Gegenwind – Rückenwind

Apostelgeschichte 12, 1 – 25

 1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. 2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

 Die Zeit der relativen Ruhe in Jerusalem ist vorbei. Herodes Agrippa I. wird aktiv. Er ist eine schillernde Gestalt. Kein Herrscher wie aus dem Lehrbuch. Er greift die Gemeinde an, greift nach Leuten aus der Gemeinde. Wenn man nach dem Grund fragt: Es geht ihm um seine Macht, für die er die „Konservativen“ braucht. So lässt er Jakobus, den Bruder des Johannes, einen der Zebedäus-Söhne mit dem Schwert hinrichten. Der Wille zur Macht ist oft, zu oft, völlig skrupel-frei.    

 3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

Weil diese Hinrichtung gut ankommt, setzt Herodes den eingeschlagenen Weg fort. So leicht, sagt Lukas damit, kann man Opfer werden. Es genügt, dass ein Herrscher sich von seiner Härte und dem Durchgreifen gegen Außenseiter – das waren Petrus und seine Leute – gute öffentliche Meinung verspricht. So war es auch bei Pilatus, der sich zur Hinrichtung Jesu nicht zuletzt durch die Hoffnung auf gute Stimmung im Volk erpressen ließ. Wie viele Nachfolger hat Herodes mit dieser Motivation gefunden: Wenn es nur gut wirkt….  So wird auch Petrus gefangen genommen, in den Tagen der Ungesäuerten Brote, also der Zeit um das Passah-Fest. Soll sich an Petrus wiederholen, was an Jesus in der Zeit des Passahs geschah?                                                           

 4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen.

Petrus wird im Gefängnis streng bewacht. Er ist einigermaßen „prominent“ als Kopf der Gemeinde in Jerusalem. Die Notiz von dieser strengen Bewachung, die an Hochsicherheitstrakte unserer Tage gemahnt, erinnert zugleich an die Bewachung des toten Jesus. (Matthäus 27, 62 – 66) Da wird ein Toter streng bewacht. Hier einer, der im Gefängnis sicher verschlossen ist.  Dieser Gefangene soll ihm nicht abhanden kommen. Die Peinlichkeit früherer vergeblicher Inhaftierungen –  (5, 17 – 20) – ist wohl noch in Erinnerung.

  5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.

 „Jetzt hilft nur noch beten.“ Was in unserer Zeit häufig Ausdruck letzter Verzweiflung ist, das ist hier Ausdruck der lebendigen Hoffnung. Die Gemeinde steht für den gefangenen Bruder vor Gott ein. Sie nimmt Gott in Beschlag für ihn. Betet sie um seine Befreiung? Betet sie um Freiheit von der Furcht vor dem Tod? Betet sie um Freimut in den zu erwartenden Verhören? Das alles bleibt offen. Sie beten – das reicht. Und erwarten, dass Gott ihr Beten hört und beantwortet.

6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. 7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. 8 Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! 9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. 10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel.

Wie lange die Haft dauert, wird nicht klar. Aber in der Nacht vor dem öffentlichen Prozess, „als schon niemand mehr eine Wende erwarten mag, greift Gott ein“(J. Roloff, aaO. S.188) Was Befreiungen angeht ist Gottes Engel ein Wiederholungstäter. Auch schwer bewaffnete Wachen sind für ihn kein Hindernis. Er kommt ins Dunkel des Gefängnisses. Licht leuchtete auf in dem Raum. Es ist wie in Bethlehem auf den Hirtenfeld: Wo Gottes Engel auftreten, kommt Licht ins Dunkel. Petrus weiß nicht, wie ihm geschieht, zumal der Engel ziemlich handfest mit ihm umgeht. Er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf!  

