Eine folgenreiche Gemeindeversammlung

Apostelgeschichte 15, 13 – 35

 13 Danach, als sie schwiegen, antwortete Jakobus und sprach:

Jetzt nimmt, in das Schweigen hinein, eine zweite Autorität das Wort. Jakobus ist der Herrenbruder, von dem der Beinamen „der Gerechte“ überliefert ist. Er ist eine Autorität, nicht nur durch die Verwandtschaft mit Jesus, sondern durch den eigenen Lebenswandel.

 Ihr Männer, liebe Brüder, hört mir zu! 14 Simon hat erzählt, wie Gott zum ersten Mal die Heiden gnädig heimgesucht hat, um aus ihnen ein Volk für seinen Namen zu gewinnen. 15 Und dazu stimmen die Worte der Propheten, wie geschrieben steht (Amos 9,11-12): 16 »Danach will ich mich wieder zu ihnen wenden und will die zerfallene Hütte Davids wieder bauen, und ihre Trümmer will ich wieder aufbauen und will sie aufrichten, 17 damit die Menschen, die übrig geblieben sind, nach dem Herrn fragen, dazu alle Heiden, über die mein Name genannt ist, spricht der Herr, 18 der tut, was von alters her bekannt ist.«

 Jakobus tritt einen Schriftbeweis an. Gott selbst will nicht nur Israel wieder herstellen, sondern er will – so hat er es durch seinen Propheten Amos angesagt – auch die Heiden dazu tun. Das wird zu einem neuen Fragen nach Gott führen. Und alle, die dazu kommen aus den Heiden, kommen ja nicht aus eigener Wahl oder der Wahl durch die Missionare, sie kommen als die, über die mein Name genannt ist, spricht der Herr. Es ist der erwählende Herr, der vor Zeiten Israel erwählt hat und der, gleichfalls vor Zeiten, schon beschlossen hat, die Heiden hinzuzurufen. Mit den Worten der Propheten wird deutlich: Das Hinzukommen der Heiden zur Gemeinde ist nicht irgendwie dazwischen geraten, eine Planänderung in dem Weg Gottes. Es ist von alter Zeit her so im Plan Gottes, dass sein Heils-Volk Israel geöffnet wird hin zu den Völkern, damit sie dazu kommen, zum Heil, das im Wiederaufbau und der Erweiterung der zerfallene Hütte Davids besteht.

Man hat oft gesagt: Israel kennt keine Mission. Das ist wohl wahr. Aber es finden sich in den Propheten Bilder von der Völkerwallfahrt zum Zion, die es nahe legen, eine Exklusivität des Heils nur für Israel für ein zu enges Bild zu halten. Gott will von Anfang an mehr als nur sein Volk, ein Volk unter den Völkern. Dafür spricht schon ganz früh das Segenswort über Abraham: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3) Da ist in der Erwählung des Einen schon die Menschheit im Blick. Wenn man so will: Eine frühe Form der Globalisierung, allerdings sanfter, als sie sich heute ereignet – und mit völlig anderen Zielen

Lukas hat, soweit ich das sehen kann, keinen Fahrplan für die letzten Tage, auch keinen Zeitplan. Er kommt in der Apostelgeschichte ganz gut ohne apokalyptische Bilder aus. Er rechnet nicht mit einem jähen Ende und wohl auch nicht mit der Wiederkunft des Herrn „übermorgen“. Aber er beschreibt, wie die Verheißungen von alters her sich erfüllen und so durch das Handeln Gottes die Zeit, in der die Gemeinde jetzt lebt, als die letzten Tage qualifiziert wird. Gott ist sich in seinem Handeln treu.

19 Darum meine ich, dass man denen von den Heiden, die sich zu Gott bekehren, nicht Unruhe mache, 20 sondern ihnen vorschreibe, dass sie sich enthalten sollen von Befleckung durch Götzen und von Unzucht und vom Erstickten und vom Blut.

