Wenn der festen Boden ins Wanken gerät

Apostelgeschichte 16, 23 – 40

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

 Die bloß Gestellten und Misshandelten werden sichergestellt. Festgesetzt. Ohne rechtlich sauberes Verfahren. Zum eigenen Schutz? Sie werden besonders gut bewacht. Damit keiner sein Spiel mit ihnen treiben kann. Nicht gleich Hochsicherheitstrakt, aber doch sichere Zellen. Es gibt, so scheint es in der Apostelgeschichte, eine Vorliebe der Staatsmacht für sichere Gefängnisse für Christen. Das wird ja zuvor auch schon gleich zweimal von Petrus erzählt. (5, 17 – 18 und 12, 3-4)

25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott.

 Erstaunlich. Nicht dass sie beten, wohl aber, dass Paulus und Silas Gott loben. Sie könnten doch auch bitter feststellen: Die Wahrheit zahlt sich nicht aus! Der Einsatz für die Freiheit anderer zahlt sich nicht aus. Aber sie klagen nicht. Sie singen in ihrer Zelle Loblieder. Sie buchstabieren durch, was Paulus später einmal schreiben wird: „Alle Dinge dienen denen zum Besten, die Gott lieben.“ (Römer 8, 28) Das weiß man aber manchmal erst hinterher. Sie scheinen so unabhängig von der äußeren Situation, dass sie jetzt schon loben können. Ihr Singen verändert die innere Situation des Gefängnisses, auch wenn es am Äußeren erst einmal nichts ändert.

  Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

 Wieder erweist sich das Gefängnis als Haus mit offenen Türen. Das ist in Jerusalem so gewesen (s.o.) und nun auch in Philippi. Nur ist es diesmal keine „englische“ Befreiungsaktion (5,12; 12,7-10), sondern ein Erdbeben. Gott kann nicht nur auf eine Weise eingreifen, lernen wir. Erdbeben sind in dieser Region keine ungewöhnlichen, gleichwohl aber doch erschütternden Ereignisse. Das Ergebnis: „Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“ (K.P. Hertzsch, 1989, EG 395,3) 

 7 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

 Was für die einen wie eine offene Tür wirkt, ist für den Kerkermeister wie ein Todesurteil. Er wird den Verlust der Gefangenen büßen müssen. Die harte Strafe, die ihm droht, ist der Tod. So will er aus Furcht vor dem Tod sich selbst töten. So absurd es klingt, diesen Weg wählen bis heute viele – und nennen es Freitod.

 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

 Das ist nun schon das zweite Wunder in dieser wunderbaren Nacht. Ein Gefängnis wird in seinen Grundfesten erschüttert und begräbt niemanden unter sich. Und die Gefangenen nützen die offenen Türen nicht zur Flucht!  Die ihm „anvertraut waren“, sind alle da!

Das ist wirklich zum Wundern, zum Staunen, zum Entsetzen und sprengt die Rationalität unserer Welt: Die beiden Gefangenen und alle anderen könnten doch die Chance des Erdbebens nutzen. Die Türen stehen alle offen. Wer will sie hindern, ihre plötzliche Freiheit zu ergreifen? Hat denn nicht Gott selbst die Tür aufgemacht? Was muss es sie kümmern, dass der Kerkermeister wohl für ihre Freiheit schwer büßen müsste? Sie aber bleiben. Es ist ihr Bleiben, ihr Verzichten auf die unverhoffte Chance, das dem Kerkermeister den Weg zum Leben neu öffnen wird.

 29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?

 Der Fokus der weiteren Erzählung liegt nur noch auf den Paulus und Silas. Die anderen Gefangenen verschwinden im Dunkel dieser Nacht. Dieser beider Verhalten – der Verzicht auf die eigene Rettung – ist, was den Kerkermeister fragend macht: Was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Er hat an diesen Männern gesehen, dass sie Leben haben, das mehr ist als seine Machtstellung, dass sie eine Art Leben haben, das „gerettet“ ist, „heil“ ist. Dieser „Mehr-Wert“, diese Freiheit lässt ihn ahnen, dass das Leben aus Glauben größer ist. Er hat an diesen Männern, an ihrem Verhalten gesehen, dass ihr Glaube eine unerhörte Kraft hat. So sollen wir wohl verstehen, was Lukas erzählt.