Mach hin! Die Handschellen fallen. Der Häftling ist wieder bewegungsfähig. Es liest sich wie eine Befreiungsaktion aus dem Gefängnis. Alles muss schnell gehen. Und es geht so schnell, dass Petrus kaum nachkommt. Es ist ja auch wie im Traum. Er wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Es ist der Traum, den wohl alle träumen, die zu Unrecht eingesperrt sind, dass sich die Tür zur Freiheit wieder öffnet.

Lukas erzählt hier eine Gefangenenbefreiung. Und er hat sicherlich nicht vergessen, was er für die Antrittspredigt Jesu in Nazareth notiert hatte: Gott „hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen.“ (Lukas 4,18) Es sind nicht nur schöne Worte von innerer Freiheit, um die es geht. Es ist die handfeste Erfahrung von Befreiung, auch aus dem Gefängnis, die im Evangelium mit angesprochen wird. Wunderbar genug, unfassbar, aber eben doch real. Auch wenn wir nicht wissen, wie wir uns diesen Engel vorzustellen haben.

11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

 Nur langsam kommt Petrus zur Besinnung. Das Staunen wandelt sich in eine Erkenntnis: Es ist Gott, der hier am Werk ist. Der Herr seinen Engel gesandt. Das ist auch für Petrus keine Alltagserfahrung. Sein gewöhnlicher Umgang sind Menschen aus Fleisch und Blut. Mit Engeln hat er eher selten zu tun. Um das zu erkennen, muss er zu sich kommen, müssen ihm die Augen aufgehen. Und er sieht sich gerettet – vor der Willkür des Herodes und vor dem tödlichen Hass.

 12 Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.

So zur Besinnung gekommen und in der Realität angekommen, macht er sich auf den Weg. Er kennt sich aus in Jerusalem und weiß auch, wo er die Anderen finden wird. Die sind zusammen im Haus der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus. Johannes Markus ist ein Neffe des Barnabas (Kolosser 4,10), später ein Weggefährte auch des Saulus (12,25).  In diesem Haus wird gebetet, doch wohl auch für die Bewahrung des inhaftierten Petrus.

 13 Als er aber an das Hoftor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu hören, wer da wäre. 14 Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor. 15 Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: Es ist sein Engel. 16 Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich.

Wieder ist es fast filmreif. Die Magd Rhode an der Tür ist so von Sinnen, dass sie den Flüchtling, den doch jedermann jagen könnte, auf der Straße stehen lässt. Kopflos rennt sie zurück und sagt, Petrus stünde vor dem Tor. Die Beter aber glauben alles, nur nicht, dass ihr Beten für Petrus so prompt erhört sein könnte. Sie halten es eher für möglich, dass da sein Engel, eine Art himmlischer Doppelgänger des Petrus stünde, als dass sie damit rechnen: Er ist es selbst.

Und als sie ihn dann sehen, sind sie entsetzt, geraten auch sie außer sich, so wie die Magd vorher. Salopp könnte man sagen: Sie werden eine Versammlung von Ekstatikern – in dieser Nacht sind alle außer sich.

Wieder einmal steht hier εξέστησαν, sie sind in Ekstase, außer sich, wie schon im Bericht über das Pfingsten der Heiden (11,45) und wie in der Verzückung des Petrus in Joppe (10, 10). Es scheint so zu sein: Wo Gott so in das Geschehen der Zeit hinein greift, geraten Menschen aus der Fassung, verlieren sie ihre übliche Haltung, sind sie außer sich.

Es gibt den Psalmvers, der wie eine Blaupause für das wirkt, was Lukas hier erzählt. Fast könnte man auf die Idee kommen, dass er die Vorlage für diese Geschichte ist:

 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,                                               so werden wir sein wie die Träumenden.                                                               Dann wird unser Mund voll Lachens                                                                          und unsre Zunge voll Rühmens sein.                         Psalm 126, 1 – 2

Alles, was dieser Psalmvers anspricht, kommt in dieser Befreiungs-Erzählung vor. Dass Befreiung wird, dass sie wie ein Traum ist, dass sie ungläubiges Staunen auslöst.

