Erfüllte Jahre in Korinth

Apostelgeschichte 18, 1 – 22

 Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth 2 und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen. Zu denen ging Paulus. 3 Und weil er das gleiche Handwerk hatte, blieb er bei ihnen und arbeitete mit ihnen; sie waren nämlich von Beruf Zeltmacher.

 Es hält Paulus nicht lange in Athen. Es muss keine Flucht vor dem Misserfolg sein. Es ist einfach nicht seine Stadt. Er zieht weiter, nach Korinth. Hafenstadt am Isthmos. Das hat zu vielerlei Überlegungen über das Milieu in Korinth geführt. In Korinth trifft Paulus auf eine jüdisches Ehepaar, Aquila und Priszilla. Sie sind ihm allein schon deshalb nah, weil sie Handwerksgenossen sind.

             Wie so oft ist Vorsicht geboten, wenn es heißt: alle Juden. Das erinnert ein bisschen an die Aufregung von ganz Jerusalem (Matthäus 2,3), als von einem neugeborenen König der Juden die Rede ist. Es ist eine „übertreibende Sprache“, die Maßnahmen gegen einen Teil als Maßnahmen gegen alle sieht – so wie ja auch heutzutage rasch in manchen Medien alle Reichen zu Steuerhinterziehern und alle Deutschen zu Abgehörten und alle Moslems zu potentiellen Terroristen werden. Bei rund 50.000 Juden in Rom wäre die Verbannung aller ein Massenexodus größeren Ausmaßes gewesen. Es dürfte nur eine Schicht führender Leute getroffen haben.

 4 Und er lehrte in der Synagoge an allen Sabbaten und überzeugte Juden und Griechen.5 Als aber Silas und Timotheus aus Mazedonien kamen, richtete sich Paulus ganz auf die Verkündigung des Wortes und bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus ist. 6 Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt; ohne Schuld gehe ich von nun an zu den Heiden.

 Paulus bleibt sich selbst treu. Er geht in die Synagoge, zu seinen Leuten. Der Jude Paulus, der an Jesus gläubig geworden ist, ist zuerst „Judenmissionar“. Nicht zuletzt deshalb, weil er zäh an der Berufung und Erwählung Israels festhält: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ (Römer 11,29) Er gewinnt, überzeugt. Juden und Griechen. Mit den Griechen sind wohl „Gottesfürchtige“ gemeint, die sich, aus den Heiden stammend, zur Synagoge hielten, ohne doch durch Beschneidung Juden geworden zu sein. Sein Christuszeugnis – genauer, sein Zeugnis, dass Jesus der Christus ist, führt zum Widerspruch. Im Brief an die Korinther hört sich das so an: „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“ (1. Korinther 2, 3) Der ist sein Thema auch in der Synagoge und er wird, auch das schreibt er „den Juden ein Ärgernis“(1. Korinther 1, 23)

Der Judenmissionar Paulus scheitert. Nicht im Ganzen. Einzelne hören seine Worte und finden zum Glauben. Aber auf die gesamte jüdische Gemeinschaft gesehen, scheitert er. Es sind eben nur Einzelne, die gläubig werden. Der Fortgang der Erzählung der Apostelgeschichte und die Briefe es Paulus zeigen: Dieses Scheitern ändert nichts an seiner grundliegenden Reihenfolge der Verkündigung: Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ (Römer 1, 16)

  7 Und er machte sich auf von dort und kam in das Haus eines Mannes mit Namen Titius Justus, eines Gottesfürchtigen; dessen Haus war neben der Synagoge. 8 Krispus aber, der Vorsteher der Synagoge, kam zum Glauben an den Herrn mit seinem ganzen Hause, und auch viele Korinther, die zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen. 9 Es sprach aber der Herr durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! 10 Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt. 11 Er blieb aber dort ein Jahr und sechs Monate und lehrte unter ihnen das Wort Gottes.

