Erste Schritte

Apostelgeschichte 9, 19b – 31

 Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. 20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

Der Verfolger wird zum Prediger. Saulus bleibt in Damaskus, am Ort seiner Umkehr. Bei den Jüngern. Mischt sich unter die, die seine Opfer werden sollten. Aber es ist kein ruhiger Beginn. Es geht turbulent los mit dem neuen Gläubigen. Es ist kein Anfang, in dem er erst einmal sortiert, was ihm da widerfahren ist. Da sind keine 100 Tage Schonfrist, um sich zurecht zu finden, einen Schnellkurs in den Grundkenntnissen des neuen Glaubens zu absolvieren.

Alsbald macht er seinen Mund auf. Es ist das urchristliche Credo: Jesus ist der Herr, Jesus ist der Sohn Gottes. „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1.Korinther 12,3) wird Paulus später schreiben. Weiter als zu diesem Bekenntnis ist er nie gekommen. Es ist sein Glaube am Anfang und am Ende.

 21 Alle aber, die es hörten, entsetzten sich und sprachen: Ist das nicht der, der in Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen, und ist er nicht deshalb hierher gekommen, dass er sie gefesselt zu den Hohenpriestern führe?

Es ist nicht sonderlich verwunderlich, dass sich alle entsetzen, die das miterleben. Eine so völlige Lebenswende ist wirklich unerhört. Alle, Beteiligte und Unbeteiligte, auch Beobachter des Geschehens fragen verwirrt: Er wollte doch vernichten. Er wollte diesen neuen Glauben doch ausrotten mit Stumpf und Stiel. Und nun gehört er selbst zu denen, die er ausrotten, ausmerzen wollte. .

Ich kann mir vorstellen, dass einer sagt: So geht es. Was Du besonders bekämpfst, das wird zu deiner Gefährdung. Du musst aufpassen, dass du nicht so wirst wie das, was du bekämpfst, wie die, die du hasst. Unzählige Mal zeigt sich das in späteren Zeiten an anderen Orten.      

  22 Saulus aber gewann immer mehr an Kraft und trieb die Juden in die Enge, die in Damaskus wohnten, und bewies, dass Jesus der Christus ist.

Saulus tritt in die Fußspuren des Stephanus. Wie dieser erste Märtyrer ist auch er ein Diskussionsredner, kann überzeugen und dagegen halten. Und er gewinnt immer mehr an Kraft, je länger er den neuen Glauben vertritt. Er argumentiert aus der Schrift. Da, in den Schriften der Hebräischen Bibel findet er seine Beweise, dass Jesus der Christus ist.  Ganz nah ist diese Argumentation bei Worten Jesu nach dem Evangelium: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen…  Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.“ (Johannes 5, 39.46) Weil es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen (9,18) ist, kann er die Schrift neu lesen, auf Christus hin. Saulus hat die Decke nicht mehr vor Augen (2. Korinther 3, 14-16), wenn er Mose liest.

23 Nach mehreren Tagen aber hielten die Juden Rat und beschlossen, ihn zu töten. 24 Aber es wurde Saulus bekannt, dass sie ihm nachstellten.

            Die Geschichte wiederholt sich. Es gibt Juden, die diesen Abgefallenen weg haben wollen. Sie können ihm nicht standhalten, deshalb wollen sie ihn beseitigen. Die Juden steht da, aber lesen muss man wohl: einige mit Einfluss. Aber wie so oft: Der Plan wird nicht so geheim gehalten. Es kommt Saulus zu Ohren, was da geplant wird. Es sind möglicherweise Leute, die früher mit ihm zusammen gearbeitet haben. Da gibt es vielleicht doch noch alte Loyalitäten, auch wenn er jetzt auf der falschen Seite ist. Liegt das nur an der fehlenden Phantasie des Lukas, dass es immer „gut“ ausgeht? Oder liegt es doch daran, dass er, Jesus, der Saulus auserwählt hat, auch über ihn wacht?

Sie bewachten Tag und Nacht auch die Tore, um ihn zu töten. 25 Da nahmen ihn seine Jünger bei Nacht und ließen ihn in einem Korb die Mauer hinab.

Es ist eine abenteuerliche Flucht. Weil die Tore bewacht sind, bleibt nur der Weg über die Stadtmauer. In einem Korb wird er herunter gelassen und entkommt. Es geht glimpflich ab, dieses Mal, aber es ist doch schon der Auftakt dazu, dass das Wort Jesu Wirklichkeit wird. „Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen.“(9,16) Auch an dieser Stelle gibt es keine Schonfrist. Saulus lernt gleich: Der Weg im Namen Jesu ist ein Weg im Gegenwind.