 Jetzt kommt ein Vorschlag, der sichtlich auf den Alltag zielt. Keine hohen Hürden, die nicht zu überwinden sind für Heiden, die zum Glauben kommen. Sondern Lebenspraxis, die dennoch deutlich macht, dass etwas Neues in das Leben gekommen ist. Es geht um das Vermeiden von Götzenopferfleisch. Das ist viel, verlangt es doch praktisch einen weitreichenden Fleischverzicht, denn das Fleisch auf dem Markt kommt fast ausschließlich aus Tempeln. Der letzte Punkt ist der Verzicht auf nicht durch Schächtung ordentlich geschlachtetes Fleisch. Bei Unzucht, πορνείας, geht es nur um den Verzicht auf den gesellschaftlich damals kaum diskriminierten Gang der Männer zur Hure. Für Zeitgenossen heute sind Vorgaben und Regelungen im Bereich der Sexualität nur noch schwer vorstellbar. Das geht keinen etwas an.

Alle Forderungen reichen weit in die alltägliche Lebensgestaltung hinein. Mehr Forderungen gibt es aber nicht und so gilt: Freiheit wird möglich. Es erleichtert auch den Übertritt von Heiden zu dieser doch ursprünglich jüdisch geprägten Gemeinschaft. Das Ziel ist, durch diese Konzessionen der Judenchristen die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen möglich zu machen.

21 Denn Mose hat von alten Zeiten her in allen Städten solche, die ihn predigen, und wird alle Sabbattage in den Synagogen gelesen.

 Das ist, auf den ersten Blick, eine etwas rätselhafte Begründung. Aber sie ist logisch. Weil es überall Synagogen gibt, wird es wohl auch überall die immer gleichen Anfragen geben wegen der Tischgemeinschaft zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Darum ist die Regelung, die jetzt auf dem Tisch ist, nicht nur eine Regelung für Jerusalem und Antiochia, sondern für die ganze wachsende Gemeinde. So würde dieser Vorschlag dazu dienen, dass der Streit, der jetzt in Jerusalem mit diesen Konzessionen beigelegt erscheint, auch in den anderen Städten nicht mehr ausgefochten werden muss.

 22 Und die Apostel und Ältesten beschlossen samt der ganzen Gemeinde, aus ihrer Mitte Männer auszuwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Beinamen Barsabbas und Silas, angesehene Männer unter den Brüdern. 23 Und sie gaben ein Schreiben in ihre Hand, also lautend:

 Es kommt zu einem Gemeindebeschluss, dem offensichtlich alle zustimmen. Sorgfältig werden alle Beteiligten noch einmal genannt: die Apostel und Ältesten samt der ganzen Gemeinde. Es werden Männer ausgewählt, die das Vertrauen der Gemeinde haben, und zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia geschickt. Silas und der „Sabbatsohn“ Judas sind angesehene Leute. Das wird hervorgehoben, weil es die Bedeutung ihrer Gesandtschaft unterstreicht. Sie sollen die Gemeinde dort über die Verabredungen unterrichten. Um das gesprochene Wort zu unterstreichen, wird ihnen ein Brief mit gegeben.

 Wir, die Apostel und Ältesten, eure Brüder, wünschen Heil den Brüdern aus den Heiden in Antiochia und Syrien und Zilizien. 24 Weil wir gehört haben, dass einige von den Unsern, denen wir doch nichts befohlen hatten, euch mit Lehren irregemacht und eure Seelen verwirrt haben, 25 so haben wir, einmütig versammelt, beschlossen, Männer auszuwählen und zu euch zu senden mit unsern geliebten Brüdern Barnabas und Paulus, 26 Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. 27 So haben wir Judas und Silas gesandt, die euch mündlich dasselbe mitteilen werden. 28 Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: 29 dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht.

 Der Brief folgt der üblichen Form eines Briefes dieser Zeit. Als Absender werden die Apostel und Ältesten genannt, die sich mit der Formel eure Brüder zu den Empfängern des Briefes bekennen. Wir gehören zusammen. Was wie eine Formel klingt, ist doch inhaltlich weitreichend. Da ist kein Unterschied mehr zwischen Judenchristen in Jerusalem und Heidenchristen in Antiochia. Die Boten, die den Brief überbringen werden ausdrücklich gewürdigt: Es sind Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. Darin stehen sie Paulus und Barnabas nicht nach. Es unterstreicht die Bedeutung der Botschaft, dass sie solchen Leuten anvertraut ist.

Es folgt eine Art Entschuldigung für die ganze Aufregung. Da sind Leute aus Jerusalem, einige von den Unsern, über das Ziel hinaus geschossen. Es ist ein harter Vorwurf, der gegen sie erhoben wird: Sie haben euch mit Lehren irre gemacht und eure Seelen verwirrt. Das sollen Christen einander nicht antun, dass sie sich gegenseitig irre machen und aburteilen. Das bleibt ein großes Thema, auch später für Paulus.