 Wechselt Paulus das Quartier oder wechselt er nur den Ort der Verkündigung? Der neue Standort im Haus des Griechen Titius Justus ist auch eine Provokation. Paulus macht eine Konkurrenz-Synagoge unter christlichem Vorzeichen direkt neben der Synagoge auf.

Der seitherige Synagogen-Vorsteher, Krispus, kommt zum Glauben und seine ganze Mischpoke mit ihm. Merk-würdig: Es ist die Bekehrung eines Juden, ist wie eine Initial-Zündung wirkt: Auch viele Korinther wurden gläubig und ließen sich taufen. In dieser Formulierung wird nicht zwischen Juden und Griechen differenziert! Ihr Hören der Verkündigung führt Korinther zu diesem konkreten Schritt der Taufe. Der innere Vorgang – zum Glauben kommen – wird durch das äußere Handeln sichtbar gemacht und zugleich innerlich gefestigt.

Gott selbst behält das Heft des Geschehens in der Hand. Er gibt Paulus Rückenwind. Er zeigt ihm, dass das, was gerade geschieht, nicht Zufall ist. Ich habe ein großes Volk in dieser Stadt. Gott weiß schon, wen er rufen will. Darum gibt es auch keinen Grund zur Furcht und keinen Grund zu schweigen. Ein bisschen klingt das alles auch nach einer Erneuerung der Berufung des Paulus. Das haben Zeugen Jesu ja manchmal auch nötig, dass sie ihre Berufung neu zugesprochen bekommen, damit sie nicht einfach nur „weiter, immer weiter“ (O. Kahn) machen. So, neu berufen, kann Paulus bleiben und Gemeinde bauen, indem er das Wort Gottes lehrt, predigt, aus dem Wort lebt.

12 Als aber Gallio Statthalter in Achaja war, empörten sich die Juden einmütig gegen Paulus und führten ihn vor den Richterstuhl 13 und sprachen: Dieser Mensch überredet die Leute, Gott zu dienen dem Gesetz zuwider. 14 Als aber Paulus den Mund auftun wollte, sprach Gallio zu den Juden: Wenn es um einen Frevel oder ein Vergehen ginge, ihr Juden, so würde ich euch anhören, wie es recht ist; 15 weil es aber Fragen sind über Lehre und Namen und das Gesetz bei euch, so seht ihr selber zu; ich gedenke, darüber nicht Richter zu sein. 16 Und er trieb sie weg von dem Richterstuhl. 17 Da ergriffen sie alle Sosthenes, den Vorsteher der Synagoge, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl und Gallio kümmerte sich nicht darum.

Gallio hat Anfang 51 in Korinth sein Amt ausgeübt. Er tut, was sich die junge Christengemeinde von der römischen Obrigkeit erhofft. Er hält sich raus: Ich bin nicht zuständig, so ist seine eindeutige Position. Lehrstreitigkeiten zwischen Juden interessieren die Römer nicht, dem Edikt des Claudius zum Trotz. Gegen Unruhestifter geht der römische Staat zu Recht vor. Aber die Inhalte sind ihm gleich gültig.

Darum kommt Paulus auch gar nicht erst zu Wort. Was er zu sagen hat, auch zu seiner Verteidigung, ist für Gallio irrelevant. Als dann ersatzweise Sosthenes, der Nachfolger des Krispus – im Gerichtssaal? – verprügelt wird, lässt Gallio sie einfach gewähren. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“ Heutzutage gehen Richter dann einfach auf dem Golfplatz ihrem Spiel weiter nach. Warum der arme Sosthenes verprügelt wird, bleibt im Dunkeln. Wirft man ihm die Weigerung des Gallio vor, nichts in der Sache zu unternehmen? Wird er einfach ein Opfer des Zornes über Gallio und der erlittenen Geringschätzung – weil man Gallio nicht schlagen kann, haut man den, der greifbar ist?!

