Die Umkehr des Hananias

Apostelgeschichte 9, 10 – 19a

10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr.

Es bleibt eine offene Frage, wie es dazu kommt, dass es Jünger in Damaskus gibt. Sind sie durch die Christen in der Zerstreuung gewonnen worden? Oder sind sie selbst aus Jerusalem geflohen und haben in Damaskus sichere Zuflucht gesucht? Wie auch immer: Genau sie wollte Saulus festsetzen. Einer von ihnen ist Hananias. Ihm erscheint der Herr, ό κύριος, Jesus. Das ist gewollte Parallelität – vor Damaskus und in Damaskus ist der Herr der Handelnde, der Sprechende. Er ruft Hananias an und der antwortet: Hier bin ich, Herr. Es ist die Antwort, die Jesaja in der Tempel-Vision gibt. „Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6,8) Hananias sagt mehr als „Ich bin da.“ Er sagt: Ich stehe Dir zur Verfügung.

 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde.

Hananias bekommt einen detaillierten Auftrag. Der Ort, die Adresse, der Mann – alles wird genannt. Und er hört, dass er erwartet wird. Er, zu dem er gesandt wird, hat ihn, obwohl im augenblick blind, in einem Gesicht schon gesehen. Er ist vorbereitet auf seinen „Besuch“.

Wie hier erzählt wird, erinnert an Szenen aus dem Evangelium. Jesus sendet seine Jünger zur Vorbereitung des Einzugs in Jerusalem (Lukas 19,30-31) und zur Vorbereitung des letzten Mahles (Lukas 22, 10-11) jedes Mal in ähnlicher Weise. Sie werden Menschen treffen, die ihnen weiterhelfen. Es reicht der Rückbezug auf den Herrn. Die Jünger Jesu gehen in unbekannte Situationen hinein, aber es sind vorbereitete Situationen.  Ein Hinweis an die Lesenden, weit über die erzählte Situation hinaus. Wohin ihr auch geht, ihr geht nie in unvorbereitetes, unbekanntes Land. Der Herr hat es schon zuvor gesehen, was ist. Er hat ein Auge auf den Weg vor euch, den ihr noch nicht überblicken könnt.

13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen.

Prompt kommt auch der Einwand des Hananias. Alles, dass er nicht fragt: Hast du dir das auch gut überlegt? Er erinnert Jesus an die Rolle des Saulus als den Jäger deiner Heiligen in Jerusalem. Es klingt so, als würde er hinzufügen wollen: Wir sind froh, dass er auf dem Boden liegt, dass sein Auge nicht mehr auf uns gerichtet werden kann. Wir sind froh, dass er seine Mission nicht weiter treiben kann.

Es klingt so vernünftig, was Hananias sagt. Er hat ja recht: Was kann für die arme Gemeinde in Damaskus besser sein als dies, dass der Verfolger hilflos in einem Haus fest sitzt und nicht mehr fähig ist, seine Aktionen durchzuführen. Wer würde sich nicht freuen und es als eine gute Fügung Gottes ansehen, wenn so einer durch seine Krankheit ausgebremst ist und es wenigsten eine Zeitlang eine Atempause in der Angst gibt.

Es ist die gleiche Vernunft, die mich manchmal an der Langmut Gottes zweifeln lässt. Es ist die gleiche Vernunft, die ihm seine übertriebene Geduld, seine nicht enden wollende Bereitschaft zur Vergebung vorhält. Es ist die gleiche Vernunft, die ihm vorhält und ihn nicht versteht:

 „Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben
seine Nachsicht, seine fassungslose Milde,
seine gottverdammte Art und Weise alles zu verzeihen
und zu helfen, –
sogar denen, die ihn stets verspotten.“                                                                             H.D. Hüsch, Religiöse Nachricht 

 15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen.

Die Antwort des Herrn: Geh nur hin. Ich übersetze: Überlasse es mir. Ich weiß, was ich tue. Jesus sieht in Saulus mehr als den, der die Gemeinde gejagt hat. Er sieht ihn als den, den er in die Welt schicken will. Erneut legt sich eine Parallele zum Evangelium nahe: „Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ (Lukas 5,10) Auch da sieht Jesus nicht nur den Fischer am See, sondern den, den er ruft, um ihn zu senden. Dem er seine Gemeinde anvertraut. Wir sehen, was vor Augen ist. Gott sieht mehr.

Jesus offenbart Hananias: Ich bin wirklich der, dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist.“(Matthäus 28, 18) Der verlachte, verworfenen und verfolgte Christus kann Herzen umkehren, kann aus Feinden Jünger machen. Darum:  Ich habe einen Plan mit dem Leben des Saulus. Ich sehe ihn als mein auserwähltes Werkzeug. Dieser Plan Jesu liegt quer zu den seitherigen Plänen des Saulus. Sein Plan war ja, den Namen Jesus auszulöschen, in dem er seine Jünger einfängt und mundtot macht. Jetzt soll ausgerechnet er seinen Namen tragen vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Die Apostelgeschichte wird später erzählen, wie sich dieser Plan des Herrn im Leben des Saulus getreulich erfüllt.

17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. 18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen 19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich.