Der Beschluss wird eher knapp vorgestellt, mit der Einleitung: Es gefällt dem Heiligen Geist und uns. So können amtliche Schreiben auch klingen. So klingt jedenfalls der erste „amtliche Brief“ der Kirchenleitung in Jerusalem. Was als Beschluss zustande gekommen ist, verdankt sich nicht irgendeiner zufälligen Mehrheit. Es ist aus dem Geist entstanden und spiegelt den Geist wieder. Keine unnötigen Lasten. Minimalia. Nur Notwendigkeiten.

Merkwürdig, welche Veränderung sich in Übersetzungen ergeben können: „Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns“ (Luther 2017) – „Der Heilige Geist selbst und ´unter seiner Führung` auch wir haben nämlich beschlossen“ (Neue Genfer Übersetzung) – „Geleitet durch den Heiligen Geist kamen wir zu dem Entschluss“ (Hoffnung für alle) Gemeinsam ist bei aller Verschiedenheit der Übersetzungen das Zusammenspiel – Geist – Gemeinde.

 Wenn ihr euch davor bewahrt, tut ihr recht. Lebt wohl!

Dieser Schlusssatz klingt wie ein Segen. So ist er wohl tatsächlich auch gemeint. Macht es gut! heißt das heutzutage.

Wenn man so will: dieser Brief ist die Abschluss-Erklärung des Apostelkonzils. In mühsamer Diskussion errungen, weil alle versucht haben, nicht die eigenen Interessen und Traditionen zu wahren, sondern Anschluss zu gewinnen an das, was sich  als Weg Gottes erahnen lässt. Der Weg des Evangeliums zu den Völkern wird so frei. Die Folge ist geschichtlich weitreichend bis heute: “Judenchristen” werden in der Christenheit zur Minderheit, die Mehrheit werden die Christen aus den Völkern. Schmerzhaft an diesem Prozess ist, dass er in unseren Tagen zu einer völligen Marginalisierung der Christen aus den Juden – wir nennen sie gerne “messianische Juden”, die an Jesus als den Messias Israels glauben – führt.

30 Als man sie hatte gehen lassen, kamen sie nach Antiochia und versammelten die Gemeinde und übergaben den Brief. 31 Als sie ihn lasen, wurden sie über den Zuspruch froh. 32 Judas aber und Silas, die selbst Propheten waren, ermahnten die Brüder mit vielen Reden und stärkten sie.

 Mit dieser Botschaft kommt die Gesandtschaft nach Antiochia. Dort wird eine Gemeindeversammlung einberufen und der Brief übergeben und vorgelesen. Er kommt „gut“ an, als Zuspruch, als Trost, als Ermutigung. Das alles steckt im griechischen Wort παρακλήσις. Zur schriftlichen Ermutigung kommt die Ermutigung durch Judas und Silas hinzu. Wie schön, dass ein „amtlicher Brief“ durch seinen Inhalt und durch seine Überbringer ein Beitrag zur Freude und zur Glaubensstärkung wird! Wie nebenbei: es gibt in den ersten Gemeinden der Christen Propheten. Menschen mit einem von Gott geschenkten Durchblick durch die Zeit und in die Zukunft. Die geistgeleitet und abhängig von den Einsichten, die ihnen zukommen, den Weg der Gemeinde nach vorne begleiten und manchmal auch lenken können.

33-34 Und als sie eine Zeit lang dort verweilt hatten, ließen die Brüder sie mit Frieden gehen zu denen, die sie gesandt hatten. 35 Paulus und Barnabas aber blieben in Antiochia, lehrten und predigten mit vielen andern das Wort des Herrn.

 Die Boten werden nach einiger Zeit mit Frieden, heißt wohl mit einem Segenszuspruch, nach Jerusalem zurück entlassen. Das darf man sich sicherlich als feierlichen Akt in einem Gottesdienst vorstellen.

Manche Lesarten der Apostelgeschichte wissen, dass nicht alle zurückkehren: „Es schien aber Silas gut, dort zu bleiben. Allein Judas kehrte nach Jerusalem zurück.“ Silas wird ja zum Reisegefährten und treuen Mitarbeiter des Paulus werden. Bis es aber so weit ist, sind Paulus und Barnabas, was sie schon zuvor waren: Lehrer und Prediger des Wortes in Antiochia.