18 Paulus aber blieb noch eine Zeit lang dort. Danach nahm er Abschied von den Brüdern und wollte nach Syrien fahren und mit ihm Priszilla und Aquila. Zuvor ließ er sich in Kenchreä sein Haupt scheren, denn er hatte ein Gelübde getan. 19 Und sie kamen nach Ephesus und er ließ die beiden dort zurück; er aber ging in die Synagoge und redete mit den Juden. 20 Sie baten ihn aber, dass er längere Zeit bei ihnen bleibe. Doch er willigte nicht ein, 21 sondern nahm Abschied von ihnen und sprach: Will’s Gott, so will ich wieder zu euch kommen. Und er fuhr weg von Ephesus 22 und kam nach Cäsarea und ging hinauf nach Jerusalem und grüßte die Gemeinde und zog hinab nach Antiochia.

 Nach eineinhalb Jahren naht die Zeit des Abschiedes. Paulus will zurück, nach Syrien, nach Jerusalem, nach Antiochia. Er fährt nicht allein. Priszilla und Aquila werden ihn begleiten. Und er fährt nicht einfach so. Er legt ein Gelübde ab und lässt sich als äußeres Zeichen dafür sein Haupt scheren. Was der Inhalt seines Gelübdes ist, wissen wir nicht. Das äußere Zeichen mag auf ein Nasiräatsgelübde hin deuten – Enthaltung von Alkohol und Verzicht aufs Haareschneiden. Aber das ist alles ein bisschen vage. Solch ein Gelübde wird später im Leben des Paulus eine größere Rolle spielen.

Die Reise geht problemlos vonstatten. In Ephesus bleiben Priszilla und Aquila zurück. Paulus predigt in der Synagoge und wird freundlich empfangen von den Juden und zum Bleiben aufgefordert. Er aber lässt sich nicht aufhalten. Aber vertröstet sie immerhin – wenn Gott will…Eine Erklärung für seine Eile gibt es nicht. Über diesen Versen liegt in der raschen Abfolge der Orte eine gewisse Ruhelosigkeit. Paulus eilt regelrecht durch das Land. Erst in Antiochia scheint er am Ziel. Das ist ja seine „Heimatgemeinde“.

Zum Weiterdenken

Es ist möglich, dass Lukas in Gallio sein Wunschbild eines römischen Beamten zeichnet. Der den politischen Vorwurf: Unruhestifter durchschaut und zurückweist. Der deutlich erklärt: Für Streitfragen in Sachen Religion ist der Staat nicht zuständig. Das macht unter euch aus. Die römischen Kaiser späterer Zeiten haben sich nicht immer so zurückhaltend verhalten. Manche, wie Konstantin, haben sogar sehr direkt in die Fragen der Bekenntnisbildung eingegriffen. Dieser Römer damals in Korinth sieht, was Lukas erhofft, dass das Evangelium unter Machtaspekten betrachtet einen unpolitischen Kern hat. Was er nicht sehen kann: dass es gänzlich ohnmächtig eine Wandlungskraft hat, die die Welt verändert. Ein früher Vorläuferdes weltanschaulich neutralen Staates, wie wir ihn heute erleben. Manchmal aucgh erleiden, weil die Kirchenb nicht mehr die ganz große Bedetug in der wahrnehmung des Staates haben.

Herr Jesus, wenn nur Dein Name groß gemacht wird. Wenn nur Menschen in Dir die Zuflucht ihres Lebens finden. Wenn nur das Evangelium gesagt werden kann. Alles muss sich dem unterordnen, so sehe ich es an Paulus. Es ist eine heilige Einseitigkeit, die mich staunen lässt. Ich ahne, wie erfüllt das Leben sein muss, dass er so leben kann.

Ich schaue mein eigenes Leben an und weiß: So habe ich nie gelebt. So hätte ich wohl auch nie leben können und wollen. Das ist für mich befreiend, dass ich das Leben des Paulus nicht als Schablone nehmen muss, nach der ich mein Leben zurecht schneide oder beurteile.

Du bist Deinen ganz anderen Weg und doch: Deinen Weg mit mir gegangen und hast mich geführt, so wie Du es willst. Amen