 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

 Es ist wichtig, an dieser Stelle genau hinzuhören. Glaube an den Herrn Jesus – das ist nicht die Aufforderung, dogmatische Sätze über Jesus zu übernehmen. Er ist der Gottessohn. Er ist der Messias Israels. Er ist… Es ist vielmehr die Einladung: Setze das Vertrauen deines Lebens auf ihn. suche in ihm den Weggefährten für alle Tage deines Lebens. Halte dich an ihn in den Ängsten und teile mit ihm deine Freude. Dann wirst du selig. Gerettet. Dann bekommst du festen Boden unter die Füße. Es geht in diesem Satz um anvertrautes Leben

Es ist eine der seltsamsten Predigt-Situationen im Neuen Testament. Gefangene, über denen noch das Urteil der Stadtrichter schwebt, erzählen ihrem Gefängnischef von Jesus. Und der kümmert sich nicht mehr um Vorschriften und Sicherheitsvorkehrungen. Er wäscht ihnen die Striemen ab, versorgt die Wunden ihrer öffentlichen Bestrafung. Sie tun ihm wohl mit ihren Worten, machen seine Seele heil und er tut ihnen wohl mit seiner Pflege.

Und wieder ist es so, wie schon zuvor bei Lydia: Dass dem Kerkermeister Heil widerfährt, hat Auswirkungen auf sein ganzes Haus. Es ist der Nahbereich, in dem das neue Leben seine ersten schönen Spuren hinterlässt – hier die Spuren der geteilten Freude. Man kann von daher sagen: Umkehr zum Glauben ist eine persönliche Sache, aber sie bleibt nie nur Privatsache. Sie hat Folgen für andere.

35 Als es aber Tag geworden war, sandten die Stadtrichter die Amtsdiener und ließen sagen: Lass diese Männer frei! 36 Und der Aufseher überbrachte Paulus diese Botschaft: Die Stadtrichter haben hergesandt, dass ihr frei sein sollt. Nun kommt heraus und geht hin in Frieden!

 Es bleibt nicht immer Nacht in Philippi. Ein neuer Tag bricht an. Und er könnte nun wirklich ein Tag der Freiheit werden. Die Stadtrichter wollen sich nicht weiter mit dem Fall beschäftigen. Warum bleibt unklar. Weil sie ahnen, dass die Faktenbasis dünn ist? Ihre Motive spielen keine Rolle, für Lukas nicht, auch nicht für den Gefängnisaufseher. Er hat gute Nachricht, Euangelion. Ihr sollt frei sein! Jetzt gilt wirklich, sozusagen amtlich: Die Tore stehen offen. Die Stadtregierung holt nach, was Gott nächtens vorbereitet hat.

 37 Paulus aber sprach zu ihnen: Sie haben uns ohne Recht und Urteil öffentlich geschlagen, die wir doch römische Bürger sind, und in das Gefängnis geworfen, und sollten uns nun heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinaus führen!

Aber mit Paulus ist das nicht zu machen. Er legt sich quer zur “dezenten Lösung”. Hier zeigt sich das Selbstbewusstsein des civis romanus, des römischen Bürgers. Er will sich nicht davon stehlen. Er will sein Recht, seine Rehabilitation. Es ist die gleiche Haltung, aus der heraus Jesus – so erzählt Johannes – in seinem Prozess fragt: „Als er so redete, schlug einer von den Knechten, die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten? Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich? (Johannes 18,22-23) Christen müssen sich nicht vor der Obrigkeit ducken und sich alles gefallen lassen. Sie dürfen und sollen aufrechte Menschen sein. Ich denke: Lukas will seinen Lesern nebenbei auch das Rückgrat stärken.

