Gemeindelage – Freude und Zorn

Apostelgeschichte 13, 44 – 52

44 Am folgenden Sabbat aber kam fast die ganze Stadt zusammen, das Wort Gottes zu hören. 45 Als aber die Juden die Menge sahen, wurden sie neidisch und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten.

Was zwischen den Sabbaten geschieht, zeigt Wirkung. Fast die ganze Stadt  ist vor Ort – Erfolg der intensiven Begegnungen auch im Alltag. Sie wollen das Wort Gottes hören – was ist damit inhaltlich gemeint? Das Zeugnis von Jesus als der Erfüllung der Verheißungen? Das Zeugnis von ihm als der Gestalt gewordenen Gnade Gottes? Das Zeugnis von dem Leben, das kein Tod mehr zerstören kann?

Vor allem: Wer kommt da in der Synagoge zusammen. Erst einmal natürlicherweise die Juden. Aber dann ja auch die Menge. χλος – die heidnische Bewohnerschaft der Stadt. Es ist nicht das jüdische Volk, sondern nur ein großer Haufen.

Dass die beiden Prediger Menschen, so viele erreichen, ruft Neid und Widerstand hervor. Es ist selten im Umfeld der Religionen, des Glaubens, dass Neid als Motiv so eindeutig benannt wird. Aber es ist wohl die Wirkung der Verkündigung – sie weckt Glauben und sie bringt auch den Widerstand ans Licht. Gleichgültigkeit hat hier keinen Platz.

 Es ist ein starkes Wort: sie lästerten. βλασφημοντες. Unser Wort Blasphemie hat hier seinen Ursprung. Juden hätten nicht vom Lästern gesprochen. Sie hätten sich darauf berufen, dass sie den Glauben der Väter vertreten. Dass sie daran festhalten, dass einer, der am Holz endet, von Gott verworfen ist. Es ist das Urteil aus der Sicht des Christen Lukas, das den Widerspruch der Juden als Lästerung bewertet.

 46 Paulus und Barnabas aber sprachen frei und offen: Euch musste das Wort Gottes zuerst gesagt werden; da ihr es aber von euch stoßt und haltet euch selbst nicht für würdig des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden. 47 Denn so hat uns der Herr geboten (Jesaja 49,6): »Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, damit du das Heil seist bis an die Enden der Erde.«

Es gibt kein Zögern und keine Zugeständnisse bei Paulus und Barnabas. Sie reden niemandem nach dem Mund. Sie haben keine Angst vor dem Widerspruch. Es gibt eine Reihenfolge, an die sich die Boten halten: Euch, den Juden zuerst – ihr seid die, die Gott zuerst ruft. Aber eben nicht: ausschließlich ihr.

Über die erzählte Zeit hinaus: die beiden Apostel lassen sich nicht in Gefangenschaft nehmen durch die erste Hörerschaft, durch den Kern der Synagogengemeinde. Sie wollen die beiden Fremden zwar hören, aber die sollen sagen, was in dieser Synagoge immer schon gesagt worden ist – dass die Treue gegen das Gesetz der Weg zum Leben ist. Dass die Zugehörigkeit zu Israel der Weg zum Heil ist.

Es ist der Anspruch von Kerngemeinden, nicht nur von jüdischen Gruppen, auch heute, dass sie mit einer Sprache angesprochen werden, die sie gewöhnt sind. Dass die Lieder gesungen werden, die sie in jungen Jahren gelernt haben. Dass geachtet wird, was ihnen heilig ist, was sie über ihr Leben hin geprägt hat. Wer das alles missachtet, wird sich oft einen heftigen „heiligen“ Zorn zuziehen. So mancher Konflikt und Streit in christlichen Gemeinden ist ein Abbild dieses Konfliktes in Antiochia in Pisidien.

Die Ablehnung durch die Juden öffnet den Weg zu den Heiden. Es ist der Weg, den schon das Gleichnis Jesu zeigt. „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“(Lukas 14, 23) Wenn die, die zuerst gerufen worden sind, der Einladung nicht folgen, dann wird nicht die Einladung zurück genommen, sondern sie wird ausgeweitet. Die dann kommen, sind aber nicht nur 2. Wahl. Das ist auf der Linie dessen, was Paulus im Römerbrief schreibt, wo er wiederholt diese Formel verwendet: „die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ Römer 1, 16; 2,9 + 10)

Begründet wird dieser Schritt auch mit dem prophetischen Wort an den Gottesknecht. Es ist Gottes Art schon von den Anfängen her, dass er alle will, auch die Heiden. θνη. Die Ethnien. Das ist für das Selbstverständnis der Gemeinde wichtig. Sie geht mit dem Weg hin zu den Heiden nicht einen eigenen, selbst erdachten Weg – sie geht den Weg, den Gott schon lange gewiesen hat.

 48 Als das die Heiden hörten, wurden sie froh und priesen das Wort des Herrn, und alle wurden gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren. 49 Und das Wort des Herrn breitete sich aus in der ganzen Gegend.

 Es ist ein gesegneter Weg. Die Worte fallen auf fruchtbaren Boden. Sie finden Widerhall in den Herzen und im Leben. Die zum Glauben finden, loben das Wort des Herrn und mit dem Lob des Wortes loben sie den Herrn selbst. Auch hier wieder hält Lukas fest: Dass Menschen zum Glauben finden, ist nicht zuerst das Werk, der Erfolg der Verkündiger. Darin wird sichtbar, was Gott tut. Er hat sie zum ewigen Leben bestimmt. Auch die Ausbreitung des Wortes ist wohl so zu verstehen, dass der Herr selbst am Werk ist. Es entsteht eine Gemeinde.

