Rückenwind für erneuten Aufbruch

Apostelgeschichte 15, 36 – 16, 5

36 Nach einigen Tagen sprach Paulus zu Barnabas: Lass uns wieder aufbrechen und nach unsern Brüdern sehen in allen Städten, in denen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie steht.

 Es hält Paulus nicht überlang in Antiochia. Ist es Sehnsucht, ist es Sorge, die ihn treibt, die Brüder zu sehen? Er spürt Verantwortung für die, die er auf den Weg des Glaubens gerufen hat. Es gehört zu den Erfahrungen der Missionare aller Zeiten, dass es gut ist, die immer wieder einmal aufzusuchen, die den Weg des Glaubens begonnen  haben.

Aus meinem eigenen Leben weiß ich, wie sehr ich durch solches Besuchen und Besucht-werden gestärkt worden bin. Ich weiß, wie mich der wiederholte Kontakt  zu Gemeinden, bei denen ich irgendwann einmal war und dort predigen und lehren durfte, ermutigt hat. So gesehen ist es nicht reine Selbstlosigkeit, die Paulus zum Aufbruch treibt. Er wird in diesen Begegnungen selbst auch gestärkt und ermutigt werden, eine Erfahrung, die er später auch als Erwartung in Worte fasst: „Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, das ist, dass ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.“(Römer 1, 11-12)

 37 Barnabas aber wollte, dass sie auch Johannes mit dem Beinamen Markus mitnähmen. 38 Paulus aber hielt es nicht für richtig, jemanden mitzunehmen, der sie in Pamphylien verlassen hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. 39 Und sie kamen scharf aneinander, sodass sie sich trennten.

 Wie oft hat sich das seitdem wiederholt. Über strittigen Personalentscheidungen können Freundschaften zerbrechen. Über Personalentscheidungen können Wege sich trennen. Barnabas will seinen Verwandten mitnehmen, Paulus ist strikt dagegen, weil er sich von Johannes Markus in Pamphylien im Stich gelassen fühlte. Es gibt keine Brücke zwischen den beiden. Sie finden nicht zueinander, deshalb bleibt nur die Trennung.

Es ist eine Trennung, um tieferen Streit zu vermeiden. Und dieses, dass sie den noch tieferen Streit vermeiden, ist ein Segen für den Fortgang der Geschichte. Wie wäre das geworden, wenn Paulus und Barnabas die andere Parole ausgegeben hätten: Hier Paulus, hier Barnabas. Das liegt ja nicht so ferne. In Korinth wird es so zugehen: „Denn wenn der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos -, ist das nicht nach Menschenweise geredet?“ (1. Korinther 3,4) Diesem Zerreißen der Gemeinde beugen die beiden mit ihrer, menschlich sicherlich schmerzenden Trennung vor.

Wie wichtig ist das, dass Lukas diese Episode nicht überspringt. Es gibt ein heimliches Dogma: Streit sollte es unter Christen, unter gläubigen Menschen nicht geben. Das kann doch nicht sein, auf dem gemeinsamen Grund des Glaubens, dass man so weit in den eigenen Einsichten und Ansichten auseinander liegt, dass nur noch die Trennung bleibt.

Barnabas nahm Markus mit sich und fuhr nach Zypern.

 Mit diesem kurzen Satz verschwindet Barnabas aus der Erzählung der Apostelgeschichte. Er hat als Weggefährte Paulus in seinen Anfangsschritten geleitet. Jetzt geht er ohne Paulus seinen Weg weiter und Paulus ohne ihn.

 40 Paulus aber wählte Silas und zog fort, von den Brüdern der Gnade Gottes befohlen. 41 Er zog aber durch Syrien und Zilizien und stärkte die Gemeinden.

Es ist ja auch Platz genug, dort im Mittelmeer-Raum. Ein bisschen erinnert das an Abraham und Lot, die die Weidedegründe unter sich aufteilen. Barnabas fährt nach Zypern und Paulus sucht die Gemeinden wieder auf, die er zuvor mit Barnabas begründet hatte. Darf ich vermuten: Er weicht der unangenehmen Frage: Warum ist Barnabas nicht mehr bei dir? nicht aus. Wie er sie beantwortet, ist offen.

 1 Er kam auch nach Derbe und Lystra; und siehe, dort war ein Jünger mit Namen Timotheus, der Sohn einer jüdischen Frau, die gläubig war, und eines griechischen Vaters. 2 Der hatte einen guten Ruf bei den Brüdern in Lystra und Ikonion. 3 Diesen wollte Paulus mit sich ziehen lassen und er nahm ihn und beschnitt ihn wegen der Juden, die in jener Gegend waren; denn sie wussten alle, dass sein Vater ein Grieche war.

 Wieder kommt er nach Derbe und Lystra. Die Erinnerungen an den ersten, den so schwierigen Anfang halten ihn nicht auf. Dort findet er einen neuen Mitarbeiter, Timotheus, Sohn aus einer „Mischehe“. Jetzt wird es erstaunlich. Ausgerechnet Paulus, Kämpfer für eine gesetzesfreie Mission unter den Heiden, beschneidet den Timotheus. Ob er das eigenhändig gemacht hat? Ob er es hat machen lassen? Jedenfalls: Er will ein Hindernis wegräumen, das es ihm schwer machen würde, den Zugang zu den jüdischen Synagogen zu gewinnen. So weit kommt Paulus seinen potentiellen Zuhörern entgegen.

