Athen – Zeuge sein

Apostelgeschichte 17, 16 – 34

16 Als aber Paulus in Athen auf sie wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, da er die Stadt voller Götzenbilder sah. 17 Und er redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden.

Paulus in Athen, schon damals Reise-Ziel vieler Bildungstouristen. Obwohl Athen damals von der Größe her – ca. 5000 Einwohner – nur ein Provinz-Nest ist, von seiner Ausstrahlung her ist es eine Metropole des Geistes. Es mag sein, Paulus ist hier und dort stehen geblieben, hat die Sehenswürdigkeiten der Stadt angestaunt, die Akropolis im strahlenden Glanz der Sonne, die wunderbaren Gebäude der Reichen hat sich über manches wohl auch gewundert.

Eine Stadt voller Götzenbilder – diese Formulierung des Lukas steht nicht für religiöse Toleranz. Sie geht eher zurück auf die ironische Sicht der Propheten, was die Götterbilder der anderen Religionen angeht. Das wird später noch zum Thema werden, auf dem Areopag.

Die erste Antwort auf den Grimm des Paulus ist der Weg zu den jüdischen Brüdern und Schwestern, in die Synagoge. Auch in Athen führt ihn also sein erster Weg in die Synagoge. Wie groß oder kümmerlich sie war, spielt keine Rolle. Da kann er von dem reden, was ihm wichtig ist und da findet er auch gemeinsamen Boden, allen tiefen Unterschieden zum Trotz. Der Jude Paulus sucht zuerst die Juden. Zugleich sucht er auch das Gespräch mit jedermann, auf den Straßen, auf dem Markt, im Alltag. Wen immer er trifft, der wird zum Gesprächspartner des Paulus. Er sucht den Dialog. Er weiß sich ja gesandt „zu denen auf den Straßen und Gassen der Stadt.“(Lukas 14, 21) Dieses Reden allerorts und mit allen wird zur Brücke.

 18 Einige Philosophen aber, Epikureer und Stoiker, stritten mit ihm. Und einige von ihnen sprachen: Was will dieser Schwätzer sagen? Andere aber: Es sieht so aus, als wolle er fremde Götter verkündigen. Denn er verkündigte das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung.

 Dass da ein „Neuer“ ist, bleibt nicht verborgen. Es weckt die Neugier bei denen, die schon lange am Platz sind, Epikureer und Stoiker, die die klassischen Philosophien repräsentieren, Diese Fachleute hören und bilden sich ihr Urteil. Schwätzer nennen sie Paulus, Wortklauber könnte man auch sagen. Einer, der aufpickt, was herumliegt. Hochachtung hört sich anders an. Und dennoch…

19 Sie nahmen ihn aber mit und führten ihn auf den Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst? 20 Denn du bringst etwas Neues vor unsere Ohren; nun wollen wir gerne wissen, was das ist. 21 Alle Athener nämlich, auch die Fremden, die bei ihnen wohnten, hatten nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.

Es sind die gepflegten Missverständnisse der Gebildeten unter den Verächtern der Religion, die sich zu Wort gemeldet haben. Aber man ist ja nicht so. Soll er doch sagen, was er zu sagen hat. Man will sich ein Bild machen von dieser neuen Lehre. Das ist für die Apostelgeschichte eine ungewöhnliche Formulierung. Weil Lukas weiß, dass es um einen neuen Weg geht, den Gott aufgetan hat. Einen Weg, der nicht zuerst nur das Denken, sondern vor allem die Hingabe fordert. Aber der Ausdruck trifft genau, was die Athener vermuten: Lehrsätze, mehr oder weniger gut durchdachte philosophische Darlegungen. Sie vermuten Neues und das korrespondiert mit ihrer Neugier für das Fremde, Befremdliche und das Neue.  Aber es ist nicht wirkliches Interesse, was sie so fragen lässt, sondern unverbindliche Neugier.

Ein bisschen gemutet die Szene an Talk Shows. Da reden auch häufig Leute miteinander, meistens sehr höflich, die sich doch nichts zu sagen haben, auch keine Interesse am Anderen haben, weil sie alle nur ihre Botschaft sagen wollen. Wirkliche Gespräche sehen anders aus.

Wahr ist: Das Evangelium hat es nie nur mit dem einzelnen Hörer zu tun. Es wird in eine Gesellschaft mit ihren Grundüberzeugungen hinein gesprochen. Und es trifft auf staatliche Behörden und Festlegungen, Gerichte, Gesetze, die FDGO (=Freiheitlich-Demokratische Grund-Ordnung). Sie interessieren sich nicht für den Inhalt, sondern allein dafür: Verträgt sich, was dieser Glaube als Ethik will, als Bild vom Menschen vertritt, mit unseren Grundlagen? So wird heute in Deutschland der Islam befragt, so muss der Staat auch das Christentum befragen, so befragt damals Rom diese kleine Schar.