 26 Als er aber nach Jerusalem kam, versuchte er, sich zu den Jüngern zu halten; doch sie fürchteten sich alle vor ihm und glaubten nicht, dass er ein Jünger wäre.

Er geht – zurück – nach Jerusalem. Er ist ein anderer geworden, aber das sieht man ja nicht gleich. In Jerusalem sucht er Anschluss an die Gemeinde. Aber dort schlägt ihm Misstrauen entgegen. Man hält es womöglich für ein ermittlungs-strategisches Mittel, dass er sich als Jünger ausgibt, dass er die Nähe der Gemeinde sucht. Sich einschleichen, um dann auf einen Schlag alle festnehmen zu können. Die Ängste des Hananias sind bis nach Jerusalem gelangt.

 27 Barnabas aber nahm ihn zu sich und führte ihn zu den Aposteln und erzählte ihnen, wie Saulus auf dem Wege den Herrn gesehen und dass der mit ihm geredet und wie er in Damaskus im Namen Jesu frei und offen gepredigt hätte.

Es ist Barnabas, der ihm den Weg bahnt. Der gleiche Barnabas, der seine Habe verkauft hatte. Der „Sohn des Trostes“(4,36). Er hat die nötige Autorität, um ihn zu den Aposteln zu bringen. Mir klingt die etwas merkwürdige Wendung und führte ihn zu den Aposteln mehr so, als hätten sich die Apostel ein wenig verborgen gehalten, die Öffentlichkeit gemieden.

Barnabas ist der Zeuge des Paulus. Sein Zeugnis ist doppelt: Er erzählt von dem Geschehen vor Damaskus und vom Beginn der Predigt des Saulus in Damaskus, also von der Bekehrung und ihren Folgen. Eine Bekehrung ohne diese Folgen hätte nichts in Bewegung gebracht.

28 Und er ging bei ihnen in Jerusalem ein und aus und predigte im Namen des Herrn frei und offen. 29 Er redete und stritt auch mit den griechischen Juden; aber sie stellten ihm nach, um ihn zu töten.

Jetzt, anerkannt durch die Apostel, tritt er auch in Jerusalem auf und predigt öffentlich im Namen des Herrn. Frei und offen predigt Saulus. Das wird gleich zweimal betont, sowohl in Damaskus als auch in Jerusalem. Es ist die gleiche Freiheit, in der Petrus und Johannes vor den Hohen Rat gestanden haben und es wird dafür das gleiche Wort verwendet. Παρρησία, Parrhesia – Freimut, die aus dem Geist Gottes und dem Glauben geboren ist.

Wieder tritt Paulus in Fußstapfen des Stephanus. Er gerät in Auseinandersetzungen mit den griechischen Juden, die ja schon die Steinigung des Stephanus durchgesetzt hatten. Vielleicht ist gerade deshalb der Konflikt so bitter, weil da Saulus noch auf ihrer Seite war und jetzt ist er abgefallen, ein Verräter an der eigenen Sache. Darum wollen sie ihn töten. Der

Verfolger wird zum Verfolgten.

  30 Als das die Brüder erfuhren, geleiteten sie ihn nach Cäsarea und schickten ihn weiter nach Tarsus.

Standhalten oder Flüchten? Die Frage wird hier durch die Brüder entschieden. Es scheint so, als hätten die Brüder beschlossen, dass Saulus erst einmal verschwinden soll. Darum bringen sie ihn nach Cäsarea und von dort geht er nach Tarsus, seinem Heimatort. Später wird sich Paulus nicht mehr so von den Brüdern aus der Gefahrenzone bringen lassen.

Wenn man diese wenigen Verse überblickt, stellt sich ein Eindruck ein. Es geht turbulent los mit dem neuen Christus-Gläubigen. Da ist nichts zu spüren von Ruhe. Da ist keine Atempause. Von Flucht zu Flucht, von Auseinandersetzung zu Auseinandersetzung, von Ablehnung und Unsicherheit zu Misstrauen und Vorsicht. Das Ganze ist eingebettet in Mordplanungen der Gegner, die glücklicherweise schief gehen. Und dazwischen predigen, predigen…. Ein unruhiges Leben hat seine Startphase. So wird es auch bleiben.