Und: Es ist ein Akt gegen die Willkür staatlicher Stellen. Es gibt, so signalisiert Lukas seinen Leserinnen und Lesern, für römische Behörden keinen rechtlichen Grund, gegen die Christen vorzugehen. Wenn sie es dennoch tun, werden sie beschämt dastehen müssen.

 38 Die Amtsdiener berichteten diese Worte den Stadtrichtern. Da fürchteten sie sich, als sie hörten, dass sie römische Bürger seien, 39 und kamen und redeten ihnen zu, führten sie heraus und baten sie, die Stadt zu verlassen. 40 Da gingen sie aus dem Gefängnis und gingen zu der Lydia. Und als sie die Brüder gesehen und sie getröstet hatten, zogen sie fort.

Genau das geschieht. Die Stadtrichter müssen sich eingestehen, dass sie falsch gehandelt haben. Sie müssen den Gefangenen, die sie so misshandelt haben, weil sie sie missachteten, nun Genugtuung widerfahren lassen. Es ist keine kleine Sache, römische Bürger auspeitschen zu lassen. So machen sie sich auf den „Bußgang“ zum Gefängnis, öffnen die Türen, reden mit ihnen, die sie zuvor nur mit Schlägen bedacht und keines Wortes gewürdigt hatten.

Aber – es kommt nicht zu so etwas wie „Versöhnung“. Sie bitten sie, die Stadt zu verlassen. Zu groß ist der Abstand, zu tief der Graben zwischen den Geschlagenen und der Obrigkeit. Nur darum geht es den Oberen der Stadt, dass man sie nicht dauernd vor Augen haben muss.

Paulus und Silas verlassen, so nach einer aufregenden Nacht rehabilitiert, nun endgültig das Gefängnis. Sie suchen Lydia auf und die Gemeinde in ihrem Haus. Dort kommt es zur befreiten Begegnung und zum wechselseitigem Trost und Ermutigung. Dann brechen sie auf und verlassen die Stadt. Aus dem Brief des Paulus an die Philipper wissen wir, dass es eine sehr freundschaftliche, ja, liebevolle Beziehung zwischen Paulus und der Gemeinde dort gibt. Sie hat für alle Zeit den Vorrang, die erste Gemeindegründung auf europäischem Boden zu sein.

Zum Weiterdenken

 σωθῶ – σωθήσῃ. Wie werde ich gerettet – so wirst du selig. Es ist auch das Problem der Übersetzungen. Im Griechischen wird das gleiche Wort verwendet. Wir dagegen differenzieren. Gerettet werden ist in unserem Sprachgebracht die Bewahrung in Gefahr. Selig werden ist irgenwie vage, religiös, weit ab vom Alltag. Die Antwort der Apostel beantwortet die Frage des Kerkermeister: gerettet, zurecht gebracht, befreit wirst du so, dass du zu dem Retter, dem gehörst. Dem σωτήρ.  Das ist im Vordergurnd die Bewahrung, aber im hintergrund ist es mehr – das Heil, das ewig ist.

Heiliger Gott, Du hast viel tausend Weisen zu retten aus dem Tod. Manchmal ist es spektakulär, manchmal völlig unauffällig. Immer geht es nur um das Eine, dass Menschen in Dir den finden, bei dem sie geborgen sind, der sie hält, der sie trägt, der in Ängsten bei ihnen ist.

Ich danke Dir, dass ich das sehen darf an den Boten des Evangeliums, ihren Mitarbeitern und an denen, die sie zum Glauben rufen und die diesen Ruf gehört haben.

Immer öffnet sich für das Leben eine neue Tür. Darauf vertraue ich auch für uns, dass wir in Dir geborgen sind, dass Du Türen öffnest, dass Du  gegen alle Todesangst neues Leben schenkst. Amen