17 Er aber winkte ihnen mit der Hand, dass sie schweigen sollten, und erzählte ihnen, wie ihn der Herr aus dem Gefängnis geführt hatte, und sprach: Verkündet dies dem Jakobus und den Brüdern. Dann ging er hinaus und zog an einen andern Ort.

Petrus scheint jetzt die Ruhe selbst. Er bezeugt, was an ihm geschehen ist. Es geht dabei nicht um das „wie“ der Befreiung, sondern darum, dass es die Tat des Herrn ist. Er hat ihn aus dem Gefängnis geholt. Und dann lakonisch kurz: Informiert Jakobus und die Brüder über die Befreiung und doch wohl auch: Ich tauche jetzt unter.  Wohin Petrus geht, ist nicht wichtig. Er ist jetzt wieder unterwegs.

18 Als es aber Tag wurde, entstand eine nicht geringe Verwirrung unter den Soldaten, was wohl mit Petrus geschehen sei. 19 Als aber Herodes ihn holen lassen wollte und ihn nicht fand, verhörte er die Wachen und ließ sie abführen.

Die Szene wechselt. Ins Gefängnis. Am Morgen wird dort festgestellt: Der Gefangene ist weg. Wohin, weiß keiner. Wie, weiß auch keiner. Es ist eine so rätselhafte Geschichte, dass Herodes sie durch scharfe Verhöre aufzuklären versucht. Wie wird dieser König wohl reagieren, wenn ihm ein Engel als der Befreier des gefangenen Petrus berichtet wird? Das Ergebnis der Untersuchung: Er ließ sie abführen. Hinter der freundlichen Formulierung verbirgt sich ein Todesurteil. Da kann man nur sagen: Wie gut, dass die Sitten heute anders sind, wenigstens im deutschen Strafvollzug.

 Dann zog er von Judäa hinab nach Cäsarea und blieb dort eine Zeit lang. 20 Er war aber zornig auf die Einwohner von Tyrus und Sidon. Sie aber kamen einmütig zu ihm und überredeten Blastus, den Kämmerer des Königs, und baten um Frieden, weil ihr Land seine Nahrung aus dem Land des Königs bekam.

 Es folgt ein Blick in die Zeitgeschichte, ein Blick auf das Schicksal des Herodes Agrippa. Streitsüchtig ist er und machtgierig. Es ist leicht, seinen Zorn zu erregen. Im Hintergrund mag ein Handelsembargo stehen. Es braucht gute Beziehungen, damit die Einwohner von Tyrus und Sidon nicht Opfer des königlichen Zorns werden. Und die Fürsprache des Blastus. Man wüsste gerne, wie ihr Überreden ausgesehen hat. Der Verdacht liegt nahe: Die Überredung wird durch Geld unterfüttert.

  21 Und an einem festgesetzten Tag legte Herodes das königliche Gewand an, setzte sich auf den Thron und hielt eine Rede an sie. 22 Das Volk aber rief ihm zu: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! 23 Alsbald schlug ihn der Engel des Herrn, weil er Gott nicht die Ehre gab. Und von Würmern zerfressen, gab er den Geist auf.

 Es ist unverkennbar: Lukas sieht diesen König, der doch nur ein König von Roms Gnaden ist als einen, der sich göttliche Macht anmaßt. Er inszeniert sich gottgleich. Er gefällt sich in seiner entrückten Pose. Was das Volk – hier steht das Wort δμος, von dem sich unser Wort Demokratie ableitet – ihm zuruft als Huldigung: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! hätte er nie und nimmer akzeptieren dürfen. Wenn er es aber doch geschehen lässt und nicht zurückweist, so zeigt sich darin, dass er vergisst, dass er „auch nur ein Mensch ist“(10,26) Der Gefangene Petrus, den ihm der Engel entführt hat, der hat das gewusst und gesagt, dem römische Hauptmann gegenüber. Aber er, Herodes, hat es vergessen. So wird dessen Leben durch Gottes Engel bewahrt und sein Leben durch den Engel des Herrn genommen.

