Wunder über Wunder

Apostelgeschichte 9, 32 – 43

 32 Es geschah aber, als Petrus überall im Land umherzog, dass er auch zu den Heiligen kam, die in Lydda wohnten.

Petrus nützt die Zeit des Friedens, um sich auf den Weg zu machen. Er besucht die Heiligen, die sich ja zur Zeit der Bedrängnis in Jerusalem (8,1) in die Städte und Dörfer des Landes verzogen haben. Was für einen Charakter hat dieses Umherziehen? Es könnte so eine Art „Inspektionsreise“ sein mit der Frage: Wie steht es um euch? Es könnte auch ein Kontakthalten sein, das deutlich macht: Ihr seid nicht vergessen. Also mehr eine Seelsorge-Aktion als eine Reise mit zielgerichtet missionarischer Absicht. „Brüderlicher Besuchsdienst“ zu einer Zeit, in der es anders kaum möglich war, im Kontakt zu bleiben. So kommt Petrus auch nach Lydda. Lydda ist ein Ort 20 km entfernt von Tel Aviv, in der Schefola, der fruchtbaren Landschaft zwischen Meer, judäischer Wüste und judäischem Bergland.

  33 Dort fand er einen Mann mit Namen Äneas, seit acht Jahren ans Bett gebunden; der war gelähmt. 34 Und Petrus sprach zu ihm: Äneas, Jesus Christus macht dich gesund; steh auf und mach dir selber das Bett. Und sogleich stand er auf.

Zu diesem seelsorgerlichem Charakter der Wanderung passt es, dass Petrus als Ersten einen Gelähmten findet.  Er stößt bei seinem Wandern auf ihn. Wenn Äneas etwas braucht, dann ist es Zuwendung, Aufmerksamkeit. Wer acht Jahre ans Bett gefesselt ist, der ist nicht mehr so im Blick. Da kann es verdammt einsam um einen werden.

Ist Äneas einer der Heiligen, die sich dorthin, in die Schefola zurückgezogen haben? Dagegen spricht, dass er seit acht Jahren ans Bett gebunden ist. Wie aber ist es dann um ihn und seine Beziehung zu den Heiligen bestellt? Er könnte auch ein Bewohner von Lydda sein, der immer schon dort lebt. Und er könnte durch die Vertriebenen aus Jerusalem für den neuen Glauben gewonnen worden sein

 Petrus findet ihn. ερεν meint wirklich finden, auch ohne zielgerichtetes Suchen. Aber gefunden Werden ist gleichwohl keine Sache des Zufalls. In Jesu Gleichnissen vom Verloren (Lukas 15) spielt es eine große Rolle. Jesus erzählt von der Freude, die entsteht, wenn Einer oder etwas gefunden wird. Dass Petrus Äneas findet, ist, so gelesen, der erste Schritt zur Freude.

Wie schon bei der Heilung des Gelähmten an der Schönen Pforte (3,1–10) handelt Petrus, ohne lange zu fragen. Nicht: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Auch nicht: „Glaubst du, dass Jesus dich heilen kann?“ Es geht nicht um den Glauben des Kranken. Äneas wird nicht mehr erwartet haben als ein paar gute Worte, freundliche Zuwendung. Wer soll ihm schon auf die Beine helfen können? Der Apostel sieht die Not des Kranken, seine verlegenen Jahre, und er handelt aus der Vollmacht, die er in sich weiß.

Auf die Zusage folgt die Aufforderung. Es ist eine Klarstellung: „Jesus Christus macht dich gesund.“ Kein Befehlswort. Nicht spektakulär. Das Wunder wird angesagt, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Es folgt eine Alltagsaufforderung, die aber für den bis dahin Kranken alles andere als alltäglich ist. Mach dir selber das Bett. Möglich wäre auch, vom Wort στρω̃σον her die Übersetzung: „Decke dir selbst den Tisch.“ Es geht beide Male um den gleichen Sachverhalt: Äneas ist, jetzt geheilt, nicht mehr auf die Hilfsdienste anderer angewiesen. Und er soll die Herausforderung, von nun an neu für sich selbst zu sorgen, auch sofort annehmen. So macht er erste Schritte heraus aus seiner Krankheit.