Jetzt gehorcht Hananias. Er geht zu Saulus, legt ihm die Hände auf. Lieber Bruder Saul. Und doch: Wie viel Überwindung mag ihn diese Anrede gekostet haben. Aber es ist so: Wenn Jesus beschlossen hat, dass Saulus sein Werkzeug ist, dann ist er Bruder, dann gehört er zu den Leuten Jesu. Und so wie Hananias gesandt ist, so sendet er jetzt Saulus zurück in das Leben. Denn in seiner Sendung ist eingeschlossen: dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Was Hananias ansagt, geschieht sogleich.

Die Lebensgeister kehren zurück. Saulus sieht wieder. Die Augen werden ihm geöffnet. Es ist ein Sehen, das über die optische Wahrnehmung hinausgeht. Fast, als wäre es alternativlos, steht da: er ließ sich taufen. Er gehört jetzt dazu, zu dem Haufen, den er drei Tage zuvor noch verfolgt hat. Er ist jetzt einer von denen.

Und dann: er nahm Speise zu sich und stärkte sich. Es ist ein weiter Weg, der vor Saulus liegt. Ein Weg, der ihn zu Gotteserkenntnissen führen wird, die ihm bis dahin verschlossen waren. Für diesen Weg ist er gestärkt – durch den Geist, durch die Handauflegung, durch die Taufe, durch Essen und Trinken. Und nicht zuletzt: durch den Bruder Hananias.

Zum Weiterdenken

Eine Bekehrungsgeschichte. Die Bekehrungsgeschichte schlechthin. Da wird einer vom Saulus zum Paulus – wie es sich später zeigen wird. Ja, mag sein. Aber diese Umkehr des Saulus hat ihr Gegenstück in der so leicht zu übersehenden Umkehr des Hananias. Er kehrt sich unter dem Wort Jesu ab von seinen Ängsten und hin zu dem, der ihn geängstigt hat. Es braucht die Umkehr des Hananias aus der Enge seiner Angst, damit Saulus seine Umkehr aus der Enge der Feindschaft erfahren und annehmen kann. Ananias übt den Gehorsam des Glaubens in seinem Weg in die „Gerade Straße“, und wird so zum Beispiel für diesen Gehorsam, von dem Paulus schreiben wird: „Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, in seinem Namen den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden.“ (Römer 1,5)

Erwählung ist keine Vorzugsgarantie und keine Zuteilung eines Privilegs. Es ist auch eine Erwählung zum Leiden. Auch das ist wieder eine seltsame Verschiebung: Der die ins Leiden bringt, die dem Namen Jesu anhängen, wird selbst um dieses Namens willen zu leiden haben.

Ob ich es nicht auch manchmal besser wissen wollte als der Herr im Himmel? Ich erinnere ich nicht konkret. Aber ich kenne aus meinem Leben die Fragen an den Herrn, den κύριος Jesus: Hätte es nicht andere Wege gegeben? Warum mutest du uns das zu? Was hast du dir nur dabei gedacht?

Es ist schon eine besondere Situation, dass Hananias auf seine leise fragende Kritik eine ausführliche Erklärung erhält. Es ist zugleich ein Hinweis: Der Herr ihm Himmel fordert nicht einfach fraglosen Gehorsam ein. Er lässt sich auf ein regelrechtes Gespräch ein, erklärt seinen Weg, wirbt um Zustimmung.  Ich lese daraus: Wir binden uns im Glauben an einen Gott, der nicht unsere blinde Unterwerfung will. Der sich auf uns einlässt, geduldig erklärend. Manchmal braucht es lange Zeit, bis in uns Ein-Verständnis mit den Wegen Gottes reifen kann. Bis dahin gilt: Ich halte meine Fragen ihm hin und warte, ob ich Antwort erfahre und erhalte. Dann allerdings gilt, wie Hananias zu tun, was sich gezeigt hat, was er gesagt hat.

Was  über Saulus gesagt wird, knüpft an die Erwählungs-Erzählungen im Alten Testament an. Israel hat immer gewusst, dass es mit der Erwählung nicht eine sorgenfreie Existenz garantiert bekommt, sondern in Auftrag genommen ist und dass dieser Auftrag Schmerzen und Leiden mit sich bringen wird. Das auserwählte Volk hat Anteil am Leiden seines Gottes in der Welt und an der Welt. Und der auserwählte Zeuge Jesu Christi hat Anteil am Christusleiden.

Wir sprechen nicht so gern von solchen Plänen Gottes für ein Leben. Es klingt in unseren Ohren nach festgelegt, vorher bestimmt, nach Verlust von Freiheit. Lukas denkt anders. Im Gehorsam gegen den Plan Gottes erfüllt sich ein Leben, weil Gott es mit seinen Wegen erfüllt. Es erfüllt sich nicht in den selbst gewählten Zielen. Die haben ja Saulus zu Boden gestreckt. Es erfüllt sich in der Einwilligung zum Weg Gottes.

 

Herr Jesus, ich wäre nicht gegangen. Ich hätte meiner Angst wohl nicht widerstehen können. Ich wäre froh gewesen, dass Saulus außer Gefecht ist. Du hast Hananias über seine Angst hinaus geführt, damit er sich auf den Weg traut. Du hast ihm Deinen Plan enthüllt, damit er sich vorwärts wagt.

Herr Jesus, Du hast viel Geduld mit Deinen Leuten. Du nimmst sie ernst in ihren Ängsten, Anfragen, ihrem Zögern. Danke, dass Du so auch mit mir, mit uns heute umgehst, damit wir lernen, auf Dich zu hören und dann mutig Schritte zu tun. Amen