50 Aber die Juden hetzten die gottesfürchtigen vornehmen Frauen und die angesehensten Männer der Stadt auf und stifteten eine Verfolgung an gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet. 51 Sie aber schüttelten den Staub von ihren Füßen zum Zeugnis gegen sie und kamen nach Ikonion.

 So hält Lukas auch, neben der Freude der Heiden, dies fest: Es gibt Widerspruch gegen die Botschaft und die Boten. Heftig und hitzig. Das macht den Widerspruch so ernst, dass er ja nicht nur ein Widerspruch gegen Paulus und Barnabas ist. Es ist Widerstand gegen den Weg Gottes. Darum auch wird der Widerspruch der Juden als aufhetzen beschrieben. Es gelingt den Juden, Leute aus der Oberschicht der Stadt, gottesfürchtige, vornehme Frauen und die angesehensten Männer gegen die Ortsfremden auf zu hetzen. Werden da Gefühle wie latente Fremdenangst in Gang gesetzt?

Auffällig im ganzen Abschnitt, ist, wie von den Juden die Rede ist. Auch wenn es sich aus der Situation heraus erklären lässt: hier ist schon viel Abstand zu spüren. Wie anders hat das im Anfang der Apostelgeschichte geklungen, als davon die Rede ist, dass die Gemeinde Gnade beim ganzen Volk (2,47) gefunden hat. Hier spürt man die wachsende Distanz einer Gemeinde, die ihren eigenen Weg geht.

Aber was sind die Argumente für den Widerstand, für die veränderte Haltung? Reicht es, auf den Neid zu verweisen? Weil die Kollektengelder in der Synagoge fehlen könnten? Dann ginge es also um den schnöden Mammon. Ist das wirklich so schlicht oder ist das womöglich doch ein Argument, dem die Basis fehlt?

Wir erfahren aus dem Text des Lukas jedenfalls nicht wirklich genau und im Detail, was hinter dem Neid steht – ob eine andere Theologie, die Angst um das Geld, die Sorge, vom Erfolg der neuen Missionare abgehängt zu werden? Es werden Ressentiments geschürt, aber sie werden nicht benannt. Auch die Weise der Verfolgung bleibt im Dunkeln. Wichtiger scheint Lukas, das Verhalten der Jünger zu zeigen. „Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zu einem Zeugnis gegen sie“ (Lukas 9,5) Das gilt für die Jünger Jesu bei ihrer Sendung in Israel. Es gilt auch hier. Man muss nicht tauben Ohren und harten Herzen predigen.

 52 Die Jünger aber wurden erfüllt von Freude und Heiligem Geist.

Obwohl dieser Aufenthalt nach dem guten Anfang so endet, müssen die beiden Boten des Evangeliums nicht betrübt von dannen schleichen. Da ist Gemeinde geworden. Und beide Gruppen, die wandernden Boten und die neue Gemeinde, sind in Gott geborgen, vom Geist erfüllt. Nicht der Ärger, nicht der Zorn, die Freude bestimmt ihren Weg.

Zum Weiterdenken 

Vielleicht spielt auch das eine Rolle, dass sie gewürdigt sind, den Weg Jesu nachzugehen. Der Widerspruch gegen sie ist Erleben, das sie in die Schicksalsgemeinschaft mit ihrem Herrn stellt. „Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch.“ (1. Petrus 4,14) So zu denken, ist uns heute fremd. Aber für die Zeit des Anfangs, die an vielen Orten eine Zeit der Bedrängnis ist, zeigt sich das als eine Hilfe, den Glauben mutig und fröhlich zu leben, aller feindseligen (was für ein seltsames Wort ist das: feind-selig(!) Erfahrung zum Trotz.

Herr Jesus, wenn nur Dein Wort verkündigt wird, wenn nur Deine Gnade Menschen zugesagt wird. Wenn sie es nur hören können, dass Du Leben für sie hast, Leben in Fülle. Dafür nehmen Deine Boten in Kauf, dass sie Widerspruch ernten. So leicht geht das nicht. Das sind doch nur Worte. Woher wollt ihr das wissen.

Widerspruch gegen das Wort von der Gnade ist keine Erfindung unserer Zeit. Es gibt ihn schon immer, von Anfang an. Und doch haben wir nichts anderes zu sagen als diesen Ruf zur Gnade, zum Erbarmen, zur grundlosen Liebe. Amen

2 Gedanken zu „Gemeindelage – Freude und Zorn“

    1. Ich kann Dir diese Frage nicht objektiv beantworten. Schon gar nicht für irgend jemand anderen. Der Satz in der Apostelgeschichte istein staunendes Wie schön. Wir alle, wirklich alle sind Kandidaten des ewigen Lebens. Weil Gott alle will. Ob aus den Kandidaten dann auch Beisassen werden, wird sich am Ende zeigen. Es ist nicht unser Job, diesen Heilszustand für andere vorweg zu beurteilen. Wir dürfen aber jeden Tag hoffnungsvoll bitten: Herr, bringe uns ans Ziel.

Kommentare sind geschlossen.