35 Da sahen ihn alle, die in Lydda und in Scharon wohnten, und bekehrten sich zu dem Herrn.

Es spricht sich herum, was mit Äneas geschehen ist. Sie bekommen ihn zu sehen, öffentlich, der vorher wohl nur in seinem Haus „herumlag“. Und es spricht sich herum, dass seine Heilung mit einem Machtwort im Namen Jesu Christi zusammen hängt. Äneas muss nichts sagen – er wird in der ganzen Szene nicht einmal das Wort ergreifen. Seine Existenz ist Zeugnis genug. Ob alle, die ihn sahen, sich zum Herrn bekehrten? Oder ob das die typisch vollmundige Sprache ist, die „der Orientale“ liebt? Jedenfalls: Es kommt zu Bekehrungen, zu neuem Glauben an den Herrn Jesus. Das Wachstum der Gemeinde geht auch auf dem Land weiter.

36 In Joppe war eine Jüngerin mit Namen Tabita, das heißt übersetzt: Reh. Die tat viele gute Werke und gab reichlich Almosen. 37 Es begab sich aber zu der Zeit, dass sie krank wurde und starb. Da wuschen sie sie und legten sie in das Obergemach.

Der Ort wechselt. Und die Aufmerksamkeit wird neu ausgerichtet. Zum ersten Mal rückt in der Apostelgeschichte nach Saphira eine Frau in den Vordergrund. Tabita ist eine gute Frau. Schoon ihr Name – Reh oder ein neuer Übersetzung: Gazelle – deutet auf eine zartfühlende Person. Sie ist eine Jüngerin, hat also irgendwann zum Glauben an Jesus gefunden. Sie tat viele gute Werke und gab reichlich Almosen.  Eine Stütze der Gemeinde, eine Wohltäterin für viele, Anlaufstelle für Notleidende. Vor allem Frauen? Aber das alles schützt nicht vor den Schicksals-Schlägen des Lebens. Sie wird krank und stirbt.

Auch gute Menschen müssen sterben. Auch unentbehrliche Stützen. Auch Christen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil es im Umfeld der ersten Christen ja auch die Erwartung gab: „Der Herr Jesus wird so rechtzeitig wiederkommen, dass uns das Sterben erspart bleibt.“ Zumindest manchen. So zu lesen im Brief des Paulus nach Saloniki: „Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind.“ (1. Thessalonicher 4,15) So kann ja nur trösten, wer damit rechnet: Wir bleiben übrig. Tabita aber ist gestorben. Und sie ist durch die Waschung für das Begräbnis vorbereitet.

38 Weil aber Lydda nahe bei Joppe ist, sandten die Jünger, als sie hörten, dass Petrus dort war, zwei Männer zu ihm und baten ihn: Säume nicht, zu uns zu kommen! 39 Petrus aber stand auf und ging mit ihnen.

Was nun geschieht, ist abenteuerlich. Man schickt Boten ins nahe Lydda. Warum, wird nicht gesagt. Aber es wird dringend gemacht. Säume nicht, zu uns zu kommen! Wir erfahren nicht, ob Petrus ohnehin nach Joppe wollte. Wir erfahren auch nicht, ob ihm gesagt wird, warum er so eilig kommen soll. Wir erfahren nur: Petrus lässt sich rufen und es hört sich so an, als sei er den Boten standepede gefolgt.

Wie anders im Evangelium. In einer vergleichbaren Situation – der Tod ist eingetreten, als Jesus auf dem Weg zu dem Töchterlein des Jairus ist, heißt es da: „Deine Tochter ist gestorben; bemühe den Meister nicht mehr.“(Lukas 8,49) Nichts mehr zu machen. Wenn der Tod da ist, ist es mit dem Helfen und Heilen vorbei. Warum also soll Petrus dennoch kommen und auch noch eilig?