Es ist, als würde ein Verdacht ausgeräumt: Die Arbeitsgemeinschaft Paulus-Barnabas ist an der Unfähigkeit des Paulus gescheitert, Kompromisse zu finden. Die Beschneidung des Timotheus aber lässt uns einen Paulus erblicken, der nicht der Sturkopf ist, der nur den eigenen Willen und die eigenen Einsichten gelten lässt. Der zu Zugeständnissen bereit ist, sogar in einer Frage, die er eigentlich am liebsten anders entscheiden würde.

Hier ist der Paulus am Werk, der sagen kann: „Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.“ (1. Korinther 9, 22) Man nimmt das gelegentlich als Hinweis auf die Wandelbarkeit des Paulus – einer wie ein Chamäleon -, auch auf Inkonsequenz. In Wahrheit ist es die Konsequenz seines Lebens: Alles ordnet er dem einen Ziel unter: einige zu retten, Menschen für den Glauben an Jesus zu gewinnen.

Das ist sein Leben, das konsequent bis zum Äußersten auf andere hin gelebt wird und sich selbst und die eigene Identität so wichtig nicht nimmt. Die ist ihm ja in der Bindung an Jesus geklärt.

4 Als sie aber durch die Städte zogen, übergaben sie ihnen die Beschlüsse, die von den Aposteln und Ältesten in Jerusalem gefasst worden waren, damit sie sich daran hielten. 5 Da wurden die Gemeinden im Glauben gefestigt und nahmen täglich zu an Zahl.

 Das Bild vom großen Einzelgänger Paulus wird hier überaus behutsam korrigiert. Er bringt nicht nur seine Botschaft. Er bringt auch die Beschlüsse mit, die in Jerusalem gefasst worden waren.  Das zeigt Paulus als einen, der sich der Gemeinde und ihren Entscheidungen unterwirft und eben nicht nur nach eigenem Gutdünken verfährt.  Es kann kein Zweifel sein – Paulus wäre in Jerusalem mit der Freiheit gerne weiter gegangen. Aber er hält den Zusammenhang fest zur judenchristlich geprägten Gemeinde, den Ältesten und Aposteln.

Diese Korrektur eines Paulusbildes, das ihn als einsamen Missionar, völlig losgelöst von Jerusalem zeigt, scheint mir auch ein Anliegen der Erzählung des Lukas zu sein. Paulus ist nicht der evangelische Pastor, der sich tapfer gegen seine Kirche und seine Kirchenleitung stellt, mit der Maßgabe: Ich und der Heilige Geist, wir zwei sind uns einig.

 Auf dem Weg des Paulus wachsen Gemeinden nach innen und nach außen, wird Glauben vertieft und neue Menschen kommen dazu. Ob es eine innere Verbindung gibt zwischen der Solidarität des Paulus mit Jerusalem und dieser Stärkung des Glaubens und der wachsenden Zahl der Jünger? Das würde einer heute gerade in sehr erwecklichen Kreisen gerne vertretene These widersprechen, dass die Solidarität mit der Kirche die missionarische Kraft nimmt, und nur dort wirklich missionarische Fortschritte zu erzielen sind, wo man sich löst, neue Gemeinden gründet, neue Wege geht, den Mief aus tausend Jahren abschüttelt.

Zum Weiterdenken

 Ich erlebe es in der Zeitung mit: Eine ganze Stadt ist im Aufruhr, eine Kirchengemeinde innerlich außer Rand und Band, weil zwei Pfarrpersonen nicht miteinander zurecht gekommen sind und die eine von ihnen dann gegangen ist. Es hat geklemmt, menschlich, in den Fragen der Ausrichtung der Arbeit. Hat es an Kompromiss-Fähigkeit und Bereitschaft gefehlt? Gar am gegenseitigen Respekt oder der geschwisterlichen Liebe? Oder muss man einfach konstatieren und hinnehmen: Es ging nicht. Es geht nicht immer, nur weil Christen doch Christen sind, den gemeinsamen Christus bekennen. Die Trennung von Barnabas und Paulus entlarvt eine Illusion als Illusion. Auch Christen, geistliche Menschen können nicht immer alles so lösen, dass kein Streit trennen kann. Manchmal geht es nicht gemeinsam weiter.

 

Herr Jesus, ich fürchte mich vor Konflikten. Ich weiche dem Streit gerne aus, solange es nur geht. Vielleicht liegt an diesem langen Ausweichen, dass dann der Streit manchmal unerquicklich wird. Vielleicht wäre es gut, rechtzeitig den Konflikt auszutragen, um Schlimmerem zu wehren.  

Deine Gemeinde hat viel Streit hinter sich gebracht. Mancher war schädlich. Anderer hat der Wahrheit ans Licht geholfen und war unvermeidlich, damit das Evangelium nicht verschwiegen wird.

Gib Du, dass wir die Zeit des Streitens nicht versäumen, aber auch nicht die Zeit, Frieden zu stiften. Hilf Du uns, in allem Streit und in allem Frieden, in aller Verschiedenheit und aller Einigkeit fest zu halten an Dir und uns von Dir festhalten zu lassen. Amen