesus wurde hoch gelobt.

Es ist eine Geschichte zum Lachen. Aber es ist auch eine Geschichte, die ein wenig gruseln macht. Und es ist eine Geschichte, die dem Missbrauch des Namens Jesu in den Weg tritt. Keine Beschwörungsformel, kein Bemächtigen dieses Namens. Wer in seinem Namen handelt, dient ihm und wird sein Diener. Was nicht aus der Koexistenz mit Jesus seine Kraft nimmt, geschieht zum eigenen Schaden.

18 Es kamen auch viele von denen, die gläubig geworden waren, und bekannten und verkündeten, was sie getan hatten. 19 Viele aber, die Zauberei getrieben hatten, brachten die Bücher zusammen und verbrannten sie öffentlich und berechneten, was sie wert waren, und kamen auf fünfzigtausend Silbergroschen. 20 So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig.

Ob es in Ephesus besonders ausgeprägt und vielfältig Praktiken der Magie und der Zauberei gab, sei dahin gestellt. Lukas liegt daran, deutlich zu machen: Das Erschrecken durch diese seltsame Geschichte führt zu einer Umkehr im Denken der Christen. Viele trennen sich von einer bis dahin für normal gehaltenen Praxis und den entsprechenden Handbüchern. Das geschieht nicht im privaten Bereich, sondern in einer Versammlung der Gemeinde und durch einen öffentlichen Akt der Bücherverbrennung.

Bücherverbrennungen haben bei uns – zu Recht – seit der NS-Zeit keinen guten Ruf. Sie stehen für Intoleranz, geistige Enge und potentielle Gewaltbereitschaft. Wenn Lukas hier diese Bücherverbrennung positiv bewertend erzählt, dann deshalb, weil sie ein notwendiger und freiwilliger Umkehrakt ist. Sie ist äußeres Zeichen eines inneren Vorgangs. Es gibt keine Hinkehr zum neuen Leben ohne die Abkehr von alten Praktiken. Hier werden nicht staatlich verordnet Bücher von Untermenschen verbrannt oder Bücher, die im Verdacht stehen, der Kultur der eigenen Hoch-Rasse zu widersprechen. Es sind Bücher, die unfrei gemacht haben, weil sie den Geist unter die Dämonenfurcht und die Abhängigkeit von Zauberpraktiken bringen. Die sie verbrennen, lösen sich so von alten Bindungen.

Wenn der Hinweis auf die errechnete Summe stichhaltig ist, dann ist das eine gewaltige Menge. Wie viel ergäbe das wohl, vom Kaufwert her berechnet, wenn sich Menschen heute von allem trennten, was sie nicht mehr mit dem Glauben an den Herrn Jesus Christus verbinden und vereinbaren können?

 21 Als das geschehen war, nahm sich Paulus im Geist vor, durch Mazedonien und Achaja zu ziehen und nach Jerusalem zu reisen, und sprach: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen. 22 Und er sandte zwei, die ihm dienten, Timotheus und Erastus, nach Mazedonien; er aber blieb noch eine Weile in der Provinz Asien.

Fast scheint es so, als sei mit diesem Selbstreinigungsakt die Mission des Paulus in Ephesus zu einem gewissen Abschluss gekommen. Wenn Menschen sich von einer ihnen bis dahin selbstverständlichen Praxis öffentlich vor der Gemeinde trennen, dann sind wirklich Riesenschritte getan, hat sich die Zeit erfüllt.

Ephesus hat seine Zeit gehabt. Mehr noch mag mitschwingen: Die Zeit der Missionsreisen hat sich erfüllt. Das weiß Paulus noch nicht, wenn er sich vornimmt, nach Jerusalem zu reisen. Aber immerhin so viel ist sichtbar: Hinter Paulus liegt gesegnete Zeit, gesegnetes Wirken. Darum kann er seine Gedanken nach vorn richten. Er schmiedet Reisepläne. Im Geist mag Hinweis sein, dass da nicht nur geplant, sondern auch gebetet wird. Es geht ja immer um ein Planen im Fragen nach dem Willen Gottes. Auch wenn es altertümlich klingt: Es geht Paulus um den „Gehorsam des Glaubens“ (Römer 1,5), auch in seinen Reiseplänen. Nicht nur bei anderen, auch bei sich selbst.

Der Reiseplan ist ambitioniert: Durch Mazedonien nach Achaja, von dort nach Jerusalem und dann nach Rom. Welche Ziele! Die eigenen „Missionsgebiete“, dann die Hauptstadt des eigenen Glaubens und dann die Hauptstadt der Welt. Ein weiter Weg, ein großer Wurf. „So der Herr will und wir leben.“ (Jakobus 4,15)

So sehen wir Paulus im Aufbruch zu seiner letzten großen Reise. Keine Missionsreise mehr. Eher eine Abschiedstour. Und er sendet seine Leute vor sich her, Timotheus und Erastus. Hier tauchen sie wieder auf, die Reisegefährten, nachdem sie über zwei Jahre hin verschwiegen worden sind. Es wird eine Reise ins Leiden werden, die jetzt anfängt.

Zum Weiterdenken

Bevor man einigermaßen spöttisch und ein wenig hochmütig auf die verprügelten Skevas-Söhne herabschaut, wird es gut sein, selbstkritisch zu fragen: Wie oft wird bei mir selbst aus dem Glauben eine Art Beschwörung? Aus Gebeten werden Formeln, die Beschwörungs-Ritualen gleichen: „durch Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Das ist gewiss wahr, gültig für Zeit und Ewigkeit. Aber selbst, wenn die betende Gemeinde das glaubt – es ist hart an der formelhaften Erstarrung. An der Überzeugung: Die richtige Formel nötigt Gott zum Handeln.  denen ich Gott. Subjektiv gesprochen: So frei in ich nicht von der Gefahr, dass meine Sätze des Glaubens zu nur übernommenen Lehrsätzen werden, die in der Gefahr stehen, kraftlose Leerformeln zu werden.

 

Herr Jesus, rufen solange es Zeit ist. Das Wort sagen, damit es Menschen verwandelt. In die Freiheit stellen, damit das Leben Fülle gewinnt. Das willst Du von uns.

Herr, Du willst nicht, dass wir uns weg ducken, anpassen, irgendwie allem seinen Lauf lassen. Du willst nicht, dass wir so tun, als könnte alles beim Alten bleiben, wenn sich einer Dir zuwendet.

Gib uns den Mut, von notwendigen Trennungen zu reden, von der Abkehr, die die Hinkehr zu Dir kostet. Lass uns mutig sagen, dass die Freiheit in Dir kostbar ist und ihren Preis hat. Du hast ihn ja längst für uns bezahlt. Amen