24 Und das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus.

  Es ist der Schluss unter eine Erzählung, den Lukas öfters setzt. Was auch immer geschieht, es kann den Lauf des Wortes Gottes nicht aufhalten. Es mögen Menschen in Gefahr geraten, es mögen sich Feinde erheben – das Wort Gottes nimmt seinen Lauf.

„Es ist ein Wort ergangen, das geht nun fort und fort                                         Das stillt der Welt Verlangen wie sonst kein ander Wort.                                   Das Wort hat Gott gesprochen hinein in diese Zeit.
Es ist hereingebrochen im Wort die Ewigkeit..“                                                                                         A.
Pötzsch 1935, EG Baden 586

 Darum schreibt Lukas seine Apostelgeschichte. Nicht um Menschen zu verherrlichen. Nicht um ideale Szenen darzustellen, sondern um zu bezeugen: Das Wort Gottes ist auf dem Weg in die Welt. Hier spricht der Glaubenszeuge und nicht der Historiker. Dieser Satz bestreitet nicht, dass Lukas nach damaligen Maßstäben auch sorgfältig recherchiert hat. Aber sein erstes Interesse ist nicht eine Geschichte der Apostel zu schreiben, sondern die Predigt vom Weg des Evangeliums in die Welt. Dem ordnet sich auch das historische Interesse unter.

25 Barnabas und Saulus aber kehrten zurück, nachdem sie in Jerusalem die Gabe überbracht hatten, und nahmen mit sich Johannes, der den Beinamen Markus hat.

 Der Abschluss-Notiz über Herodes folgt eine Auftakt-Notiz. Das Wort läuft weiter und die Menschen, die das Wort weitertragen, laufen auch weiter. Es ist wieder eine knappe Notiz: Barnabas und Saulus kehren zurück, nach erfolgreicher Geldübergabe, nach Antiochia, muss man wohl ergänzen. Die neue Lutherübersetzung ist vorsichtiger als griechischen Text: πληρσαντες τν διακοναν. Sie haben ihre Aufgabe erfüllt. Dass es nicht nur um diakonisches Handeln, sondern auch um materielle Unterstützung ging, hat Lukas zuvor schon signalisiert: „Aber unter den Jüngern beschloss ein jeder, nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Gabe zu senden. (11,29) Sie haben sich als treue Boten bewährt. Mit Johannes Markus haben sie einen neuen Reisegefährten. Das Team wächst.

Zum Weiterdenken

Diese Geschichte von der Gefangenenbefreiung mutet uns modernen Lesern eine Menge zu. Wir haben es gerne nüchterner, realistischer. Hier ist viel, zu viel Überirdisches im Spiel. Aber vielleicht kann man von Gott in der Welt und seinem Handeln in der Welt gar nicht anders reden als dass man ständig an die Grenzen unserer – zugegeben beschränkten – Weltsicht gerät.

Gegen alle Skepsis, die sich nicht genug wundern kann und das Ganze gerne als schöne Legende deuten würde, bleibt: Manchmal muss man sich wohl einfach eingestehen: Dass wir nicht alles mit unserer Vernunft begreifen, spricht nur für die engen Grenzen unserer Vernunft, aber nicht gegen die Wirklichkeit des Geschehens.

Mein Gott, wie oft habe ich nur vor Augen, was die Welt bewegt, was die Mächtigen tun. Wie oft packt mich die Angst, dass Dein Wort nur ein Wort ist – in der Welt der harten Fakten auf verlorenem Posten.

Danke, dass Du mich erinnerst. Dein Wort wächst und breitet sich aus. Gib Du, dass es in meinem Herzen Wurzeln schlägt und Früchte bringt. Amen