Dennoch: Mir scheint, dass es nicht um eine Aussage vor Gericht geht. Das Gegenüber des Paulus sind die Glaubens- und Denkweisen der Athener, der philosophischen Richtungen, die er antrifft.

 22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. 23 Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

 Paulus gibt Auskunft – darf man vermuten: gerne? Das ist ja seine Berufung: Zeuge zu sein. Und jetzt ist sein Zeugnis gefordert. Jetzt zahlt sich aus, dass er in der Stadt unterwegs war. Er weiß, wen er vor sich hat. Lauter religiöse Leute. Es ist ein merkwürdiges Kompliment. Je nachdem, wie man hört, klingt es nach Anerkennung, aber in diesem Wort: dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt, schwingt eben auch mit, dass diese Verehrung abergläubige Züge hat. Paulus wird nicht so eindeutig sein in der Anerkennung der athenischen Frömmigkeit.  

             Die Religiosität der Athener zeigen die vielen Heiligtümer. Das Unbestimmte daran zeigt der eine Altar: Dem unbekannten Gott. Haben die Athener die Befürchtung, es könnte neben all den verehrten Göttern noch einen weiteren Gott geben, der vielleicht mehr Einfluss und Macht über die Menschen hat? Oder ist dieser Altar Ausdruck einer grundsätzlichen Offenheit, aus der Einsicht heraus: Wir wissen eben doch nicht alles? Für Paulus ist es ein Anknüpfungspunkt.

Unwissend – ist zugleich eine Entschuldigung und eine Einladung. Ihr könnt nichts dafür, dass ihr Götzenbilder verehrt. Ihr wisst es bisher nicht besser. Aber es ist zugleich die Aufforderung: Hört genau hin, denn ich verändere mit meinen Worten die Situation. Ich bringe Licht ins Dunkel, nehme den Schleier der Unwissenheit von euren Augen. Wenn man so will: Paulus steht hier als „Aufklärer“ auf dem Areopag.

  24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. 25 Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.

Hinter seinen Worten steht der Glaube Israels, dass Gott Schöpfer und Herr der Welt ist. Er ist es, von dem alles Leben sein Leben hat. Paulus verrät seine Herkunft nicht, aber er sucht im Schatz seines Glaubens danach, was für die Athener anschlussfähig ist.

So scharf wird es selten gesagt – Gott braucht uns nicht. Er braucht den ganzen Religionsbetrieb nicht. Die Tempel nicht, die Götterbilder nicht, die Kerzen nicht, die frommen Gesänge nicht, die Gottesdienste und Opfern nicht, auch die Kirchen nicht. Er wohnt nicht, wo wir ihm freundlicherweise einen Platz oder ein Plätzchen anweisen, zugestehen. Gott geht nicht ein, wenn Menschen ihn ignorieren. Mit einem einzigen Satz zertrümmert der Mann auf dem Areopag den ganzen frommen Aufwand in Athen und anderswo.

 26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, 27 dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. 28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. 29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.

Das ist die zweite Brücke, die er wieder aus seinem jüdischen Glauben betritt: Der Schöpfer der Welt ist auch der, der die Menschheit geschaffen hat und ihr Grenzen gesetzt hat. Er ist der, der in sie hinein ein Suchen nach Gott, ein Ahnen Gottes gelegt hat. Dieses Fragen, Suchen, Ahnen von Gott nimmt der Apostel mit seinem so weiten Satz auf: Keinem von uns ist Gott fern. In ihm leben, weben und sind wir. Gott ist uns näher als die Luft zum Atmen, näher als uns die Menschen sind, näher als uns die Dinge sind, mit denen wir uns umgeben. Damit sagt er auch: Nicht Gott braucht uns, aber wir haben Gott nötig. Ohne ihn können wir nicht leben.

Alle Kreatur, Mensch und Tier leben davon, dass Gott sich zuwendet, dass er da ist. Sie haben ihr Sein nur in ihm. Gott ist die Luft, die wir atmen, das Wasser, das uns trägt und umgibt, die Sonne, die uns scheint. Paulus denkt und argumentiert in der Spur Israels.

 Wenn wir heute Paulus nach einem Beweis für seinen Gedanken fragen könnten, würde er vielleicht sagen: Schau Dich an – Du bist der Beweis. Du hast Dir das Leben nicht selbst gegeben. Du hast Dir Deinen Leib nicht selbst gegeben. Du hast Dir deine Kraft und Deine Talente nicht selbst gegeben. Mit allem, was du bist und was du lebst und was du kannst, kommst Du immer schon von Gott her – aus seinem unerschöpflichen Geben. Jeder Augenblick Deines Lebens kommt von Gott.