Zum Weiterdenken

Die Überzeugung hinter dem Brief: Regeln, auch auf einem niedrigen Niveau, gehören zum Glauben. Glaube geht nicht ohne Absagen, die ihn womöglich enger erscheinen lassen als die umgebende Gesellschaft ist. Das ist damals und ist heute eine Herausforderung. Wenn der Glaube doch in die Weite führen soll – wozu braucht es dann Regeln, gar Verbote?  Hier drohen Konflikte angesichts der Forderungen, wie glauben heute gelebt werden soll. Alle Äußerungen des Glaubens, wenn er denn nicht ohnehin besser rein innerlich bleiben sollte, sollen kompatibel, verträglich sein mit dem Wertesystem der liberalen Gesellschaft. Hier gibt es im Bereich der Sexualität keine Regeln, Verbote, Gebote außer denen, die man/frau sich selbst möglicherweise vorübergehend zumutet.    

Der Beschluss des Apostelkonzils wird in Gang gesetzt, weil zwei von den Christen aus den Juden, Petrus und Jakobus das aktuelle Wirken des Geistes höher achten als die eigene Lebenstradition, weil sie aus der eigenen Erfahrung – Petrus – und aus der Kenntnis der Schrift- Jakobus – nur dies eine sehen können: Gott hat diesen Weg frei gegeben, weil er ihn schon immer gewollt hat. Ohne diese Entscheidung damals in Jerusalem, ohne die Abschluss-Erklärung gäbe es in “Germanien” keine Kirchen. Nicht als Gebäude und nicht als Gemeinschaft.

Mich beschäftigt ein Gedanke. In Jerusalem damals ist die Alternative: In den Grenzen der ehrwürdigen Tradition, der biblisch verbrieften Rechtgläubigkeit bleiben und damit die Heiden draußen vorlassen oder sich über die Grenzen wagen, damit mit der bewährten Tradition brechen und die Einheit mit den Heiden gewinnen. Lukas ist überzeugt: Gott hat diese Frage vorentschieden im „Pfingsten der Heiden“ (Kapitel 10) und in der offenen Tür für den Glauben bei der Reise des Barnabas und Paulus. Die Gemeinde und die Apostel mussten nur noch nachkommen, nachfolgen. Der eigentliche Grenzgänger aber ist Gott selbst. Für ihn gibt es in seiner Liebe keine Grenze!

Heute steht die Kirche wieder vor der Frage nach der Tischgemeinschaft – diesmal zwischen römisch-katholischen Christen und Protestanten. Und die Frage heißt wie damals: Werden die Grenzen hochgezogen, dicht gemacht, weil es ehrwürdige Traditionen gibt oder lassen  wir uns über die Grenze führen? Christus selbst ist doch der Gastgeber auf beiden Seiten. Sollte es da nicht möglich sein, auch gemeinsam am Tisch des Herrn zu feiern. Es könnte sein, dass ein Weg dorthin leichter zu finden ist, wenn das Volk, die Ekklesia, mitreden dürfte und nicht nur die Hüter der Tradition das Wort hätten.

 

Herr Jesus, darüber denken wir nicht mehr nach, dass unsere Freiheit nicht immer selbstverständlich war. Darüber denken wir nicht mehr nach, dass zur Religion oft strenge Regelwerke gehört haben. Wir essen, was wir wollen, trinken was und wie wir wollen, setzen uns an einen Tisch, ohne groß zu überlegen.

Erst wenn wir an jemand geraten, der sagt: Das esse ich nicht, das trinke ich nicht – und es mit seinem Glauben begründet, fällt es uns wieder auf:Wir leben in einer Freiheit, die andere für uns erworben haben, auch in Formen und Regeln des Glaubens.

Ich danke Dir für diese Freiheit und ich bitte Dich, dass ich sie so lebe, dass sie nicht anderen zur Verwirrung und zum Ärgernis wird. Amen

               

Ein Gedanke zu „Eine folgenreiche Gemeindeversammlung“

  1. Den sogenannten Messianischen Juden ist es nicht erlaubt, auf dem Kirchentag einen Stand zu haben. Mich macht das fassungslos, wie eine solche Marginalisierung möglich ist, wo Religionsfreiheit auch auf dem Kirchentag hochgelobt wird. Unser Herr Jesus Christus war Jude und von den Juden haben wir das Evangelium gebracht bekommen.

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