 Und als er hingekommen war, führten sie ihn hinauf in das Obergemach und es traten alle Witwen zu ihm, weinten und zeigten ihm die Röcke und Kleider, die Tabita gemacht hatte, als sie noch bei ihnen war.

Petrus kommt in das Trauerhaus und gerät unter die, die die Totenklage halten. Es ist nicht deutlich, ob das alles Witwen aus der Schar der Christus-Gläubigen sind oder ob sich nicht darunter einfach auch Nachbarinnen und Andere finden, die von Tabita „profitiert“ haben. Sie zeigen ihren Schmerz über den Verlust.

Was sich für einen distanzierten Nordeuropäer seltsam anhören mag, ist doch normal. Es wird vorgeführt, welche Wohltaten die Verstorbene getan hat. Alle hat sie mit Kleidung bedacht. Jede trägt ihren Verlust gewissermaßen am eigenen Leib. Es ist keine Argumentation, nach dem Muster: Sie hat es verdient, dass du sie auferweckst. Aber es zeigt den Schmerz der Witwen, die ihrer Wohltäterin beraubt sind. Und das ist es dann wohl auch, was sie von diesem Petrus erwarten, dass er in ihrem Schmerz bei ihnen ist, dass er ihre Trauer sieht und sie teilt.

40 Und als Petrus sie alle hinausgetrieben hatte, kniete er nieder, betete und wandte sich zu dem Leichnam und sprach: Tabita, steh auf! Und sie schlug ihre Augen auf; und als sie Petrus sah, setzte sie sich auf. 41 Er aber gab ihr die Hand und ließ sie aufstehen und rief die Heiligen und die Witwen und stellte sie lebendig vor sie.

Jetzt zeigt sich, dass Petrus bei Jesus „in die Schule gegangen“ ist, damals, in Kapernaum (Lukas 8, 40-56).  Er treibt alle aus dem Zimmer, nur er allein bleibt bei der Toten.  Er wendet sich zu dem Leichnam, betet zuerst und spricht dann sie an, die Tote, als ob sie noch lebte: Die Hinwendung zu Gott geht der Zuwendung zu der Toten voraus. Sicher keine nebensächliche Erzählvariante. Tabita, steh auf! Beim Töchterlein des Jairus heißt der Satz Jesu in Aramäisch: Talitha kumi. (Markus 5, 41) Legt man das Aramäisch zu Grunde, so ist es nur ein Buchstabe, der die beiden Sätze unterscheidet: Tabitha kumi. Aber auch so, im Griechischen, ist der Unterschied marginal. Wo Jesus Mädchen sagt, nennt Petrus den Namen. Das mag sich von daher erklären, dass das Töchterlein des Jairus erst zwölf Jahre alt war, also noch keine „richtige“ Frau. Da reicht die Gattungsbezeichnung „Mädchen“. Hier aber ist es eine Frau mit Namen, deshalb Tabita.

Die Tote „hört“ den Ruf, schlägt die Augen auf und ist so  zurück gerufen ins Leben. Petrus hilft ihr auf die Beine und zeigt sie denen, die sie gerade zuvor noch tot gesehen hatten. Die Heiligen sehen sie. Sie sehen damit etwas von der Macht Jesu, die auch die Macht des Todes bricht. Ist der Tod doch nur ein Schlaf angesichts der Macht Jesu?

 42 Und das wurde in ganz Joppe bekannt und viele kamen zum Glauben an den Herrn. 43 Und es geschah, dass Petrus lange Zeit in Joppe blieb bei einem Simon, der ein Gerber war.