Aus dem allem ergibt sich – es klingt aufgeklärt: Die Bilder von Gott sind es nicht. Die Kunstwerke reichen nicht aus, ihn zu begreifen, ihn darzustellen, erst recht nicht, ihm zu dienen. Mit allem unserem Begreifen kommen wir nie bis zur Wirklichkeit Gottes. Es sind immer nur sehr irdische, sehr menschliche Annäherungsversuche.

 30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. 31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Noch einmal kommt hier die Zeit der Unwissenheit als Entschuldigung in den Blick. Aber sie ist vorbei. Gott hat eine neue Zeit gesetzt: Er hat sich wieder als der erzeigt, der der Menschheit auch ihre Grenzen setzt. Jetzt die Grenze des Gerichtes in seiner Gerechtigkeit. Das Angebot des Glaubens in dem, der der Richter sein wird und den er, Gott, aus den Toten auferweckt hat.

Auch wenn der Name Jesus nicht genannt wird – für den Leser der Apostelgeschichte ist klar, von wem Paulus redet, wenn er von dem einen redet, der den Erdkreis richten wird mit Gerechtigkeit, der Gegenstand des Glaubens ist durch seine Auferweckung von den Toten. In der Situation der Predigt auf dem Areopag hätte die Benennung des Namens nichts zur Klärung beigetragen. So ist es nicht feiges Verschweigen, sondern das Wissen um das, was nötig ist für die, die hören, das Paulus so reden lässt.

Dieser Gott, der uns nicht braucht, der sich selbst genug sein könnte, uns nicht nötig hat, der will uns. Er sucht unser Vertrauen, er bietet uns in Jesus seine Liebe an, Umkehr zu ihm. Er hofft, dass wir ihm glauben. Was Gott will ist dringlich, aber kein Befehl. Alle sind gerufen, aufgerufen, aufgefordert, Buße zu tun. Das ist ein Leitwort der Verkündigung Jesu – Umkehr zu Gott, „weil das Reich Gottes genaht ist“ (Markus 1,15).

32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. 33 So ging Paulus von ihnen. 34 Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Der Erfolg dieser Rede? Einige haben gehört – aber viele haben sich lächelnd abgewendet. Einige haben den nahen Gott in den Worten seines Boten gehört, viele aber nur ein seltsamen Redner und haben deshalb nur ein Achselzucken für ihn. sie haben Lehrsätze erwartet und hören die Aufforderung zu einem neuen Lebensweg. Gedanken wollten sie hören und sollen ihre Existenz verändern, verwandeln lassen.

An der Auferstehung der Toten scheiden sich die Geister. Zwei werden namentlich genannt, die zum Glauben finden, Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris. Einige andere gehören auch noch dazu. Gemessen an der Predigt des Petrus am Pfingsttag in Jerusalem ist das doch sehr bescheiden.

Zum Weiterdenken

Vielleicht ist es so: Unsere eigenen Erfahrungen aus Glaubensgesprächen und Diskussionen bestimmen mit, wie wir einen solchen Satz: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. verstehen. Haben wir oft das verschleierte Ende des Gespräches mit der Floskel: „Ein andermal mehr“ erlebt, so lesen wir den Satz auch so. Haben wir aber darin oft den Beginn von Gesprächsfortsetzungen erfahren, dann finden wir das auch hier wieder.  Was Exegeten und Ausleger erleben, mischt sich oft genug ungewollt in ihre Arbeit ein.

Mit dieser Rede verbindet sich eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt: Wie weit darf ich anderem Denken und Glauben entgegen kommen? Wie weit kann ich mich auf eine Sprache einlassen, in der ich auf meine Definitionen und Glaubensformeln verzichte? Es ist mit Händen zu greifen, wie Paulus hier die Grenzen dehnt und weitet. Wir sind göttlichen Geschlechts beißt sich schon ziemlich mit der Herkunft aus der Ackererde (1. Mose 2,7).

Mich beeindruckt die Sorglosigkeit des Paulus, der keine Angst um die eigene Identität zu kennen scheint, weil er ganz in Christus geborgen ist. Mich beeindruckt seine Bereitschaft, sich ganz auf das Denken und Die Erfahrungen der Leute einzulassen, zu denen er spricht. Er schlägt eine Brücke in das Denken und Leben der Athener und er sorgt sich nicht, dass er dabei den Halt am eigenen Ufer verlieren könnte. Er muss seine Identität nicht selbst sichern. Sie kommt ihm von Christus her zu.

 

Herr Jesus, lass uns nicht aufhören, Brücken zu den Menschen zu suchen, Gemeinsamkeiten aufzuspüren, die Verstehen erleichtern, uns zu mühen, so zu reden, dass sie überhaupt ernst nehmen können, was wir sagen.  

Lass uns nicht aufhören, Zeugen dafür zu sein, dass unser Leben aus Gott kommt und zu Gott geht und dass wir ihm Verantwortung schulden.  Lass uns nicht aufhören, das zu bezeugen, dass Du dann neben uns stehst und für uns sprichst. Amen