31 So hatte nun die Gemeinde Frieden in ganz Judäa und Galiläa und Samarien und baute sich auf und lebte in der Furcht des Herrn und mehrte sich unter dem Beistand des Heiligen Geistes.

Umso stärker ist der Kontrast zum folgenden „Summarium“. Jetzt, wo der „Unruhestifter“ weg ist, kehrt Ruhe ein. Im Griechischen steht da für Frieden ει̉ρήνη. Das ist mehr als nur: Jetzt ist Ruhe. Es ist der Frieden, in dem die Feinde schweigen, in dem Leben sich entfalten kann, der Frieden, den Gott von Zeit zu Zeit seiner Gemeinde schenkt. Nicht nur Herzens-Frieden, sondern auch äußerlicher Frieden. Zeit, in der die Gemeinde nicht bedrängt ist. Der Normal-Zustand der Gemeinde ist das nach dem Neuen Testament nicht. Daran gilt es sich, in der Bundesrepublik im Jahr 2017, durchaus dankbar für den Zustand hier und heute zu erinnern.

Es ist ein zwiespältiger Satz, wenn dieser Friede mit der Entfernung des Saulus „erkauft“ wäre. Und es ist, so wird sich zeigen, ein nur vorüber gehender Frieden. Aber immerhin. „In der Friedenszeit kann sich die Gemeinde konsolidieren; sie wird „aufgebaut“ und macht ihren Weg in der Furcht des Herrn, indem sie sich von ihm führen lässt und durch den Beistand des Heiligen Geistes „gemehrt“ wird.“ (R. Pesch, aaO.  S. 314) Es ist das Werk des Geistes, dass das geschieht. Hinter allem menschlichen Tun, hinter allem Einsatz, steht der Geist, steht Gott selbst.

An keiner Stelle unterliegt Lukas der Versuchung, eine Helden-Geschichte zu schreiben oder einen Bericht über den lohnenden Einsatz und die unermüdliche Arbeit der jungen Gemeinde mit Erfolgsmeldungen abzurunden. Es ist Gottes Heiliger Geist, der sein Werk tut.

Zum Weiterdenken

Vielleicht wird durch diese Schilderung des unruhigen Anfangs des Glaubensweges des Saulus ein Irrtum umso deutlicher, dem wir gern aufsitzen. Glaube soll zur Ruhe helfen. Zur inneren Ruhe, aber auch zur äußerlichen Ruhe. Christen sind keine Unruhestifter. Sie ziehen sich gerne einmal für „Stille Zeiten“ in Klöster zurück: Sie klären dort die grundsätzliche Ausrichtung ihres Lebens und wirken dann, so gestärkt, aus der Stille. Nichts davon hier! Es geht turbulent los und es wird auch ähnlich turbulent weitergehen. Soviel lässt sich jedenfalls sagen. Wer auf Saulus schaut, sieht von Anfang an ein Lebensmodell, das im Kontrast zu allen Rückzugs-Phantasien aus der bösen Welt steht.

Wir woll’n uns gerne wagen in unsern Tagen der Ruhe abzusagen,            die’s Tun vergisst.
Wir woll’n nach Arbeit fragen, wo welche ist,
nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen
und unsre Steine tragen aufs Baugerüst.

Die Liebe wird uns leiten, den Weg bereiten und mit den Augen deuten       auf mancherlei,
ob etwa Zeit zu streiten, ob Rasttag sei.
Sie wird in diesen Zeiten uns zubereiten
für unsre Seligkeiten: nur treu, nur treu!                                                                                          N.
L. Von Zinzendorf, 1736, EG

 

Herr Jesus, Du gibst den Mut, frei und offen zu reden, zu erzählen von Dir, einzutreten für Dich und Deine Gemeinde. Du machst frei von Ängsten, die zum Schweigen mahnen, zur Zurückhaltung, zur Vorsicht. Aber Du hältst dann auch den, der sich so nach vorne wagt, sich in den Sturm stellt, Widerspruch auslöst.

Es ist gut, dass wir beides hören: Erzählungen von der Tapferkeit Deiner Leute und Erzählungen von Deiner Obhut, Deinem Bewahren. Und es ist gut, dass wir auch das hören, dass es nicht nur Standhalten gibt, sondern manchmal auch Ausweichen.

Immer aber sind wir in Deiner Obhut. Amen