Das Geschehen spricht sich herum. Es wird nichts erzählt vom Staunen und Erschrecken, wie sonst oft bei Wundern. Aber viele kamen zum Glauben an den Herrn. Das macht deutlich, dass Petrus nicht durch dieses Wunder in die Rolle eines Wundertäters hinein rutscht. Es ist klar: Das ist die Tat Jesu Christi, der durch seinen Zeugen handelt.                                                                                                                                                           Petrus bleibt lange Zeit in Joppe. Er ist nicht der Wanderprediger, der rastlos von Ort zu Ort eilt. Bei ihm geht es darum, dass er gerufen wird. Solange es keinen anderen Ruf gibt, kann er bleiben.

Zum Weiterdenken

Zwei Wunder, die uns heutigen Lesern viel zumuten. Kann man die Äneas-Erzählung noch einfangen mit der Erklärung „psychosomatisch bedingte Blockade“, so scheitern wir an der Totenauferweckung doch völlig. Denn es gäbe ja nur die eine „vernünftige“ Lösung. Tabita liegt scheintot auf dem Bett und während alle anderen sie für tot halten, durchschaut Petrus ihren Zustand und kann sie zurückholen.

Es liegt nahe, die Erzählung einzuordnen – in den Königsbüchern werden von Elia und Elischa vergleichbare Totenerweckungen erzählt (1. Könige 17, 17 – 24; 2. Könige 4, 19 – 37). Und von Jesus gibt es die so nahe liegende Erzählung vom Töchterlein des Jairus. Doch damit ist die Geschichte nicht erledigt. Sie ragt über die Parallelen hinaus. Petrus wird gerufen, weil die Gemeinde ihm die Hilfe zutraut, völlig unabhängig von einer medizinischen Diagnose. Er ist kein „Fachmann“ und doch: diese Hilfe hat Folgen in der Rückkehr der Tabita ins Leben.                                                                                                                                                   Ein Gedanke beschäftigt mich, über die beiden Erzählungen hinaus. Es geht darum, wie Petrus wieder und wieder „mehr tut“, als zu erwarten ist. Als alle nur eine schlichte Erklärung erwarten an Pfingsten, predigt er so, dass es zu Herzen geht. Als der Gelähmte an der Schönen Pforte ein paar Münzen erhofft, stellt er ihn auf die Füße. Als der Hohe Rat Schweigen erwartet, redet er, zusammen mit Johannes freimütig und lässt sich nicht mundtot machen. Als Äneas nicht viel mehr erwartet als eine freundliche Zuwendung, holt Petrus ihn aus seiner Lähmung heraus. Als sie in Joppe hoffen, dass sie in ihrer Traurigkeit getröstet werden, wahrgenommen und verstanden, streckt er seine Hand aus und richtet die Tote wieder auf, gibt sie dem Leben einstweilen zurück.

Es will mir so vorkommen, als sei das ein Merkmal auf dem Weg des Petrus. Früher hat er manchmal den Mund zu voll genommen. Jetzt wird er wieder und wieder auch über die eigenen Grenzen hinaus geführt. Petrus gibt immer mehr als zu erwarten ist. Mehr auch, als er selbst geben kann. Er bleibt nie bei den kleinen Hoffnungen stehen. Es sind ja nicht seine Gaben. Es ist nicht seine Kraft. Hinter ihm steht der auferstandene, erhöhte Herr. Durch Petrus wirkt sein Geist.

Das ist das Geheimnis des „Mehr-Wertes“ im Handeln des Petrus. Es kommt aus den Händen Jesu Christi. Petrus selbst kommt mir immer vor wie einer, der staunend beteiligt ist und sich wundert über die Güte seines Herrn.

 

Heiliger, barmherziger Herr, solche Wunder sind bei uns selten. Wir hören sie wie von weitem und manchmal muten sie uns an wie wunderschöne Bilder, die eine Phantasie-Welt abbilden.

Aber sie halten auch die Sehnsucht in uns wach. Die Sehnsucht nach den sichtbaren Zeichen Deiner Gegenwart, nach den sichtbaren Zeichen Deine Sieges über den Tod. Sie helfen uns beim Warten und zum Warten. Amen